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26.5.2002 | Von:
Thomas Müller-Schneider

Die Erlebnisgesellschaft - der kollektive Weg ins Glück?

II. Das erlebnisrationale Glückskonzept

Das heute vorherrschende Glückskonzept erschließt sich über den Begriff der Erlebnisrationalität [4] . Als verdeutlichendes Beispiel dienen zwei Personen mit unterschiedlichen Handlungen. Die eine geht zum Zahnarzt, die andere besteigt einen Berg. Zunächst steht zweifelsfrei fest, dass beide Personen in ihrer jeweiligen Handlungssituation etwas erleben. Sie können es gar nicht vermeiden, Erlebnisse zu haben. Der Mensch erlebt das Leben schlechthin. Ob allerdings Erlebnisse gewollt sind oder nicht, ob sie positiv sind oder nicht, ist eine andere Frage. Beide Personen handeln zweckrational, d. h., sie betrachten ihr Handeln als Mittel für einen bestimmten Zweck. Bei der ersten Person ist dies offenkundig. Der Arztbesuch dient der Vorsorge oder der medizinischen Behandlung. Die eigenen Gefühle sind dabei eher unangenehm, bestenfalls Nebensache. Ganz anders stellt es sich nun bei der zweiten Person dar. In ihrer Situation sind die Erlebnisse eben nicht Nebensache, sondern die Hauptsache - sie sind der eigentliche Zweck des Bergsteigens. Natürlich geht es nicht um irgendwelche Erlebnisse, sondern um möglichst schöne, hier um das "Gipfelglück", das sich im Moment der erfolgreichen Besteigung einstellt.

Erlebnisrationalität bedeutet demzufolge, dass Menschen bestimmte Aspekte ihres Daseins verändern, um dadurch auf ihr Innenleben einzuwirken und schöne Erlebnisse herbeizuführen. Es gibt mehrere Bereiche solcher Daseinsaspekte. Einer umfasst die Außenwelt der Personen, d. h. die Situation, in der sie sich befinden. Individuen begeben sich - wie das am Beispiel des Bergsteigers sichtbar wurde - in Situationen, die sie lustvoll erleben wollen. Man kann dieses Verhalten als erlebnisorientiertes Situationsmanagement [5] bezeichnen. Zwei weitere Bereiche werden sichtbar, wenn man das Subjekt selbst betrachtet. Darunter ist - gleichbedeutend mit Individuum, Mensch oder Person - die dauerhafte Verknüpfung von Körper und Bewusstsein zu verstehen. In Analogie zum Situationsmanagement gibt es erlebnisorientierte Veränderungen des Subjektes an sich selbst, die entweder auf den Körper oder auf das Bewusstsein ausgerichtet sind. Im ersten Fall wird der Körper gestaltet, um ihn "glückbringend" zu verschönern. Die kosmetische Operation ist ein typisches Beispiel hierfür. Im zweiten Fall geht es darum, das eigene Bewusstsein - etwa durch die Einnahme von Rauschmitteln - so zu manipulieren, dass sich schöne Erlebnisse einstellen. Insgesamt zeichnet sich das erlebnisrationale Glückskonzept also durch drei Techniken der Glückssuche aus: Situationsmanagement, Körpergestaltung und Bewusstseinsmanipulation. Diese Techniken müssen keineswegs erfolgreich sein, sie sind lediglich als Versuche zu verstehen, rational auf die eigene Gefühlswelt einzuwirken.

Dem beschriebenen Glückskonzept liegt eine stark subjektzentrierte Annahme über das Verhältnis zwischen Individuum und seiner sozialen Umgebung zugrunde, die zu erläutern ist. Sie lautet: Glück ist reine Privatsache. Nur jeder Einzelne kann für sich selbst entscheiden, wann er glücklich ist und wann nicht, welche Mittel er einsetzen will und welche nicht. Keine überindividuelle oder gar religiöse Ordnung gibt den Zweck des Seins verbindlich vor, die Individuen sind vielmehr "zweckautonom", d. h., sie wählen ihre Ziele nach Belieben. Die Erlebnissubjekte sind daher bei der Sinngebung ihres Lebens grundsätzlich auf sich selbst angewiesen, selbst wenn sie dankbar auf Angebote anderer zurückgreifen. Das erlebnisrationale Glückskonzept unterscheidet sich radikal von vormodernen Konzepten, denen kein subjektiver, sondern ein objektiver Glücksbegriff zugrunde lag. Dieser besagt, dass es allgemeingültige Glücksrezepte gibt, die in eine kollektiv verbindliche Lebensordnung eingebettet sind. Das persönliche Empfinden tritt dabei in den Hintergrund, und im Extremfall "objektiven Glücks" kann jemand glücklich sein, ohne dies überhaupt zu bemerken [6] .

Das erlebnisrationale Glückskonzept ist nicht als Beschreibung eines gegebenen gesellschaftlichen Zustandes aufzufassen, sondern eher als ein "idealtypisches" Modell, das in verschiedenen Gesellschaften in graduellen Abstufungen auftreten kann. So gab es auch schon in früheren Zeiten erlebnisorientierte Momente der Glückssuche, keine Gesellschaft war je völlig frei davon. Entscheidend ist aber, dass das erlebnisrationale Glückskonzept in den letzten Jahrzehnten in einem bislang völlig unbekannten Ausmaß in den Alltag vorgedrungen ist. Dies ist auf mehrere Veränderungen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zurückzuführen. Hier ist insbesondere die "Wohlstandsexplosion" zu nennen. Zwischen 1950 und 1994 stiegen die Reallöhne nahezu um das Vierfache an. Das Angebot an Waren und Dienstleistungen hat sich permanent vervielfältigt und ausdifferenziert. Die durchschnittliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer ist um etwa ein Viertel gesunken. Nicht zu unterschätzen ist außerdem der starke Rückgang gesellschaftlicher Zwänge. Seit den sechziger Jahren wurden Tabus immer dort gebrochen, wo sie sich gegen das richteten, was gefällt und glücklich zu machen verspricht. Die so genannte sexuelle Revolution ist eines der deutlichsten Zeichen für diese Entwicklung.

Fußnoten

4.
Vgl. ebd., S. 40 ff.
5.
Vgl. ders., Steigerungslogik und Erlebnisgesellschaft, in: Peter Massing (Hrsg.), Gesellschaft verstehen. Aktuelle Gesellschaftstheorien und Zeitdiagnosen, Schwalbach 1997, S. 84.
6.
Vgl. Malte Hossenfelder, Philosophie als Lehre vom glücklichen Leben, in: Alfred Bellebaum (Hrsg.), Glück und Zufriedenheit, Opladen 1992, S. 17.