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Kindheit in der Dritten Welt


26.5.2002
Wie schon die achtziger, so müssen auch die neunziger Jahre für eine kinderbezogene Entwicklungspolitik als ein verlorenes Jahrzehnt gelten. Trotz wichtiger Fortschritte hat sich an den zentralen Problemen kaum etwas verbessert.

Einleitung



Die biographische Phase der Kindheit scheint inzwischen auch in den westeuropäischen Staaten "brüchig" zu werden. Die Shell-Jugendstudie von 1997 sprach davon, dass die gesellschaftlichen Probleme nun auch die Jugend erreicht hätten. Die relative Armut nimmt zu und ließ in den vergangenen Jahren immer mehr Kinder abhängig von Sozialhilfe werden. Leistungsdruck bei gleichzeitiger Perspektivlosigkeit (Jugendarbeitslosigkeit) führen bei Jugendlichen zunehmend zu somatischen Reaktionen und Krankheiten, die bis vor wenigen Jahren noch als Erwachsenenkrankheiten galten. Durch gesellschaftliche Transformationsprozesse finden sich Kinder und Jugendliche immer öfter auf der Verliererseite. Was für uns noch neue Phänomene sind, gehört für die jungen Generationen in der so genannten Dritten Welt seit drei Jahrzehnten zum Alltag. Die Zustände sind in vielen Ländern und Regionen verheerend, obwohl sie es nicht sein müssten.

Auf der Jahrestagung des Wirtschafts- und Sozialrats der Vereinten Nationen (Ecosoc) im Juli 1999 wartete UN-Generalsekretär Kofi Annan mit interessanten Zahlenverhältnissen auf: Lediglich 40 Milliarden US-Dollar jährlich, so meinte er, seien notwendig, um den Bevölkerungen in den Dritte-Welt-Ländern nicht nur das Überleben zu sichern, sondern etwa auch allen Kindern den Grundschulbesuch zu ermöglichen. Das sei weniger, als die Europäer für Zigaretten ausgeben würden und entspräche nur einem Drittel der Militärausgaben der Entwicklungsländer.

Dem Vergleich Annans ließen sich noch weitere aussagekräftige Relationen hinzufügen: "In den letzten drei Jahrzehnten hat sich der Einkommensunterschied zwischen den reichsten und den ärmsten 20 Prozent der Weltbevölkerung von 30:1 auf 78:1 mehr als verdoppelt. In den weniger entwickelten Regionen weisen nicht weniger als 89 Staaten heute ein niedrigeres Pro-Kopf-Einkommen als vor zehn Jahren auf. 19 dieser Staaten, darunter Haiti, Liberia, Ruanda, der Sudan und Venezuela, sind heute ärmer als 1960." [1] Oder: "Das Vermögen der 358 reichsten Menschen der Welt, allesamt Dollar-Milliardäre, übersteigt das Jahreseinkommen der ärmsten 45 Prozent der Weltbevölkerung, das heißt von 2,6 Milliarden Menschen." [2]

Solche Überlegungen stehen beinahe immer in dem Kontext, wie das Leben der kommenden Generationen zu sichern bzw. qualitativ zu steigern sei. Entsprechend hat sich entwicklungspolitisches Handeln in der westlichen Welt in den vergangenen Jahrzehnten stark auf die Förderung (oder zuweilen schlicht auf die Überlebenssicherung) von Kindern und Jugendlichen bezogen: ärztliche Versorgung, Schulbesuch, Schutz vor Ausbeutung und Prostitution, Schutz vor Zwangsrekrutierung in militärische Einheiten u. Ä. Insbesondere gilt dies für die Arbeit von NROs (Nicht-Regierungsorganisationen).

Diese Schwerpunktsetzung braucht natürlich nicht zu überraschen. Kinder und Jugendliche genießen zunächst einmal uneingeschränkte Sympathie und gelten überall auf der Welt als die Träger der (gesellschaftlichen) Zukunft. Wer der Jugend das Überleben sichert und ihr Bildung gibt, trägt auch dazu bei, manchem am Boden liegenden Land die Zuversicht auf eine bessere Zukunft (zurück)zugeben. Die Kinder von heute sind, so die Theorie, die politisch Agierenden von morgen.

Ein wichtiger Grund, warum sich entwicklungspolitische Arbeit auf die junge Generation bezieht, ist zudem die schlichte Tatsache, dass fast alle diese Gesellschaften demographisch sehr jung sind. Rund ein Drittel der Bevölkerungen ist unter 15 Jahre und etwa 60 Prozent sind jünger als 25 Jahre. Das bedeutet, dass man in vielen Lebensbereichen zwangsläufig mit einem hohen Anteil junger Menschen zu tun hat [3] .


Fußnoten

1.
UNHCR, Zur Lage der Flüchtlinge in der Welt. Erzwungene Migration: Eine humanitäre Herausforderung, Genf 1997, S. 15.
2.
Le Monde diplomatique (deutsche Ausgabe), Mai 1998.
3.
Vgl. M. Liebel, Mala Onda - Wir wollen nicht überleben, sondern leben. Jugend in Lateinamerika, Frankfurt/M. 1990; P. Strack, Kein Papst, kein Che. Jugendliche in Lateinamerika, Göttingen 1995.