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26.5.2002 | Von:
Hermann Strasser
Achim Graf

Schmidteinander ins 21. Jahrhundert

Auf dem Weg in die Spaß- und Spottgesellschaft?

Gerne wird hierzulande von Kritikern das Fehlen einer politischen Kultur bei der jüngeren Generation beklagt. Der Niedergang des klassischen Kabaretts soll hierfür verantwortlich sein.

I. Was geht, wenn sonst nichts mehr geht?

"Deutschland steht still. Und Deutschland verblödet", so lautete unlängst die provozierende These der Wochenzeitung Die Woche [1] . Während die Politik erstarre und die Arbeitslosigkeit wachse, flüchte die Fernsehnation in hirnerweichende Unterhaltung. Was den älteren Jahrgängen der allabendlich gereichte synthetische Cocktail der volkstümlichen Musik, das scheint den jüngeren die Unterhaltung aus dem prall gefüllten Kultschrank des Blödsinns: präsentiert auf dem Altar von Sitcoms, Soaps - und vor allem Comedy. Gerade so, als ob jahrzehntelang nichts zwischen linksintellektuellem Kabarett und rechtspopulistischem Stammtisch existierte, herrscht nun plötzlich ein gewaltiges Angebot, besteht vor allem bei jungen Menschen eine immense Nachfrage nach komödienhaften Acts und Sketchen, unverschämt böse oder aber ohne intellektuellen Anspruch bis hin zur völligen Sinnentleerung: Comedy-Shows auf allen Fernsehkanälen, Nonsens statt Gesellschaftskritik auch auf den Kleinkunstbühnen. Dazu gesellt sich seit 1995 ein fast täglich wiederkehrender Zyniker namens Harald Schmidt, der in seiner Late-Night-Comedy-Show zeigt, "was noch geht, wenn sonst nichts mehr geht" [2] .


Aber ist wirklich alles so schamlos und absurd, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, oder haben wir es nicht eher mit einer neuen, einer anderen Form von Satire oder Parodie zu tun? Ist das klassische Kabarett am Ende und Comedy zum Kabarett der Jahrhundertwende avanciert, als moderne Weiterführung eines Genres lediglich mit anderen Mitteln? Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik hat bislang kaum stattgefunden. Lediglich die gesellschaftlichen Umstände, in denen sich diese Entwicklung vollzieht, sind Gegenstand soziologischer sowie politik- und medienwissenschaftlicher Arbeiten. Recherchen müssen sich daher überwiegend auf Populärzeitschriften und Zeitungen, auf Meinungsbeiträge sowie auf politische und feuilletonistische Essays stützen. Durch Aussagen und Einschätzungen von Akteuren, Kabarettkennern und Medienexperten sowie durch eigene Beobachtungen und vergleichende Analysen hoffen wir, ein genaueres Bild davon zu zeichnen, was Comedy ist und was sie bewirkt. Das besondere Augenmerk liegt dabei auf Harald Schmidt und auf der Frage, ob der Late-Night-Talker Vorbild einer jungen, entpolitisierten Generation ist, wir uns alle auf dem Weg in die Spaß- und Spottgesellschaft befinden.


Fußnoten

1.
Hans-Ulrich Jörges, Deutschland verblödet, in: Die Woche vom 30. Januar 1998, S. 1.
2.
Richard David Precht, Der Narr der letzten Stunde, in: Die Zeit vom 15. Januar 1998, S. 47.