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26.5.2002 | Von:
Thomas Müller-Schneider

Die Erlebnisgesellschaft - der kollektive Weg ins Glück?

III. Möglichkeiten der Glückssuche

Bei der Beschreibung des erlebnisrationalen Glückskonzepts wurden Situationsmanagement, Körpergestaltung und Manipulation des Bewusstseins unterschieden. Bezug nehmend auf diese drei Techniken werden nun Möglichkeiten konkretisiert, mit denen die Individuen in der Erlebnisgesellschaft nach Glücksgefühlen suchen.

1. Situationsmanagement

Die einfachste Art des Situationsmanagements besteht darin, sich an Konsumgütern und Dienstleistungen das auszuwählen, was einem die schönsten Erlebnisse verspricht. Es gibt einen regelrechten Erlebnismarkt [7] , auf dem der Einzelne einer unüberschaubaren Vielfalt von Angeboten gegenübersteht: Fernsehprogramme, Kleidungsstücke, Musikkonserven, Kinofilme, Autos, Speiselokale, Einrichtungsgegenstände u. a. Die meisten Konsummöglichkeiten appellieren an unser Glücksbedürfnis, wenn auch nicht immer direkt. Ein Fernsehabend inklusive Werbeblocks genügt, um sich davon zu überzeugen. Ein Teil des Angebots hat gar keinen anderen Zweck mehr, als beim Konsumenten positive Gefühle zu erzeugen. Ist darüber hinaus ein außenorientierter Gebrauchswert vorhanden, tritt er meist in den Hintergrund. Wenn man in ein Restaurant geht, will man zwar auch satt werden, aber das ist nicht der einzige Zweck, ja nicht einmal die Hauptsache. Es kommt vor allem darauf an, das Essen und die schöne Atmosphäre zu genießen.

Auf dem Erlebnismarkt breiten sich komplexe Situationsarrangements aus, die eigens für die Nachfrage nach Erlebnissen konzipiert und zusammengestellt werden. Diese Arrangements fungieren als "Orte des Glücks", an denen positive Gefühlswelten öffentlich in Szene gesetzt werden. Zu nennen sind hier beispielsweise die in den neunziger Jahren um sich greifenden "Events", die von der Inszenierung mittelalterlicher Lebensweisen über die Aufführung von Musicals und die Love-Parade bis hin zu Massenkonzerten mit den drei "großen" Tenören reichen. Das Glück kann einem in Wellness-Zentren, Urlaubsorten und Ferienclubs mit Animation begegnen, aber genau so gut im heimischen Erlebnisbad, in dem Palmenstrand und Wellengang nur simuliert werden [8] .

Erlebnisrationales Situationsmanagement herrscht auch im Bereich der Intimität, Sexualität und Liebe. Diese ehemals so streng reglementierten Lebensäußerungen spielen sich heute in einem wahren Kosmos wählbarer Begleitumstände ab. Von Belang sind hier nur noch persönliche Vorlieben und Abneigungen. Was früher abweichend, skandalös oder gar pervers war, gilt heute vielfach als normal. Ausgestattet mit einem ständig expandierenden Sortiment an Erotikartikeln, wenden "Liebende" alle erdenklichen Sexualpraktiken an, vom Gummifetischismus bis hin zu "SM". Extase, Lust und Orgasmus - so lauten die Erlebnisziele bei der entgrenzten Intimität. Dies bedeutet aber nicht, dass es nur noch Untreue gäbe. Im Gegenteil, für viele ist das Liebeserlebnis an eine feste Partnerschaft gebunden. Andere wiederum sehen in flüchtigen Affären oder in leicht aufkündbaren Beziehungen durchaus eine Erfüllung ihrer Wünsche. In diesen Fällen wird der Partner zu einem erlebnisrational austauschbaren Element, zu einem situativen Bestandteil der egozentrischen Glückssuche. Dazu passt die Tatsache, dass die Gründe, die zu einer Ehescheidung führen, immer banaler werden. Werden eheliche Glückserwartungen nicht erfüllt, droht die Trennung. In der Scheidungsforschung spricht man daher von "Nichtigkeitsscheidungen" [9] .

In jüngster Vergangenheit entstand ein neuer Typ von Sportarten, darunter Bungee-Jumping, Base-Jumping, Rafting und Canyoning. Bei solchen Betätigungen begeben sich die Betreffenden in Extremsituationen, die aufgrund des hohen Spannungs- und Erregungszustandes, den sie hervorrufen, nahezu zwangsläufig die Ausschüttung körpereigener Stimulanzien nach sich ziehen. Die Momente, in denen das geschieht - etwa beim freien Fall -, werden von den Betreffenden immer wieder als überwältigende Glückserlebnisse beschrieben. Dafür muss man allerdings ein gewisses Risiko eingehen, ganz nach dem Motto: "No risk no fun." Die Glückserwartung ist oft so hoch, dass sogar lebensbedrohliche Situationen nicht gescheut werden.

Die bisherigen Ausführungen könnten den Eindruck erwecken, die innengerichtete Gestaltung äußerer Umstände beschränke sich nur auf die Freizeit. Das ist jedoch nicht der Fall. Zwar scheint es auf den ersten Blick in der Arbeitswelt eher außen- als innenorientiert zuzugehen, sie dient immer noch vorrangig dem "Erwerb" und somit der Lebenssicherung. Aber es mehren sich die Anzeichen, dass diese Vorstellung brüchig wird. So kommt eine weitere Bewertungsdimension von Arbeit zum Vorschein, sie soll neuerdings Spaß machen, mit einem selbst etwas zu tun haben und zur Selbstverwirklichung beitragen. Wenn die eigentliche Lohnarbeit keine Freude macht, dann suchen vor allem Jugendliche ihren Spaß in der Kommunikation mit Kollegen. Im Extremfall kann auch Arbeitslosigkeit als Möglichkeit persönlicher Glücksfindung gewählt werden, wobei Geldmangel die Vitalität nicht unbedingt dämpfen muss, sondern sogar noch beflügeln kann [10] . Häufig wird Erwerbstätigkeit jedoch als situativer Auslöser für inneres Wohlbefinden gedeutet. Gerade an arbeitsintensive berufliche Karrieren ist der Maßstab der Innenorientierung anzulegen, da in einer von materiellem Überfluss geprägten Gesellschaft kaum äußere Gründe zu finden sind, warum jemand eine Position als Manager, Professor, Politiker oder eine andere hervorgehobene Tätigkeit suchen sollte. Was dabei fasziniert, sind schöne Erlebnisse, für die selbst große Entbehrungen in Kauf genommen werden: Kreativität, Erfolg, Bewunderung, Macht. Beim Karrierestreben geht es meist um Selbstverwirklichung, selbst wenn anderen gegenüber Verpflichtung oder "innerer Zwang" hervorgekehrt wird.

Ein weiterer Aspekt erlebnisrationaler Situationswahl betrifft die Kinderfrage. Der einst vorgezeichnete Weg von der Ehe in die Schwangerschaft und die sich anschließende Mutterschaft ist für Frauen längst nicht mehr verpflichtend. Die heute entscheidende Frage lautet: Will ich ein Kind oder nicht? Mit der Subjektivierung der Kinderfrage öffnen sich neue Handlungsspielräume sowohl hinsichtlich der Grundsatzentscheidung als auch des biografischen Zeitpunkts einer Schwangerschaft. Hauptorientierungspunkt ist das eigene Lebensglück, verstanden als erwartete Erlebnisse mit einem Kind. Das Spektrum reicht von den Verheißungen der "kleinen Götter", in die man sich "total verlieben" kann, bis hin zu tief verabscheutem "Geplärre". Wie sehr die Erlebnisorientierung in der Kinderfrage vorangeschritten ist, lässt sich an den gegensätzlichen Polen der Reproduktion menschlichen Lebens ablesen. Einerseits können heute Schwangerschaften faktisch durch freie Entscheidung der betroffenen Frauen abgebrochen werden. Dafür genügt es, dass Kinder als Bedrohung des eigenen Lebensglücks betrachtet werden. Andererseits nehmen die Dienstleistungen der reproduktiven Medizin rasant zu, was ebenfalls nur als Folge einer persönlichen Glückserwartung verständlich wird.

2. Körpergestaltung

Der Körper ist eine wesentliche Grundlage des Glücks. Dies wird nirgends so augenfällig wie bei der Bedeutung der Gesundheit. Krankheit trübt die Lebensfreude, das war schon immer so. Neu ist, dass an den Zustand der Gesundheit heute höhere Anforderungen gestellt werden. Es geht nicht mehr nur allein um die Abwesenheit psychophysischer Störungen, sondern um die volle Erlebnisfähigkeit des Subjektes. Diesem erweiterten Gesundheitsbegriff huldigt die Vielzahl derjenigen, die sich den unterschiedlichsten Fitnessprogrammen unterwerfen. Sicherlich will man dabei Krankheiten vorbeugen, aber eben auch einen Zustand erreichen, der sich kaum besser umschreiben lässt als mit dem Slogan "fit for fun". Der hohe Stellenwert, den die Erlebnisfähigkeit im Gesundheitsdiskurs einnimmt, zeigt sich außerdem in der Kontroverse um die Frage, ob die Kosten der Potenzpille Viagra von den Krankenkassen übernommen werden sollen oder nicht.

Im Mittelpunkt der weiteren Überlegungen steht jedoch nicht mehr die Gesundheit, sondern das äußere Erscheinungsbild des Körpers. Schönes Aussehen ist in westlichen Gesellschaften ein zentraler Wert und daher auch für das Innenleben der Menschen von großer Bedeutung. Schönheit erzeugt schöne Gefühle. Dies geschieht auf direktem Weg, wenn jemand von seiner eigenen Attraktivität beglückt ist. Sinnbild hierfür ist die selbstverliebte Pose vor dem Spiegel. Schöne Erlebnisse stellen sich daneben über positive Reaktionen anderer ein. Dies setzt allerdings voraus, dass das Aussehen der betreffenden Person von ihrer Umgebung entsprechend bewertet wird. Die Wirksamkeit guten Aussehens ist empirisch gut belegt, es bildet eine besondere Form "sozialen Kapitals". Wer schön ist, gilt gleichzeitig als sympathisch und sexuell attraktiv, findet leichter einen akzeptablen Partner und hat mehr Freunde als unattraktive Personen, kann bei Verfehlungen auf die Nachsicht anderer zählen und hat selbst im Berufsleben gewisse Vorteile [11] .

In der Erlebnisgesellschaft wird die körperliche Schönheit von der Logik innengerichteter Handlungsrationalität erfasst. Dies bedeutet zunächst, dass die Menschen immer mehr Anstrengungen unternehmen, um sich zu verschönern oder ihre Schönheit zu erhalten. Sie wollen so auf ihr Gefühlsleben einwirken. Dabei ist es völlig unerheblich, ob sie ausschließlich sich selbst im Auge haben oder auf die Resonanz ihrer Umwelt spekulieren. Ein Weg der erlebnisrationalen Körpergestaltung ist die Dekoration. Die Tätowierung, bis vor kurzem bei den meisten noch in jeder Art verpönt, ist heute eine gängige Möglichkeit, sich zu verschönern. Längst sind die Motive nicht mehr nur die "klassischen", wie zum Beispiel das pfeildurchbohrte Herz, sondern vielgestaltig; sie sind bunt oder einfarbig, klein oder groß, werden verdeckt oder offen gezeigt. Weiterhin kann man sich piercen lassen, an nahezu jeder Körperstelle, mit einem großen Sortiment von Gegenständen. Nicht zu vergessen sind schließlich herkömmliche - aber immer variantenreicher auftretende - Verschönerungsmöglichkeiten wie Schmuck, Schminke und Färbung der Haare.

Ein weiterer Weg, den Körper verschönernd zu gestalten, besteht in seiner Modellierung, deren Ziel es ist, Körperformen zu bewahren bzw. so auf sie einzuwirken, dass sie einem vorgestellten Schönheitsideal näher kommen. Größte Mühen werden darauf verwendet, jugendliches Aussehen zu erhalten. Für fast jede Hautpartie gibt es inzwischen spezielle Cremes und Salben, die zum Kampf gegen Faltenbildung und Cellulitis eingesetzt werden können. Wo das nicht (mehr) wirkt, wird Hilfe durch das Skalpell versprochen. So kann etwa die Gesichtshaut durch Schönheitsoperationen geglättet werden. Die kosmetische Chirurgie, ursprünglich dazu gedacht, körperliche Entstellungen zu kaschieren, bietet darüber hinaus noch mehr Möglichkeiten der Verschönerung. Wangenknochen werden verändert, Brüste vergrößert und Lippen aufgespritzt. Schlankes Aussehen muss nicht mehr unbedingt durch Diäten "erhungert", sondern kann auch durch das Absaugen von Fettpolstern erreicht werden. Seit neuestem bietet die medizinische Schönheitsindustrie eine "Fettpille" an, mit der sich das Körpergewicht medikamentös reduzieren lässt. Eine weitere Möglichkeit der Körpermodellierung ist das "Body-Building", das darauf abzielt, bestimmte Bereiche der Muskulatur - aus subjektiven Schönheitsgründen - so weit wie möglich aufzubauen.

Dem zunehmenden Schönheitsstreben wird immer wieder außenorientierter Zwang nachgesagt. Von feministischer Seite aus wird behauptet, es handle sich dabei um das Ergebnis des männlichen "Schönheitsterrors". Schon allein die Tatsache, dass sich auch immer mehr Männer diesem "Terror" unterwerfen, deutet darauf hin, dass der feministische Schönheitsdiskurs am Wesentlichen vorbeigeht. Auch die Vermutung, das Schönheitsstreben sei in erster Linie beruflichen Zwängen geschuldet, ist nicht überzeugend. Zu viele Erscheinungsformen der ästhetischen Körpergestaltung sind beruflich neutral oder eher noch schädigend. Außerdem sind sie in der Öffentlichkeit nicht immer wahrnehmbar. Eine schlüssige Gesamtinterpretation des gegenwärtigen Schönheitsstrebens kommt ohne Bezug auf die Erlebnisorientierung nicht aus: Der Körper wird nicht mehr nur als Schicksal hingenommen, sondern mehr und mehr als gestaltbare "Kulisse des Glücks" [12] betrachtet.

3. Bewusstseinsmanipulation

Häufig wird die menschliche Glücksfähigkeit aus psychologischen Gründen in Frage gestellt. Sigmund Freud vertrat eine rigorose Auffassung: "Die Absicht, dass der Mensch ,glücklich' sei, ist im Plan der ,Schöpfung' nicht enthalten. [13] " Auch Paul Watzlawick geht in seinem ironischen Buch "Anleitung zum Unglücklichsein" von einem eher pessimistischen Menschenbild aus. Seiner Meinung nach sind wir ständig damit beschäftigt, unser eigenes Unglück "nach bestem Wissen und Gewissen selbst zurechtzuzimmern". Nur dabei könne uns mit verlässlichen Methoden "geholfen" werden, nicht etwa bei der zielgerichteten Suche nach Glück [14] .

Ganz anders präsentiert sich die gegenwärtige Erlebniskultur. Sie setzt Glücksfähigkeit als selbstverständlich voraus und suggeriert offen oder versteckt, dass Glück "machbar" ist, indem man sein eigenes Bewusstsein manipuliert. Die einfachste Anweisung zum Glücklichsein besteht darin, schlechte Gefühle erst gar nicht aufkommen zu lassen. Immerwährende Champagnerlaune wird damit zur Frage der richtigen Einstellung, die man sich scheinbar willkürlich zulegen kann. Diese Vorstellung bringt der Schlagertitel "Don't worry, be happy!" auf den Punkt. Eine wahre Flutwelle psychologischer Ratgeber lädt zur gezielten Selbstveränderung ein, um zur inneren Harmonie zu finden, eine erfüllte Partnerschaft aufzubauen oder sich grundsätzlich dem Glück öffnen zu können. In letzter Zeit wurden therapeutische Konzepte entwickelt, die ausdrücklich das Glückserleben fördern sollen [15] . Die erlebnisrationale Umgestaltung des Innenlebens wird aber nicht nur in speziellen Glückstherapien in Angriff genommen, denn die Beseitigung glücksbehindernder und die Stärkung glücksfördernder Mechanismen gehört heute - in welchen Jargon das auch immer verpackt wird - zum Grundanliegen fast aller therapeutischer Angebote, sei es nun die Transzendentale Meditation oder die Neurolinguistische Programmierung.

Um Glückszustände herbeizuführen, wird das Bewusstsein nicht nur durch Selbstveränderung, sondern auch durch psychoaktive Substanzen manipuliert. Diese Methode ist wesentlich direkter als die zum Teil langwierigen Therapien und verspricht mitunter schöne Erlebnisse, die anderweitig gar nicht zu bekommen sind. Die Verwendung von Rauschmitteln ist sicherlich keine Neuheit. Alkohol wird seit langem der angenehmen Gefühle wegen getrunken, die er erzeugt. Die relevante gesellschaftliche Veränderung zeigt sich im Bereich der illegalen Drogen. Noch in den siebziger Jahren galten sie als Begleiterscheinung gravierender sozialer Probleme oder als Symbole des Protestverhaltens einer rebellischen Jugend. Diese Sichtweise ist den heutigen Verhältnissen bei weitem nicht mehr angemessen. In der Erlebnisgesellschaft werden Drogen konsumiert, um sich einen "Kick" zu verschaffen. Ständig kommen neue Rauschgifte auf den Markt, und deren Konsum orientiert sich mehr an den Gesetzen der Mode als am Strafrecht. Im Angebot sind Haschisch, Heroin, Kokain, diverse psychedelische Pflanzen und "Designerdrogen", deren Wirkungsweise auf spezielle Erlebniswünsche zugeschnitten ist.

Wie der weltweite Erfolg der "Glückspille" Fluctin zeigt, gerät auch die Psychiatrie zunehmend in den Sog der Erlebniskultur. Das Verhalten der Klientel scheint sich zu verändern, Psychopharmaka werden inzwischen selbst ohne medizinischen Grund eingenommen. Man will heute nicht mehr nur Medikamente zur Behandlung psychischer Krankheiten, sondern auch solche, mit denen sich normale Gefühlsschwankungen überwinden lassen [16] . Die "User" verwenden Psychopharmaka vermehrt als "Stimmungsaufheller", mit dem sie ihren alltäglichen Erlebnisstrom schönen.

4. Steigerungslogik

Die erlebnisrationale Suche nach Glück beinhaltet eine Steigerungsidee. Die Menschen streben nach größerem Erlebnisreichtum, das Dagewesene soll überboten werden, man will es "toppen". Worum es geht, ist schöneres Wohnen, erlebnisreicherer Konsum, schönere Reisen, erfüllendere Arbeit, größeres Liebesglück. Hier wird das traditionelle Fortschrittsdenken sichtbar, das in der Erlebnisgesellschaft von der Außenwelt auf das Innenleben übertragen wird. In Analogie zur Effektivitätssteigerung von Maschinen und Arbeitsabläufen soll nun auch das Leben immer schöner werden [17] .

In den letzten Jahrzehnten sind drei Techniken hervorgetreten, die auf die Steigerung des Erlebnisreichtums abzielen und unser Alltagsleben permanent verändert haben. Die erste ist die Vermehrung der Erlebnismittel. Je mehr man davon hat (Konsumgüter, Reisen, Fernsehprogramme etc.), so das einfache Kalkül, desto besser fühlt man sich. Die zweite Technik ist die Verdichtung, womit die Anhäufung von erlebnisrationalen Handlungen pro Zeiteinheit gemeint ist. Aus einer Zeitbudgetstudie geht hervor, dass seit längerem alle Freizeitbeschäftigungen rückläufig sind, die zwei Stunden oder länger dauern [18] . Die dritte Technik ist die Innovation, d. h., neue bzw. verbesserte Güter oder Dienstleistungen werden in der Hoffnung auf schönere Erlebnisse konsumiert.

Fußnoten

7.
Vgl. G. Schulze (Anm. 3), S. 417 ff.
8.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Horst W. Opaschowski in diesem Heft.
9.
Vgl. Norbert Schneider, Woran scheitern Partnerschaften? Subjektive Trennungsgründe und Belastungsfaktoren bei Ehepaaren und nichtehelichen Lebensgemeinschaften, in: Zeitschrift für Soziologie, 19 (1990) 6.
10.
Vgl. Paul Grell, Identität außerhalb der Lohnarbeit: Ergebnisse einer Untersuchung über Arbeitslosigkeit und soziale Überlebenstechniken, in: Rainer Zoll (Hrsg.), Ein neues kulturelles Modell. Zum soziokulturellen Wandel in Gesellschaften Westeuropas und Nordamerikas, Opladen 1992.
11.
Vgl. Karl Grammer, Signale der Liebe. Die biologischen Gesetze der Partnerschaft, Hamburg 1993, S. 147 ff.; Bernd Guggenberger, Einfach schön. Schönheit als soziale Macht, Hamburg 1995, S. 22 ff.
12.
Gerhard Schulze, Kulissen des Glücks. Streifzüge durch die Eventkultur, Frankfurt am Main 1999.
13.
Zit. nach: Ludwig Marcuse, Philosophie des Glücks, Zürich 1972, S. 306.
14.
P. Watzlawick (Anm. 1), S. 9 ff.
15.
Vgl. Phillip Mayring, Psychologie des Glücks, Stuttgart - Berlin - Köln 1991, S. 167 ff.
16.
Vgl. Peter Kramer, Glück auf Rezept, München 1995, S. 369.
17.
Vgl. G. Schulze (Anm. 5).
18.
Vgl. Horst W. Opaschowski, Freizeitökonomie. Marketing von Erlebniswelten, Opladen 1995, S. 125; G. Schulze (Anm. 5), S. 90.