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26.5.2002 | Von:
Joachim Detjen

Die Demokratiekompetenz der Bürger

Herausforderung für die politische Bildung

V. Der Bürger im Sog des politischen und gesellschaftlichen Wandels

Offenbar wird der akademisch geprägte Republikanismus der Wirklichkeit nicht gerecht. Damit sehen sich der politische Liberalismus und die repräsentative Demokratie mit ihren sehr gemäßigten Erwartungen an Rationalität und Partizipation des Bürgers bestätigt. Das dies so ist, scheint auf einem Theoriefehler zu beruhen, nämlich auf der falschen anthropologischen Annahme, dass der Mensch im Prinzip ein partizipationswilliger, gemeinsinnorientierter und rationaler Citoyen sei. Falls die These vom Theoriefehler zutrifft, wäre dies gleichbedeutend mit einem prinzipiellen Scheitern der republikanischen Hoffnung. Denkbar ist aber auch, dass die Schwierigkeiten des Republikanismus nicht hierauf zurückzuführen sind, sondern auf Wandlungsprozesse in Politik und Gesellschaft. In diesem Falle wären Aussichten auf Abhilfe eröffnet.

In der Tat spricht manches dafür, dass die politische Apathie vieler Bürger Ausdruck der Komplexität gesellschaftlicher Problemlagen ist, die zu durchschauen ein sehr hohes Maß an Kenntnis und Urteilsvermögen verlangt. Gleichzeitig ist - systemtheoretisch formuliert - der Grad an funktionaler Differenzierung des politischen Systems so hoch und die nicht spezialisierte Problemlösungsfähigkeit des Bürgers dem so wenig angemessen, dass der Einzelne aus Einsicht in seine Begrenztheit ein politisches Engagement unterlässt.

Entscheidende Aufmerksamkeit verdient der von der empirischen Sozialforschung für die letzten Jahrzehnte festgestellte Wandel der Wertorientierungen in der Bevölkerung. Es spricht viel dafür, hierin eine bestimmende Ursache für positive wie negative politische Grundeinstellungen und Verhaltensweisen zu sehen. Das Fazit der Untersuchungen der Forschungsgruppe um Helmut Klages lautet, dass generell ein Bedeutungsverlust so genannter Pflicht- und Akzeptanzwerte zugunsten von Selbstentfaltungswerten eingetreten sei. Die Menschen kombinierten die Werte aber unterschiedlich. Je nach vorgenommener Synthese entstünden mehrere Persönlichkeitstypen und werde politische Handlungsbereitschaft entweder gefördert oder erschwert bzw. verhindert. Es leuchtet ein, dass der Wertewandel Einfluss auf die Chancen der Vermittlung von Demokratiekompetenz hat.

Aus der Fülle der Daten kristallisieren sich nach Auffassung der Wertewandelforschung vier Persönlichkeitstypen heraus. Sie werden von Klages identifiziert als ordnungsliebender Konventionalist, als nonkonformer Idealist, als hedonistischer Materialist und als aktiver Realist. Die Typen unterscheiden sich deutlich in ihrer Eignung für die Übernahme der Bürgerrolle:

Der Konventionalist, der auch als Traditionalist bezeichnet werden kann, zeigt eine hohe Pflicht- und Akzeptanzbereitschaft in Verbindung mit einem gering ausgeprägten Bedürfnis nach Selbstentfaltung und aktivem Engagement. Partizipationsbereitschaft ist von diesem Typus kaum zu erwarten.

Als Autozentriker ist der Idealist der Gegentypus zum Konventionalisten. Bei ihm haben die Pflicht- und Akzeptanzwerte stark an Gewicht verloren. Eindeutig ausgeprägt sind dafür die individualistischen und idealistischen Selbstentfaltungswerte. Partizipationsbereitschaft in dieser Hinsicht ist von diesem Typus ohne Frage zu erwarten. Nur mit Vorbehalten wird man ihm jedoch zutrauen, dass er Verständnis für die "Zumutungen der Demokratie" zeigt wie Gesetzesgehorsam und Pflichtenübernahme zum Schutze des Gemeinwesens.

Der Materialist ist stark am Lebensgenuss interessiert. Das Interesse an den allgemeinen Problemen von Gesellschaft und Politik ist demgegenüber unterentwickelt. Der hedonistische Teil der Selbstentfaltungswerte bestimmt Haltung und Einstellung dieses Persönlichkeitstypus. Von den Pflicht- und Akzeptanzwerten werden nur bestimmte Segmente wie Ordnung und Gehorsam praktiziert. Dieser Typus neigt sowohl zur politischen Passivität als auch zu einem engen Horizont dessen, was seine politische Aufmerksamkeit erfährt. Er tritt der Politik aber mit einer hohen Erwartungshaltung gegenüber, was die Erbringung von materiellen Leistungen betrifft. Es bedarf keiner großen Phantasie, sich vorzustellen, dass dies leicht in Enttäuschung und Abwendung vom Gemeinwesen umschlagen kann, wenn vermeintliche Ansprüche nicht befriedigt werden.

Der Persönlichkeitstyp des aktiven Realisten weist gleichermaßen hoch ausgeprägte Pflicht- und Akzeptanzwerte wie Selbstentfaltungswerte auf. Er ist ein die Institutionen und Regeln des Gemeinwesens respektierender, die Notwendigkeit von Leistungsbereitschaft und Selbstdisziplin einsehender, von einem lebhaften Interesse am Gemeinwohl geleiteter und hier auch zum kritischen Engagement bereiter, auf die Verteidigung seiner Rechte und Interessen in der Auseinandersetzung mit Ämtern und Behörden achtender und bei alledem auch auf Autonomie und Selbstentfaltung bedachter Mensch aus der Mitte der Gesellschaft. Bei diesem Typus kommt eine Wertsynthese zum Tragen, die dem demokratischen Verfassungsstaat offenkundig besonders gut entspricht. Nach Klages scheinen wir daher "in diesem Typus eine Annäherung an den oft vergeblich gesuchten, ideal verfassten Menschen der Moderne vor uns zu haben, der deren gewaltige Herausforderungen und Möglichkeiten ohne substantielle Abstriche anzunehmen vermag" [22] .

Der Wertewandel hat - neben anderem - also offensichtlich einen Persönlichkeitstypus hervorgebracht, der unter dem Gesichtspunkt der Demokratiekompetenz immer schon gesucht wurde. Denn der aktive Realist scheint eine Verkörperung des Aufklärungsideals des mündigen Bürgers sowie der republikanischen Idee des gemeinsinnorientierten Citoyens zu sein. Vor zu viel Optimusmus muss dennoch gewarnt werden. Hinzuweisen ist erstens darauf, dass der aktive Realist nur bei einem knappen Drittel der Bevölkerung anzutreffen ist, folglich zwei von drei Personen eine andere Wertkombination bevorzugen. Ferner ist darauf aufmerksam zu machen, dass er vielleicht ein mündiger, bei näherer Betrachtung aber eher ein schwieriger Bürger ist.

Zwar unterstützt dieser Bürger generell das Leitbild der Demokratie, denkt dabei aber in erster Linie an die zum Demokratieversprechen gehörenden Ideen der Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums. Vor allem aber will er sich als individuelle Persönlichkeit anerkannt sehen und diese intensiv ausleben. Er neigt zur Ablehnung formaler Autorität und zu einer Haltung, Pflichten nur dann zu akzeptieren, wenn sie ihn persönlich motivieren. Im herkömmlichen Sinne moralisch begründete Handlungsverpflichtungen verfallen eher der Ablehnung. Die Bereitschaft, sich mit transpersonalen sozialen Gebilden und Institutionen wie der Kirche oder dem Staat zu identifizieren, ist stark gemindert. Das bedeutet, dass die Werte der etablierten Institutionenwelt des demokratischen Verfassungsstaates nur unter Vorbehalt anerkannt werden.

Das vergleichsweise große politische Interesse des hier beschriebenen Bürgers hat mit dem "heroischen Interesse" am Allgemeinen, das dem Republikanismus vorschwebt, wenig zu tun. Denn die Politik wird vor allem analysiert und bewertet nach ihren Leistungen, wobei das Bewertungskriterium hierfür die individuelle Nutzenmaximierung ist. Wenn dieser Bürger bereit ist, sich an der Politik zu beteiligen, so denkt er weniger an eine auf Dauer angelegte Mitgliedschaft in Organisationen als vielmehr daran, zu Dingen, die ihn persönlich angehen, seine Meinung einzubringen. Dabei achtet er darauf, dass er sein Engagement jederzeit aus eigenem Entschluss zurücknehmen kann. [23] .

Fußnoten

22.
Helmut Klages, Die Realität des Wertewandels. Ein Plädoyer für den faktenorientierten Blick, in: Ansgar Klein (Hrsg.), Grundwerte in der Demokratie, Bonn 1995, S. 84 f.
23.
Vgl. Helmut Klages, Häutungen der Demokratie, Zürich 1993, S. 52 ff.; ders., Der "schwierige Bürger" - Bedrohung oder Zukunftspersonal?, in: Werner Weidenfeld (Hrsg.), Demokratie am Wendepunkt. Die demokratische Frage als Projekt des 21. Jahrhunderts, Berlin 1996, S. 244 ff.