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26.5.2002 | Von:
Uwe Sander

100 Jahre Jugend in Deutschland

V. Ausblick und Tendenzen: Jugend in Deutschland im 21. Jahrhundert

Zehn Jahre nach der Vereinigung der ehemals getrennten Gesellschaftssysteme Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik hat sich zwar eine weitgehende Anpassung Jugendlicher in den allgemeinen Lebens- und Wertehaltungen sowie in jugendkulturellen, materiellen und konsumptiven Orientierungen ergeben [30] . Innerhalb der bundesdeutschen Jugend wird die alte Systemtrennung jedoch noch weiterhin fortleben, auch wenn sich die "Jugend in der DDR" wie die DDR überhaupt im zunehmenden zeitlichen Abstand ihrer ehemaligen Existenz zu einer historischen Episode, zu etwas Geschichtlichem wandelt. Differenzen leben jedoch insofern weiter, als sich gesellschaftliche Problemlagen wie Strukturkrisen, Ausbildungschancen und Arbeitslosigkeit stärker auf die Jugendlichen in den neuen Bundesländern auswirken. So bleibt auch die Jugend in der Bundesrepublik Deutschland des 21. Jahrhunderts noch eine Zeit lang getrennt nach Ost und West, und es steht zu befürchten, dass sich parallel zu den objektiv unterschiedlichen Lebensbedingungen Jugendlicher auch Mentalitätsdifferenzen halten bzw. weiter ausbilden werden.

Für alle Jugendlichen in Deutschland sind heute und werden zukünftig die Mediatisierung und Kommerzialisierung des Lebens ausschlaggebend sein. Das ausgehende 20. Jahrhundert war dadurch geprägt, dass sich die Medien zu einer mächtigen Sozialisationsinstanz, neben den traditionellen Erziehungsinstitutionen wie Elternhaus, Gleichaltrigengruppen und Schule, entwickelt haben. Jugendliche erfahren und "lernen" aus den Medien fast mehr als über die Schule und das Elternhaus, und mit Medien verbringen Jugendliche auch einen Großteil ihrer Freizeit. Damit verbunden ist die Kommerzialisierung des Jugendalters. Damit ist nicht nur gemeint, dass Geld und Materielles für Jugendliche eine immer größere Rolle spielen. Darüber hinaus werden die unterschiedlichen Lebensbereiche der Jugend auch zunehmend ökonomisiert. In der Freizeit, bei jugendkulturellen Statussymbolen wie Kleidung oder Accessoires, bei Events oder Reisen sind diejenigen Angebote für Jugendliche attraktiv, die gekauft und bezahlt werden müssen. Jugendliche werden dadurch zu einer umworbenen Konsumentengruppe, und die nicht kommerzielle außerschulische Jugendarbeit verliert an Bedeutung [31] . Der Trend an sich verwundert kaum, werden die Jugendlichen in Deutschland doch durch eine Gesellschaft des kommerziellen Konsums geprägt und erzogen.

Problematisch kann diese Tatsache allerdings durch eine eklatante Disparität des Jugendlichenstatus werden. So wird sich in Zukunft noch der Widerspruch einer frühen komsumptiven Selbstständigkeit Jugendlicher und einer gleichzeitigen langen Phase der ökonomischen Unselbstständigkeit verstärken. Bis Heranwachsende heute wirtschaftlich autonom sind und bis ihnen überhaupt die Möglichkeit eröffnet wird, für sich und andere volle Verantwortung zu übernehmen, verstreicht eine lange Zeit. Die ehemals klassischen Einstiegsereignisse in das Erwachsenenalter wie Berufseintritt, Heirat oder Elternschaft verschieben sich zeitlich nach hinten, während ebenso klassische biografische Ûbergangsereignisse in das Erwachsenenalter wie die Selbstbestimmung der Sexualität, die Autonomie der Lebensführung, Konsummöglichkeiten oder eine eigene Wohnung heute schon auf das Jugendalter zutreffen und sich in der Lebenszeit verfrüht haben. Diese Liberalisierung und Autonomisierung der eigenen Lebensführung Jugendlicher trifft allerdings fast überwiegend für Bereiche zu, in denen Verantwortlichkeit für andere, Sorge für die Zukunft, Partizipation an gesellschaftlich oder politisch relevanten Entscheidungen ausgeblendet bleiben. Die Jugendlichen in Deutschland werden auf Grund struktureller Ursachen demnach immer stärker von gesellschaftlicher Verantwortung und einer lebenspraktischen Besorgung der eigenen Existenz abgekoppelt. Daraus folgt, dass in Deutschland aktuell und auch weiterhin eine Jugend heranwächst, die über die ersten zwei bis drei Jahrzehnte ihres Lebens in einer zwangsweisen Unselbstständigkeit gehalten wird, gleichzeitig aber weit reichende Autonomieerfahrungen macht, in eine selbstverständliche Anspruchshaltung "hineinsozialisiert" wird und zudem lernt, die Verheißungen und Verlockungen einer reichen Konsumgesellschaft auf die eigene Sinnerfüllung zu beziehen. Es darf deshalb nicht verwundern, wenn unter Jugendlichen die Bereitschaft nachlässt, sich langfristig und kontinuierlich zu engagieren, wenn politisch-gesellschaftliche Verantwortung über den Rahmen kurzfristigen Engagements abnimmt oder Parteien, Gewerkschaften, Vereine etc. über die Institutionenmüdigkeit der Jugendlichen klagen [32] . Denn wenn eine Gesellschaft ihre nachwachsenden Generationen über eine immer längere Jugendzeit von vielen lebenspraktischen Verantwortungen "befreit", muss sie auch in Kauf nehmen, dass Jugendliche immer weniger oder zufälliger gesellschaftliche Belange als "ihre" Belange sehen und dementsprechend demotivierter werden, dafür aktiv einzutreten.

Internetverweise des Autors:



www.leske-budrich.de

www.juventa.de

www.dji.de

www.jugendforschung.de

Fußnoten

30.
Vgl. W. Jaide/B.Hille (Hrsg.), Jugend im doppelten Deutschland, Opladen 1977; W. Hennig/W. Friedrich, (Hrsg.), Jugend in der DDR, Weinheim - München 1991; U. Schlegel/P. Förster (Hrsg.), Ostdeutsche Jugendliche. Vom DDR-Bürger zum Bundesbürger, Opladen 1997.
31.
Vgl. hierzu schon für die achtziger Jahre W. Ferchhoff/U. Sander/R. Vollbrecht, Jugendarbeit ohne Jugendliche? Zum Verhältnis von Medien, Kommerz, Individualisierung und Formen der offenen Jugendarbeit, in: deutsche jugend. Zeitschrift für die Jugendarbeit, (1988) 7/8, S. 313-322.
32.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Wolfgang Gaiser, Martina Gille, Winfried Krüger und Johann de Rijke in diesem Heft.