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26.5.2002 | Von:
Uwe Sander

100 Jahre Jugend in Deutschland

IV. Ein dauerhaftes Phänomen in Deutschland: Jugend und Verwahrlosung

Das Bild der Jugend in Deutschland wird gegen Ende des 20. Jahrhunderts weitgehend durch die stark angestiegene Prosperität einer Konsum- und Wohlstandsgesellschaft geprägt. Relativer Wohlstand und selbstverständlicher Rückgriff auf materielle Ressourcen (trotz postmaterieller Werthaltungen), kulturelle und Konsumautonomie Ju-gendlicher (trotz lang andauernder wirtschaftlicher Unselbstständigkeit) bestimmen die globale Gestalt einer verlängerten Jugendphase. Allerdings trüben ambivalente Tendenzen wie z. B. ein sich verknappender Jugendarbeitsmarkt, Konkurrenz im Bildungs- und Ausbildungswesen, Jugendarmut oder Orientierungsprobleme dieses Bild einer saturierten Jugend. Und an den "Rändern" der integrierten, materiell gut gestellten Jugend befinden sich noch immer die Gruppierungen, die als verwahrloste Jugend bezeichnet werden.

In historischer Kontinuität seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, so beschreibt es Titus Simon [29] , war ein Teil der Jugend auch immer charakterisiert durch Phänomene von Armut, Deklassierung, Außenseitertum, Kriminalität oder Sucht. Folgt man dem Gang durch 100 Jahre "verwahrloster", "asozialer" Jugend, dann erkennt man, dass unterschiedliche Gründe dazu geführt haben, warum Jugendliche entweder auf der Straße oder in Abbruchhäusern leben, nicht zur Schule gehen, sich sozialen Regeln widersetzen, mit ihrer Andersartigkeit stören oder provozieren. Armut, (sub-)proletarische Herkunft, Widerstand gegen den Staat, Verelendung, Drogen, broken-home-Verhältnisse, jugendkulturelle Lust an dem Leben als Outlaw und viele andere Gründe erzeugen immer wieder jugendliche Ausreißer und Vagabunden, konfrontieren die Úffentlichkeit mit dem "Störfaktor" Jugend. In dieser Beziehung haben sich auch die Bundesrepublik und die DDR nicht unterschieden. Auch der Sozialismus kannte Jugendliche als "Krawallmacher", "Halbstarke" und "Arbeitsverweigerer". Zu einer Integration oder Akzeptanz dieser Jugend ist es eigentlich nie gekommen, zu gravierend unterschieden sich ihre Lebensmuster von gesellschaftlich akzeptierten Normalentwürfen. Die unterschiedlichen historischen Phasen des Jahrhunderts und die unterschiedlichen politischen Verhältnisse in Deutschland brachten lediglich unterschiedlich abgestufte Präventions- und Interventionsformen gegen Verwahrlosung hervor. Akzeptanz konnten und können die betreffenden Jugendlichen nur dosiert erwarten, vermeintlich etwa durch den sozialromantischen Blick der sechziger und siebziger Jahre, in dem jugendliche Außenseiter- und Drogenmilieus als Anzeichen eines revolutionären Aufbruchs in eine neue Zeit missgedeutet wurden, oder durch die kontrovers diskutierte heutige akzeptierende Sozialarbeit. In den neunziger Jahren dagegen werden die Verhältnisse für die "verwahrlosten" Jugendlichen anscheinend wieder härter. Auch in die soziale Arbeit mit der Klientel dringen zunehmend regulative und ordnungspolitische Tendenzen, deren Hauptanliegen es ist, die "verwahrloste" Jugend aus dem Erscheinungsbild der Úffentlichkeit in Deutschland - wie es eigentlich schon immer versucht wurde - zu eliminieren.

Fußnoten

29.
Vgl. T. Simon, Verwahrloste, Asoziale, Straßenkinder - Brüche und Kontinuitäten in einer Geschichte verwahrloster Jugend im 20. Jahrhundert, in: ebd., S. 337-350.