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26.5.2002 | Von:
Uwe Sander

100 Jahre Jugend in Deutschland

III. Jugendliche in Deutschland und ihre Orientierung an Vorbildern

Eine Sorge um die Jugend wurde im 20. Jahrhundert eine Zeit lang durch die Frage ausgedrückt, ob sich Heranwachsende an den "richtigen" Vorbildern orientieren würden. Der implizite Schluss dabei war (und ist noch immer): Personale Vorbilder können die sittliche und moralische Entwicklung Heranwachsender anleiten, aber eben nicht nur positiv, sondern auch negativ, bewertet jeweils in der Perspektive der betreffenden Erwachsenen. Auch pädagogisch sind Vorbilder immer instrumentalisiert worden, vom Struwwelpeter bis Ernst Thälmann. Als abschreckendes Beispiel respektive als Leitfigur dienten und dienen diese pädagogisierten Personalisierungen (Vorbilder) dann dazu, abstrakten Werten oder Erziehungszielen ihren Konstruktcharakter zu nehmen, sie für Jugendliche anschaulich und auf das konkrete Leben übertragbar zu machen. Aber es sind eben nicht immer die erwünschten Vorbilder, an denen sich Jugendliche ausrichten. Jugendliche bilden sich eigene Idole, machten "Systemfeinde" wie Che Guevara (in Westdeutschland) oder die Beatles (in Ostdeutschland) zu Ikonen, formten über "suspekte" Figuren wie Elvis Presley ihre Jugendkulturen oder drücken Sympathien (und Antipathien gegen die Gesellschaft) durch Symboliken aus dem Giftschrank der deutschen Geschichte (Hakenkreuze etc.) aus. Weiterhin werden Jugendliche ab der Mitte des Jahrhunderts verstärkt durch synthetische Projektionsfolien aus den Medien und der Kulturindustrie versorgt. Der Urwalddoktor Albert Schweitzer, einst Leitfigur für Humanismus und Altruismus, scheint heute seine Entsprechung in musikalischen Live-Aid-Aktionen zu finden, die "Gutes" mit Spaß, Pop-Prominenz und Eventcharakter verbinden.

Hartmut M. Griese [28] beschäftigt sich mit diesem Thema, und er geht nicht nur auf jugendliche Leitbilder und Idole ein, sondern rekonstruiert auch die (idealen) Jugendbilder der Gesellschaft, Politik und Wissenschaft, über die jugendliche Orientierungen kontrastiert und eventuell auch beeinflusst werden. Es stellt sich hierbei die berechtigte Frage, ob der Modernisierungsprozess im 20. Jahrhundert überhaupt noch ganzheitliche personale Orientierungen Jugendlicher unterstützt oder ob nicht individualisierte und biografisierte Lebensmuster an die Stelle personaler Orientierungen getreten sind. Verschiedene Jugenduntersuchungen und Studien geben einen empirisch fundierten Blick in die Thematik frei. Diese Quellen legen den Schluss nahe, dass für die identitäre Selbstsicht Jugendlicher zum Ausgang des Jahrhunderts personale Vorbilder eine immer geringere Rolle spielen und durch die Orientierungsgrößen jugendlicher Gruppenstile sowie durch gesellschaftlich vorgegebene Lebensziele (Erfolg, Schönheit, Jugendlichkeit usw.) ersetzt werden. Dabei kommt es zu einer sich komplex verschränkenden und widerstreitenden Tendenz: Die (idealen) Jugendbilder von Erwachsenen (z. B. Eltern oder Pädagogen) treffen als Konstrukte auf differente Selbstbilder von Jugendlichen, und die von Jugendlichen konstruierten Bilder und Typiken der sie umgebenden Erwachsenenwelt treten in eine strukturgleiche Opposition sowohl zu den Selbstkonstruktionen von Erwachsenen als auch den idealisierten jugendlichen Vorstellungen über ein zukünftiges Leben. Der moderne Generationenkonflikt, so hat es den Anschein, könnte sich zukünftig in der Arena widerstreitender Orientierungen Erwachsener und Jugendlicher als Konflikt der "Konstrukte" abspielen.

Fußnoten

28.
Vgl. H.M. Griese, Personale Orientierungen im Jugendalter - Vorbilder und Idole, in: ebd., S. 211-253.