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26.5.2002 | Von:
Thomas Müller-Schneider

Die Erlebnisgesellschaft - der kollektive Weg ins Glück?

Noch nie zuvor haben sich so viele Menschen so intensiv auf die Suche nach unmittelbaren Glückserlebnissen begeben. Insofern leben wir heute in einer "Erlebnisgesellschaft".

I. Einleitung

Wer sich mit dem Thema "Glück" auseinander setzt, muss die Frage stellen, was damit eigentlich gemeint sein soll. Worin Glück besteht und wie man es erreichen kann, darüber gingen die Meinungen schon immer weit auseinander. Der Psychologe Paul Watzlawick vertritt sogar die Auffassung, dass Glück grundsätzlich nicht definierbar sei [1] . Dann könnte man aber nichts mehr von Belang dazu sagen, und jeder Kommunikationsversuch verlöre sich im Labyrinth der Beliebigkeit. Umso erstaunlicher ist es, dass es allgemeingültige Zeichen des Glücks gibt, die den Menschen deutlich ins Gesicht geschrieben stehen und über alle kulturelle Grenzen hinweg verstanden werden. So kann ein Inder ohne Probleme vom Gesichtsausdruck eines Deutschen ablesen, ob dieser glücklich ist oder nicht [2] . Es liegt demnach nahe, Glück als einen inneren Zustand zu betrachten, der zu diesen äußeren Zeichen "passt" und bei allen Menschen sehr ähnlich ist. Es ist ein schönes Gefühl, das in vielen Begriffen aus seinem unmittelbaren Bedeutungsumfeld anklingt: Freude, Vergnügen, Lust, Harmonie, Seligkeit oder Zufriedenheit.


Dass Menschen nach Glück streben, ist keine kulturspezifische Erscheinung, sondern eine anthropologische Konstante. Darüber ist man sich weitgehend einig. Schon Aristoteles wusste: "Alle Menschen wollen glücklich sein." Dennoch ist das Thema Glück derzeit so präsent wie nie zuvor. Trotz Massenarbeitslosigkeit, sozialer Ungleichheit, staatlicher Verschuldung und der Furcht vor ökologischen Katastrophen begegnet es einem ständig in Zeitschriften, einschlägigen Buchveröffentlichungen, alltäglichen Gesprächen und im Fernsehen - in Talkshows schon fast notorisch. Nie haben sich so viele Menschen so intensiv auf die Suche nach unmittelbaren Glückserlebnissen begeben wie heute - und insofern leben wir in einer "Erlebnisgesellschaft" [3] . Diese ist Gegenstand des folgenden Beitrags, wobei zunächst das Glückskonzept dargestellt wird, das ihr zugrunde liegt. Danach geht es um die Möglichkeiten der Glückssuche, die Individuen in der Erlebnisgesellschaft nutzen können. Anschließend wird der Frage nachgegangen, ob das gegenwärtige Glückskonzept erfolgreich ist und tatsächlich den erwünschten Zuwachs an erlebtem Glück bringt. Abschließend werden verschiedene Gesichtspunkte der zukünftigen Entwicklung angesprochen, die sich aus der vorliegenden Analyse ergeben.

Fußnoten

1.
Vgl. Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, München 199918, S. 11.
2.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann/Renate Köcher (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1993-1997, München 1997, S. 45.
3.
Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt am Main 19928.