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26.5.2002 | Von:
Joachim Hofmann-Göttig

Der Jugend eine Zukunft

Politische Herausforderung durch die nachwachsende Generation

Die Ergebnisse der Jugend- und Wahlforschung sind irritierend: Jugend wählt rechtsextrem in Sachsen-Anhalt, stabilisiert die "Etablierten" bei der Bundestagswahl oder wählt Rot-Grün in Hessen ab.

I. Schlaglichter auf die politische Herausforderung durch die nachwachsende Generation

1. Der Schock von Sachsen-Anhalt



26. April 1998. 18.00 Uhr. Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Deutschland und viele Beobachterinnen und Beobachter im Ausland sind geschockt: Die rechtsextreme DVU erreicht 12,9 Prozent - aus dem Stand. Und: Die DVU wurde nicht wegen der alten Ewiggestrigen so stark, sondern wegen der jungen, nachwachsenden Generation: 25,4 Prozent bei den Jungwählerinnen und -wählern (18- bis 24-Jährige), 22,0 Prozent bei den jungen Wählern und Wählerinnen (25- bis 34-Jährige).


Das haben die Analysen der Forschungsinstitute von ARD (Infratest dimap) und ZDF (Forschungsgruppe Wahlen) nach Alter und Geschlecht ergeben, Monate später erhärtet durch die amtliche Sonderauszählung nach Alter und Geschlecht (repräsentative Wahlstatistik des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt).

Und es kommt noch schlimmer, wenn wir uns nur die Männer dieser Altersgruppen ansehen, denn der Anteil der Frauen, die die Rechtsextremen wählen, ist seit jeher niedriger als der der Männer: 31,7 Prozent der Männer im Jungwähleralter unterstützten die DVU. Die DVU ist damit klar die Nummer eins unter den männlichen Jungwählern; sie liegt 10 Prozentpunkte vor der SPD! Und auch bei der zweiten jungen Männergruppe (25- bis 34-Jährige) ist die DVU mit 26,2 Prozent unglaublich stark, hier ist die SPD nur mit einer Nasenlänge vorn (27,0 Prozent).

2. Die Bundestagswahl 1998 - den Etablierten eine Chance



27. September 1998. Eine historische Bundestagswahl. Noch niemals zuvor wurde eine Regierung komplett abgewählt: Es gab erdrutschartige Verluste der CDU/CSU: -6,2 Prozentpunkte, deutliche Gewinne der SPD: +4,5 Prozentpunkte (vgl. Tabelle 1), leichte Verluste bei FDP und Bündnis 90/Die Grünen.

Verantwortlich für die Verluste der CDU/CSU und die Gewinne der SPD sind nicht nur die traditionell mobilen Jungwählerinnen und -wähler - normalerweise "Trendsetter des Wechsels" -, sondern auch die Wählerinnen und Wähler im mittleren und fortgeschrittenen Alter. Am meisten bewegt hat sich bei den Jungwählerinnen und -wählern - nach ARD - in Richtung DVU/NPD/Republikaner: Die Rechtsparteien erreichten bei den Jungwählerinnen und -wählern immerhin 7 Prozent (+4 Prozentpunkte), bei den Männern sogar 11 Prozent (+6 Prozentpunkte). Aber im Vergleich zu den Wahlausschlägen bei den Jugendlichen in Sachsen-Anhalt deuten diese Zahlen eher auf die Einstellung: "Den Etablierten noch eine Chance."

3. Die Hessische Landtagswahl - Jugend wählt Rot-Grün ab



Für die meisten kommt es völlig unerwartet: Die neue Bundesregierung ist gerade 100 Tage im Amt und schon schlägt das Pendel zurück: 7. Februar 1999. Landtagswahl in Hessen. Rot-Grün wird abgewählt, Schwarz-Gelb kommt, die SPD-geführte Bundeskoalition im Bundesrat ist verloren. Das Regieren wird schwieriger in Berlin.

Die CDU gewinnt +4,2 Punkte, die SPD +1,4 Punkte; Bündnis 90/Die Grünen verlieren - 4 Punkte, die FDP - 2,3. Knapp, aber der Regierungswechsel ist besiegelt. Republikaner und NPD kommen zusammen auf 2,9 Prozent (+0,6 Punkte) (vgl. Tabelle 2).

Und das sind die "Botschaften" der Jungwählerinnen und -wähler der Hessenwahl:

- Die CDU, die stärkste Partei (der CDU-Vorsprung gegenüber der SPD beträgt 12,2 Punkte), hat ihre stärksten Gewinne unter den Jungwählerinnen und -wählern: +10,8 Punkte;

- die SPD gewinnt in allen Altersgruppen, nur nicht bei den Jungwählerinnen und -wählern: leichte Verluste (-2,2 Punkte);

- bei den Jungwählern liegt die SPD fast 10 Punkte unter dem Durchschnitt (genau: 8,9 Punkte);

- Bündnis 90/Die Grünen verlieren sensationell hoch bei den Jungwählerinnen und -wählern (-10,6 Punkte);

- Bündnis 90/Die Grünen verlieren ebenfalls sehr stark bei den jungen Wählern und Wählerinnen zwischen 25 und 34 Jahren (-10,3 Punkte);

- Bündnis 90/Die Grünen haben ihre stärkste Gruppe (12,9 Prozent) nunmehr in der mittleren Altersgruppe.

Fazit: Es waren vor allem die jungen Menschen, die die rote-grüne Landesregierung in Hessen abgewählt haben.

4. Die Wahlen im Sommer/Herbst 1999 - Rot-Grün im Dauertief



Der Wahlmarathon im Sommer und im Herbst 1999: 6. Juni - Wahl zur Bremischen Bürgerschaft; 13. Juni - Europawahlen; Landtagswahlen im Saarland und Brandenburg am 5. September, in Thüringen am 12. September, in Sachsen am 19. September und schließlich die Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin am 10. Oktober.

Die Wahlserie hat Gemeinsamkeiten:

- Die FDP schafft nirgendwo die 5-Prozent-Hürde.

- Bündnis 90/Die Grünen verlieren überall.

- Die PDS stabilisiert sich im Westen und legt deutlich zu im Osten.

- Die Rechtsextremen sind noch da, aber können nicht an ihren Erfolgen in Sachsen-Anhalt anknüpfen.

- Außer in Bremen, der von beiden Seiten als erfolgreich angesehenen Großen Koalition, verliert die SPD überall massiv, bis hin zu 14,8 Prozentpunkten in Brandenburg und zum Verlust der Regierung im Saarland.

- Die CDU gewinnt überall (leichte Verluste in Sachsen, bei Stabilisierung der absoluten Mehrheit), Regierungsbeteiligung in Brandenburg, absolute Mehrheit in Thüringen.

Rot-Grün im Dauertief, CDU in lichten Höhen. Welchen Beitrag dazu haben im Sommer und Herbst des Jahres 1999 die jungen Wählerinnen und Wähler geleistet? Die Analysen der Forschungsgruppe Wahlen liefern darüber Aufschluss.

Das sind die "Botschaften" der Jungwählerinnen und -wähler der aktuellen Wahlen:

- Die SPD, früher von jungen Menschen stärker gewählt als von älteren, muss nunmehr durchgängig bei den Jungwählerinnen und -wählern unterdurchschnittliche Ergebnisse verbuchen. (Extremwert Brandenburg: dort erreicht die SPD nur noch 24 Prozent bei den Jungen, maximale Abweichung vom Gesamtergebnis).

- In Sachsen haben gerade noch sechs Prozent der Jungwählerinnen und -wähler die SPD gewählt!

- Die CDU, früher von Jungwählerinnen und -wählern weniger gewählt, steht nunmehr fast ausgeglichen (Ausnahme: Berlin). Extremwerte erzielt die CDU bei den Jungen im Saarland (48 Prozent) und in Sachsen (57 Prozent)!

- Bündnis 90/Die Grünen, früher die Jungwählerinnen und -wähler-Partei, erreicht nunmehr nur noch leicht bessere Ergebnisse bei den Jungen als beim Bevölkerungsdurchschnitt.

- Die PDS ist von ihrer Wählerstruktur jedenfalls nicht die Partei der alten SED-Kader. Sie erreicht bei den Jungen vergleichbare Stimmergebnisse wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Mit einem Anteil von 27 Prozent Jungwählerinnen und -wähler liegt die PDS laut Forschungsgruppe Wahlen vor CDU und SPD.

- Die Rechtsextremen sind, auf geringerem Niveau, weiterhin attraktiv für Jugendliche, sie erzielen ihre besten Stimmergebnisse bei den Jungwählern.

Fazit: Die rot-grüne Dauerkrise bei den aktuellen Wahlen geht vor allem auf die Jungen zurück (vgl. Tabelle 3).

5. Landtagswahl in Schleswig-Holstein - Erste Urabstimmung im "Spendensumpf"



Die Situation vor der Landtagswahl ist geprägt durch eine monatelange Parteienkrise, die CDU droht im Spendensumpf zu versinken, gesetz- ja sogar verfassungswidrig nicht deklamierte Großspenden, schwarze Auslandskonten, gefälschte Rechenschaftsberichte unter Obhut eines früheren Bundesinnenministers, spät aufgeklärt nach Lügen eines amtierenden Ministerpräsidenten, ein "Ehrenwort" des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl gegen Recht und Gesetz, Strafen in Millionenhöhe, Führungswechsel in Partei und Fraktion prägen das Bild. Die hessische FDP gibt dem Machterhalt Vorrang vor Geradlinigkeit.

Aber auch die SPD hat - wenngleich nicht vergleichbare - Probleme: Unkorrekter Umgang mit Steuergeldern führt zum Rücktritt eines Ministerpräsidenten in Niedersachsen und eines Finanzministers in Nordrhein-Westfalen. Die Republik steht unter Schock, leidet an der schwersten Parteienkrise in der Geschichte Deutschlands.

Die Landtagswahl in Schleswig-Holstein am 27. Februar 2000 liefert das erste Wählervotum bei einer landesweiten Wahl inmitten der Krise.

Zwei denkbare Reaktionen sind ausgeblieben:

- Die Wahlbeteiligung ist nicht katastrophal in den Keller gerutscht. Sie ist mit 69,5 Prozent (minus 2,3 Prozentpunkte) fast noch im Bereich des "Normalen".

- Die Extremen gehen nicht gestärkt aus den Wahlen hervor, NPD mit 1,0 Prozent und PDS mit 1,4 Prozent bleiben unbedeutend, die "Sonstigen" sind insgesamt mit -6,5 Prozentpunkten entschieden rückläufig.

Stattdessen liefern die Wahlen einige klare "Botschaften":

- Rot-Grün behauptet sich.

- Die SPD legt 3,3 Prozentpunkte zu (auf 43,1 Prozent).

- Die CDU verliert -2,0 Punkte (sinkt auf 35,2 Prozent).

- Bündnis 90/Die Grünen behaupten sich mit leichten Verlusten.

- Die FDP aber ist die eigentliche "Krisen-Gewinnlerin". Sie schafft mit 7,6 Punkten klar den Wiedereinzug ins Parlament.

Auf den ersten Blick sind das eher undramatische Ergebnisse. Das Drama wird erst sichtbar, wenn die Wahl vor dem Hintergrund analysiert wird, dass noch drei Monate vor dem Wahltermin niemand einen Pfifferling auf die rot-grüne Koalition gegeben hätte. Es hat sich also viel bewegt im Norden. Welche Rolle spielen die Jungen dabei? Sind sie erneut "Trendsetter", Verstärker einer Stimmungslage, wie so häufig in den letzten Jahrzehnten? Antworten liefern - bis die amtliche Sonderauszählung nach Alter und Geschlecht vorliegt - die Wahltagsbefragungen (sog. "exit polls") von Infratest dimap (ARD) und Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) mit einer sehr großen Stichprobe (vgl. Tabelle 4).

Aus Lesbarkeitsgründen sind die Daten nicht geschlechtsdifferenziert ausgewiesen, obgleich zwischen Männern und Frauen bei dieser Wahl bemerkenswerte Unterschiede bestehen: Die SPD und Bündnis 90/Die Grünen werden von den Frauen (zusammen etwa 54 Prozent) erheblich stärker gewählt als von den Männern (zusammen etwa 46 Prozent); bei CDU und FDP ist es gerade umgekehrt. Inwieweit dafür die Landespolitik von Ministerpräsidentin Heidi Simonis oder unterschiedliche Reaktionen auf die Parteienkrise verantwortlich sind, muss noch geklärt werden.

Wie lauten die "Botschaften" der Jungwählerinnen und -wähler der Schleswig-Holstein-Wahl:

- Die CDU liegt bei den Jungen nur knapp hinter der SPD. Sie ist nur bei den über 45-Jährigen besser als bei den Jungen.

- Die SPD liegt bei den Jungen immer noch bemerkenswert schwach deutlich unter dem Bevölkerungsdurchschnitt.

- Die SPD holt ihre besten Ergebnisse in den mittleren Altersgruppen.

- Bündnis 90/Die Grünen haben ihre Jungwählerinnen und -wähler-Bastionen verloren.

- Die FDP ist auch bei den Jungen die "Krisengewinnlerin"; bei diesen erreicht sie mit 10 Prozent ihr relativ bestes Ergebnis.

- Auch der SSW, die Partei der dänischen Minderheit, ist bei den Jungen überdurchschnittlich stark.

Fazit: Rot-Grün kann mit seinem Abschneiden bei der jungen Generation weiterhin nicht zufrieden sein. Die eigentliche Krisengewinnlerin ist in Schleswig-Holstein nicht nur insgesamt, sondern auch speziell bei den Jungen die FDP.