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26.5.2002 | Von:
Gerhard Schulze

Was wird aus der Erlebnisgesellschaft?

Vergleicht man die neunziger mit den siebziger Jahren, zeigt sich zunächst eine kulturelle Distanz. Sie rührt von bekannten Charakteren her, die heute eher unfreiwillig komisch erscheinen: Derrick oder Kommissar Trimmel.

Einleitung

Wenn man die neunziger mit den siebziger Jahren vergleicht, hat man zunächst den Eindruck einer großen kulturellen Distanz. Es ist vor allem die unfreiwillige Komik, die Filme aus der früheren Phase, etwa "Derrick" oder "Tatort", aus heutiger Sicht noch immer betrachtenswert erscheinen lässt: ein Kommissar, der sich moralisch entrüstet; Kristalllüster, herrischer Tonfall, Dienstmädchen und der sonstige Symbolkram museal wirkender Bürgerlichkeit; treuherzig erscheinende Inszenierungen der Provokation und des Tabubruchs in zwanghaft wirkenden Tanz- und Liebesszenen von Hippietypen. Doch Vorsicht: Morgen wird die Alltagswelt der Gegenwart so vorgestrig wirken wie heute die Szenerie der siebziger Jahre.


Entgegen dem Anschein kultureller Distanz tritt allmählich eine einheitliche Dynamik zutage. Dass die neunziger Jahre nur eine Passage auf einem Jahrzehnte vorher begonnenen Weg waren, wird deutlich, wenn man noch weiter zurückgeht. Während vieles im Symbolkosmos der siebziger Jahre auf uns Heutige zwar unausgereift, aber schon unterwegs zu unserer Gegenwart wirkt, befinden wir uns in den fünfziger Jahren mitten in einer versunkenen Tradition. Zwischen den fünfziger und siebziger Jahren ereignet sich ein wirklicher Kulturbruch, der die nachfolgenden Veränderungen als viel geringfügiger erscheinen lässt. Gewiss, im Vergleich zu den Ravern unserer Tage wirken die Diskobesucher der siebziger Jahre wie eine Hochzeitsgesellschaft, aber beide sozialen Szenerien befinden sich gemeinsam in einem kulturellen Raum weit jenseits des "Mittelkränzchens" der Tanzstunde.

Was anders wurde und seither anders blieb, ist vor allem eines: die als selbstverständlich geltende Vorstellung über die Beziehung von Ich und Welt. Im alten Paradigma war die Welt das Gegebene, an das sich das Ich anzupassen hatte. Im neuen Paradigma hat sich das Verhältnis um 180 Grad gedreht - wenn überhaupt noch etwas als gegeben betrachtet wird, dann das Ich. Anzupassen hat sich die Welt, die in atemberaubend kurzer Zeit zu einem Ambiente größtmöglicher beliebiger Wünsche hochgerüstet wurde. In der Menü-Welt der Fernbedienungen, der Supermärkte mit 50 000 Artikeln, der Inbesitznahme selbst des Himmels über den Ballungsgebieten als Reklamefläche für Luftschiffe - in dieser Welt liegt nichts näher als die Frage: "Was will ich und wo bekomme ich es?"

Vom weltbezogenen Subjekt zur subjektbezogenen Welt: dies ist der große kulturgeschichtliche Einschnitt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Selten hat der Slogan vom Umschlagen einer neuen Quantität in eine neue Qualität so gepasst wie in diesem Zusammenhang. Welche Quantität? Das schiere Volumen der Möglichkeiten ist gemeint, die Verwirklichung jener Vision des Mehr-und-mehr-Könnens, der wir seit dem 19. Jahrhundert folgen. Dass sich diese Vision ständig erfüllte, dass die Expansion des Möglichkeitsraums unaufhörlich weiterging, hat mit der methodischen Radikalisierung des alten Paradigmas des weltbezogenen Subjekts zu tun. Das Gegebensein der Welt analytisch zu durchdringen und zu nutzen war die Kernidee im Zusammenspiel von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft. Eine immer schnellere Fortschrittsdynamik war die Folge.

Von einer gegebenen Welt auszugehen - nicht diese Grundeinstellung ist eine Erfindung der Moderne, sondern nur ihre naturwissenschaftliche Zuspitzung. Neben den Naturgesetzen blieben jedoch andere "Gegebenheiten" zunächst im Bewusstsein der Menschen bestehen: Gebote und Verbote, Tabus, Rangordnungen, Herrschaftsbeziehungen, Konventionen. Die soziale Topographie der fünfziger Jahre stellt sich im Wesentlichen immer noch als eine Landschaft der "Gegebenheiten" dar; die Menschen traten der objektiven Wirklichkeit (einschließlich der sozialen Verhältnisse) mit grundsätzlichem Respekt und Anpassungsbereitschaft, aber auch mit Gestaltungsabsichten im Rahmen der "gegebenen Sachzwänge" gegenüber.

Es war nun genau die ungeheure, möglichkeitserweiternde Produktivität dieser Denkweise, die zu ihrer Umkehrung führte. Der grundlegende Wandel war eine Frage des gesunden Menschenverstands. Wenn es "wenig" Möglichkeiten gibt, muss man sich damit arrangieren; gibt es dagegen "sehr viele" Möglichkeiten, muss man umgekehrt das Vorhandene für sich arrangieren. Von diesem Um-Denken der Beziehung von Ich und Welt nimmt die Erlebnisgesellschaft ihren Ausgang.

Dieser Ausdruck bezeichnet einen Aspekt der Sozialwelt, nämlich das Vorherrschen einer subjektbezogenen Sichtweise, mehr nicht. Er ist als komparativer Begriff zu verstehen; seine Anwendung ist nicht mit den Kategorien "entweder/oder" zu verbinden, angemessen ist vielmehr das Begriffspaar "mehr/weniger". Die Aussage, eine Gesellschaft sei "eine Erlebnisgesellschaft" (oder sie sei es nicht), zeugt von unsoziologischem Denken, weil sie der Unschärfe und Vielschichtigkeit des Gegenstands nicht gerecht wird. Die Soziologie kann immer nur über Mischungsverhältnisse und ihren Wandel sprechen.

Die Charakterisierung einer Gesellschaft als Erlebnisgesellschaft ist vergleichend gemeint. Mehr denn je passt sie auf die gegenwärtige Sozialwelt. Die Herrschaft des neuen Paradigmas von Ich und Welt hat sich befestigt. Globalisierung, neue Armut und soziale Ungleichheit hinterlassen zwar ihre Spuren im Denken der Menschen, aber sie rütteln nicht an der zentralen Idee, im Gegenteil. Globalisierung bedeutet nicht etwa, dass das alte Denken wieder zurückkäme, sondern dass sich das neue Denken überall ausbreitet, nicht nur im Westen. Und der epochentypische Wunsch, sich "seine" Welt zu wählen, statt sich an einer "gegebenen" Welt abzuarbeiten, ergreift auch von denen Besitz, die ihn sich nicht erfüllen können.

Worin besteht die selbst arrangierte Welt im Bewusstsein der Menschen, und welche sozialen Konstruktionen erwachsen daraus? So sehr sich ständig alles beschleunigt und vermehrt, so rasch ein Trend den anderen verdrängt und so wenig ein Ende des geometrischen Wachstums der Möglichkeiten abzusehen ist, so dauerhaft sind nichtsdestoweniger die zentralen Kategorien zur Beschreibung der Erlebnisgesellschaft.

Alles nimmt seinen Ausgang von einer bestimmten Form der Selbstbeobachtung, denn das subjektzentrierte Leben ist ohne Selbstbeobachtung nicht denkbar. Die Menschen konzipieren ihr jeweiliges Projekt des schönen Lebens als Serie psychophysischer Zustände. An die Stelle früherer Formen der Selbstbeobachtung, die häufig die Gestalt einer als gegeben betrachteten Seele annahmen, ist eine psychophysische Semantik getreten: die Klassifikation sowohl der eigenen Person als auch anderer Menschen, gewünschter Situationen, begehrter Produkte und Dienstleistungen durch einige grundlegende Polaritäten (Einfachheit und Komplexität, Ordnung und Spontanität). Die psychophysische Semantik reguliert das Innenleben der Vielen, ihre sozialen Beziehungen und Milieubildungen, die Erfindung neuer Produkte von Sportartikeln bis zu TV-Formaten, sie bestimmt die wechselseitige Wahrnehmung im Alltagsleben, orientiert an offensichtlichen Zeichen wie Alter und Bildung, die sich der psychophysischen Semantik zuordnen lassen. Selbst- und Zielbeschreibung lassen sich auf diese Weise in Korrespondenz bringen. Man handelt "erlebnisrational"; man kauft und entsorgt, wählt Partner und trennt sich, reist hierhin oder dorthin, zappt und hält inne - kurz, man arrangiert die Welt im Hinblick auf sich selbst, orientiert an der Kernidee, durch Management des Äußeren gewünschte innere Wirkungen zu optimieren.

Auf diese Weise entsteht eine unendliche Formenvielfalt, bei der der Erlebnismarkt als Generator ständig neuer Konkretisierungen einiger weniger allgemeiner Formschemata wirkt. Fast schon traumwandlerisch aufeinander eingespielt, erarbeiten Erlebnisanbieter und Erlebnisnachfrager unablässig neue Gestalten des Wünschenswerten, aufeinander bezogen durch etablierte kollektive Kommunikationsformen: Quoten, Marktanteile, Reichweiten, Absatzziffern und ähnliche Erfolgs-Misserfolgs-Indikatoren einerseits, Werbung, Programmzeitschriften, Trendkommunikation in den Medien, Anschaulichwerden des Neuen im Alltagsleben andererseits.

Lässt sich also die Dynamik der Erlebnisgesellschaft als eine Art rasender Stillstand charakterisieren? Wird man nach weiteren zwei Jahrzehnten immer noch auf derselben Stelle treten, nur noch schneller? Die Antwort hängt ab von der Tiefenschärfe der Betrachtungsweise. Es wäre erstaunlich, wenn sich die Erlebnisgesellschaft nicht transformieren würde. Genau deshalb, weil sie sich auf einer sehr allgemeinen Ebene treu bleibt, erzeugt die Erlebnisgesellschaft neue Muster. Längerfristige Selbsterfahrung im erlebnisrationalen Alltagshandeln führt zur Veränderung durch allmähliches Lernen. "Lernen" ist in diesem Zusammenhang als ein weit gefasster Begriff zu verstehen, der nicht nur den Erwerb von Fähigkeiten meint, sondern allgemeiner das Geprägtsein gegenwärtigen Handelns durch die erinnerte Vorgeschichte.

So gehört zur Transformation der Erlebnisgesellschaft durch Lernen unübersehbar die Routinisierung ihrer Muster. Was die Gegenwart von den siebziger Jahren unterscheidet, ist eine Kombination von Selbstverständlichkeit und Distanziertheit bis zur Ermüdung. Dort, wo einst kollektive Aufbruchsstimmung, Entdeckerlaune, Erregtheit, Faszination und der Narzissmus des Konventionsbruchs herrschten, handhaben die Menschen Erlebnismittel mit achselzuckender Selbstverständlichkeit. "Ich tue, was mir gefällt" wurde vom Fanal zur permanent gemurmelten Floskel, ja zur neuen Konvention, der jedes kulturrevolutionäre Flair abgeht. Ein Banker in Trapperkleidung auf einer Harley Davidson - na und? Ferntourismus, Telefonsex, Loveparade, Opernbesuch und ständig mehr Fernsehprogramme - alles Neue ist im Grunde nichts Neues, sondern eingespielte Folklore mit oszillierender Oberfläche.

Mit dem heiligen Ernst des Aufbruchs in den siebziger Jahren ist das Mitmachen bei dieser Folklore nicht mehr zu vergleichen. Dennoch werden die Menschen nicht einfach davon lassen. Warum sollten sie? Gleichwohl: Wenn Menschen beginnen, ein Muster als Routine zu empfinden, ist es nicht mehr weit zum Durchbrechen der Routine, was durchaus mit deren Fortbestand vereinbar ist. Schließlich wurde auch die bürgerliche Moral durch heimliche Sünden eher gefestigt als geschwächt. Analog lässt sich in der Gegenwart eine mehrschichtige Dialektik beobachten, die das herrschende Paradigma der Erlebnisgesellschaft durch Negation reflektiert, ohne es zu zerstören. Einige an Prägnanz zunehmende Muster sind: Ironie, Eigenständigkeit und Zweigleisigkeit.

"Das Vergnügen ist eine Arbeit geworden", schrieb Ulrich Greiner 1986 in der "Zeit". Hinzuzusetzen ist: Es handelt sich um eine Arbeit, die immer wieder auch zu Unsicherheit und Enttäuschung führt, da Erlebnisrationalität den Menschen als kalkulierbare Naturtatsache fingiert. Das Subjekt behandelt sich selbst als Objekt, bleibt aber "subjektiv" im Sinn ständiger Selbstkonstruktion durch Handeln und innengerichtete Beobachtung. Ein reflexives Wesen, das sich selbst als gegeben betrachtet, verkennt sich selbst und scheitert leicht mit den Handlungen, die auf diesem Missverständnis aufbauen. Nicht, dass die zur Erlebnisgesellschaft gehörenden Frustrationen dem Betrieb geschadet hätten - die Unklarheit der eigenen Wünsche, die Angst, etwas zu versäumen, die krampfhafte Vorspiegelung von Faszination, die Langweile im Reizchaos, der Stress des Wählenmüssens. Es gibt ja auf der anderen Seite auch die Erfahrung geglückter Erlebnisprojekte, weshalb Misserfolge sogar zum Wachstumsmotor der Erlebnisgesellschaft werden konnten. Aber allmählich entstanden Formen der Selbstentlastung. Eine dieser Formen ist "Coolness": das paradoxe Konterkarieren des Wunsches nach Erlebnissen durch Unbeteiligtsein. Wichtiger noch ist die rasche Ausbreitung ironischer Selbstbeobachtung der Erlebnisgesellschaft in den neunziger Jahren, wodurch die Arbeit am Vergnügen spielerische Züge annahm und die Frustrationen an Gewicht verloren. Die stürmische Eroberung des Fernsehens durch Comedy-Angebote, die Lust an der Parodie, die um sich greifende Neigung der Werbung zum Unernst sind Zeichen einer begrenzten Selbstentlassung aus der Pflicht zum schönen Leben. Besonders aussagekräftige Beispiele sind die deutschen Beiträge zum Grand Prix der Schlager 1998 und 2000: erst Gildo Horn und dann Stefan Raab mit "Wadde hadde dudde da".

Im ironischen Außerkraftsetzen der Erlebnisrationalität liegt versteckter Wirklichkeitssinn, eine allmählich gelernte Einsicht des Subjekts in das Wesen von Subjektivität. Ein anderer, ähnlich zu beurteilender Trend ist die zunehmende Wertschätzung der Eigenständigkeit. Überraschend waren viele Angebote zur Millenniumsfeier 2000 nicht ausgebucht, weil viele Menschen zu Hause bleiben wollten. Der Boom von Kochbüchern und die sprunghafte Ausbreitung von Inline Skating haben etwas Gemeinsames: Sie sind Ausdruck einer voranschreitenden Entdeckung des Erlebniswerts der Eigenständigkeit. In Abwandlung der klassischen Form von Erlebnisrationalität, die Außersubjektives für das Innenleben zu instrumentalisieren versucht, entdecken viele Menschen das Glück der Selbstvergessenheit im Tätigsein und Selbermachen. Auch darin liegt eine Fortschreibung der ersten kollektiven Ausarbeitung von Erlebnisrationalität, die vom Erlernen eines wachsenden Repertoires von Formen im Umgang mit sich selbst zeugt.

Zur Weiterentwicklung der Erlebnisrationalität gehört schließlich auch die Verminderung ihrer handlungslogischen Dominanz. Nach einer Phase rauschhafter Selbstbezüglichkeit im Dienst psychophysischer Projekte kommt das Außersubjektive wieder in den Blick, und zwar nicht als riesiges Magazin von Erlebnismitteln, sondern wie eh und je: als zunächst "gegebener" Wirklichkeitsbereich, auf den Bezug zu nehmen vernünftig scheint, ohne dass es dabei auf Erlebnisse ankäme. Worum es geht, ist vielmehr das Außersubjektive selbst - seine Erforschung, Erhaltung, Umgestaltung, Verteilung. Die Diskurse über Umwelt, Gentechnik, Zukunft der Arbeit, Sozialstaat oder globale Ungleichheit weisen auf die Bedeutungszunahme von Zweigleisigkeit im Denken hin. Die vormals Alleinherrschaft beanspruchenden Paradigmen koexistieren, in ein und demselben Bewusstsein. Nicht mehr als einander ausschließende, sondern als sich ergänzende Formen der Rationalität erscheinen die Denkmodelle von subjektbezogener Welt und weltbezogenem Subjekt den Menschen.

Soll man angesichts dieser Entwicklung noch von "Erlebnisgesellschaft" sprechen? Die Frage ist nur von geringer Bedeutung. Gewiss: Zeitdiagnostische Kategorien sind wichtig, um sich über komplexe Phänomene zu verständigen. Der von solchen Kategorien ausgehenden Suggestion gleichbleibender Verhältnisse gilt es jedoch zu widerstehen: Worauf es ankommt, ist nicht das Etikett, sondern das Phänomen selbst. Als dessen Kern erkennen wir eine sich in kollektiven Lernschritten vorwärtsbewegende Transformation von grundlegenden Paradigmen und Rationalitätsformen. Die ursprüngliche Ausprägung der Erlebnisrationalität war nur eine Übertragung industriegesellschaftlichen Denkens auf das Subjekt; neben diese Denkform treten allmählich raffiniertere Umgangsweisen mit sich selbst, die dem Wesen von Subjektivität angemessener sind. Und auf den kulturgeschichtlichen Schritt vom weltbezogenen Subjekt zur subjektbezogenen Welt folgt der nächste: die Vereinigung beider Grundmuster, um subjektive und soziale Wirklichkeit aufzubauen.

Internetverweise der Redaktion:

www.redcross.or.at/rc_publ/lesehin/lsolidar/schul.htm

www.septakademie.co.at/septak/sep98/schulze.htm

www.vdh.ch/norbert_bolz.htm