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Vom Sextourismus zur Kinderpornografie


26.5.2002
Wie entstand das Phänomen der sexuellen Ausbeutung von Kindern und Frauen? Es ist eine Folge sowohl männerdominierter als auch globaler Ausbeutungsverhältnisse.

I. Vorbemerkung



Im August 1996 fand in Stockholm ein Kongress statt, von dem wir wohl nur Notiz genommen haben, weil wir noch unter dem Schock eines Verbrechens standen, das in unserem Nachbarland geschehen war und uns vor Augen führte, wie leicht es ist, Menschen zu verschleppen, zu misshandeln, zu ermorden, zu verscharren und verhungern zu lassen, wenn diese Menschen Kinder sind und die Täter Männer - Männer, die sich gegenseitig deckten und in Freiheit ließen. Der "Weltkongress gegen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern", der von der asiatischen Kampagne End Child Prostitution in Asian Tourism (ECPAT) initiiert worden war, fand auf europäischem Boden statt, dort also, wo die Flugzeuge abheben, in denen sich Männer als Prostitutionstouristen auf Reisen begeben [1] .

An dem Kongress nahmen insgesamt 1 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 130 Ländern teil. In dem von ihnen verabschiedeten Aktionsplan werden die nationalen Regierungen aufgefordert, bis zum Jahr 2000 wirksame Strategien gegen Kinderprostitution, Kinderhandel und Kinderpornografie zu entwickeln [2] . Die sexuelle Ausbeutung von Kindern, so die Meinung der Delegierten, müsse ernsthafter als bislang verfolgt werden, insbesondere auch dann, wenn sie im Ausland stattfindet: im Urlaub, auf Geschäftsreisen, am Firmen- oder Truppenstandort. "Diese moderne Form der Sklaverei", so Königin Silvia in ihrer Abschlussrede, "muß gestoppt werden" [3] .

Mit der Aufdeckung des sogenannten "Kinderporno-Ring" im niederländischen Zandvoort im Juli 1998 offenbarte sich jedoch, wie selbstverständlich - und nahezu unbehelligt - die sexuelle Ausbeutung von Kindern auch weiterhin organisiert, fortgesetzt und vermarktet wird. Es sind die Horrormeldungen, die vergewaltigten und ermordeten Kinder, die uns das monströse Ausmaß des Verbrechens vor Augen führen und zugleich verzerren. Die vielen Worte, die im Augenblick des Schreckens fallen, die Erklärungen, die gesucht werden, lenken in der Konsequenz nur davon ab, die täglich zelebrierte Gewalt in der Familie wahrzunehmen. 200 Kinder sterben hierzulande Jahr für Jahr an den Folgen der ihnen zugefügten Gewalt, 15 000 Kinder werden von Familienangehörigen - ihren Vätern, Großvätern, Onkeln oder Brüdern - "sexuell missbraucht", wobei diese Zahl lediglich die offiziell registrierten Fälle markiert. Die Dunkelziffer liegt Schätzungen zufolge bei 1:50. Demnach stünden tagtäglich 750 000 Kinder in Gefahr, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden [4] . Sie erleben diese als alltägliche Normalität.

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Fußnoten

1.
Die folgenden Ausführungen basieren auf einer für das Kinderhilfswerk terre des hommes erstellten Studie, vgl. Gisela Wuttke, Kinderprostitution - Kinderpornographie - Tourismus, Göttingen 1998.
2.
Vgl. Aktionsplan des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bonn 1998.
3.
Seit dem 1. 9. 1993 steht auch der durch deutsche Staatsbürger im Ausland begangene sexuelle Missbrauch unter Strafe (§ 176 StGB).
4.
Vgl. Michael Zinke, Gewalt gegen Kinder, in: TK aktuell. Das Magazin der Techniker Krankenkasse, (1998) 3, S. 9.