Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens
1 | 2 | 3 | 4 | 5 Pfeil rechts

Kleine Geschichte Jugoslawiens


29.9.2017
Am 20. Juli 1917 wurde mit der Deklaration von Korfu die Gründungsurkunde Jugoslawiens unterschrieben. Vertreter der Südslawen aus der Habsburgermonarchie sowie Serbiens erklärten darin, "die vereinte Nation der Serben, Kroaten und Slowenen" werde einen gemeinsamen südslawischen Staat schaffen. Nach Ende des Ersten Weltkrieges rief der serbische Prinzregent Alexander Karađorđević am 1. Dezember 1918 feierlich den Staat der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) aus. Die seit 1878 unabhängigen Königreiche Serbien und Montenegro vereinigten sich mit den von Slowenen, Kroaten, Serben und slawischen Muslimen besiedelten Ländern, die bis dahin zu Österreich-Ungarn gehört hatten. Im Mai 1919 wurde das südslawische Königreich auf der Pariser Friedenskonferenz völkerrechtlich anerkannt. 1929 wurde es in "Jugoslawien" (von südslawisch jug für "Süden") umbenannt.[1]

Jugoslawien als Idee



Ein politisches Gebilde dieses Namens hatte es vor dem Ersten Weltkrieg nie gegeben. Seit Jahrhunderten lebten katholische, orthodoxe und muslimische Südslawen, die Slowenen, Kroaten, Serben, Bosniaken, Montenegriner und Mazedonier, in verschiedenen Großreichen unter fremder Herrschaft, also unter jeweils ganz unterschiedlichen Politik- und Kultureinflüssen. Jedoch existierten aufgrund sprachlicher und kultureller Gemeinsamkeiten Gefühle von Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit, die sich bis in die Renaissance zurückverfolgen lassen. Im 19. Jahrhundert, als auch Deutsche, Italiener, Polen und andere europäische Völker Einheit und Selbstbestimmung forderten, formierte sich ein südslawischer Nationalismus.[2]

Die Vorkämpfer der südslawischen Nationalbewegung waren die kroatischen "Illyristen", die um 1830 in der Habsburgermonarchie aktiv wurden. Sie betrachteten Kroaten, Serben, Montenegriner, Slowenen und Bosnier als Nachfahren eines vermeintlich südslawischen Urvolkes, der antiken Illyrer, und mithin als Angehörige einer Abstammungs- und Kulturgemeinschaft, die es wiederzubeleben gelte. Kernforderungen waren unter anderem die Schaffung einer einheitlichen illyrischen, also kroatischen oder südslawischen Literatursprache sowie die politische Vereinigung von Kroatien, Slawonien, Dalmatien, Slowenien und Bosnien zu einem autonomen und fortschrittlichen "Großillyrien". Auch im benachbarten Fürstentum Serbien, das 1830 unter osmanischer Oberherrschaft autonom geworden war, kursierten Vereinigungsideen. Mit dem 1844 verfassten Entwurf "Načertanije" des Politikers Ilija Garašanin entstand das Programm, Serbien zum "Piemont" einer grenzübergreifenden südslawischen (oder auch nur "großserbischen") Staatsbildung zu machen.

Anfangs war die südslawische Idee in Kroatien und Serbien ein rein intellektuelles Unterfangen. Nationalbewegte Schriftsteller und Gelehrte forschten nach Sprichwörtern, Epen und Märchen, um die Wiedergeburt jenes urzeitlichen südslawischen Volkes voranzutreiben, das sie sich vorstellten. Als tragende Säule der nationalen Einheit galt die Entwicklung einer gemeinsamen Standardsprache, denn in den kroatischen Ländern, in Bosnien und der Herzegowina, Serbien und Montenegro sprach man ähnliche, zum Teil sogar die gleichen Dialekte. Im Wiener Abkommen legten der Serbe Vuk Karadžić und der Kroate Ljudevit Gaj 1850 die Grundlagen des Serbo-Kroatischen beziehungsweise Kroato-Serbischen. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg ging man von zwei Varianten eines gemeinsamen Sprachstandards aus. Heute wird – mehr aus politischen denn linguistischen Gründen – zwischen Kroatisch, Serbisch, Bosnisch und Montenegrinisch unterschieden.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging der habsburgische Illyrismus in den Jugoslawismus über. Der Patriotismus der Gelehrten verwandelte sich in eine politische Bewegung mit dem Ziel, einen vereinten südslawischen Staat zu gründen. Die führenden Köpfe der Bewegung, der Bischof von Đakovo, Josip Juraj Strossmayer, und der Historiker und Theologe Franjo Rački, behaupteten, dass katholische Kroaten (und eventuell auch Slowenen) sowie orthodoxe Serben trotz unterschiedlicher Konfessionen eine Nation bildeten. Als deren historisch verbürgte Nationalreligion betrachteten sie das vorschismatische Christentum. Die Südslawen waren im 9. Jahrhundert durch die byzantinischen Slawenapostel Kyrill und Method missioniert worden. Erst im 11. Jahrhundert hatten sich die westliche (lateinische) und die östliche (orthodoxe) Kirche offiziell gespalten und dadurch die Entwicklung unterschiedlicher Konfessionsnationen eingeleitet.

Die kroatischen Jugoslawisten forderten zunächst ein autonomes südslawisches Königreich als dritte Entität neben Österreich und Ungarn innerhalb der Habsburgermonarchie. Kaiser Franz Joseph und sein Thronfolger Franz Ferdinand waren allerdings strikt dagegen, einen solchen "Trialismus" ernsthaft in Erwägung zu ziehen oder den auf unterschiedliche Reichsteile zerstreuten Südslawen wenigstens mehr Rechte zuzugestehen.[3] Immer mehr nationalbewegte Kroaten und Slowenen wandten sich deswegen von der Monarchie ab.

Nach 1900 begannen serbische und kroatische Politiker zusammenzuarbeiten, um einen unabhängigen jugoslawischen Staat zu gründen. Im Gegensatz dazu forderten Anhänger exklusiver großkroatischer und großserbischer Nationalstaatsideen, die mittelalterlichen Königreiche in ihren historischen Grenzen wiederherzustellen. Dadurch wurde die Frage virulent, wem Bosnien und die Herzegowina zustehe, das mal hier- und mal dorthin gehört hatte. Der integrative Jugoslawismus löste diese Konkurrenz auf, erklärte das multireligiöse Land später sogar zum "Herzen Jugoslawiens". Wissenschaftler, Literaten, Bildhauer und Maler gingen folglich daran, die vorgestellte südslawische Nation künstlerisch und literarisch auszugestalten, unter ihnen der bosnische Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Ivo Andrić, der kroatische Bildhauer Ivan Meštrović und der serbische Geograf Jovan Cvijić.[4]

Aus der anfangs nur von wenigen Gelehrten getragenen südslawischen Idee entwickelte sich ab der Jahrhundertwende eine nationalistische Massenbewegung. Aber erst der Erste Weltkrieg, durch den die Habsburgermonarchie unwiderruflich unterging, schuf die Voraussetzungen für die Gründung des südslawischen Staates. Am 28. Juni 1914 ermordete Gavrilo Princip von der Geheimorganisation "Junges Bosnien" den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo. Als bekennende "jugoslawische Nationalisten" wollten deren Anhänger die österreichisch-ungarische Herrschaft zerstören, um die politische Vereinigung mit Serbien voranzutreiben. Die Waffen erhielten sie von der serbischen Untergrundorganisation "Schwarze Hand".[5]

Wien nahm den Mord zum Anlass, Serbien ein kaum erfüllbares Ultimatum zu stellen und ihm einen Monat später den Krieg zu erklären. Die Regierung in Belgrad, der bis heute keine Urheberschaft an dem Attentat nachgewiesen werden kann, verkündete nun das Ziel, einen "starken südwestlichen slawischen Staat, in den alle Kroaten, und alle Serben und alle Slowenen eintreten", zu gründen. Allerdings konnte Serbien den Armeen der Mittelmächte nicht dauerhaft standhalten. Während die Angreifer das Land unter sich aufteilten, zogen sich König Peter, seine Regierung und das Oberkommando der Armee, gefolgt von mehr als 150000 Soldaten und Zivilisten, im Winter 1915/16 an die Adriaküste zurück. Nach dem verlustreichen Marsch durch die albanischen Berge wurden sie von den Alliierten auf die "Rettungsinsel" Korfu evakuiert.[6]

Unterdessen hatten serbische, kroatische und slowenische Politiker aus der Habsburgermonarchie im November 1914 im Londoner Exil den "Jugoslawischen Ausschuss" gegründet. Sie erklärten Serben, Kroaten und Slowenen zu "ein- und demselben Volk (…) mit drei verschiedenen Namen" und forderten einen jugoslawischen Staat. Während Hunderttausende habsburgische Südslawen noch in der k.u.k. Armee kämpften, unterzeichneten der Vorsitzende des Ausschusses, der Kroate Ante Trumbić, und der Ministerpräsident und Außenminister Serbiens, Nikola Pašić, am 20. Juli 1917 die Deklaration von Korfu. Sie kündigte eine konstitutionelle, demokratische und parlamentarische Monarchie unter der in Serbien herrschenden Dynastie Karađorđević an. Während die unterschiedlichen Volksnamen, Religionen, Schriften und nationalen Symbole gleichberechtigt sein sollten, blieb vorerst offen, wie historische, kulturelle und religiöse Eigenheiten der verschiedenen südslawischen Gruppen innerhalb der vorgestellten Einheitsnation berücksichtigt werden würden.


Fußnoten

1.
Vgl. Marie-Janine Calic, Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region, München 2016; dies., Geschichte Jugoslawiens, München 20142.
2.
Vgl. Dejan Djokić (Hrsg.), Yugoslavism, London 2003.
3.
Das Gegenteil behauptet Christopher Clark, Die Schlafwandler, München 2013.
4.
Vgl. Andrew B. Wachtel, Literature and Cultural Politics in Yugoslavia, Stanford 1998.
5.
Vgl. Vladimir Dedijer, Sarajewo 1914, Wien u.a. 1967, S. 335ff.
6.
Vgl. Andrej Mitrović, Serbia’s Great War, West Lafayette 2007.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Marie-Janine Calic für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.