Karikatur im Kladderadatsch 1867
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Warum wählen wir? Zur Etablierung und Attraktivität von Massenwahlen


13.9.2017
Warum wählen wir eigentlich? Warum ist die Legitimation politischer Herrschaft seit Beginn des 20. Jahrhunderts kaum noch ohne Massenbeteiligung möglich? Gewöhnlich ist die Antwort rasch zur Hand: Wahlen ermöglichen den Menschen Autonomie, Selbstbestimmung und Freiheit, denn sie bieten ein gleiches, allgemeines, direktes und freies Mitspracherecht. Daher haben sich Männer und Frauen dieses Recht im Laufe der Jahrhunderte gegen die politischen Autoritäten erkämpft. An der Spitze der Entwicklungen standen Frankreich und die USA, während Deutschland mit seiner Demokratieunfähigkeit eher auf den Abgrund undemokratischer Entwicklungen verweist. Bis heute haben sich Frauen und Männer immer wieder diese Freiheit angeeignet, Demokratien errichtet und damit vielerorts Gleichheit und Gerechtigkeit durchgesetzt.

Diese Geschichten sind populär, und sie werden vielfach von der Forschung aufgegriffen.[1] Doch wollten die Menschen tatsächlich seit jeher wählen? Und warum entwickelte sich ausgerechnet das Verfahren der Massenwahlen, dessen Technik durch seine Manipulations- und Korruptionsanfälligkeit besonders viele Fallstricke birgt? Heute kann eine beträchtliche Anzahl an Bürgerinnen und Bürgern über das Internet auch von außerhalb des Landes in ihrer Wahlentscheidung beeinflusst werden, wie es bei der jüngsten Präsidentschaftswahl in den USA der Fall gewesen sein soll, und ein närrischer Wahlkampf mit faktenfreien Argumenten vermag wie in Großbritannien eine Mehrheit vom Brexit zu überzeugen, den alle Informierten für eine Katastrophe halten. In manchen Demokratien begründet zudem erst ein finanzielles Vermögen die Chance, einen Wahlkampf zu führen und die Wählermassen für sich zu gewinnen. Massenpartizipation scheint damit den Versprechen der Moderne – Rationalität, Gleichheit und individuelle Autonomie – nicht besonders förderlich zu sein.

Wählen bedeutet aber auch deswegen ein gerüttelt Maß an Unfreiheit, weil sich alle dem Mehrheitsentscheid beugen müssen. Würde nicht das Losverfahren für mehr Gleichheit und Gerechtigkeit sorgen?[2] Wäre eine Art Räterepublik, in der die Bürger in kleineren Einheiten vor Ort die Dinge autonom regeln, nicht zielführender? Warum also konnte sich der Brauch der Massenwahlen etablieren, und warum hat er sich bis heute gehalten?

Um eine Antwort zu finden, soll jener Zeitraum untersucht werden, in dem sich moderne Massenwahlen entwickelt haben: das 19. Jahrhundert. Der Fokus liegt dabei auf den USA und Deutschland, da die beiden Länder immer wieder als Gegenpole dessen verstanden werden, was Wahlen bedeuten konnten. Die USA im 19. Jahrhundert gelten schon als Demokratie, während Historikerinnen und Historiker Wahlen in Preußen und im Deutschen Reich oft als besonders defizitäre, vernachlässigungswürdige Institution abgetan haben.

Beginn moderner Wahlen – Desinteresse der Bürger



Am Wahltag suchten die Bürger das Weite. Ein Berliner Stadtverordneter notierte, dass "von den stimmfähigen Bürgern des Bezirks kaum die Hälfte erscheint und diese kleine Zahl zeigt sich noch so erschlafft und so lässig". Er berichtete von der "Trostlosigkeit des ganzen Actus", und mit "derselben, schrecklichen Ruhe geht man nach Hause, um an die ganze Geschichte nicht mehr zu denken, froh, dass sie nur alle drei Jahre wiederkehrt".[3] Dabei gab es eine Wahlpflicht und ein dezidiertes Interesse der Obrigkeit, die vor den Wahlen mit Zeitungsaufrufen und Plakaten an den Mauern das Volk zur Teilnahme drängte. Doch in der Regel blieb ein Drittel bis die Hälfte der Wahlberechtigten den Wahlen fern.[4] Die liberale "Vossische Zeitung" mahnte, "den Geist" der Städteordnung zu würdigen, und kritisierte es, wenn "so Vielen es ein unerhörtes Opfer dünkt, im Laufe von drei Jahren für die Kommune einige Stunden ihre Bequemlichkeit zu entbehren!"[5]

Dabei hatte Preußen mit seiner Städteordnung von 1808 ein bemerkenswert modernes Wahlrecht. Gebildete Reformeliten aus Bürgertum und Adel, die sich um das Engagement der Bürger sorgten, hatten sich dafür eingesetzt. Die Besitzanforderungen für das Wahlrecht lagen für die damalige Zeit recht niedrig, sodass in ganz Preußen rund zehn Prozent der Stadtbevölkerung das Wahlrecht besaß, was 2,8 Prozent der Gesamtbevölkerung entsprach.[6] Die Städteordnung definierte alle Bürger vor dem Staat als gleich.[7] Gegen das "nach Klassen und Zünften sich theilende Interesse" setzten die Reformeliten den Gemeinsinn der Nation. Nicht Religion (auch Juden durften wählen), nicht Geburt (Adel zählte nicht) und nicht Zünfte bildeten das Objekt der Regierungspraxis, sondern das Individuum. Doch selbst die weitreichenden Kompetenzen, die den Gewählten übertragen wurden, konnten die Bürger nicht zur Beteiligung motivieren.

Frei nach Hegel. Karrikatur aus der Zeitschrift Kladderadatsch vom 13.01.1867.Ein bisschen ulkig fand der Zeichner die disziplinierten Wahlen in Deutschland schon. Doch die Karikatur zeigt auch den Stolz der Deutschen auf ihr progressives Wahlrecht. Sie sahen sich als Speerspitze moderner Regierungspraxis. Quelle: Kladderadatsch, 13. 1. 1867, Universitätsbibliothek Heidelberg.
Das war verständlich, denn die Wahl zog sich furchtbar in die Länge. Die Wahlversammlungen fanden in den Kirchen statt, gerahmt von einem feierlichen Gottesdienst. Nach einer Predigt, frommen Liedern, dem Verlesen der Wahlberechtigten und der Aufstellung der Bewerber für das Amt konnte die Wahl beginnen: Für jeden Kandidaten durchlief jeweils eine Urne die Reihen; stimmte der Wähler zu, warf er eine weiße Kugel hinein, lehnte er den Kandidaten ab, eine schwarze. Mit dieser aufwendigen Ballotage gehört das preußische Städtewahlrecht zu den wenigen bekannten Wahlordnungen im frühen 19. Jahrhundert, die eine geheime Abstimmung exekutierten. Manchmal zog sich der Wahlvorgang bis in den nächsten Tag hinein. Die Bürger mochten die Veranstaltung nicht, sie forderten kürzere Predigten und neutralere Lieder, dass Juden und Andersdenkende nicht verprellt würden; ganz allgemein war ihnen schlicht die Zeit zu schade – sie hatten Besseres zu tun.[8]

Nicht nur in Preußen bemühte sich die Obrigkeit, die Bürgerschaft zum Wahlgang zu bewegen. In Baden besaßen mit der Verfassung von 1818 beachtliche 17 Prozent aller Einwohner das Wahlrecht, in Württemberg seit der Verfassungsgebung von 1819 etwa 14 Prozent – und auch hier regte sich wenig Sinn für bürgerliche Mitbestimmung.[9] Die Teilnahme sank häufig auf unter 50 Prozent.[10] "Ach! schon wieder wählen", spottete der "Stuttgarter Beobachter" 1844 über die Wahl-Unlust der Schwaben: "Sich für nichts und aber nichts,/nur für Andere quälen!/Einen ganzen Tag sich ab/An der Arbeit stehlen!/Wär’s entleidet doch den Herrn,/Stimmen abzuzählen!"[11]

Die Wahlunlust war keine deutsche Sonderlichkeit. In Frankreich klagten die Behörden 1813 nach einer Wahlbeteiligung von fünf Prozent, dass es der Bevölkerung wahrscheinlich gleichgültig wäre, wenn man ihnen das Wahlrecht entzöge.[12] Dänemark führte 1837 aufgrund der geringen Beteiligung die Wahlpflicht ein.[13] Auch in den USA waren Wahlen eine Angelegenheit, die vor allem progressiven Gebildeten am Herzen lag. Und dabei galt für die amerikanischen Eliten ebenso wie in Europa die Gleichheitsidee zunächst den besitzenden, selbstständigen Bürgern, nicht den armen.[14] Zwar fanden sich beträchtliche Unterschiede in den amerikanischen Einzelstaaten, doch gab es meist einen Zensus und oft die Anforderung des Landbesitzes.[15]

Bei den US-Präsidentschaftswahlen von 1.800 besaßen 3,5 Prozent der Gesamtbevölkerung das Wahlrecht, und davon gingen nur 62.000 Männer wählen, weniger als ein Drittel der Wahlberechtigten.[16] Bis 1830 stieg der Anteil der Wahlberechtigten auf acht Prozent. Wenige reiche, meist protestantische, weiße Männer machten bis ins zweite Drittel des Jahrhunderts das Wahlgeschehen unter sich aus, und entsprechend honorig verlief der Wahlakt: "Alle Wähler müssen sich zunächst setzen, wer aufgerufen wird, muss sich erheben und seinen Hut abnehmen, bis seine Stimme notiert ist, dann muss er sich wieder auf seinen Stuhl setzen und sein Haupt bedecken", schrieb eine Wahlregulierung von 1820 vor.[17] Wenig erstaunlich, dass das Prozedere auch den Amerikanern nicht attraktiv erschien und sie es ebenfalls häufig vorzogen, den Wahlen fern zu bleiben.

Wahlurne mit Ja- und Nein-Kugeln für eine Ballotage aus den Beständen des American Institute of The City of New York, ca. 1850.
Foto: Hedwig RichterWahlurne mit Ja- und Nein-Kugeln für eine Ballotage aus den Beständen des American Institute of The City of New York, ca. 1850. Foto: Hedwig Richter (© Hedwig Richter)

Der Prozentsatz an Wahlberechtigten lag auf der ganzen Welt jedoch nicht nur wegen der Eigentumsqualifikationen so tief, sondern auch, weil Frauen, Minderjährige und Minderheiten wie Sklaven, native Americans oder Latinos kein Wahlrecht besaßen. Zudem zählte die ländliche Bevölkerung, die häufig abgeschottet lebte und an die politischen Diskurse kaum Anschluss haben konnte, in der Regel nicht zu den politischen Akteuren.[18] Zwar glaubten die Amerikaner und viele gebildete Europäer daran, dass die USA eine Ausnahme bildeten und der Hafen der Freiheit seien, und von der Fundierung der amerikanischen Staatsmacht auf gewählten Parlamenten konnten Demokraten auf dem europäischen Festland nur träumen. Doch für einen amerikanischen Bauer spielte die Tatsache, dass es in der Hauptstadt ein Parlament gab, kaum eine Rolle. Und einem aus Pommern in die Südstaaten ausgewanderten Farmer mochte der Unterschied zwischen einem Plantagenbesitzer der neuen und einem Junker der alten Heimat nicht unmittelbar einleuchten.

Offensichtlich bedeutete das Wahlrecht für einen Großteil der Menschen nicht ein mit Leidenschaft erkämpftes Recht. Vielmehr erweisen sich Wahlen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts häufig als ein hoheitliches Projekt, dem sich die Bürger mit wenig Elan fügten – oder auch zu entziehen trachteten.


Fußnoten

1.
Beispielhaft dafür Alexander Keyssar, The Right to Vote. The Contested History of Democracy in the United States, New York 2000; Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, München 2009.
2.
Zu den Alternativen vgl. Hubertus Buchstein, Lostrommel und Wahlurne. Losverfahren in der parlamentarischen Demokratie, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 2/2013, S. 384–404.
3.
Heinrich Runge, Mein Glaubensbekenntnis, Berlin 1844, S. 5.
4.
Vgl. Bericht der Stadtverordnetenversammlung an den Magistrat, 3.7.1817, Rep. 000-02-01, Nr. 185, Bd. 4, Bl. 19f., Landesarchiv Berlin.
5.
"Städtische Angelegenheiten", in: Vossische Zeitung, 12.6.1841, A Rep. 001-02, Nr. 2588, Landesarchiv Berlin.
6.
Vgl. Hedwig Richter, Moderne Wahlen. Eine Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA im 19. Jahrhundert, Hamburg 2017, S. 39.
7.
Die Städteordnung ist nachzulesen im Online-Portal Westfälische Geschichte: http://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=721&url_tabelle=tab_websegmente«.
8.
Ausführlich dazu Richter (Anm. 6), S. 45–51.
9.
Vgl. Paul Nolte, Gemeindebürgertum und Liberalismus in Baden 1800–1850. Tradition – Radikalismus – Republik, Göttingen 1994, S. 122; Hartwig Brandt, Die deutschen Staaten der ersten Konstitutionalisierungswelle, in: Werner Daum et al. (Hrsg.), Handbuch der europäischen Verfassungsgeschichte im 19. Jahrhundert. Institutionen und Rechtspraxis im gesellschaftlichen Wandel, Bd. 2, 1815–1847, Bonn 2012, S. 823–877, hier S. 831, S. 837–840; Hans-Peter Becht, Wahlen, Wahlkämpfe und "politische Öffentlichkeit" als Auslöser und Indikatoren politischen Wandels in Baden, 1818–1871, in: Gerhard A. Ritter (Hrsg.), Wahlen und Wahlkämpfe in Deutschland. Von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis zur Bundesrepublik, Düsseldorf 1997, S. 17–62, hier S. 18; Hartwig Brandt, Der lange Weg in die demokratische Moderne. Deutsche Verfassungsgeschichte von 1800 bis 1945, Darmstadt 1998, S. 84; Das Königliche Oberamt Urach an das Schulheißten-Amt, 28.6.1842, E 7, Bü 97, Hauptstaatsarchiv Stuttgart.
10.
Vgl. Manfred Hettling, Reform ohne Revolution. Bürgertum, Bürokratie und kommunale Selbstverwaltung in Württemberg von 1800 bis 1850, Göttingen 1990, S. 132.
11.
Zit. nach Wolfgang von Hippel, "Ach, schon wieder wählen!" Landtagswahlen in Baden und Württemberg zur Zeit des Biedermeier, in: Beiträge zur Landeskunde 1/1986, S. 1–7, hier S. 1; Fredericus von Gottes Gnaden König von Württemberg, Souveräner Herzog in Schwaben und von Teck etc etc etc, 29.1.1815, A 22, Bü 8, Hauptstaatsarchiv Stuttgart.
12.
Vgl. Malcolm Crook, Elections in the French Revolution. An Apprenticeship in Democracy, 1789–1799, Cambridge 1996, S. 190; ders./John Dunne, The First European Elections? Voting and Imperial State-Building under Napoleon, 1802–1813, in: The Historical Journal 3/2014, S. 661–697.
13.
Vgl. Harry Christensen, Die Bereitschaft der Bürger, an politischer Arbeit teilzunehmen, in: Brigitte Meier/Helga Schultz (Hrsg.), Die Wiederkehr des Stadtbürgers. Städtereformen im europäischen Vergleich 1750 bis 1850, Berlin 1994, S. 215–235.
14.
Vgl. Edmund S. Morgan, Inventing the People. The Rise of Popular Souvereignty in England and America, New York 1989; ders., American Slavery, American Freedom. The Ordeal of Colonial Virginia, New York 1975; Gordon S. Wood, The Significance of the Early Republic, in: Journal of the Early Republic 8/1988, S. 1–20, hier S. 16; Robert M. Weir, "The Harmony We Were Famous For". An Interpretation of Pre-Revolutionary South Carolina Politics, in: William and Mary Quarterly 4/1969, S. 474–501.
15.
Vgl. Minutes of the Common Council of the City of New York, 27.1.1803, New York City Municipal Archives.
16.
Vgl. Glenn C. Altschuler/Stuart M. Blumin, Rude Republic. Americans and Their Politics in the Nineteenth Century, Princeton 2000, S. 14.
17.
Zit. nach Ronald P. Formisano, The Transformation of Political Culture. Massachussets Parties, 1790s–1840s, Oxford–New York 1984, S. 143 (eigene Übersetzung).
18.
Vgl. Keyssar (Anm. 1), Table A2 bis Table A4.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Hedwig Richter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.