"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

18.8.2017 | Von:
Brigitte Studer

Gleichberechtigung nach 1917? Frauen in der Kommunistischen Internationale

Klasse gegen Geschlecht

Viele Frauen, sei es in Sowjetrussland, sei es im Westen, packten die Gelegenheit beim Schopf, als sich ihnen die Aussicht auf Emanzipation und auf verantwortungsvolle Lohnarbeit innerhalb kommunistischer Organisationen bot. Auch an der Basis lockten kommunistische Organisationen Aktivistinnen an, von denen nicht alle Arbeiterinnen waren. Beeinflusst von der Tradition des sozialdemokratischen Feminismus, boten die Parteien auch Hausfrauen Platz. War denn die Ausbeutung der Gattin durch den Gatten nicht auch eine Form der Ausbeutung? Dabei stand die kommunistische Frauenpolitik zu Beginn vor dem Dilemma, widersprüchliche Positionen vereinen zu wollen – etwa Frauen von "Töpfen und Pfannen" zu befreien und zugleich den "Schutz für Mutter und Kind" zu garantieren.[8]

In den frühen 1920er Jahren gab es noch zahlreiche gesellschaftliche Debatten über das Konzept der "Neuen Frau", über neue Lebensentwürfe und über eine geschlechtsspezifische Neuordnung. Diese verstummten aber in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zunehmend – nicht zuletzt, weil progressive Positionen über neue Formen des Alltagslebens mit der linken Opposition unter Leo Trotzki in Verbindung gebracht wurden. Alexandra Kollontai, jene Figur, die dieses Denken wie keine andere für den Westen verkörperte, nahm nie wieder öffentlich zu diesen Fragen Stellung. So spiegelte sich im neuen Familiengesetzbuch von 1926 bereits ein traditionelleres und konservativeres Bild der Frau wider, indem es diese mit familiärer Abhängigkeit assoziierte. Das Bild der Politikkommissarin, das während der Phase des Russischen Bürgerkriegs in Mode gewesen war, wich einer traditionelleren Darstellung. Wobei die KPs im Westen für ihre Propaganda eine andere Darstellung des weiblichen Proletariats verwendeten, die ganz im Gegensatz zum glücklichen Bild sowjetischer Frauen stand: Ausgebeutete Proletarierin, benachteiligte Mutter, nur der Kommunismus wird dich befreien!

Doch die kommunistischen Organisationen hatten Schwierigkeiten, weibliche Identität zu definieren. Ein vom Interesse der Arbeiter unabhängiges Interesse einer Frau war suspekt – entscheidendes Kriterium für kommunistische Politik war die Klasse, nicht das Geschlecht. Dies führte zu einem ernsten Problem bei der Klassifizierung. In welche soziale Kategorie sollten Arbeiterinnen eingeordnet werden? Frau oder Proletarierin? Und noch komplizierter: Was war mit Hausfrauen? Anders als die Frauenabteilung der KPdSU, die eine tragende Rolle der Frauen bei der Umgestaltung der Gesellschaft einforderte, neigten Parteiführungen sowohl in der Sowjetunion als auch im Westen dazu, sie als negativen Einfluss zu betrachten: Je nach Darstellung waren Frauen mit "falschem" Bewusstsein behaftet oder hatten überhaupt kein Klassenbewusstsein.[9]

Da der Stellenwert im politischen Kampf vom Klassenbewusstsein bestimmt war, wurden Frauen in zweierlei Hinsicht ausgegrenzt: Zum einen wurde Klassenbewusstsein vorrangig mit den Arbeitern in bestimmten Sektoren in Verbindung gebracht, etwa Eisen und Stahl oder Baugewerbe, auf die sich die politische Aktivität immer gezielter fokussierte. Solche Berufsfelder, in denen nur wenige Frauen tätig waren, passten schlecht zu den vorherrschenden Vorstellungen von Weiblichkeit. Zum anderen neigten die Parteien dazu, die Artikulation von Klassenbewusstsein ausschließlich in der Partei und den Gewerkschaften zu verorten. Dies waren sozial und kulturell von Männern dominierte Bereiche. Von männlicher Sozialisation geschaffene Räume politischen Aktivismus wurden daher als Ausdruck von Klassenbewusstsein betrachtet. Für andere Formen, die charakteristisch waren für weibliche Lebensräume, galt dies im Allgemeinen hingegen nicht:[10] Boykottierten Hausfrauen ein Geschäft mit zu hohen Preisen, wurde das nicht so hochgeschätzt wie ein Streik von Stahlarbeitern.

Um zu verstehen, warum Frauen in der Politik der Bolschewiki nur eine zweitrangige Rolle einnahmen, muss man sich vor Augen führen, dass der Kommunismus der Kategorie "Geschlecht" nahezu jedwedes symbolisches Kapital für die Strukturierung der Machtverhältnisse abgesprochen hat. Entscheidend war die Klassenposition, die sich aber aus der Stellung im Produktionssektor ableitete.

Die relative organisatorische Autonomie der Frauenabteilungen wurde nach und nach beschnitten durch die ständig fortschreitende Zentralisierung. Die "Kommunistische Fraueninternationale", die monatlich mit einer Auflage von 10000 Exemplaren erscheinende Frauenzeitschrift der Komintern, wurde 1925 eingestellt. Der letzte Internationale Kommunistische Frauenkongress fand 1926 statt. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurden die Frauenabteilungen der KPs durch einfache Kommissionen ersetzt. Trotz Proteste seitens der Belegschaft verlor das von Clara Zetkin und später von Hertha Sturm (wirklicher Name Edith Fischer) geführte Internationale Sekretariat 1926 seinen autonomen Status und wurde eine Abteilung der Komintern. Nach Elena Stassowas Ablösung durch drei Männer 1920 wurde das Sekretariat des Zentralkomitees der KPdSU nie wieder von einer Frau geleitet.[11] Zugleich sank in den meisten europäischen Parteien die Zahl der weiblichen Mitglieder sowie der Frauenanteil in Führungsgremien.

Etwas verallgemeinert scheint es, dass Mitte der 1920er Jahre alleinstehende Frauen und solche, die aus der Mittelschicht stammten, aus den KPs verschwanden. Diese Erosion erklärt sich zum Teil durch die zunehmende Verherrlichung der Arbeiter. Sie war aber auch Folge dessen, dass die KPs den Feminismus, wie er in Frankreich von Madeleine Pelletier, in Großbritannien von Stella Browne und in der Sowjetunion von Alexandra Kollontai vertreten wurde, immer vehementer ablehnten.

Fußnoten

8.
Siehe Grossmann (Anm. 4), S. 140.
9.
Siehe Elizabeth A. Wood, The Baba and the Comrade: Gender and Politics in Revolutionary Russia, Bloomington 1997; Wendy Z. Goldman, Industrial Politics, Peasant Rebellion and the Death of the Proletarian Women’s Movement in the USSR, in: Slavic Review 1/1996, S. 46–77.
10.
Vgl. Joan Wallach Scott, Gender and the Politics of History, New York 1999, S. 53–67.
11.
Siehe Barbara Evans Clements, Bolshevik Women, Cambridge 1997, S. 197f.
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Autor: Brigitte Studer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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