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26.5.2002 | Von:
Uwe Sander

100 Jahre Jugend in Deutschland

Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert traten viele junge Menschen direkt aus der Kindheit in ein arbeitsbelastetes Erwachsenenalter. Mit dem 20. Jahrhundert begann jedoch das "Jahrhundert der Jugend".

I. Das 20. Jahrhundert als "Jahrhundert der Jugend"

Das 20. Jahrhundert kann man aus unterschiedlichen Gründen als "Jahrhundert der Jugend" bezeichnen. Zum einen konnte sich im 20. Jahrhundert "Jugend" als Lebensphase des Aufwachsens in Deutschland so durchsetzen, dass sie zum allgemeinen biografischen Muster für fast alle Heranwachsenden wurde. Noch im neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert traten viele junge Menschen direkt aus der Kindheit in ein arbeitsbelastetes Erwachsenenalter ein. Nur wenige junge Menschen erlebten den Luxus eines Moratoriums der Jugendzeit, in dem viele Zwänge der Kindheit entfielen, aber das eigene Leben und vor allem die Existenzsicherung noch nicht selbstverantwortlich gestaltet werden musste. Nur Heranwachsenden aus gut situierten Verhältnissen (und dann wiederum noch einmal überwiegend den männlichen Heranwachsenden) war es erlaubt, eine Zeit der (Schul-)Ausbildung ohne Erwerbsarbeit zu verbringen, sich in begrenzten Freiräumen mit Gleichaltrigen zu treffen und ein gemeinsames Jugendleben zu genießen, aber gleichzeitig noch den Schutz und die Unterstützung des Elternhauses haben zu können. Das änderte sich dann im Verlauf des 20. Jahrhunderts mit der steigenden Prosperität ab den fünfziger Jahren rapide. Jetzt waren alle Heranwachsenden "Jugendliche", wenn auch noch immer unterschiedlich lang, mit unterschiedlichen Freiräumen und Möglichkeiten ausgestattet, von materiellen und sozialen Ressourcen abhängig und je nach Geschlecht ungleich behandelt.


Mit dieser Durchsetzung der "Jugend für alle" im zwanzigsten Jahrhundert ging allerdings keine Standardisierung der Jugendzeit als biografisches Muster einher. Die "Jugendzeit" als Lebensphase wechselte im 20. Jahrhundert mehrfach ihre Gestalt, differenzierte sich zudem aus und grenzte sich immer diffuser vom Erwachsenenalter ab, sodass im 20.'Jahrhundert, kaum dass sich die "Jugend" etabliert hatte, schon wieder vom "Ende der Jugend" die Rede war [1] . Diese Entwicklung der Ausbildung und der Ausdifferenzierung der Jugend vollzog sich unter verschiedenen gesellschaftlichen Einflüssen. Dazu zählen etwa Schulreformen mit tendenzieller Angleichung von Lebenschancen und der Verlängerung der Ausbildungszeiten [2] , Wertewandel [3] , Kommerzialisierung und Durchdringung der Lebenswelt mit Medien [4] , politische Umwälzungen und nicht zuletzt auch jugendspezifische Einflüsse.

So entstanden seit Anfang des Jahrhunderts vielerlei Jugendkulturen, mit denen sich Jugendliche von der Erwachsenenwelt absetzten und eigene ästhetische Stile, Lebensmuster und Werte kreierten [5] . Die Vielfalt und das Expandieren dieses jugendkulturellen Lebens können als zweiter Grund dafür aufgeführt werden, das 20. Jahrhundert zum Jahrhundert der Jugend zu erklären. Ihr Einfluss auf die gesamte Sozialkultur Deutschlands wie der gesamten (westlichen) Welt war und ist prägend; Kunst, Mode, Musikrichtungen, Lebensziele und Werte allgemein orientieren sich im 20. Jahrhundert immer stärken an jugendkulturellen Vorgaben, und die Freizeitindustrie sowie der Konsumsektor haben sich darauf eingestellt. Und schließlich lässt sich noch ein dritter Grund anführen, nämlich die Durchsetzung von Jugendlichkeit als universale und normative Sozialkulturvorgabe in Deutschland und allen anderen modernen Gesellschaften. Waren ehemals die Phasen Kindheit und Jugend untergeordnete "Statuspassagen" ins Erwachsenenleben, so erringt die Jugendzeit im 20. Jahrhundert "eigenes Recht" [6] , d. h. einen hohen Eigenwert und eine starke Attraktivität für die Heranwachsenden. Für junge Menschen verliert damit das Erwachsenenalter als Zielwert an Bedeutung; sie wollen möglichst lange Jugendliche bleiben. Und viele Erwachsene, auch wenn sie schon längst nicht mehr als "Postadoleszente" [7] bezeichnet werden können, pflegen weiterhin den Habitus der Jugendlichkeit, indem sie sich modisch-jung geben. Vergleicht man etwa Fotoaufnahmen von 40-Jährigen der letzten 100 Jahre, so sind - jedenfalls in äußerlicher Wahrnehmung - aus ehemals fast schon "alten" Menschen gegen Ende des 20. Jahrhunderts späte Jugendliche geworden [8] .

Diese Vorgänge haben sich auch auf die Beschäftigung mit und die Beachtung der Jugend ausgewirkt. Nie zuvor wurde Jugend so stark thematisiert und erforscht, über Jugend so intensiv diskutiert wie im vergangenen 20. Jahrhundert; und nie zuvor konnte sich aus der Alterspanne Jugend (die außerhalb des klassischen Erwachsenenalters liegt!) eine so universale Idealfigur für fast alle Erwachsenen entwickeln. Langsam beginnend mit dem Anfang des Jahrhunderts setzte nach und nach die "Karriere" von Jugend als eigenständige Lebensphase bzw. Jugendlichkeit als Lebenshaltung ein; bis sich das, was Friedrich Tenbruck schon früher als "Puerilismus der Gesamtkultur" beschrieben hatte [9] , ab den siebziger Jahren bis zum Ende des 20. Jahrhunderts über nationale Grenzen hinweg als normativer Maßstab für ein "gutes" bzw. attraktives Erwachsenenleben durchsetzen konnte. Das Ganze trägt leicht paradoxe Züge, wurden doch die Menschen im 20. Jahrhundert einerseits immer älter (verbunden mit einem steigenden Anteil von Alten in der deutschen Bevölkerung) und suchten sich dennoch immer jugendlichere Idealbilder, an denen sie sich in körperlicher, ästhetischer und kultureller Hinsicht auszurichten bemühten.

Jugend als Begriff und Konzept zeigt also Flexibilität und lässt sich, wie oben angedeutet, sogar auf "junge Alte" übertragen. Auch sonst wurde und wird der Begriff Jugend im alltäglichen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch keinesfalls einheitlich verwendet. Er kann junge Menschen zwischen 13 und 18 bzw. 21 Jahren als Personengruppe meinen, sich also auf eine Zeitspanne der Biografie beziehen, die Jugend genannt wird; Jugend kann ein historisch entstandenes soziales Phänomen bezeichnen [10] oder den jeweiligen Möglichkeitsraum der Entwicklung, den eine Gesellschaft der nachwachsenden Generation von Jugendlichen bietet. Jugend kann als Erziehungsaufgabe, als gesellschaftliches Problem [11] oder auch entwicklungspsychologisch als Reifephase mit spezifischen psychosozialen Entwicklungsaufgaben [12] verstanden werden, und schließlich ist Jugend auch ein juristischer Terminus. In allen Fällen geht es nicht um etwas naturhaft Vorgegebenes. Denn obgleich heute vielen die Jugendphase wie eine Naturkonstante erscheinen mag, ist sie - historisch gesehen - noch relativ jung. Auch das hat die intensivere wissenschaftliche Beschäftigung mit Jugend im 20. Jahrhundert gelehrt: Sogar der historische Rückblick auf das 20. Jahrhundert lässt sowohl geschichtliche Relativität, gesellschaftliche Bedingtheit, aber auch gewisse Konstitutiva eines Gleichaltrigenlebens Heranwachsender erkennen, das wir Jugend nennen. Zu den notwendigen gesellschaftlichen Vorbedingungen einer peerorientierten und kulturell je besonderen Lebensphase Jugend gehören Institutionen wie z. B. die Schule, die als Kristallisationskerne von Gleichaltrigenkulturen wirken [13] ; weiter werden Heranwachsende erst über eine gewisse Freistellung von Arbeit, Familie, Ehe, Verantwortlichkeit und über eine gewissen Autonomie der Lebensführung zu Jugendlichen. Diese Voraussetzungen für Jugendlichkeit und eine im heutigen Sinne charakteristische Jugendphase waren zu Beginn des Jahrhunderts längst nicht für alle jungen Menschen gegeben. Region, Geschlecht und Sozialstatus trennten die Heranwachsenden (eigentlich während der gesamten 100 Jahre) in unterschiedliche Varianten des Jungseins, für die, entsprechend der sozialen und historischen Differenzphänomene, auch unterschiedliche Jugendsemantiken gebraucht wurden.

Diese verschiedenen Jugendsemantiken und gesellschaftlichen Vorstellungen über Jugend durchziehen das gesamte 20. Jahrhundert [14] . Zwar entspricht dabei das unterschiedliche Reden über Jugend in gewisser Weise auch den unterschiedlichen empirischen Jugendphänomenen. Jugendsemantik muss jedoch strukturell vom realen Jugendleben unterschieden werden, sie besitzt einen konstruktiv-virtuellen Charakter, erlangt dann jedoch im Diskurs über die Jugend wiederum Realität. Nach 1900 konnten sich über die vielfältigen Entdeckungen der Jugend durch Politik, Wissenschaft, Konsum, Medien etc. die unterschiedlichsten Jugendsemantiken ausbilden, die jede für sich wiederum Rückwirkungen auf Jugendliche gezeigt hat - pädagogische, sozialpolitische oder rechtliche. Wenn man also die historische Entwicklung der Jugend von 1900 bis 2000 in den Blick nimmt, dann handelt es sich sowohl bei jugendtheoretischen Aufrissen als auch bei empirischen Fakten um Realgeschichte. Die Bilder der Jugend und die konkreten Lebensumstände Jugendlicher haben seit 1900 in wechselseitiger Verschränkung die Geschichte der Jugend bestimmt.

Im Weiteren lehnen sich die Ausführungen an den Band Jugend im 20. Jahrundert an [15] . Die folgenden Kapitel dieses Beitrages können natürlich nicht den gesamten thematischen Umfang des zugrunde liegenden Jugendbandes nachzeichnen, vielmehr beschränke ich mich hier auf die Darstellung der wissenschaftlichen Sicht der Jugend in Deutschland (Sichtweisen von Jugend im 20. Jahrhundert), wobei ich mich auf zwei spezielle Aspekte konzentriere, nämlich auf die Orientierung Jugendlicher in Deutschland an Vorbildern und auf das Phänomen Armut und Verwahrlosung von Jugend, das auch in der Bundesrepublik Deutschland als Wohlstandsgesellschaft an der Wende zum 21. Jahrhundert noch immer von Belang ist.

Fußnoten

1.
Vgl. schon früh: E.K. Scheuch, Die Jugend gibt es nicht. Zur Differenziertheit der Jugend in heutigen Industriegesellschaften, in: C. F. von Siemens Stiftung (Hrsg.), Jugend in der Gesellschaft, München 1975, S. 54-78; ansonsten: W. Ferchhoff, Jugend an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert. Lebensformen und Lebensstile, Opladen 1999².
2.
1955 z. B. gingen 78 Prozent der 16-Jährigen nicht mehr zur Schule, während Ende des 20. Jahrhunderts für fast alle Angehörigen dieser Altersgruppe die Schule noch zum Lebensalltag gehörte. Vgl. U. Sander/R. Vollbrecht, Jugend, in: Ch. Führ/C.-L. Furck (Hrsg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. VI.: 1945 bis zur Gegenwart. Erster Teilband: Bundesrepublik Deutschland, München 1998, S. 192-216.
3.
Vgl. als frühe Prognose: R. Inglehart, The Silent Revolution. Chancing Values and Political Styles Among Western Publics, New York 1975; für das vereinte Deutschland: H. Meulemann, Werte und Wertewandel. Zur Identität einer geteilten und wieder vereinten Nation, Weinheim - München 1996.
4.
Vgl. D. Baacke/U. Sander/R. Vollbrecht, Medienwelten Jugendlicher, Opladen 1991.
5.
Vgl. D. Baacke, Jugend und Jugendkulturen. Darstellung und Deutung, Weinheim - München 1999³; W. Ferchhoff/U. Sander/R. Vollbrecht (Hrsg.), Jugendkulturen - Faszination und Ambivalenz. Einblicke in jugendliche Lebenswelten, Weinheim - München 1995.
6.
Vgl. W. Fuchs, Jugendliche Statuspassage oder individualisierte Jugendbiographie?, in: Soziale Welt, 34 (1983), S. 341-371.
7.
Mit dem Begriff Postadoleszenz (d. h. Nach-Jugend) reagierte die Jugendforschung auf das Phänomen eines Festhaltens jüngerer Erwachsener am Jugendstatus - diese Personen waren nicht mehr Jugendliche, aber auch noch nicht Erwachsene im klassischen Sinne, eben "Postadoleszente". Jürgen Zinnecker etwa vertritt für den Beginn der 80er-Jahre die These, dass "sich gegenwärtig das System der Altersgliederung, das im Industriekapitalismus sich herausgebildet hat, neu konstituiert. Die durchschnittliche oder Normalbiographie differenziert sich aus, die klassische Jugendphase erhält einen sozialen ,Aufbau'. Zwischen Jugend- und Erwachsenensein tritt eine neue und gesellschaftlich regulierte Altersstufe. D. h., zunehmend mehr Jüngere treten nach der Jugendzeit als Schüler nicht ins Erwachsenensein, sondern in eine Nachphase des Jungseins über. Sie verselbständigen sich in sozialer, moralischer, intellektueller, politischer, erotisch-sexueller, kurz gesprochen in soziokultureller Hinsicht, tun dies aber, ohne wirtschaftlich auf eigene Beine gestellt zu sein, wie es das historische Jugendmodell vorsieht. Das Leben als Nach-Jugendlicher bestimmt das dritte Lebensjahrzehnt." (Jugendwerk der Deutschen Shell [Hrsg.], Jugend '81. Lebensentwürfe. Alltagskulturen, Zukunftsbilder, 3 Bde., Hamburg 1981, S. 100 f.)
8.
Das führte sogar dazu, dass selbst alte Menschen noch der Jugend nachhängen. Vgl. zum Phänomen der "jungen Alten" H. P. Tews, Die "neuen Alten" - aus der Sicht der Soziologie, in: forum , 3(1993), S. 9-30.
9.
Vgl. F. N. Tenbruck, Jugend und Gesellschaft. Eine Soziologie der Jugend, Düsseldorf - Köln 1962.
10.
Vgl. J. R. Gillis, Geschichte der Jugend, Weinheim-Basel 1980; M. Mitterauer, Sozialgeschichte der Jugend, Frankfurt am Main 1986.
11.
Vgl. H. M. Griese, Probleme Jugendlicher oder "Jugend als soziales Problem"?, in: M. Brusten/P. Malinowski (Hrsg.), Jugend - ein soziales Problem?, Opladen 1983.
12.
Vgl. R. Schumann-Hengsteler/H. M. Trautner (Hrsg.), Entwicklung im Jugendalter, Göttingen - Bern - Toronto - Seattle 1996.
13.
Vgl. den historischen Rückblick von W. Hornstein, Jugend in ihrer Zeit. Geschichte und Lebensformen des jungen Menschen in der europäischen Welt, Hamburg 1966. Anmerkungen der Redaktion: Die Peergruppe ist die Gruppe Gleichaltriger, mit Peerorientierung ist folglich die Orientierung auf Gleichaltrige gemeint.
14.
Vgl. U. Sander/R. Vollbrecht, Jugend, in: Ch. Führ/C.-L. Furck (Anm. 2), S. 192-216.
15.
U. Sander/R. Vollbrecht (Hrsg.), Jugend im 20. Jahrhundert, Neuwied 2000 (i. E.). Aufgebaut ist dieser Jugendband in vier Abschnitte. Im ersten Teil, Sichtweisen von Jugend im 20. Jahrhundert, werden die wissenschaftlichen Bilder und Semantiken der Jugend behandelt, nämlich die "Jugenden" der Pädagogik, der Soziologie, der Psychologie und des Rechts. Flankierend zu diesen wissenschaftlichen Modellbildungen über Jugend präsentiert sich dann der zweite Abschnitt: Die Lebensbereiche der Jugend außerhalb und innerhalb der Schule und des Berufslebens sowie ihre Veränderungen im Laufe des 20. Jahrhunderts. Dem Umstand, dass Jugend nicht nur ein Ergebnis äußerer materieller Einflussgrößen ist, sondern sich auch in Auseinandersetzung mit biografischen Standards, personalen, politischen und religiösen Orientierungen entwickelt, trägt dann der dritte Abschnitt Jugendliche Orientierungen und Ausdrucksformen Rechnung. Und schließlich thematisiert der vierte und abschließende Abschnitt Risiken und Gefährdungen im Jugendalter Phänomene von Kriminalität, Verwahrlosung und gesundheitlicher Gefährdung.