"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).
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Die Russische Revolution und ihre Folgen


18.8.2017
Zum Schulwissen gehört, dass sich in der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober 1917 in Petrograd – wie St. Petersburg ab Herbst 1914 hieß – eine Revolution vollzogen habe, aus der die Sowjetunion als erster sozialistischer Staat der Welt hervorging.[1] Letzteres bleibt richtig, aber die begriffliche Kennzeichnung der Ereignisse ist schon seit Längerem korrigiert worden. Was in diesen Tagen – laut gregorianischem Kalender am 7./8. November[2] – geschah, war ein umsichtig, wenn auch verdeckt vorbereiteter Staatsstreich, ein Putsch, der sich auf die Übernahme der städtischen Garnisonen stützte. Wenn "Revolution" einen fundamentalen, von gewaltsamen Massenprotesten begleiteten Umsturz auch der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse meint, dann fand eine solche nicht statt. Allerdings wurde mit der Machtübernahme der Grundstein dafür gelegt.

In der Geschichte der Neuzeit gehörten Revolution und Krieg fast immer zusammen. Wenn einer Revolution kein Krieg voranging, dann folgte er ihr nach. Der Russische Bürgerkrieg von 1918 bis 1921, dessen Grausamkeit und Blutzoll die des Weltkriegs übertrafen, war im Kern ein solcher nachgeholter Revolutionskrieg. Erst der Sieg der "Roten" gegen die "Weißen" besiegelte definitiv das Schicksal der alten Ordnung in Russland. Erst um diese Zeit war endgültig klar, dass die begonnene soziale, wirtschaftliche und kulturelle Umwälzung Bestand haben würde. Nur mit Blick auf den Gesamtzeitraum von Ende 1917 bis Sommer 1921 sollte man daher von einer Revolution in der üblichen Wortbedeutung sprechen.

Zwei Erklärungsmuster



In diesem Sinn ist auch in der historischen Forschung über "die" Russische Revolution diskutiert worden. Zwei Erklärungsmuster dominieren seit den 1950er Jahren: Eine erste Deutung geht auf das Selbstverständnis der hauptsächlichen "Verlierer", der Konstitutionellen Demokraten, zurück, die als politische Speerspitze des Liberalismus im späten Zarenreich gelten können. Dieser Sichtweise zufolge befand sich die politische Entwicklung Russlands alles in allem auf gutem Wege, trotz des unzeitgemäßen autokratischen Regimes und trotz sozialer Verwerfungen und Krisen. Die sogenannte erste Revolution von 1905/06 hatte den Zaren gezwungen, einer Volksvertretung, der "Duma", zuzustimmen und eine Verfassung zu verkünden. Auch wenn die verbrieften Rechte der Duma begrenzt waren, veränderte ihre bloße Existenz den legislativen und politischen Entscheidungsprozess im Reich grundlegend. Fortan wurde jedes wichtige Gesetz in ihren Ausschüssen und im Plenum beraten. Zeitungen entstanden, die den unterschiedlichen politischen Strömungen in und außerhalb der Volksvertretung als Forum dienten und eine publizistische Öffentlichkeit begründeten.

Nach dem Abklingen der Unruhen 1907 fasste auch die Wirtschaft wieder Tritt. Russland blieb zwar deutlich hinter den damals führenden Industriestaaten Deutschland, Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Frankreich zurück, nahm aber den nächsten Rang noch vor der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie ein. In den größeren Städten formierte sich eine Gesellschaft von Besitz und Bildung, die sich in der lokalen Selbstverwaltung und in den entsprechenden Gremien der Gouvernements engagierte und zur tragenden Schicht liberaler Parteien wurde.

Die große Mehrheit der Bauernschaft litt derweil nach wie vor darunter, dass die Äcker zu klein waren und zu wenig Ertrag abwarfen. Das Zarenreich durchlebte einen durchaus krisenhaften Prozess des Übergangs von einer agrarischen zu einer industrialisierten Gesellschaft und des entsprechenden Wandels der politischen Ordnung. Vor allem die Autokratie, das heißt die absolute Monarchie russischer Prägung, wehrte sich hartnäckig gegen die Beschneidung ihrer Kompetenzen durch ein vollberechtigtes Parlament. So hielten soziale Spannungen zwar unvermindert an, aber über kurz oder lang hätte die absolute Monarchie nachgeben und der Transformation in eine konstitutionelle, möglichst sogar demokratische Ordnung zustimmen müssen – wenn der europäische Krieg nicht ausgebrochen wäre, der enorme finanzielle und wirtschaftliche Lasten mit sich brachte. Er führte zu Versorgungsengpässen, Hunger und Not, verschärfte die sozialen Gegensätze und trieb die Massen auf die Straßen. Ohne Krieg – so die Quintessenz dieser Sichtweise – keine Revolution.

Dieser Deutung trat in den 1960er Jahren eine sozialgeschichtlich unterfütterte entgegen, die auf längerfristige Prozesse verwies. Sie diagnostizierte eine schwere Strukturkrise, die sich vor allem aus der Unvereinbarkeit zwischen der alten, vom grundbesitzenden Adel und der unbeschränkten Monarchie geprägten Ordnung und neuen sozialen Schichten und politischen Kräften ergab, die als Folge der Industrialisierung seit der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 entstanden war. Die Textilfabriken, Eisenhütten und Stahlwerke brauchten Arbeiter. Vor allem die großstädtische Bevölkerung wuchs rasch; Elendsviertel mit ihren sozialen Problemen entstanden. Zugleich bildete sich eine Unternehmerschaft, die zwar klein blieb, jedoch nach der Jahrhundertwende nicht nur wirtschaftlich an Bedeutung gewann. Wichtiger aber war, dass die parallele gesamtgesellschaftliche Modernisierung eine neue akademisch qualifizierte Elite hervorbrachte, die gemeinsam mit dem liberalen Adel Ansprüche auf Teilhabe am politischen Gestaltungsprozess, gipfelnd in der Forderung nach einer Volksvertretung, erhob.

Bei alledem beharrte die Autokratie nicht nur auf der Unbeschränktheit ihrer politischen Macht. Darüber hinaus tat sie sich, in dem durchaus zutreffenden Bewusstsein, dass das Fundament ihrer Macht auf dem Lande lag, mit den neuen sozialen Schichten und ihren Wünschen schwer. Die Arbeiterschaft blieb ein Fremdkörper in einem Staat, der noch weitgehend vom traditionellen Beamten- und grundbesitzenden Adel geprägt war, und in einer Gesellschaft, die neue Eliten nur widerwillig akzeptierte. Laut dieser sozialgeschichtlichen Deutung hat die ungleichmäßige Entwicklung von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat zu politisch-sozialen Spannungen geführt, die das Zarenreich letztlich zerrissen. Auch dieses Erklärungsmuster weist dem Ersten Weltkrieg mit seinen Sonderlasten einen großen Stellenwert zu; genau genommen aber nur als zusätzliche Ursache der Revolution, nicht als einzige und auch nicht als hauptsächliche.

Inwieweit beide Deutungen in gleichem Maße überzeugen, hängt in vielerlei Hinsicht von der Perspektive des Betrachters ab. In den vergangenen Jahrzehnten ist die sozial- und strukturgeschichtliche allerdings klar ins Hintertreffen geraten. Alle neueren Darstellungen laufen, wie modifiziert auch immer, auf eine Bestätigung der liberalen Kernannahme hinaus: Ohne Krieg wäre eine evolutionäre Entwicklung denkbar gewesen, die einen radikalen Bruch und einen sozialistischen Staat erübrigt hätte.

Auch wenn diese Sicht gegenwärtig wieder dominiert, ist nicht zu leugnen, dass die Entwicklung des Jahres 1917 Argumente für beide Sichtweisen enthält. Man sollte nicht vergessen, dass Russland 1917 zwei Umstürze erlebte: den Februaraufstand, dem die Autokratie zum Opfer fiel, und den Oktobercoup, der nach kurzer Koalitionsregierung mit den Linken Sozialrevolutionären zur Alleinherrschaft der Bolschewiki führte. Beide Phasen legen nicht nur den Vergleich mit den moderaten Anfangs- und den radikalen Endjahren der Französischen Revolution nahe. Sie korrespondieren auch mit den skizzierten Deutungen.

Das Februarregime stand in deutlicher Kontinuität zur konstitutionell-liberalen Entwicklung im Zarenreich. Auch wenn der Krieg dessen Untergang herbeiführte und die mögliche Evolution im realen Geschehen in eine Revolution mündete, verschaffte es vielen Forderungen und Wünschen der einstigen Opposition praktische Geltung. Nur war die neue demokratische und freiheitliche Ordnung höchst labil. Bald setzten ihr disruptive Kräfte und radikale Gegner zu. Sie nutzten die Konflikte und Verwerfungen, denen die langfristig-strukturelle Deutung besonderes Gewicht verlieh. So gesehen, blickten die sogenannten Optimisten als Beleg ihrer Thesen primär auf den Februar und die "Pessimisten" primär auf den Oktober. Umso mehr sollte eine Gesamtschau beides berücksichtigen und der Einsicht Rechnung tragen, dass die Ereignisse vom Oktober 1917 nicht ohne das Februarregime und seine Probleme denkbar sind.


Fußnoten

1.
Für übergreifende Darstellungen zur Russischen Revolution und weiterführende Literaturverweise siehe Helmut Altrichter, Russland 1917: Ein Land auf der Suche nach sich selbst, Paderborn 2017; Orlando Figes, Russland. Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924, Berlin 2014; Manfred Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, München 20172 (i.E.).
2.
Wenn nicht anders angemerkt, richtet sich im Folgenden die Datierung nach dem jeweils geltenden Kalender, bis Februar 1918 war dies in Russland der julianische.
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Autor: Manfred Hildermeier für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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