Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens
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Der bosnisch-herzegowinische Nachkrieg. Ein Kampf um den Opferstatus


29.9.2017
Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände geraten ein bosniakischer und ein serbischer Soldat in einen Schützengraben zwischen den Fronten des Bosnien-Krieges. Während ihrer gemeinsamen Anstrengungen, sich aus dieser misslichen Lage zu befreien, kommen sie sich näher; sie unterhalten sich über ihr Leben vor dem Krieg und stellen fest, dass sie einige Gemeinsamkeiten haben, sogar gemeinsame Bekannte. Im Bombenhagel – von beiden Seiten aus wird geschossen – kommt irgendwann die Frage auf, wer eigentlich die Verantwortung für die Zerstörung dieser gemeinsamen Vergangenheit und das Blutvergießen trägt. Sie ergehen sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen, bis der Bosniake seine Waffe auf sein Gegenüber richtet und ein letztes Mal die Frage stellt: "Tko je poćeo rat?" – Wer hat den Krieg angefangen? So die Handlung einer Schlüsselszene in Danis Tanovićs Film "No Man’s Land" aus dem Jahr 2001.

Seit der Unterzeichnung des Allgemeinen Rahmenabkommens von Dayton über einen Frieden in Bosnien und Herzegowina Ende 1995 schweigen in der ehemaligen Teilrepublik Jugoslawiens die Waffen. Bis dahin forderte der 1992 entbrannte Krieg, dessen Parteien sich mittels ethnischer Selbst- und Fremdzuschreibungen konstituierten, 100.000 Menschenleben. Nach wie vor ist das Verhältnis zwischen den bosniakischen (also den muslimischen), kroatischen und serbischen Bosnierinnen und Bosniern durch tiefe Gräben gekennzeichnet. Eines jedoch verbindet alle Ethnien in Bosnien-Herzegowina: Sie empfinden sich gerade aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit als Opfer des Krieges und der Nachkriegszeit. Über die Frage "Tko je poćeo rat?" sowie über die Verantwortung für die Verbrechen, die während des Krieges begangen wurden, wird noch immer gestritten.

Diesem Beitrag liegt die Frage zugrunde, wie Menschen im gegenwärtigen Bosnien-Herzegowina ihre Wahrheiten entwickeln und verteidigen. Wie konstruieren sie in dieser neuen Situation des Nachkrieges ihr (ethnisches) Selbstbild und damit auch das Bild der (ethnisch) jeweils anderen, und mit welchen Schwierigkeiten sind diese Konstruktionsprozesse verbunden? Die folgenden Ausführungen bauen auf einem empirischen Projekt über Identitätsbildung im bosnisch-herzegowinischen Nachkriegstransformationsprozess auf,[1] dessen primäre Datengrundlage 30 nichtstrukturierte narrative Interviews bilden, die zwischen 2007 und 2009 in verschiedenen Regionen Bosniens erhoben und mittels einer objektiv-hermeneutischen Rekonstruktion von Deutungsmustern analysiert wurden.[2]

Identitäten im (Nach-)Krieg



"Durch den Krieg", so der bosnisch-kroatische Publizist Ivan Lovrenović, wurde der "wichtigste zivilisatorische Grundzug der bosnischen Erfahrung und Lebensweise (…) unmittelbar ins Mark getroffen: die Gewöhnung an den anderen und an das Andersartige als alltägliche Erfahrung und Vertrautheit. Diese Erfahrung der Alterität hatte es auch ermöglicht, Bosnier zu sein. Erneut territorialisiert, giftig chauvinisiert, hören die Bosnier auf, Bosnier zu sein, und sind nur noch muslimische Bosniaken, nur noch Kroaten, nur noch Serben."[3]

Vertreibung, Verfolgung und Mord sowie intraethnische Homogenisierungsbestrebungen zwangen die Bürgerinnen und Bürger des einst geradezu als Musterschüler des "Multikulturalismus" geltenden Bosniens zur Identifikation mit "ihrer" jeweiligen ethnischen Gruppe. Befördert wurde dieser Prozess durch eine Bevölkerungsverschiebung, die mit der Beendigung des Krieges auch institutionell verankert wurde: Der Vertrag von Dayton besiegelte, wenn schon nicht eine Drei-, so doch eine Zweiteilung des Landes in die serbisch dominierte Republika Srpska, die 49 Prozent des Staatsgebietes umfasst, und die Föderation Bosnien-Herzegowina, die ihrerseits in zehn weitgehend monoethnisch-kroatische oder -bosniakische Kantone gegliedert ist.[4] Mit dieser Einteilung des Landes führte der Friedensvertrag faktisch zu einer Legitimierung dessen, was euphemistisch als "ethnische Säuberung" bezeichnet wird.

Die Anthropologin Katherine Verdery weist darauf hin, dass "ethnische Säuberung" aber nicht nur die Vernichtung aller Spuren des ethnisch Anderen bedeutet, sondern meist auch die Auslöschung alternativer Identitätskonzepte für das Individuum.[5] Die Reduktion auf die Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder nationalen Gruppe bringt die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić 1992 in ihrem Essay "Vom Nationaldenken überwältigt" für den kroatischen Fall mit folgenden Worten prägnant zum Ausdruck: "Ich bin niemand mehr, weil ich keine Person mehr bin. Ich bin eine von 4,5 Millionen Kroaten. (…) Ich fühle mich wie eine Waise, weil der Krieg mich des einzigen wahren Besitzes beraubt hat, den ich in meinem Leben erworben hatte, meiner Individualität." [6] Eine solche Reduktion des "Ich" auf ein "Wir" geht einher mit einer Vergemeinschaftung ganz besonderer Art – "[z]wischen dem Einzelnen und dem Ganzen besteht kein jenseits mehr, sodass selbst ‚Hingebung‘ kein ganz zutreffendes Wort ist: man braucht sich nicht erst hinzugeben, wo das Gefühl von vornherein keine Scheidung zeigt", so der Soziologe Georg Simmel in seinen Reflexionen über den Ersten Weltkrieg.[7]

Von der "Fiktion einer ‚reinen‘ ethnischen Identität"[8] konnte sich im zerfallenden Jugoslawien bald kaum mehr jemand befreien. Die Verschmelzung von "Ich" und "Wir" vermochte nicht nur ein Identifikationsvakuum zu füllen, das mit dem Ende des sozialistischen Systems einherging. Vor dem Hintergrund der die bloße Existenz bedrohenden und die Zeitperspektive verknappenden[9] kriegerischen Gewalt entlang ethnischer Grenzen löschte diese umfassende Identifikation mit dem Ethnischen alle zuvor vorhandenen Identifikationen aus. Die Reduktion auf die ethnische Zugehörigkeit ist verbunden mit einer hierarchisierenden Unterscheidung zwischen "Uns" und "den Anderen" und gekennzeichnet durch abwertende Zuschreibungen gegenüber der ethnischen Fremdgruppe sowie aufwertenden Zuschreibungen gegenüber der ethnischen Eigengruppe. Dem "eigenen Gruppencharisma" wird die "fremde Gruppenschande" gegenübergestellt, der eigenen Superiorität die fremde Inferiorität.[10]


Fußnoten

1.
Vgl. Ana Mijić, Verletzte Identitäten. Der Kampf um den Opferstatus im bosnisch-herzegowinischen Nachkrieg, Frankfurt/M.–New York 2014.
2.
Vgl. Ulrich Oevermann, Die Struktur sozialer Deutungsmuster – Versuch einer Aktualisierung, in: Sozialer Sinn 1/2001, S. 35–81; ders., Klinische Soziologie auf der Basis der Methodologie der objektiven Hermeneutik, Frankfurt/M. 2002.
3.
Ivan Lovrenović, Bosnien und Herzegowina, Wien 1999, S. 200.
4.
Neben der Republika Srpska und der Föderation wurde 1995 mit dem Dayton-Abkommen aus geopolitischen Gründen der Sonderbezirk Brčko eingerichtet, der als Kondominium beiden Entitäten zugehörig ist.
5.
Vgl. Katherine Verdery, Ethnicity, Nationalism, and State-Making, in: Hans Vermeulen/Cora Govers (Hrsg.), The Anthropology of Ethnicity, Amsterdam 1994, S. 33–58, hier S. 38.
6.
Slavenka Drakulić, Sterben in Kroatien, Reinbek 1992, S. 83.
7.
Georg Simmel, Deutschlands innere Wandlung, in: Der Krieg und die geistigen Entscheidungen, München–Leipzig 1917, S. 9–29, hier S. 12.
8.
Michael Ignatieff, Reisen in den neuen Nationalismus, Frankfurt/M. 1996, S. 33.
9.
Vgl. Herfried Münkler, Politik und Krieg, in: Armin Nassehi/Markus Schroer (Hrsg.), Der Begriff des Politischen, Baden-Baden 2003, S. 471–490, hier S. 479.
10.
Norbert Elias, Zur Theorie der Etablierten-Außenseiter-Beziehungen, in: ders./John L. Scotson, Etablierte und Außenseiter, Frankfurt/M. 1990, 16ff.
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Autor: Ana Mijić für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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