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26.5.2002 | Von:
Thomas Müller-Schneider

Die Erlebnisgesellschaft - der kollektive Weg ins Glück?

IV. Scheitern des erlebnisrationalen Glücksmodells

Was ist nun vom Projekt des schönen Lebens zu halten, ist die rationale Erlebnissuche tatsächlich wirksam? Gibt es eine Steigerung des Glücks? Die Meinungsforschung präsentiert ein ernüchterndes Bild. Der Prozentsatz derjenigen, die sich als glückliche Menschen betrachten, ist seit den fünfziger Jahren nahezu unverändert [19] . Offensichtlich nimmt die Existenz selbst in der Erlebnisgesellschaft keine paradiesischen Züge an, und die Idee der Glückssteigerung ist größtenteils eine Illusion. Statt dessen hat man es mit neuen Problemen zu tun, die bewältigt werden müssen und die Lebensfreude einschränken können.

Zunächst gibt es das Problem unklarer Ziele. Äußere Zwecke, die in der Menschheitsgeschichte bislang den Vorrang hatten, sind wesentlich leichter festzulegen als innere, die im Übergang zur Erlebnisgesellschaft hervortreten. Anders formuliert: Wohlhabend zu werden mag zwar schwer sein, ist aber ein eindeutiges Ziel, auf das sich der gesamte Lebensoptimismus beziehen kann. Die Probleme fangen da an, wo man dieses Ziel erreicht hat und sich ein schönes Leben machen will. Durch die Entgrenzung der Möglichkeiten geraten die Menschen in eine Situation der inneren Unklarheit und Unsicherheit. Wer dann die Wahl hat, hat auch die Qual.

Ein weiteres Problem der Erlebnisrationalität besteht darin, dass sie von einem ständigen Enttäuschungsrisiko begleitet wird. Man mag vieles unternehmen, um auf seine Gefühlswelt positiv einzuwirken. Ob dies gelingt, ist jedoch eine völlig andere Frage. Der vorgebliche Kultfilm kann sich als gähnend langweilig herausstellen oder die neueste Anschaffung wider aller Erwartung dann doch reizlos sein. Je mehr Erlebnismöglichkeiten zur Verfügung stehen, desto mehr stumpft der Konsument ab. Das ist eine Binsenweisheit der Wohlstandspsychologie [20] . Auch bei weitreichenden Lebensentscheidungen besteht ein erhebliches Enttäuschungsrisiko. Wer kann schon garantieren, dass Kinder tatsächlich zum erhofften Lebensglück beitragen, wenn sie erst einmal geboren sind, oder dass wir des Lebenspartners, den wir heute noch interessant finden, nicht morgen schon überdrüssig sind? Insgesamt gilt, dass die Gefahr des Misserfolgs mit steigendem Erwartungsdruck zunimmt. Begriffe wie "Freizeitstress" und "Urlaubsdramatik" sprechen in diesem Zusammenhang für sich selbst.

Die erläuterten Probleme schaffen eine paradoxe Situation. Sie sind die Ursache dafür, dass die Menschen - gerade wegen der gestiegenen Erlebnisorientierung - nicht glücklicher werden, sondern immer weiter unter Steigerungsdruck geraten. Trotz Vermehrung und Verdichtung der Erlebnisgegenstände gelingt es ihnen nicht, ihr Ziel zu erreichen. Die meisten Menschen sind mit allem ausgestattet und befinden sich dennoch auf der immerwährenden Suche nach Glück. Der rationale Versuch, den inneren Reichtum zu vermehren, führt in der Erlebnisgesellschaft schließlich häufig sogar zur Erlebnisverarmung. Trotzdem steigen die wenigsten aus. Zu sehr übertrumpft die Angst vor einem langweiligen Leben das Risiko, am erlebnisorientierten Leben zu scheitern.

Fußnoten

19.
Vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 2), S. 39.
20.
Vgl. Tibor Scitovscy, Psychologie des Wohlstands, Frankfurt am Main - New York 1989.