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26.5.2002 | Von:
Joachim Detjen

Die Demokratiekompetenz der Bürger

Herausforderung für die politische Bildung

VII. Der Beitrag der politischen Bildung zur Förderung der Demokratiekompetenz

Wenn die politische Bildung aus den Ergebnissen sozialwissenschaftlicher Empirie und politikwissenschaftlicher Reflexion über den Bürger eine Lehre ziehen kann, dann ist es die, Bescheidenheit hinsichtlich dessen zu zeigen, was die Bildungsbemühung bewirken kann. Der gemeinwesenorientierte Citoyen ist selten anzutreffen, obwohl doch alle Bürger, wenn auch unterschiedlich stark, in der Regel in ihrer Schulzeit politische Bildung erfahren haben. Man kann sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, als hätten sich die eingangs vorgestellten Konzeptionen nicht von dieser Bescheidenheit leiten lassen, sondern seien der schönen Idee des republikanischen Aktivbürgers gefolgt. Der politischen Bildung ist zu empfehlen, auf die Erkenntnisse der empirischen Sozialforschung zurückzugreifen. Die von der Wertewandelforschung ermittelten Persönlichkeitstypen lassen sich unter dem Blickwinkel ihres politischen Engagements mit einer gewissen Interpretationsfreiheit in folgende - aufsteigende - Ordnung bringen. Diese besteht aus

1. Desinteressierten,

2. reflektierten Zuschauern,

3. interventionsfähigen Bürgern und

4. Aktivbürgern.

Daraus ergibt sich ein wesentlich differenzierteres Bild über das Publikum wie auch über die Wirkungschancen der politischen Bildung.

Die Desinteressierten kann man auch als die perfekten Privatiers bezeichnen. Ihnen sind vermutlich viele ordnungsliebende Konventionalisten und die hedonistischen Materialisten zuzurechnen. Diese zahlenmäßig nicht unerhebliche Bevölkerungsgruppe nimmt für sich das Recht in Anspruch, sich um Politik nicht zu kümmern und von ihr in Ruhe gelassen zu werden.

Die reflektierten Zuschauer oder privaten Bürger setzen sich - mit Ausnahme der hedonistischen Materialisten - aus allen Persönlichkeitstypen zusammen. Diese große Gruppe mischt sich zwar nicht in die Politik ein, nimmt aber Kenntnis von den politischen Abläufen und spricht im jeweiligen persönlichen Umfeld über Politik. Sie geht zur Wahl und beteiligt sich an Abstimmungen.

Die interventionsfähigen Bürger, die auch als öffentliche Bürger bezeichnet werden könnten, setzen sich aus aktiven Realisten und nonkonformen Idealisten zusammen. Diese Gruppe zeigt zwar kein dauerhaftes politisches Engagement, ist aber fähig und bereit, je nach Situation aktiv in die Politik einzugreifen.

Die Aktivbürger können als eine Steigerungsform der öffentlichen Bürger begriffen werden. Das Politische nimmt in dieser zahlenmäßig kleinen Gruppe einen sehr hohen Stellenwert ein. Die Angehörigen dieser Gruppe haben sich zur Mitgliedschaft und zur Mitarbeit in Parteien, Interessenverbänden oder ideellen Vereinigungen entschlossen. Aus dieser Gruppe rekrutiert sich auch das politische Führungspersonal eines Gemeinwesens.

Die politische Bildung ist gut beraten, bei ihrer Zieldefinition auf diese vier Gruppen Rücksicht zu nehmen. So sollte sie den reflektierten Zuschauer als ihr Minimalziel ansehen. Als anspruchsvolleres, aber wohl doch realistisches Regelziel sollte sie den interventionsfähigen Bürger betrachten. Den Aktivbürger sollte sie keinesfalls aus den Augen verlieren, ihn sogar als Maximalziel ihrer Arbeit betrachten, aber nicht vergessen, dass nur die wenigsten diesen Grad an Bürgerschaftlichkeit erreichen. Die Desinteressierten schließlich bilden eine ständige Herausforderung für die Bildungsbemühung. Ihre Zahl zu verringern und aus Desinteressierten wenigstens im Ansatz reflektierte Zuschauer zu machen, ist der politischen Bildung dauerhaft aufgegeben. Sie darf sich nicht entmutigen lassen, wenn ihre Erfolge auf diesem Feld nur sehr bescheiden sind.

Gegen das Minimalziel des reflektierten Zuschauers könnte kritisch eingewendet werden, dass hier zu wenig verlangt werde. Dagegen ist aber zu sagen, dass dieses Ziel prominente Fürsprecher wie Theodor Eschenburg und Wilhelm Hennis hat. Sie weisen darauf hin, dass es nicht Aufgabe der schulischen politischen Bildung sein könne, Politiker heranzuziehen, und dass sie schon Großes leiste, wenn sie Zeitungsleser mit kritischem Verstand hervorbringe [26] .

Hennis vergleicht den Bürger mit dem Zuschauer eines Fußballspiels: Wie Letzterer müsse der Bürger soviel Wissen von den Zusammenhängen des politischen Lebens besitzen, dass er die Welt nicht als eine fremde, seiner Einsicht entzogene betrachte. Der Sinn des in der politischen Bildung vermittelten Wissens liege nicht in der Bereitstellung von Techniken des Regierens, sondern in der Ermöglichung sachangemessenen Urteilens. Denn der Einzelne erweise sich als Bürger vor allem in der Art, wie er über Politik denke und spreche. Dem sachangemessenen Denken müsse politische Bildung ihre besondere Aufmerksamkeit schenken [27] .

Für die Praxis der politischen Bildung bedeutet die - an sich bescheidene - Zielmarke des reflektierten Zuschauers schon eine erhebliche Herausforderung. Denn das Interesse für Politik kann nicht einfach vorausgesetzt, es muss vielmehr erst hervorgerufen werden. Dann muss die Bereitschaft, sich mit Hilfe von Medien zu informieren, geweckt und die Fertigkeit dazu geübt werden. Es ist klar, dass hierzu auch die Fähigkeit zur kritischen Medienanalyse gehört. Weiterhin bedarf der reflektierte Zuschauer natürlich eines gesicherten Grundwissens über Institutionen und Verfahrensweisen. Am anspruchsvollsten ist die Vermittlung politischer Analyse- und Urteilskriterien. Diese setzen nämlich ein nicht geringes Abstrahierungs- und Transfervermögen voraus, was wiederum nur mittels erheblicher kognitiver Anstrengungsbereitschaft zu erlangen ist. Auf jeden Fall gehört zur Demokratiekompetenz des reflektierten Zuschauers die Fähigkeit, politische Vorgänge selbständig zu untersuchen und normativ zu beurteilen.

Das eigentliche Ziel der politischen Bildung ist jedoch der interventionsfähige Bürger. Über die Kenntnisse und Fähigkeiten des reflektierten Zuschauers hinaus muss dieser über Qualifikationen verfügen, gegebenenfalls auf verschiedenen politischen Handlungsfeldern agieren zu können. Hierzu zählen einmal bestimmte schriftliche und gestalterische Fertigkeiten, wie die Formulierung eines Leserbriefes, das Abfassen einer Beschwerde oder gar einer Petition, die Gestaltung eines Flugblattes oder eines Plakates. Dann gehören dazu organisatorische Fähigkeiten, wie das Werben von Gleichgesinnten für eine politische Intervention, das Gründen einer Organisation, die Durchführung einer Versammlung oder Kundgebung. Eine gewisse Nähe mancher dieser Aktivitäten zum politischen Protest ist nicht zu bestreiten, eine Intervention muss allerdings nicht notwendig Protest sein. So gehört zur Interventionsfähigkeit beispielsweise auch die Bereitschaft, sich an Formen der Bürgermitwirkung auf kommunaler Ebene zu beteiligen [28] .

Der Aktivbürger als Maximalziel verlangt keine eigens auf ihn abgestimmten Bildungs- und Erziehungsbemühungen. Man darf annehmen, dass die Bereitschaft zur Aktivbürgerschaft von der betreffenden Person selbst ausgeht. Denkbar und wünschenswert ist, dass diese Bereitschaft durch eine gelungene politische Bildung angestoßen oder verstärkt wird. Denn es gehört zum Selbstverständnis politischer Bildung, unter strenger Wahrung parteipolitischer Äquidistanz und ständiger Betonung der Respektierung des Rechts zur politischen Aktivität zu ermuntern.

Man tut gut daran, die Möglichkeiten und Wirkungen der politischen Bildung nicht zu überschätzen. Das gilt allein schon deshalb, weil sie ihre Erfolge nicht nachweisen kann. Dennoch bleibt die Hoffnung auf sie eine wesentliche Quelle des Glaubens an die Zukunft der Demokratie. "Noch nie war die Demokratie ein Selbstläufer. Niemand wird als Demokrat geboren. Demokratie ist keine Vollkaskoversicherung ohne Selbstbeteiligung." [29] Ausdruck dieser Selbstbeteiligung sind demokratiekompetente Bürger - seien sie nun reflektierte Zuschauer, interventionsfähige Bürger oder gar Aktivbürger. Die ihnen jeweils entsprechende Demokratiekompetenz zu vermitteln, ist klassische Aufgabe politischer Bildung - eine Aufgabe, die ihr niemand abnehmen kann.

Fußnoten

26.
Vgl. Theodor Eschenburg, Der mündige Bürger fällt nicht vom Himmel. Die Anfänge der Politikwissenschaft und des Schulfaches Politik in Deutschland nach 1945, in: Der Bürger im Staat, 36 (1986) 3, S. 243.
27.
Vgl. Wilhelm Hennis, Politik als praktische Wissenschaft. Aufsätze zur politischen Theorie und Regierungslehre, München 1968, S. 209 f., 222.
28.
Vgl. zum Repertoire des interventionsfähigen Bürgers Paul Ackermann, Bürgerhandbuch. Basisinformationen und 57 Tips zum Tun, Schwalbach/Ts. 1998, S. 37, 72 ff., 158 ff., 196 ff.
29.
Siegfried Schiele, Politische Bildung in schwierigen Zeiten, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 47/96, S. 3.