APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Joachim Detjen

Die Demokratiekompetenz der Bürger

Herausforderung für die politische Bildung

VI. Interventionsfähigkeit als Kern der Bürgerkompetenz

Die empirischen Befunde zeigen hinreichend deutlich, dass das Bürgerengagement nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ zu wünschen übrig lässt. Die - relativ - wenigen aktiven Realisten sind nicht mit selbstlosen Citoyens zu verwechseln. Von einem dem demokratischen Verfassungsstaat angemessenen bürgerschaftlichen Ethos kann bei Konventionalisten, Idealisten und Materialisten noch viel weniger die Rede sein. Gilt es nun, sich hiermit abzufinden, oder sieht die Politikwissenschaft Möglichkeiten zur Verbesserung der Lage?

Zunächst sollte in nüchternem Realismus zur Kenntnis genommen werden, dass die Demokratie den politischen Aktivbürger, der sich ständig um die Angelegenheiten der Res publica kümmert, nicht als Regelfall annehmen kann. Selbst in den über eine lange Demokratietradition verfügenden Vereinigten Staaten genügen die meisten Bürger nicht den hehren Ansprüchen republikanischen Verhaltens. Dort unterscheidet man den "öffentlichen Bürger" (public citizen) vom "privaten Bürger" (private citizen) und beide vom "perfekten Privatier" (perfect privatist). Ersterer ist identisch mit dem republikanischen Citoyen, letzterer ist nichts anderes als der an Politik nicht Interessierte. Die Mehrzahl der Amerikaner sieht sich nicht ständig in einer Pflicht zu Aktivitäten dem Gemeinwesen gegenüber. Sie wollen aber ihre Bürgerrechte gewahrt wissen und zeigen ein Interesse an dem Gemeinwesen, dem sie angehören. Sie lesen Zeitung, verfolgen im Fernsehen die Ereignisse, gehen wählen und sind Mitglied in der einen oder anderen Freiwilligenorganisation. Mehr Engagement einzubringen, sind die meisten jedoch nicht bereit. Das aber heißt, dass die Figur des privaten Bürgers - im Grunde eine Minderform des aktiven Realisten - vorherrscht [24] .

Geht man von diesen Gegebenheiten aus, dann müsste es schon ein Gewinn für die Demokratie sein, wenn viele Bürger über die Tugend der Interventionsfähigkeit verfügten. Diese Tugend verlangt kein politisches Dauerengagement, erlaubt vielmehr eine die privaten Dinge in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellende Lebensweise. Sie enthält aber die Kompetenz, sich in das politische Geschehen wirkungsvoll einmischen zu können, wo es geboten erscheint. Dies impliziert die Fähigkeit, beurteilen zu können, wann die Einmischung nötig wird und wie sie wirksam werden kann. Die Tugend der Interventionsfähigkeit ermöglicht die Identifikation mit dem Gemeinwesen allein durch das Bewusstsein, nach eigener Entscheidung in das politische Leben eingreifen zu können [25] .

Bezogen auf die aus dem Wertewandel hervorgegangenen Persönlichkeitstypen kann vermutet werden, dass nicht nur der aktive Realist, sondern auch der nonkonforme Idealist eine Disposition zur Interventionsfähigkeit aufweist. Chancen für die Vermittlung und Verankerung dieser Bürgerkompetenz bei nicht wenigen Menschen sind also durchaus gegeben. Es liegt nahe, der politischen Bildung hier ein bedeutsames Aufgabenfeld zuzuweisen.

Fußnoten

24.
Vgl. Wolf Rainer Wendt, Bürgerschaft und zivile Gesellschaft. Ihr Herkommen und ihre Perspektiven, in: ders. (Hrsg.), Zivilgesellschaft und soziales Handeln. Bürgerschaftliches Engagement in eigenen und gemeinschaftlichen Belangen, Freiburg i. Br. 1996, S. 52.
25.
Vgl. Thomas Meyer, Die Transformation des Politischen, Frankfurt am Main 1994, S. 263 ff.