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26.5.2002 | Von:
Hans-Joachim Höhn

Die Natur der Gesellschaft

Bausteine einer Ökologischen Sozialethik

II. Von der Sozialen zur Ökologischen Frage

Ein ökologischer Ansatz der Sozialethik trägt der Tatsache Rechnung, dass die "ökologische Risikogesellschaft" das Erbe der "klassischen" Industriegesellschaft angetreten hat [5] . Sie hat den Problemkonstellationen und Herausforderungen der "Sozialen Frage" neue hinzugefügt. Bei der Sozialen Frage ging es letztlich um ein Partizipations- und Verteilungsproblem bzw. um die Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen, welche die Sozialverträglichkeit der ökonomischen Entwicklung herstellen sollten. Wegweisend für die Bestimmung einer sozialverträglichen Ökonomie waren ethische Impulse: der Gedanke der personalen Würde aller Menschen und das sich auf ihn gründende Bewusstsein der Solidarität als Bedingung zur Herstellung sozialer Gerechtigkeit. Es ging und geht um die Humanisierung der Arbeitswelt, um Chancengleichheit und Beteiligungsgerechtigkeit sowie um eine auf sozialen Ausgleich ausgerichtete Marktwirtschaft. Bei der "Ökologischen Frage" handelt es sich es dagegen um eine Problemkonstellation, welche in ihren Herausforderungen und ihren Bewältigungsmöglichkeiten über die Soziale Frage hinausgeht bzw. diese umgreift. Die alten Spannungen, Gegensätze und Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit werden überlagert von ökologischen Systemgefährdungen, die sowohl Polarisierungen als auch neue Koalitionen der Gefahrenabwehr quer zu den noch immer bestehenden industriegesellschaftlichen Antagonismen und Gruppenegoismen entstehen lassen.

Die Herausforderung der Ethik besteht nun darin, die umwelt- und sozialethische Problemstellung nicht länger als getrennte, bereichsspezifische Aufgaben zu verstehen. Denn gerade die Abkoppelung der sozio-ökonomischen Entwicklung von ihren sozial-ökologischen Entwicklungsbedingungen ist als eine zentrale Ursache der ökologischen Krise zu betrachten. Von einer "Ökologischen Sozialethik" ist daher nicht die Ausarbeitung einer neuen Sonder- oder Spezialethik, sondern ein Konzept zur Verknüpfung und Integration wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Entwicklungen unter dem Aspekt der "Zukunftsfähigkeit" zu erwarten.

Mit der Ökologischen Frage werden ethische Fragen und Ansprüche eigener Art sichtbar, die nicht mehr allein oder vorrangig auf der Linie des Umgangs des Menschen mit anderen Menschen, sozialen Strukturen oder Institutionen liegen und sich in die "klassischen" sozialethischen Kategorien - Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität, Gemeinwohl - bringen lassen. Bei der Neuformulierung dieser Kategorien ist zu berücksichtigen, dass die Soziale Frage in die Ökologische Frage eingelagert ist. Die sozialen und ökologischen Weltprobleme sind hinsichtlich ihrer Ursachen und Lösungsmöglichkeiten eng miteinander verwoben [6] : Wo die Natur zerstört wird, folgt bald die soziale Erosion. Ohne sozialen Ausgleich ist kein dauerhafter Friede möglich. Wo Menschen in Armut und Unterdrückung gehalten werden, hat auch die Bewahrung der Umwelt keine Chance. Vermeintliche Auswege aus der Krise werden sogleich zu Sackgassen, wenn sie die umfassende wechselseitige Bedingtheit aller Strukturen und Prozesse in der sozialen Lebenswelt des Menschen und seiner natürlichen Umwelt außer Acht lassen. Daher dürfen auch bei dem Versuch, ethische Leitbilder einer zukunftsfähigen Entwicklung zu entwerfen, umwelt- und sozialethische Belange nicht mehr getrennt voneinander behandelt werden. Heißt dies nun, dass sozialethische Kategorien auszudehnen sind auf den Umgang mit der Natur, so dass Solidaritätspflichten nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Menschen und allen übrigen Mitgeschöpfen zur Geltung zu bringen sind? Muss "Solidarität" qua "Mitmenschlichkeit" nun neu als "Mitgeschöpflichkeit" buchstabiert werden? Oder ist bei der Frage nach Existenzbedingungen moderner Gesellschaften an der Natur Maß zu nehmen - als jenem Bereich, über den hinaus keine größere existenzermöglichende Wirklichkeit in den Blick kommt?

Eine Ökologische Sozialethik versteht diese Anfragen zunächst als Ausdruck des Problems, dass gesellschaftliche "Binnenverhältnisse" nicht abgekoppelt von gesellschaftlichen Naturverhältnissen begriffen werden können. Es geht nun darum, soziale Verhältnisse und (Über-)Lebensfragen aus der Dynamik des modernen Natur/Gesellschaft-Verhältnisses heraus zu begreifen [7] . Denn die Verwandlung unbeabsichtigter und lange Zeit unbemerkter Nebenfolgen industrieller Wohlstandsproduktion in globale ökologische Übelstände ist gerade kein Problem der außerhalb des Sozialen antreffbaren Umwelt, sondern markiert eine Krise, welche die Konstitutionsprinzipien moderner Sozialsysteme erfasst. In der Moderne lassen sich ökologische Gefahren nicht mehr auf eine "unbeherrschte" Natur zurückführen, sondern müssen als nichtbeabsichtigte Nebenfolgen der neuzeitlichen technisch-wissenschaftlichen Naturbeherrschung und ökonomischen Naturausbeutung verstanden werden. Die Erwärmung der Erdatmosphäre, der Schwund von Tier- und Pflanzenarten sind nicht bloß "Naturereignisse", sondern sie haben ihre Ursachen in gesellschaftlichen Prozessen, die sich nun in der Natur manifestieren, von wo aus sie als Risikolagen auf das Soziale zurückwirken. Sie provozieren die Frage, welche Maße und Grenzwerte "in" der Natur hierbei missachtet und überschritten wurden, dass sie zu gesellschaftlichen Selbstgefährdungen führen. Offensichtlich schlägt die Natur nun zurück, weil bestimmte Gesetzmäßigkeiten vom Menschen ignoriert wurden und er auf ein Fortschrittsmodell gesetzt hat, das von der Natur nicht mitgetragen wird.

Die für die Ethik entscheidende Frage ist jedoch, ob und in welcher Weise "die" Natur hier tatsächlich auf regulative und normative Vorgaben menschlichen Handelns befragt werden kann bzw. um "welche" Natur es geht, deren Tragekapazität menschlichem Handeln eine Grenze setzt. Ist es die "natürliche" Natur, mit der der Mensch in Harmonie leben soll? Ist dies aber für den Menschen überhaupt möglich, wenn er mangels passender ökologischer Nische darauf angewiesen ist, die Natur zu "kultivieren", um überhaupt überleben zu können? War es nicht seine eigene "natürliche Natur", die ihn genötigt hat, sich gegenüber seiner natürlichen Umwelt durchzusetzen? Ist es ihm daher nur möglich, mit einer "kultivierten" Natur in Einklang zu leben? Und schließlich: Gibt es überhaupt "die" Natur, die menschlichem Handeln ein Maß geben kann, oder sind diese Maße nicht kulturelle Setzungen [8] ?

Fußnoten

5.
Vgl. die Studien von Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986; ders., Weltrisikogesellschaft, Weltöffentlichkeit und globale Subpolitik. Ökologische Fragen im Bezugsrahmen fabrizierter Unsicherheiten, in: Andreas Diekmann/Carlo C. Jaeger (Hrsg.), Umweltsoziologie, Opladen 1996, S. 119-147.
6.
Vgl. Jürgen Scheffran/Wolfgang R. Vogt (Hrsg.), Kampf um die Natur. Umweltzerstörung und die Lösung ökologischer Konflikte, Darmstadt 1998.
7.
Vgl. Christoph Görg, Gesellschaftliche Naturverhältnisse, Münster 1999; Karl Werner Brand (Hrsg.), Soziologie und Natur. Theoretische Perspektiven, Opladen 1998; Bernd Hamm, Struktur moderner Gesellschaften (Ökologische Soziologie 1), Opladen 1996.
8.
Vgl. Ludger Honnefelder, Welche Natur sollen wir schützen?, in: Gaia, 2 (1993), S. 253-264.