"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

18.8.2017 | Von:
Jan Kusber

Furcht vor dem Bolschewismus. Russland und der Westen nach der Russischen Revolution

Interventionen im Russischen Bürgerkrieg

Die Unterstützung der Weißen hatte de facto bereits Anfang 1918 begonnen. Brest-Litowsk belastete das Verhältnis zu den Entente-Mächten nachhaltig. Zur Sicherung ihrer Interessen in Russland und um einer weiteren deutsch-sowjetischen Annäherung entgegenzuwirken, wurden noch während des Weltkriegs Truppen nach Russland entsandt. Da die europäischen Häfen Russlands an der Ostsee für die Alliierten noch nicht erreichbar waren, landete das erste britische Kontingent bestehend aus 600 Soldaten im Juni 1918 in Murmansk am Arktischen Ozean. Dieser Hafen, fernab vom russischen Kernland, wurde zwar von den Briten besetzt, weitere Aktionen wurden allerdings nicht durchgeführt.
Ein weiteres Landungsunternehmen fand im August 1918 in Archangelsk statt. Hier landeten zuerst 600 britische und französische Soldaten. Sie wurden später durch ein US-Kontingent von 5000 Mann verstärkt. Offizieller Anlass war die Sicherung der dortigen Waffendepots, die weder in die Hände der Deutschen noch der Bolschewiki fallen sollten.[5] Ebenso betonten amerikanische Politiker die Verpflichtung, der Tschechoslowakischen Legion – sie bestand aus Kriegsgefangenen der zerschlagenen k.u.k. Armee – zur Hilfe eilen zu wollen, als diese 1918 in die gegründete Tschechoslowakei zurückkehren wollte. Angesichts der enormen Distanz zwischen Archangelsk und den Tschechoslowaken in Sibirien war diese "Verpflichtung" eher ein Vorwand.

Die Expeditionstruppe konnte mehrere hundert Kilometer in das Landesinnere vorstoßen, vereinzelte Kämpfe zwischen den alliierten und roten Truppen zogen sich durch das ganze folgende Jahr, ohne dass eine strategisch bedeutsame Entscheidung herbeigeführt werden konnte. Im Juli 1919 verließen daher die verbliebenen ausländischen Einheiten Nordrussland. In den Entente-Ländern stand die zunehmend kriegsmüde Öffentlichkeit der Intervention immer ablehnender gegenüber. Die Interventionen bargen gar die Gefahr des Revolutionsexports in sich: Im Dezember 1918 landete ein französisch-griechisches Kontingent von 1000 Mann in Odessa. Unterstützt wurde es von einem französischen Flottenverband. Als sich das Kriegsgeschehen näherte, kam es zu einem Aufstand in der französischen Schwarzmeerflotte, bei der die rote Fahne gehisst wurde. Die Meuterer erzwangen im April 1919 den Rückzug Frankreichs und machten zugleich deutlich, dass die Vision der Bolschewiki durchaus Attraktivität besaß. Die letzten Truppen der Entente-Mächte verließen Odessa am 7. April 1919.

Am längsten währte die ausländische Präsenz im größten Pazifikhafen des ehemaligen Zarenreichs, in Wladiwostok. Schon im April 1918 waren einzelne japanische und britische Verbände hier an Land gegangen. Ihnen folgte auch ein amerikanisches Expeditionskorps mit etwa 8000 Soldaten. Wladiwostok sollte als Nachschublinie für die sibirischen Truppen des Admirals Alexander Koltschak dienen, der als Reichsverweser die meiste Unterstützung innerhalb der Weißen Bewegung zu haben schien. Bis zu deren Niedergang 1920 blieben die alliierten Soldaten in Sibirien. Als die Kommunisten 1920 in Tschita die Fernöstliche Republik gründeten, die als ein erster Vorposten zur sozialistischen Revolutionierung Chinas betrachtet wurde, gründeten 70000 Mann starke japanische Interventionstruppen 1921 die sogenannte Küstenrepublik. Im Kampf zwischen beiden Staaten setzten sich schließlich die Bolschewiki durch. Sie erreichten Wladiwostok allerdings erst im Dezember 1922 – nach der Integration der Fernöstlichen Republik in die Sowjetunion. Die letzte ausländische Intervention auf dem Boden des asiatischen Russlands war beendet.

Auch wenn die Bedeutung der Invasionstruppen in der sowjetischen Historiografie überhöht wurde, um den Sieg der von Trotzki organisierten Roten Armee größer erscheinen zu lassen, war ihr militärischer Einfluss auf die Entscheidung im Bürgerkrieg gering. Die deutsche Besetzung bis zum Kollaps des Kaiserreichs im November 1918 war eine viel größere Bedrohung für den jungen Sowjetstaat als die an der Peripherie eingreifenden Kontingente der Entente-Mächte. Weitaus wichtiger waren alliierte Lieferungen und Hilfsleistungen an die Weiße Armee in Sibirien und in Südrussland. Winston Churchill behauptete später, dass 1919 England 100 Millionen Pfund und Frankreich zwischen 30 und 40 Millionen Pfund für die weißen Truppen in Russland ausgegeben hätten.[6] Nicht alle waren jedoch so unbedingt in ihrer Unterstützung der Weißen wie Churchill gewesen, der sich als Erster Lord der Marine für ein viel weitergehendes britisches Engagement eingesetzt hatte.

Auch in dem weitgehend parallel verlaufenden Polnisch-Sowjetischen Krieg unterstützten die Entente-Mächte das neu entstandene Polen nicht in dem Ausmaß, in dem Churchill es womöglich erstrebt hätte. Der Krieg, der von polnischer Seite mit verschiedenen gegnerischen Akteuren um die polnische Ostgrenze geführt wurde, richtete sich nicht von vornherein gegen die Bolschewiki, auch wenn die polnischen Eliten stramm antikommunistisch eingestellt waren. Diese Haltung darf man bei aller Breite des Spektrums vielleicht als wesentliche Klammer der Eliten Polens in der Gründungsphase der Zweiten Polnischen Republik sehen. Anfänglich erzielten die Polen in diesem Krieg große Erfolge und besetzten weite Landstriche der Ukraine einschließlich Kiews. Bald warf die Rote Armee sie jedoch bis ins polnische Kernland zurück, sodass eine Niederlage und Besetzung Polens erwartet wurde. In der Schlacht von Warschau, dem "Wunder an der Weichsel", schlugen die Polen die sowjetischen Truppen jedoch und drängten sie in der Folge bis in die Ukraine zurück, die bald sowjetisch wurde.

Diese Wende bedeutete jedoch noch nicht das Ende des Kriegs: Im Frieden von Riga, der am 18. März 1921 unterzeichnet wurde, stimmte Sowjetrussland einem Waffenstillstand und Friedensvertrag zu, der Polen erhebliche Gebiete im Osten zusicherte und eine Grenzregelung für Polen bot, die ethnisch-religiöse Konflikte mit sich brachte. Das offizielle Geschichtsbild der Sowjetunion sah den Krieg als Teil der ausländischen Interventionen während des Russischen Bürgerkriegs. Das Bestreben des nichtkommunistischen Polen, die Unabhängigkeit von Sowjetrussland zu erreichen beziehungsweise zu erhalten, wurde als Parteinahme für die Weißen und als Versuch verstanden, die Ausbreitung der proletarischen Revolution nach Westen zu blockieren. So wurde der Krieg als "Krieg gegen Weiß-Polen" bezeichnet. In der Volksrepublik Polen folgte die offizielle Geschichtsschreibung nach der erfolgten Sowjetisierung ebenfalls dieser Linie.

Doch der Ausgang des Kriegs hatte aus der Sicht der Zeitgenossen nicht nur Bedeutung für Polen, sondern für ganz Europa. Die Niederlage der Roten Armee bei Warschau stoppte das Vordringen des Kommunismus nach Westen, sodass Sowjetrussland seine Hoffnungen, die Weltrevolution über die "Leiche Polens" nach Westeuropa exportieren zu können, vorerst aufgeben musste. Der britische Botschafter in Berlin und Leiter der Mission der Entente in Polen, Edgar Vincent, fasste dies als Augenzeuge mit folgenden Worten ganz im Geist der Zeit zusammen: "Wenn Karl Martell die Invasion der Sarazenen mit seinem Sieg in der Schlacht bei Tours nicht aufgehalten hätte, so würde heute in den Schulen von Oxford der Koran gelehrt (…). Wenn es Piłsudski (…) in der Schlacht bei Warschau nicht gelungen wäre, den triumphalen Vormarsch der Roten Armee zu stoppen, so hätte dies nicht nur eine gefährliche Wende in der Geschichte des Christentums zur Folge, sondern eine fundamentale Bedrohung der gesamten westlichen Zivilisation. Die Schlacht bei Tours rettete unsere Vorfahren vor dem Joch des Korans; es ist wahrscheinlich, dass die Schlacht bei Warschau Mitteleuropa und ebenso einen Teil Westeuropas vor einer sehr viel größeren Gefahr rettete; der fanatischen sowjetischen Tyrannei."[7]

Diese Sicht prägte die Auffassung vieler in den neu entstandenen Staaten des nordöstlichen Europa. Ob in Polen, Estland oder Lettland, die sich ebenfalls im Verlauf des Jahres 1918 für unabhängig erklärten und die Unabhängigkeit sowohl gegen Deutschland 1918 als auch gegen die Bolschewiki 1918/19 behaupteten: Revolutionsfurcht und Antikommunismus stifteten einen Grundkonsens. In Tallinn und Riga enttäuschte es vor diesem Hintergrund, dass Großbritannien, Frankreich und die USA mit der Anerkennung der neuen Staaten zögerten, auch wenn sie deren antikommunistische Bollwerkfunktion anerkannten.[8]

Fußnoten

5.
Zu den USA siehe Robert L. Willett, America’s Undeclared War, 1918–1920, Washington D.C. 2003.
6.
Vgl. Winston Churchill, The World Crisis. The Aftermath, Bd. 4, London 1929, S. 256.
7.
Zit. nach Norman Davies, The Polish-Soviet War, London 1972, S. 265.
8.
Vgl. William A. Fletcher, The British Navy in the Baltic, 1918–1920, in: Journal of Baltic Studies 2/1976, S. 134–144.
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Autor: Jan Kusber für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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