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Politikverdrossenheit in Ost und West?

Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen


26.5.2002
Politikverdrossenheit steht für verschiedene negative Haltungen gegenüber "der Politik", wie für Uninteressiertheit, Distanz oder Ablehnung. Wie aber ist es mit den grundsätzlichen Einstellungen zu Politik und zu den Parteien?

I. Was heißt Politikverdrossenheit?



Von Politikverdrossenheit zu reden ist angesichts der politischen Zustände leicht. Der Begriff hat als Zusammenfassung verschiedenster negativer Haltungen gegenüber "der Politik" Konjunktur, sei es für Uninteressiertheit, für Distanz oder für Ablehnung. So unbestimmt gehandhabt, kann "Politikverdrossenheit" in der Tat wie ein "medialer Mülleimer" (Wolfgang Thierse) erscheinen. In Bezug auf Jugendliche wird dabei noch gerne die pädagogische Betroffenheit und eine Besorgnis um die Zukunft der Demokratie bemüht. Angesichts dessen ist es sinnvoll, zunächst einige Aspekte des Phänomens der Politikverdrossenheit genauer zu betrachten. Anschließend wird dann mit empirischen Daten über Einstellungen und Urteile von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus den alten und neuen Bundesländern der Frage der Politikverdrossenheit nachgegangen. Unser Ziel ist dabei die Analyse von Grundtendenzen, die wir auf Basis zweier repräsentativer Stichproben aus den Jahren 1992 und 1997 ermitteln konnten [1] , und nicht eine aktuelle politische Momentaufnahme.

Die Art und Weise des Verhältnisses zur Politik, in der sich Verdrossenheit artikuliert, kann sehr unterschiedlich sein: Sie kommt zum Ausdruck zum einen in einer Distanz zum Politischen, die sich in einer geringen individuellen Zuwendung und Beschäftigung mit Politik äußert; zum anderen - auf der Einstellungsebene gegenüber politischen "Objekten" - in Unzufriedenheit mit politischen Vorgängen, mit Ergebnissen politischer Entscheidungen oder mit Politikern bzw. Politikergruppen insgesamt. Und schließlich lassen sich solche Phänomene ausmachen, die als gewissermaßen generalisierte Unzufriedenheit, geringes oder fehlendes Vertrauen in den Politikprozess oder gegenüber Institutionen der Politik als kumulierte Enttäuschung von Output-Erwartungen verstanden werden können [2] .

Politische Unzufriedenheit kann sich damit auf sehr Verschiedenes beziehen, ganz allgemein zunächst auf die Grundideen und Grundprinzipien der politischen Ordnung. Eine hierauf gerichtete Unzufriedenheit tangiert die politischen Verhältnisse grundsätzlicher und fundamentaler als eine Unzufriedenheit, die sich auf die nächste Ebene, nämlich die der Institutionalisierung dieser Grundidee, bezieht. Bei ihr geht es um eher generelle Urteile, die das Funktionieren der Demokratie in der Bundesrepublik betreffen oder das ihrer Institutionen, denen gegenüber ein Vertrauen als generalisierte Zufriedenheit fehlen kann. Und schließlich kann sich Unzufriedenheit auf die Ergebnisse politischer Prozesse beziehen, also den Output des Systems, oder auf die Personen, die sich als Repräsentanten von politischen Grundpositionen in den Parteien der bundesrepublikanischen Demokratie organisieren. Mit der Bewertung der Parteien wie mit dem Grad des Vertrauens in die Akteure des politischen Systems kommt ein Zufriedenheitsaspekt ins Spiel, bei dem es darum geht, ob sich die Bürger im Prozess des repräsentativen Systems der Bundesrepublik ausreichend vertreten und mit ihren Interessen berücksichtigt finden. Auf der konkreten Ebene der "Alltagspolitik" geht es schließlich um die Bewertung von einzelnen Politikern oder Entscheidungen. Auf diese Ebene aktueller Output-Bewertung, die immer wieder punktuell oder auch in regelmäßigen Abständen Gegenstand von Meinungsumfragen ist, wird im Folgenden nicht eingegangen. Weiter greifen wir Politikverdrossenheit als einen Einstellungskomplex auf. Damit sind Handlungen nicht in unsere Analysen einbezogen. Handlungen, wie Wahlenthaltung oder auch Protestwahl etwa, sind in dieser Perspektive als (mögliche) Folgen von Politikverdrossenheit anzusehen [3] . Damit soll beispielsweise die Gleichsetzung von geringer Wahlbeteiligung oder Protestwahl mit Verdrossenheitsphänomenen vermieden werden. Denn ein solches Verhalten kann zwar aus Unzufriedenheit mit der Politik resultieren, es kann aber auch auf anderen Motiven und Ursachen beruhen [4] . Damit wird es eine empirische Frage, ob, und weiter, unter welchen Bedingungen aus Politikverdrossenheit Protest oder Abwendung von politischen Beteiligungsformen entsteht.

Im Folgenden wird ein differenzierteres Bild des Verhältnisses von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur Politik gezeichnet, das es ermöglicht, Phänomene der Verdrossenheit oder Distanz gegenüber Politik zu identifizieren. Außerdem werden wir Hinweise auf Veränderungen seit den ersten Jahren der Vereinigung verfolgen, ohne allerdings damit den Anspruch auf "starke" Trendaussagen zu erheben, die in diesem Kontext immer wieder auch mit unzureichenden Zahlenbelegen gemacht werden. Denn Aussagen dieser Art würden eine Datenbasis verlangen, die auf wesentlich mehr Erhebungszeitpunkten beruht. Als eine weitere vergleichende Perspektive werden wir - soweit geeignete Daten vorliegen - auf die Erwachsenenbevölkerung Bezug nehmen. Diese Vergleichsperspektive ist wegen eines fehlenden Maßstabs, der eine klare Definition von "Nicht-Verdrossenheit" oder "Vertrauen" zulassen würde, erforderlich und soll insbesondere die immer wieder behauptete Jugendspezifik dieser Haltungen überprüfbar machen [5] .



Fußnoten

1.
Die Darstellung empirischer Ergebnisse beziehen sich auf den DJI-Jugendsurvey, dessen thematische Schwerpunkte politische Orientierungen und Beteiligungen sowie die Lebensverhältnisse junger Menschen sind. Der Jugendsurvey des Deutschen Jugendinstituts basiert auf standardisierten mündlichen Befragungen 16- bis 29-jähriger Deutscher in beiden Teilen der Bundesrepublik. Beide Erhebungswellen (die erste 1992, die zweite 1997) können als repräsentativ für die Bundesrepublik Deutschland angesehen werden und erfassen jeweils ca. 7 000 Befragte (4 500 West, 2 500 Ost). Für die Ergebnisse der ersten Erhebungswelle vgl. Ursula Hoffmann-Lange (Hrsg.), Jugend und Demokratie in Deutschland. DJI-Jugendsurvey 1, Opladen 1995, für die zweite Welle vgl. Martina Gille/Winfried Krüger (Hrsg.), Unzufriedene Demokraten. Politische Orientierungen der 16- bis 29-Jährigen im vereinigten Deutschland. DJI-Jugendsurvey 2, Opladen 2000.
2.
Vgl. M. Rainer Lepsius, Vertrauen zu Institutionen, in: Stefan Hradil (Hrsg.), Differenz und Integration, Frankfurt am Main - New York 1997, S. 283-293.
3.
Vgl. Gerd Pickel/Dieter Walz, Politikverdrossenheit in Ost- und Westdeutschland: Dimensionen und Ausprägungen, in: Politische Vierteljahresschrift, 38 (1997), S. 27-49.
4.
So unterscheidet Kleinhenz (Thomas Kleinhenz, Die Nichtwähler, Opladen 1995) sieben Typen von Nichtwählern, wobei nur bei einem Teil Unzufriedenheit mit Politik vorherrscht. Im Typ "saturierte Mittelschicht" etwa sind politisches Interesse und Zufriedenheit sowie eine positive Haltung gegenüber Parteien und Politikern verbunden, die Wahlenthaltung ergibt sich häufig aufgrund einer geringen Überzeugung von der Notwendigkeit des Wählens.
5.
Vgl. Ursula Hoffmann-Lange, Trends in der politischen Kultur Deutschlands: Sind Organisationsmüdigkeit, Politikverdrossenheit und Rechtsextremismus typisch für die deutsche Jugend?, in: Gegenwartskunde, (1999)3, S. 365-390.