"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Spiel um Weltmacht. Deutschland und die Russische Revolution


18.8.2017
Die Rolle, die das Deutsche Reich für die Machteroberung der Bolschewiki im Oktober 1917 und für den Aufstieg der UdSSR zu einer Weltmacht eigenen, neuen Typs gespielt hat, lässt sich kaum überschätzen, allerdings leicht unterschätzen. Hitlers "treubrüchiger Überfall" (wie der damalige sowjetische Regierungschef Wjatscheslaw Molotow im Radio sagte) im Juni 1941 hat vielfach verdunkelt, wie es bis zu diesem Punkt gekommen ist. Denn tatsächlich resultierte dieser existenzielle Zusammenstoß aus einer gegenseitigen Fixierung und Abhängigkeit, die man bis auf die Anfänge einer deutsch-bolschewistischen Zusammenarbeit im Herbst 1915 zurückdatieren könnte.[1]

Strategische Zusammenarbeit



Seit ihren Anfängen war die Partei Lenins im Parteienspektrum des Zarenreichs die am stärksten auf Deutschland orientierte Gruppierung. Das galt nicht nur für die politisch-ideologische Ausrichtung am Marxismus als einem "wissenschaftlichen Sozialismus" deutscher Prägung. Für einen erheblichen Teil des bolschewistischen Gründungskaders diente die deutsche technisch-industrielle Organisationskultur auch als Vorbild für eine durchgreifende Modernisierung ihres eigenen Landes. Die anderen russischen Sozialisten, die Sozialdemokraten der Menschewiki oder die Partei der Sozialrevolutionäre, waren dagegen eher auf angelsächsische oder französische Vorbilder orientiert.

Dass die deutschen Mehrheitssozialdemokraten als die stärkste Partei der Sozialistischen Internationale entgegen allen Schwüren beim Kriegsausbruch im Sommer 1914 für die Kriegskredite und Massenmobilisierungen ihres Landes optierten, so wie es das Gros der russischen, der französischen und der englischen Sozialisten ebenfalls taten, änderte nichts an Lenins Grundhaltung. Seine Politik des "revolutionären Defätismus", das heißt des aktiven Eintretens für "die Niederlage der Zarenmonarchie, der reaktionärsten und barbarischsten Regierung"[2] unter allen Kriegführenden, brachte ihn unvermeidlich in eine faktische Interessengemeinschaft mit der deutschen Weltkriegsstrategie, in der die "Revolutionierung" des russischen Vielvölkerreichs eine umso zentralere Rolle spielte, je mehr sich die deutschen Armeen im Stellungskrieg festrannten. Das erst eröffnete Lenin und seiner auf wenige Tausend Gefolgsleute geschmolzenen Minipartei die reale Möglichkeit, seinen zentralen Losungen folgend "den Weltkrieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln" und "Russland aus den Angeln zu heben" – wie es ihm im Revolutionsjahr 1917 dann auch tatsächlich gelang.

Für die Berliner Reichs- und Heeresleitung war die 1915 begonnene, aktive Zusammenarbeit mit verschiedenen russischen Revolutionären nur eine Aktion unter vielen, im Erfolgsfall allerdings eine, die weiteste Perspektiven eröffnete: "Der Sieg und als Preis der erste Platz in der Welt ist aber unser, wenn es gelingt, Russland rechtzeitig zu revolutionieren und dadurch die Koalition [der gegnerischen Mächte] zu sprengen", schrieb im Dezember 1915 der Botschafter in Kopenhagen, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, der diese Kontakte eingefädelt hatte, in einer Denkschrift an Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg.[3]

Dass der Führer der Bolschewiki auf die verschiedenen, diskreten Anbahnungen schließlich einging, ist nicht überraschend, und im Wesentlichen ist man dabei nicht auf Vermutungen angewiesen. Eher könnte man sich wundern, in welch sensationell aufgebauschter Weise bis heute über das "deutsche Gold" geraunt und orakelt wird, das den Kitt für jenen "Teufelspakt"[4] gebildet haben soll, der den Bolschewiki mit der Durchschleusung Lenins von seinem Schweizer Exil nach Petrograd im "plombierten Zug" im April 1917 erst den Weg zur Macht eröffnete. Aber man kann sich umgekehrt auch wundern, mit welch frommer Scheu ein Gutteil der seriösen Geschichtsschreibung diese für die Geschichte des 20. Jahrhunderts höchst bedeutsame, in ihren Grundzügen klar nachweisbare Kollusion zwischen der deutschen Reichsleitung und Lenins Exilorganisation immer wieder ins Nebensächliche abdrängt und verbannt.

Dieses geheime Einverständnis materialisierte sich weniger in den Geldtransfers und sonstigen Hilfestellungen, sondern vor allem in der Schaffung einer politischen Handlungslinie und Herstellung einer Kräftekonstellation, die Deutschland eine reale Chance auf den Sieg im Weltkrieg eröffnen und die Bolschewiki an die Macht tragen beziehungsweise dort halten würde – ein Zusammenspiel, das 1917/18 sehr reale Gestalt annahm, die weltpolitische Situation der Zwischenkriegszeit zwischen 1919 und 1933 entscheidend mitbestimmt hat und selbst mit dem epochalen Zusammenstoß von 1941 nicht endete.

Lenin hatte diese Weichenstellung im Herbst 1915 in einem Moment eingeleitet, da seine Verbindungen nach Russland zum größten Teil abgebrochen waren und er sich auf seinen winzigen Zürcher Hausstaat mit Frau, Schwiegermutter und einer Handvoll Helfern zurückgeworfen sah. Das Notizbuch seiner Frau Nadeschda Krupskaja, die sein persönliches Sekretariat bildete, enthielt 1915/16 gerade noch zwanzig operative Kontaktadressen in Russland, darunter die seiner beiden Schwestern in Petrograd.[5]

Aber selbst unter den radikalsten europäischen Kriegsgegnern – die bei der Konferenz von Zimmerwald Anfang September 1915, wie Trotzki bemerkte, in vier Fiaker (Pferdekutschen) passten – fand Lenin sich fast völlig isoliert. Selbst die Handvoll seiner engsten Gefolgsleute konnte seinen rasenden Polemiken gegen die "Sozialpazifisten", die für ein Ende des Weltkriegs "ohne Annexionen und Kontributionen" eintraten, und seiner Vision einer Verwandlung des Weltkriegs in einen gesamteuropäischen Bürgerkrieg nicht folgen. Tatsächlich verschob Lenin damit auch schon alle hergebrachten Grundsätze und Perspektiven eines Sozialismus marxistischer Prägung, wenn er 1916 schrieb: "Wer "eine ‚reine‘ soziale Revolution erwartet, der wird sie niemals erleben." Neben den Kämpfen von Fabrikarbeitern, vor allem in den Zentren der Rüstungsindustrien, seien als Folge des Weltkriegs vielmehr zu erwarten: weltweite Aufstände unterdrückter Nationen und Nationalitäten; Angriffe halbproletarischer bäuerlicher Massen gegen Grundeigentümer und Kirche; Soldatenmeutereien gegen sämtliche Gewalten; sowie Rebellionen kleinbürgerlicher Schichten mit all ihren "reaktionären Phantastereien", wie sie in Russland von den antisemitischen Pogromisten der "Schwarzhunderter", im Westen von den entstehenden, vorerst noch namenlosen "faschistischen" Bewegungen vertreten wurden.[6]

Die Bolschewiki, hieß das, mussten diejenigen sein, die bereit wären, den Tiger all der "dunklen", anarchischen, vielleicht sogar reaktionären Leidenschaften der Massen zu reiten, ihnen sogar die Sporen zu geben, um die alte Welt, die sich gerade zerfleischte, endgültig in Trümmer zu legen und inmitten dieses Tumults im eigenen Namen und ihrer geschichtlichen Mission folgend nach der Macht zu greifen.


Fußnoten

1.
Für übergreifende Darstellungen siehe Gerd Koenen, Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945, München 2005.
2.
Wladimir I. Lenin, Der Krieg und die russische Sozialdemokratie, in: Lenin Werke (LW), Bd. 21, Berlin (Ost) 1960, S. 19.
3.
Brockdorff Rantzau an Bethmann Hollweg, 6.12.1915, in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes (PA-AA), Deutschland Nr. 131, Bd. 18, Bl. 97–100.
4.
Sebastian Haffner, Der Teufelspakt. Die deutsch-russischen Beziehungen vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg, München 2002.
5.
Vgl. Robert Service, Lenin. Eine Biographie, München 2000, S. 311f.
6.
Wladimir I. Lenin, Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung, in: LW, Bd. 22, Berlin (Ost) 1960, S. 363f.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Gerd Koenen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 
Ergänzendes Sammel-Dossier

Oktoberrevolution

2017 jährt sich die Russische Revolution zum 100. Mal. Sie hatte zwei Phasen. Der Untergang des Zarenreichs im März 1917 im Zuge der "Februarrevolution". Und sieben Monate später die "Oktoberrevolution" mit der Machtübernahme der russischen kommunistischen Bolschewiki unter Lenin, die das Ende sozial-liberaler und demokratischer Strömungen besiegelte. Weiter...