Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens
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Jugoslawien nach Jugoslawien. Erinnerungen an ein untergegangenes Land - Essay


29.9.2017
Fast drei Jahrzehnte nach dem von ethnischer Gewalt geprägten Zerfall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien gibt es auf ihrem ehemaligen Gebiet sieben unabhängige Staaten. Es scheint, als sei die Desintegration Jugoslawiens abgeschlossen, nicht nur in geografischer, sondern auch in politischer und ideologischer Hinsicht. Zwei parallele und sich gegenseitig verstärkende Prozesse haben dabei eine zentrale Rolle gespielt: der kapitalistische Wandel, in dessen Zuge sich das neoliberale Paradigma etablierte, und die ethnozentrische Restauration von Nationalstaaten.[1] Die greifbaren Erinnerungsträger der jugoslawischen Zeit zeugen von Erfolg und Radikalität dieser Prozesse: Ruinen von großen Infrastrukturprojekten, ausgedehnten Industriekomplexen, von Denkmalen zur Erinnerung an den Kampf gegen den Faschismus oder von modernistischen Gebäuden.

Wichtige Teile der jugoslawischen Vergangenheit sind ausradiert worden, und das nicht nur durch den Zahn der Zeit, sondern häufig im wörtlichen Sinne. So wurden beispielsweise in Kroatien die meisten Denkmale, die an den Befreiungskampf von 1941 bis 1945 erinnerten, in den 1990er Jahren zerstört. Auch in anderen postjugoslawischen Staaten wurden ihre Pendants entfernt, dem Verfall überlassen oder im besten Fall "nationalisiert", sodass Erinnerungen an den antifaschistischen Kampf Jugoslawiens heute etwa serbischen oder slowenischen Partisanen gewidmet sind.[2] Namen von Städten, Straßen, Plätzen und Institutionen wurden geändert, gesetzliche Feiertage, die an die jugoslawische Geschichte und den antifaschistischen Kampf erinnerten, abgeschafft, die Rollen von Tätern und Opfern im Zweiten Weltkrieg relativiert und häufig auch vertauscht – sei es durch revisionistische Geschichtsschreibung, die rechtliche Rehabilitierung von Kollaborateuren oder die Umgestaltung der Erinnerungslandschaft durch den Bau von Denkmalen für Mitglieder der örtlichen faschistischen Militäreinheiten.

Auf den jugoslawischen Sozialstaat, seine internationale Politik der Blockfreiheit, seine Erfahrung der multiethnischen Koexistenz, der Weltoffenheit, der Selbstverwaltung, des Antifaschismus und der Klassensolidarität wird heute weder in politischen Reden noch in den neugestalteten Nationalsymbolen Bezug genommen. Diese Ideen und Werte sind gemeinsam mit den materiellen Resten der jugoslawischen Realität verschwunden, für die sie standen. Von offizieller Seite wird Jugoslawien höchstens auf ein rein historisches Faktum reduziert, eine Seite in einem Geschichtslehrbuch und eine Abweichung vom "natürlichen Kurs" der Nation.

Aber gehört Jugoslawien wirklich definitiv der Vergangenheit an? Ist die Erinnerung an das Land und an die Ideen, auf die es gebaut war, tatsächlich so gründlich und radikal gelöscht? Meinungsumfragen, Kunstprojekte, wissenschaftliche Forschung und die Initiativen aktivistischer Gruppen vermitteln den gegenteiligen Eindruck. Sie legen nahe, dass Jugoslawien in seinen Nachfolgestaaten nicht nur ein wesentlicher Teil der Gegenwart ist, sondern auch ein wichtiges Element bei Imaginationen einer "guten" Zukunft in diesen von Kriegen, Deindustrialisierung sowie undurchsichtigen und oft gewaltsamen Privatisierungen ausgelaugten postjugoslawischen Gesellschaften, vor allem in Gegenden mit zerfallener Infrastruktur, verarmter Bevölkerung und nicht funktionierenden Institutionen, in denen die Kluft zwischen gesellschaftlichen Gruppen immer größer wird.

Jugoslawien ist zum jetzigen Zeitpunkt zwangsläufig Teil der Gegenwart: Die Lebenserfahrung im jugoslawischen Sozialismus wird noch von Millionen Menschen geteilt. In den Worten der Historikerin Ljubica Spaskovska: Die jugoslawische Zeit ist zwar historisch, aber den (post)jugoslawischen Raum und die Menschen, die ihn zu jener Zeit bewohn(t)en, gibt es noch immer – Jugoslawien ist sowohl "noch-nicht-ganz-vergangen" als auch "teilweise-noch-präsent".[3] Die Erinnerungen ehemaliger Jugoslawinnen und Jugoslawen sind es, durch die das verschwundene Land im Alltag weiterlebt: in Anspielungen, Gerüchen, Geschmäcken und Worten, in den Sensibilitäten und Offenbarungen der Leute, die auf dem ehemaligen Staatsgebiet Jugoslawiens leben.

Gleichzeitig scheint es nicht nur die generationengebundene Erfahrung zu sein, die Jugoslawien weiterleben lässt. So schreibt etwa ein junger Mann, der den jugoslawischen Alltag nicht oder kaum kennen gelernt hat, in seinem Blog: "Yugoslavia is the only way I refer to the place I’m originally from, where I grew up, but also to the place(s) where most of my friends and family live at the moment. I do realise that it may seem as if I’m trying to recreate something that is long gone or to call something into existence, but for me Yugoslavia is right now and right there. It is not an internationally recognised state, nor is it a state that I need to see restored, it is simply the best name I have for all the things I feel to be familiar and intelligible – the music, the dishes, the ideologies, the cities, the patriarchy, the policies, the words, the concepts, and the people."[4]


Fußnoten

1.
Vgl. Nikola Dedić, Yugoslavia in Post-Yugoslav Artistic Practices: Or, Art as …, in: Vlad Beronja, Stijn Vervaet (Hrsg.), Post-Yugoslav Constellations: Archive, Memory, and Trauma in Contemporary Bosnian, Croatian, and Serbian Literature and Culture, Berlin–Boston, S. 169–190, hier S. 170.
2.
Der erste Präsident des unabhängigen Kroatiens, Franjo Tuđman, begann die Idee des "kroatischen Antifaschismus" bereits in den 1980er Jahren voranzutreiben, als er General beim jugoslawischen Militär war. Vgl. Nikica Barić, Antifašistička borba u drugom svjetskom ratu u političkim interpretacijama hrvatskih predsjednika 1991–2006 (Antifaschistischer Kampf im Zweiten Weltkrieg – Politische Interpretationen kroatischer Präsidenten 1991–2000), in: Vera Katz (Hrsg.), Revizija prošlosti na prostorima bivše Jugoslavije (Die Prüfung der Vergangenheit auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien), Sarajevo 2007, S. 211–233, hier S. 213. Milorad Dodik, der Präsident der Republika Srpska, des serbisch dominierten Teils von Bosnien-Herzegowina, behauptet, dass "der Antifaschismus in diesen Gebieten den Serben gehört". Zit. nach SRNA, Dodik u Milića Gaju: Antifašizam vlasništvo Srba (Dodik in Milić Gaj: Antifaschismus gehört Serben), 27.7.2017, http://www.nezavisne.com/novosti/bih/Dodik-u-Milica-Gaju-Antifasizam-vlasnistvo-Srba/436453«.
3.
Ljubica Spaskovska, The Yugoslav Chronotope – Histories, Memories and the Future of Yugoslav Studies, in: Florian Bieber/Armina Galijaš/Rory Archer (Hrsg.), Debating the Dissolution of Yugoslavia, London 2014, S. 241–253, hier S. 241.
4.
Marko Simonović, Being a Yugoslav #1, o.D., http://www.philopolitics.org/being-a-yugoslav-1-marko-simonovic«.
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Autor: Tanja Petrović für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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