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Kinderarbeit in Entwicklungsländern

Das Beispiel indischer Teppichsektor


26.5.2002
Die Beseitigung von Kinderarbeit in Entwicklungsländern über Sozialklauseln oder neue internationale Konventionen ist ein seit Jahren intensiv diskutiertes Thema. Das gilt auch für die Kinderarbeit im indischen Teppichsektor.

I. Kinderarbeit allgemein



Die Eliminierung von Kinderarbeit, speziell in der Dritten Welt und dort in besonders gefährlichen oder erniedrigenden Arbeitsverhältnissen, ist ein Thema, das international seit Mitte der achtziger Jahre steigende Aufmerksamkeit erfährt und sich praktisch-politisch in einer Vielzahl von nationalen und internationalen Initiativen und Programmen niedergeschlagen hat, die sich diesem Ziel widmen. Dazu zählen Bestrebungen gesellschaftlicher Gruppen und Regierungen, Mindestrechte für Arbeitnehmer in Entwicklungsländern durch die Einführung von Sozialklauseln in internationale Handelsverträge zu erzwingen [1] , internationale Konventionen und Aktionspläne zur Beseitigung von Kinderarbeit oder deren schlimmster Auswüchse (sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse, Kinderprostitution etc.) in jenen Staaten, in denen sie am stärksten verbreitet sind [2] , und zuletzt Siegelungskampagnen, also produktbezogene Maßnahmen, die Kinderarbeit durch Preisaufschläge zu Lasten der Konsumenten im Norden zumindest bei ausgewählten Gütern überflüssig machen, und die freigesetzten Kinder und ihre Familien finanziell kompensieren wollen [3] .

Über den Umfang der weltweiten Kinderarbeit existieren bislang nur vage Schätzungen mit einer großen Bandbreite zwischen 73 und 250 Mio. betroffener Kinder [4] . Diese Unterschiede erklären sich aus den verschiedenen politisch-gesellschaftlichen Interessen der publizierenden Institutionen. Nicht vergessen werden dürfen allerdings die erheblichen objektiven Probleme einer Quantifizierung der Kinderarbeit in der Dritten Welt: Es fehlt bereits an einer international einheitlichen und verbindlichen Definition von Kinderarbeit [5] . So existieren fließende Übergänge zwischen Mitarbeit im Familienbetrieb und Lohnarbeit, zwischen Voll-, Teilzeit und Nichtbeschäftigung, zwischen akzeptierten und nicht-akzeptierten Formen.

Vergleichsweise sicher scheint nur, dass auf Asien und Afrika der größte Teil (40 bzw. 25 Prozent) der Kinderarbeit entfällt, dort wiederum vornehmlich auf einige Staaten (Indien, Pakistan, Bangladesh, China, Nigeria, Kenia und Ägypten), sektoral vor allem auf die Landwirtschaft, den hauswirtschaftlichen Bereich und den Straßenverkauf, nur zu rund zehn Prozent auf die binnenmarkt- und exportorientierten Industriesektoren [6] . Im verarbeitenden Gewerbe konzentriert sich Kinderarbeit logischerweise auf den informellen, kleinbetrieblichen Sektor, der staatlicher Inspektion nicht oder weniger zugänglich ist. Obwohl verlässliche Angaben fehlen, nimmt man an, dass Kinderarbeit quantitativ mit steigender Industrialisierung, Freisetzung aus der Landwirtschaft, Vergrößerung des informellen Sektors und der Erosion traditioneller Familienstrukturen und -werte in den letzten beiden Jahrzehnten zugenommen hat [7] .

Versuche, die bislang eher oberflächlichen Schätzungen zum Umfang der weltweiten Kinderarbeit durch solide Felderhebungen wenigstens für einige Länder der Dritten Welt zu untermauern, sind recht jungen Datums. Erst im Jahre 1996 wurde eine einschlägige ILO-Studie veröffentlicht [8] , die auf der Basis von Haushaltserhebungen (von jeweils zwischen 4 000-5 000 Haushalten) und ergänzender Firmenerhebungen in ausgewählten Distrikten von vier Entwicklungsländern basiert. Dieser kann man entnehmen, dass sich Kinderarbeit tatsächlich auf den landwirtschaftlichen Sektor und die Mithilfe in Familienbetrieben konzentriert (90 Prozent), dass in den untersuchten Distrikten über zehn Prozent aller Kinder wirtschaftlich aktiv waren (unter Hinzurechnung sekundärer Aktivitäten das Doppelte), dass mehr Jungen als Mädchen arbeiteten (im Verhältnis von 3 : 2) und dass der größte Teil der arbeitenden Kinder nie zur Schule gegangen war oder diese vorzeitig verlassen hatte, ein gewisser Teil der arbeitenden Kinder (bis zu einem Drittel) aber eine bezahlte Beschäftigung mit dem Schulbesuch vereinbart. Diese Studie diente der ILO dazu, die Zahl der arbeitenden Kinder weltweit auf die genannten 250 Mio. hochzurechnen.

Es existieren eine stattliche Anzahl länderspezifischer Arbeiten zur Kinderarbeit. Überwiegend fallen sie in den Bereich der "grauen Literatur", sind also nicht oder nur schwer greifbar [9] . Ohne dass ein erschöpfender Überblick versucht würde, lassen sich aus ihnen folgende Ergebnisse herauslesen:

- Kinderarbeit findet man nach den Einzelstudien vorwiegend auf dem Lande und im Bereich der häuslichen Dienste, wobei der diesbezügliche Anteil natürlich mit dem Entwicklungsstand zurückgeht. Kinder arbeiten ansonsten relativ selten in modernen, technologieintensiveren Sektoren, sondern vornehmlich in rückständigen Betrieben mit vergleichsweise schlechtem Lohnniveau [10] .

- Die familiäre Armut wird in den meisten der vorliegenden Studien als wichtigste Ursache der Kinderarbeit genannt. Die ILO fasst zusammen: "poverty is the most important reason why children work" [11] . Kinder würden in substantiellem Maße zum Einkommen vor allem armer Familien beitragen (Schätzungen liegen in der Regel zwischen 15 und 30 Prozent) [12] , ihre Freisetzung bedürfe daher der finanziellen Kompensation durch Stipendien etc. Obwohl für diese Ansicht Einiges spricht, ist doch auf eine Reihe von gegenläufigen Tendenzen hinzuweisen: Vielfach erzielt Kinderarbeit gar kein marktvermitteltes, sondern "nur" ein Schatteneinkommen, wenn Kinder im Haushalt, im eigenen landwirtschaftlichen oder Dienstleistungsbetrieb mitarbeiten oder sich schlicht der Sorge um ihre Geschwister widmen. Die Konzentration auf die monetären Einkommen der Kinder verengt die Perspektive und reflektiert den Wert der Mitarbeit nur ungenügend. Zweitens gibt es offenbar keinen engen Zusammenhang zwischen steigendem Familieneinkommen und Abnahme der Kinderarbeit. Nach einer peruanischen Studie kamen 30 Prozent der arbeitenden Kinder aus nicht-armen Familien, nach einer indischen hatten ein Drittel der Kinder Eltern mit ausreichend einkommensschaffendem Arbeitsplatz [13] .

- Ein natürliches Korrelat der Armutsbegründung ist es, Kinderarbeit fehlendem Schulbesuch zuzuschreiben und umgekehrt, Kinderarbeit in einen direktem Zusammenhang mit fehlendem gesetzlichen Schulzwang zu bringen [14] . Aufgrund empirischer Studien ist es erlaubt, einen Zusammenhang zwischen schulischen Leistungen der Kinder, Dauer des Schulbesuchs, versäumten Schultagen sowie zeitlicher und körperlicher Belastung mit Arbeit herzustellen, erstaunlich aber ist, ein wie großer Teil der arbeitenden Kinder Arbeit und Schulbesuch zu vereinbaren vermag [15] . Noch nachdenklicher macht die Tatsache, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der in den wenigen Felduntersuchungen dazu befragten Kinderarbeiter die Schule gar nicht besuchen möchte oder diese mehr oder weniger freiwillig abgebrochen hat, um sich einer Erwerbstätigkeit zu widmen. Als Ursachen dafür können (spekulativ) die direkten und indirekten Kosten (Schulgebühren einerseits; Transport, Schuluniformen, Bücher, Prüfungsgebühren etc. andererseits) genannt werden, die die Familien zusätzlich zum entgangenen Einkommen der Kinder belasten. Freilich verzichtet nach der vorhandenen Empirie ein größerer Teil der Kinder auch aus nichtökonomischen Gründen auf den Schulbesuch oder bricht diesen ab. Das hat auch, aber nicht ausschließlich mit traditionellen elterlichen Attitüden gegenüber schulischer Ausbildung, vor allem bei Mädchen, zu tun, die sich in rückständiger, dörflicher oder prononciert religiös-traditionaler Umgebung besonders auswirken. Andere und wichtige Faktoren sind aber, dass es in vielen ärmeren Ländern (Indien, Pakistan, Bangladesh, große Teile des subsaharischen Afrika) gar nicht genügend Schulen und Lehrer gibt, um alle Kinder eines Altersjahrganges aufzunehmen. Daneben ist die Qualität der Schulen und der Ausbildung sowie der damit vermittelten Berufschancen oft so bescheiden, dass ein gewisser Teil der Kinder seine Ausbildung aus rationalen Gründen abbricht und sich lieber dem Erwerbsleben widmet. Dazu zählen die mangelhafte Ausstattung der Schulen mit Lehrmaterial, der völlig praxisferne und langweilige Lehrstoff, das häufige Fehlen der Lehrer, die nicht seltenen harten disziplinarischen Strafen, vor allem aber auch die enormen Wiederholerraten, die zur Entmutigung schwächerer Schüler beitragen. Als Ergebnis erzielen Kinder selbst nach mehrjährigem Schulbesuch nur bescheidene kognitive Erfolge oder bleiben gar funktionale Analphabeten. Es ist kein Wunder, dass angesichts dieser Situation Eltern und Kinder gleichermaßen zur Auffassung gelangen können, die Kosten des Schulbesuch rechtfertigten sich nicht.

- Eng mit der Armutsbegründung hängen Vermutungen zusammen, arbeitende Kinder entstammten überproportional Familien mit nur einem Elternteil (in der Regel Frauen) oder besonders großen Familien. Die empirische Evidenz ist hier eher dürftig. Die Tatsache der Arbeitsaufnahme scheint bei Kindern stärker als von diesen Faktoren von ihrer Stellung in der Alterskette der Geschwister abzuhängen (der/die Älteste sorgen für die Betreuung der Geschwister und den Haushalt, die mittleren Kinder arbeiten eher).

- Besonders gravierende Defizite gibt es bei Ermittlungen über die Kinderarbeitern ausbezahlten Löhne und ihre Arbeitsbedingungen. Der Literatur entnimmt man, dass beides grauenhaft sein muss. Es gibt aber diesbezüglich sehr wenige empirische Arbeiten. Salazar und Glasinovitch [16] fassen sie in der Aussage zusammen: Kinderarbeiter verdienten von der Hälfte bis zum Äquivalent des Mindestlohnes. Dies stimmt auch mit Untersuchungen zur Textilindustrie in Indien und Bangladesh überein, die Produktionskosteneinsparungen durch Nutzung von Kinderarbeit in Höhe von maximal zehn Prozent unterstellen [17] . Die Autoren ziehen daraus den verfrühten Schluss, die Anstellung von Kindern "lohne sich nicht", die Einstellung von Kindern sei daher durch nicht im engeren Sinne ökonomische Faktoren (größere Willfährigkeit bei der Ausübung monotoner Tätigkeiten, keine gewerkschaftliche Organisation etc.) motiviert. Hinsichtlich der Bedingungen der Kinderarbeit ist man fast ausschließlich auf Traktatliteratur verwiesen, die ein besonders düsteres Bild zu zeichnen geneigt ist und dem Leser zuweilen die Frage aufdrängt, wie Überleben unter solchen Umständen überhaupt möglich ist.

- An gesetzlichen Vorkehrungen zum Einstellungsverbot von Kindern und Jugendlichen unter einem gewissen Alter und in gefährlichen Beschäftigungsverhältnissen mangelt es in Entwicklungsländern nicht; in der Regel sind die einschlägigen Regelungen und die damit einhergehenden Sanktionen in den letzten Jahren (z. T. unter Druck lokaler Nicht-Regierungsorganisationen [NGO], aber auch von Konsumenten in Industrieländern) auch noch verschärft worden. Zuweilen führte dies wie in Nepal und Bangladesh zu einer erheblichen Freisetzung von Kinderarbeitern, die sich ohne wirtschaftliche Alternative teilweise in noch schlechteren Verhältnissen wiederfanden. Der gesetzliche Schutz der Kinder leidet nach aller Erkenntnis vornehmlich an der Durchsetzung der einschlägigen Vorschriften, nämlich der Ausnahme des informellen Sektors und der häuslichen Arbeitsverhältnisse hiervon (womit der dominante Kinderarbeitssektor unberührt bleibt), den unterschiedlichsten Zuständigkeiten bei der Aufdeckung und Strafverfolgung, der viel zu geringen Zahl der eingesetzten Arbeitsinspektoren, ihrer Korruptionsanfälligkeit und der zumeist geringen Strafen gegen Gesetzesbrecher.


Fußnoten

1.
Vgl. Wilhelm Adamy, Internationaler Handel und Sozialstandards, in: Wirtschaftsdienst, (1994) 11; DGB, Menschenrechte in der Arbeitswelt und internationaler Handel. Vorschläge für elementare Sozialklauseln, Mai 1994.
2.
Vgl. Assefa Bequele/William E. Myers, First things first in child labour. Eliminating work detrimental to children, UNICEF/ILO, Genf 1995; UNICEF, Zur Situation der Kinder in der Welt. Kinderarbeit, Frankfurt/M. 1996.
3.
Vgl. Joachim Betz/Marisa Kretzschmar, Perspektiven des alternativen Teppichhandels, in: Nord-Süd aktuell, 11 (1997) 3.
4.
Vgl. International Labour Office, World Labour Report 1992, Genf 1992; UNICEF, Street and Working Children, Innocenti Global Seminar, Florenz 1993.
5.
Vgl. Deutscher Bundestag, Bericht der Bundesregierung über die Kinderarbeit in der Welt, Drucksache 13/1079, 1995.
6.
Vgl. Anm. 4.
7.
Vgl. Ben White, Globalization and the Child Labour Problem, Institute of Social Studies, Working Paper No. 221, Den Haag 1996.
8.
Vgl. International Labour Office, Child Labour Surveys. Results of methodological experiments in four countries, 1992-93, Genf 1993.
9.
Vgl. Jo Boyden, The Relationship between Education and Child Work, Innocenti Occasional Papers, Florenz 1994; Maria Christina Salazar/Walter Alarcon Glasinovich, Better Schools: Less Child Work. Child Work and Education in Brazil, Colombia, Ecuador and Peru, Innocenti Essay, Nr. 7, Florenz 1996.
10.
Vgl. M. Chr. Salazar/W. A. Glasinovich, ebd.
11.
ILO (Anm. 2), S. 8.
12.
Vgl. Child Workers in Nepal, Child Labour in the Tea Estates of Nepal, CWIN Concerned Centre, Kathmandu 1991; Peter Reynolds, Dance Civet Cat: Child Labour in Zambesi Valley, Ohio 1991.
13.
Vgl. Jo Boyden (Anm. 9).
14.
Vgl. Myron Weiner, The Child and the State in India: Child Labour and Education Policy in Comparative Perspective, Princeton 1991.
15.
Vgl. James R. Hines u. a., Child Labour and Basic Education in Latin America and the Caribbean: A Proposed UNICEF Initiative, Innocenti Essays, Nr. 6, Florenz 1996.
16.
Vgl. Anm. 9.
17.
Vgl. Deborah Levison u. a., Is Child Labour Really Necessary in India's Carpet Industry?, Labour Market Papers 15, ILO, Genf 1996.