"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

18.8.2017 | Von:
Ekaterina Makhotina

Erinnerung an die Russische Revolution im heutigen Russland

Historischer Kontext der Revolutionserinnerung

Historische Jubiläen erinnern nicht nur an vergangene Ereignisse. Im Zeitverlauf offenbaren sie auch, wie sich die Perspektive auf die jeweiligen Ereignisse wandelt und diese entsprechend politisch instrumentalisiert werden. Das wird auch an der Entwicklung der Revolutionserinnerung in Russland deutlich. 1987, zum siebzigsten Jahrestag der Revolution und in der Zeit der Perestroika, knüpfte Michail Gorbatschow noch an die positive Assoziation an, die mit dem Revolutionsbegriff verbunden war. Er bezeichnete die Perestroika nicht als "Reform", sondern als "Revolution". In seiner Kreml-Rede 1987, "Oktober und Perestroika: Die Revolution geht weiter", machte er deutlich, dass die Stalinzeit eine tragische Verirrung der sowjetischen Geschichte war. Ähnlich wie Nikita Chruschtschow vor ihm schlug er den Kurs "zurück zu Lenin" vor. Er löste die Februarrevolution aus dem Schatten der Oktoberrevolution und bezeichnete sie als "die erste Erfahrung der realen Demokratie".[6]

Doch die sowjetische Deutung der Revolution konnte sich nicht bis heute halten. Die rasante, gesellschaftlich vorgetragene, radikale Umwertung der Sowjetepoche stieß den "Großen Oktober" von seinem Podest. Mit dem Bedeutungsverlust Gorbatschows und dem Triumph Boris Jelzins 1991 begann die Abwertung des sowjetischen Gründungsmythos. Die traditionelle Bezeichnung, "Große Sozialistische Oktoberrevolution", wurde als Symbol historischer Lügen dem Spott preisgegeben: In einer weit verbreiteten Redensart hieß es, "weder groß, noch sozialistisch, noch Revolution, noch kalendarisch im Oktober". Vor allem nach der Abwehr des Augustputsches 1991, als eine Gruppe von Funktionären der KPdSU versuchte, Gorbatschow abzusetzen, stand die Oktoberrevolution für den "Weg in die Katastrophe". Mit dieser Deutung legitimierten sich die neuen Machthaber um Jelzin. Das ehemalige Schlüsselereignis der Weltgeschichte bekam Bezeichnungen wie "Putsch", Umsturz", "Staatsstreich" oder "Machtergreifung". Die Revolution – wie auch generell alles Sowjetische – blieb während der gesamten Ära Jelzin negativ konnotiert. Zudem verlagerte das neue Deutungsparadigma die Verantwortung nach außen: Schuld hatte der "ausländische" Marxismus, der dem russischen Geist "wesensfremd" gewesen sei.

Zwar hob Jelzin anfangs noch die Februarrevolution positiv hervor, aber eine viel wichtigere Rolle spielte in den 1990er Jahren die Herrschaft der Romanow-Dynastie und die Gegner der Bolschewiki im Bürgerkrieg, die Weiße Armee. Eine breite Rezeption fanden die Memoiren der Weißen Armeeführer wie Anton Denikin sowie von politischen Emigranten wie Iwan Iljin, Nikolaj Berdjaew und Sergej Bulgakow.[7]

Die Ereignisse in Petrograd wurden als smuta, als Zeit der Wirren, beschrieben und das Jahr 1917 nicht mehr mit der Französischen Revolution verglichen, sondern stand für einen russkij bunt (russischen Aufstand), einem sinn- und gnadenlosen Aufbegehren des Volkes. Die Spontanität und Gewaltbereitschaft der Volksmassen, des Pöbels, der als ochlos bezeichnet wird, wurde zum gängigen Erklärungsmuster für die Oktoberrevolution.[8] Dem ochlos fehlte es, so die Deutung, an Intelligenz und Geduld, um sich auf die liberalen Reformer zu verlassen. Die Bolschewiki hingegen hätten mit ihren volksbezogenen Parolen die Massen aufgehetzt und so die Macht an sich gerissen. Ochlos und ochlokratija wurden im Diskurs der 1990er Jahre zu populären Begriffen, um Kritik an Jelzins Reformkurs zurückzuweisen.

Aufgrund sozialer und wirtschaftlicher Probleme in Russland im Laufe der frühen 1990er Jahre sank Jelzins Popularität, und die Nöte lösten bei vielen Russen eine Sowjetnostalgie aus. Die Demonstrationen an den Jahrestagen der Oktoberrevolution, veranstaltet von der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation, erhielten wieder mehr Zulauf. Jelzin reagierte darauf, indem er den vorrevolutionären orthodoxen Feiertag zum Gedenken an die Befreiung Moskaus im Polnisch-Russischen Krieg 1612 wieder einführte und ihn auf den Tag der Oktoberrevolution legte. Ab 1996 versuchte er, eine Umdeutung vorzunehmen: Der 7. November sollte zukünftig als "Tag der Eintracht und Versöhnung" begangen werden, als Mahnung zu Einigkeit und gegen Zerwürfnisse. Somit bemühte bereits Jelzin das Motiv der Versöhnung, wenn auch ohne größere Wirkung.

"Evolution statt Revolution"

Mit der Amtseinführung Putins wurde Geschichtspolitik noch bedeutsamer, um Herrschaft zu legitimieren. Von Anfang an lautete die Devise: Evolution statt Revolution. Dies illustriert auch ein Zitat aus Putins Rede vor der Föderalversammlung 2001: "Der Zyklus der Revolutionen ist zu Ende, es wird weder Revolutionen noch Konterrevolutionen geben."[9] Putin versprach Stabilität und die Entwicklung in kleinen Schritten – ein Ansatz, der nach den wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen der 1990er Jahre in der russischen Gesellschaft auf Zuspruch stieß.

Die auffälligste Abgrenzung zu Jelzin besteht in der verstärkten Hinwendung Putins zum sowjetischen Erbe.[10] Dabei ging es Putin weder um eine Idealisierung noch um eine Dämonisierung des Sowjetischen, sondern um eine Hervorhebung historischer Momente, die in der Bevölkerung anschlussfähig sind. Dabei wird das Sowjetische nicht als politisch-ökonomische Alternative zum Kapitalismus wahrgenommen, sondern erscheint vollständig losgelöst von seiner sozialistischen Komponente.

Die Entwicklung der Jubiläen zur Oktoberrevolution ist charakteristisch für diese Politik: 2004 wurde der "Tag der Vertreibung der polnischen Besatzer" wieder auf sein korrektes Datum, den 4. November, zurückverlegt und bekam den Namen "Tag der Einheit des Volkes". Gleichzeitig wurde am 7. November ein neuer "Tag des militärischen Ruhmes" eingeführt: der "Tag der Parade auf dem Roten Platz anlässlich des 24. Jahrestages der Oktoberrevolution 1941". Hier offenbart sich deutlich die Taktik der neuen populistischen Geschichtspolitik: Die Revolutionserinnerung wird zwar formal erhalten, jedoch in das übergreifende Narrativ des Großen Vaterländischen Kriegs und der Schlacht um Moskau eingebettet. Die vom Staat gefürchtete "revolutionäre" Erinnerungsaura wird überblendet: Der 7. November bleibt für Kommunisten und Sowjetnostalgiker erhalten und wird zudem für die nichtkommunistisch orientierte Bevölkerung anschlussfähig gemacht.

Anlässlich des Revolutionsjubiläums war es eine besondere Herausforderung für die russische Führung, die Begrifflichkeit zu vereinheitlichen – variierte doch die begriffliche Spannbreite zwischen einem "Putsch" und der "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution". Für die Konzeption der vereinheitlichten Schulbücher für das Fach Geschichte, die es in Russland seit 2013 gibt, hatten sich die beteiligten Historiker und Mitarbeiter des Bildungsministeriums auf den Kompromiss "Große Russländische Revolution" geeinigt. Durch diesen Begriff wurden die Februarrevolution, die Oktoberrevolution und die Zeit dazwischen zusammengefasst. Diese "Große Russländische Revolution" wird zusammen mit dem Ersten Weltkrieg und dem Bürgerkrieg im Kapitel "Zeit der großen Erschütterungen" abgehandelt. Diese Rahmung – Krieg, Entbehrung und Leid – verstärkt die Tragik in der Perspektive auf das Revolutionsjahr.

Fußnoten

6.
Michail Gorbatschow, Oktjabr’ i Perestroika. Revoljucija prodolzhaetsja, Moskau 1987, S. 6.
7.
Besondere Beachtung fanden die Memoiren von Anton Denikin, Otschcerki Russkoj Smuty, Paris 1921.
8.
Paradigmatisch in dieser Hinsicht war das Werk von Wladimir Buldakow, Krasnaja smuta. Priroda i posledstwija revoljicionnogo nasilija, Moskau 1997.
9.
Wladimir Putin, Poslanie Federal’nomu Sobraniju Rossijskoj Federacii, 3.4.2001, http://kremlin.ru/events/president/transcripts/21216«.
10.
Vgl. Ilja Kalinin, Nostalgic Modernization: The Soviet Past as "Historical Horizon", in: Slavonica 2/2011, S. 156–166.
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Autor: Ekaterina Makhotina für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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