Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens
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Echoraum, nicht Pulverfass


29.9.2017
Die Rede vom Balkan als Europas "Pulverfass" hat in jüngster Zeit wieder Konjunktur. Dem westlichen Publikum, das seit dem kriegerischen Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren eher wenig aus der Region erfahren hat, wird vermittelt, im "weichen Unterleib" des europäischen Kontinents rumore es wieder.

Unbestreitbar sind viele Bürgerinnen und Bürger in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens mit ihrem Los unzufrieden, wobei die schlechte wirtschaftliche Lage, eine mangelhafte Gesundheitsversorgung und ungenügende Bildungseinrichtungen die größten Sorgen bereiten. Überall verbreitet ist ein Gefühl der Distanz und Entfremdung gegenüber der politischen Klasse. Die Frustration hat in den meisten Fällen zum apathischen Rückzug ins Private geführt, bei jungen Gutausgebildeten oft zur Emigration, und nur selten und meist kurzfristig zu politischer Mobilisierung.[1]

Ebenso trifft zu, dass die Zeiten vorbei sind, in denen allein die EU im Verbund mit Washington ihren Einfluss in der Region geltend machte und als Ordnungsmacht auftrat. Die Zahl der Akteure, die Interessen anmelden, hat mit Russland, der Türkei, aber auch China und den Golfstaaten zugenommen – und mit ihnen auch Spannungen, wie in jüngster Zeit das Wiederaufleben der Rhetorik aus dem Kalten Krieg zeigt.[2]

Diese Befunde sind zwar bedenklich, aber rechtfertigen sie die Warnung vor der brennenden Lunte am Pulverfass? Um diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll, zunächst zu klären, inwiefern von "den" postjugoslawischen Staaten überhaupt als Region gesprochen werden kann. Der Begriff "Westbalkan", den die EU 1998 für die Nachfolgestaaten Jugoslawiens plus Albanien übernahm, impliziert zwar eine regionale Identität, macht diese aber lediglich daran fest, dass diese Länder EU-Beitrittskandidaten sind.[3] Entsprechend zählen im EU-Jargon Kroatien und Slowenien, die mittlerweile EU-Mitgliedsstaaten sind, nicht mehr dazu.

Ist der postjugoslawische Raum eine Region?



Im postjugoslawischen Raum selbst ist es durchaus üblich, von den Ländern, die aus der Konkursmasse des untergegangenen Staates hervorgegangen sind, als "Regija" (Region) zu sprechen. Bezeichnenderweise wird der Begriff groß geschrieben, als würde es sich um einen Eigennamen handeln.[4] Und tatsächlich gibt es auf den ersten Blick Argumente, die dafür sprechen, diese Länder mit ihren 20 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern als Region zu betrachten.

So gibt es nicht nur mannigfaltige politische, wirtschaftliche und kulturelle Austauschbeziehungen, sondern auch die Öffentlichkeiten der postjugoslawischen Gesellschaften überlappen sich vielfach. Vor einigen Jahren hat der britische Journalist Tim Judah dieses Phänomen als "Jugosphäre" bezeichnet.[5] Deren Voraussetzung ist natürlich die gemeinsame Sprache, die in Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro gesprochen und von vielen Menschen in Slowenien und Mazedonien verstanden wird. Medienunternehmen wie N1, Al Jazeera oder auch Pink betrachten den gesamten Sprachraum als einen Markt, gleiches gilt für die Musik-, Film- und Buchbranche und einen Teil der Unterhaltungsindustrie. Eine parallele Entwicklung findet seit 1999 – dem Jahr des Abzugs der serbischen Truppen aus Kosovo – in der albanischen Sprachregion statt.

Was die einzelnen Staaten – scheinbar paradoxerweise – ebenfalls miteinander verbindet, sind die immer wieder aufbrechenden Differenzen und Konflikte, die gerade deshalb so intensiv werden, weil man sich – sprachlich – so gut versteht. Die Gegenstände dieser medial aufgeheizten Auseinandersetzungen reichen von Grenzfragen und Handelshemmnissen über Abhörskandale bis zu Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. Die mitunter fast schon neurotische Fixiertheit auf die Nachbarn – am meisten ausgeprägt in Kroatien und Serbien – ist zweifellos eine Erbschaft aus der Zeit des gemeinsamen Staates und seines tragischen Zerfalls.

Auch wirtschaftlich sind die Länder stark miteinander verflochten, und es gibt eine Reihe multinationaler Unternehmen wie die kroatische Großhandelsfirma Atlantic Grupa oder die slowenisch-kroatische Handelskette Mercator, die regional aktiv sind. Im Rahmen des "Berlin Prozesses" gibt es Bestrebungen, einen gemeinsamen regionalen Wirtschaftsraum zu schaffen. Doch zurzeit ist der Austausch der einzelnen Länder mit der EU noch deutlich größer als jener zwischen den postjugoslawischen Staaten selbst.[6]

Ähnlichkeiten zwischen den Ländern gibt es auch, wenn wir den Blick auf den gesellschaftspolitischen Konservatismus richten, die umfassende Rolle der Familie, den breiten Raum, den Religionen in der Öffentlichkeit einnehmen oder die klientelistisch geprägten Parteiensysteme. Diese Strukturmerkmale sind aber keineswegs gleichmäßig über die Region verteilt und finden sich auch in Ländern wie Italien, Polen oder Ungarn.

Bei näherer Betrachtung der politischen Systeme, der governance und des Stands der inneren Staatsbildung zeigen sich allerdings markante Unterschiede zwischen den postjugoslawischen Staaten. Drei Gruppen lassen sich unterscheiden: Erstens die stabilen gelenkten Demokratien Serbien und Montenegro, zweitens die "unvollendeten", mit Legitimitätsdefiziten kämpfenden Staaten Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Mazedonien sowie drittens Kroatien und Slowenien, an der EU-Peripherie gelegen und über Traditionen und Konflikte mit ihren südlichen Nachbarn verbunden.


Fußnoten

1.
Die basisdemokratische "Plenum"-Bewegung in Bosnien-Herzegowina verschwand nach ihrem kurzen Auftritt 2014 wieder, "Ne davimo Beograd", der Bürgerprotest gegen eine Überbauung des Savebeckens in Belgrad ist kaum mehr in der Öffentlichkeit sichtbar, und der Bürgerprotest in Mazedonien gegen das Regime von Ministerpräsident Nikola Gruevski ebbte ab, noch bevor es unter Druck der USA im Frühjahr 2017 die Fahne strich. Einzig in Kosovo hat es die linksnationale Bürgerbewegung Vetevendosje (Selbstbestimmung) geschafft, das politische Spektrum zu verändern und sich zur stärksten Oppositionspartei mit realen Chancen zur Machtübernahme entwickelt.
2.
So warnte der US-Vizepräsident Mike Pence bei einem Besuch in Montenegro im August 2017, Russland arbeite daran, die Region zu destabilisieren. Das gelte es zu verhindern, denn die Zukunft dieser Staaten liege im Westen. Vgl. Deutsche Welle, Pence verspricht Westbalkan Beistand, 2.8.2017, http://www.dw.com/de/a-39940798«.
3.
Vgl. Janusz Bugajski, The Western Balkans, 27.8.2017, http://www.oxfordbibliographies.com/view/document/obo-9780199743292/obo-9780199743292-0094.xml«.
4.
Wobei im Januar 2016 der neue konservative kroatische Außenminister Weisung gab, künftig nicht mehr von der "Region", sondern von der "Nachbarschaft" zu sprechen, um eine Identifizierung mit dem postjugoslawischen Raum zu vermeiden. Vgl. Andreas Ernst, Kroatiens Flucht aus der Region, 8.3.2016, http://www.nzz.ch/-1.18708181«.
5.
Tim Judah, Good News from the Balkans. Yugoslavia Is Dead, Long Live the Yugosphere, November 2009, http://www.lse.ac.uk/europeaninstitute/research/lsee/pdfs/publications/yugosphere.pdf«.
6.
Institute for Public Policy and Good Governance, Economic Relations Between the Western Balkans Six Countries, Tirana 2016, http://www.excellence.al/sites/default/files/Policy_Paper_IPPM.pdf«, S. 7; Andreas Ernst, Serbien plant eine Zollunion im Westbalkan, 12.9.2017, http://www.nzz.ch/-ld.1315641«.
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Autor: Andreas Ernst für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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