Ein Ausstellungsstück aus der Zeit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien im Museum der Geschichte Jugoslawiens
1 | 2 | 3 | 4 | 5 Pfeil rechts

Mythos Tito


29.9.2017
Das kurze 20. Jahrhundert mit seinen Wirren, Verwerfungen, Innovationen und radikalen Umbrüchen brachte Karrieren hervor, die heute nur schwer vorstellbar erscheinen. Eliten vergingen – etwa die Königshäuser nach dem Ersten Weltkrieg –, und neue Klassen von Funktionseliten bildeten sich heraus, ob in den neu entstandenen Demokratien oder den sogenannten Volksrepubliken nach dem Zweiten Weltkrieg. Nur vor diesem Hintergrund ist der Aufstieg des 1892 im Habsburger Reich in kleinbäuerliche Verhältnisse hineingeborene Josip Broz zu verstehen.[1]

Bildung war dabei nicht der Schlüssel: Die wenigen Jahre in der Volksschule und auch die anschließende Schlosserlehre waren wohl kaum geeignet, Josip Broz mit einem breiten Wissen auszustatten und seine intellektuelle Brillanz zu entfalten. Die Bildung erfolgte auf anderen Wegen: Zunächst durch arbeitsbedingte "Wanderjahre" durch die Industrielandschaften Deutschlands und Österreichs, womöglich durch den Einsatz im Ersten Weltkrieg, nach dessen Ende er – nach eigenen Angaben aus russischer Gefangenschaft befreit – Zeuge der Oktoberrevolution wurde. War dies (s)ein "Erweckungserlebnis", wie es in die später revolutionär aufgeladene Biografie passte?

Fest steht, dass Josip Broz nach seiner Rückkehr in das nach dem Ersten Weltkrieg aus der Konkursmasse des Habsburger Reiches neu gegründete Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen begann, im Gewerkschaftsumfeld und später auch in der ab 1921 als staatsfeindlich verbotenen Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) politisch tätig zu werden. Hier erhielt er eine zweite Sozialisation als kommunistischer Agitator, als Untergrundkämpfer für eine "gerechte Sache". Vom "Ende der Geschichte" her betrachtet, mag man sich fragen: Was suchte ein Mitte 30-Jähriger in diesen geheimen, verschwörerischen Zirkeln einer in Jugoslawien marginalisierten Partei mit kaum mehr als einigen Tausend, vielleicht auch nur einigen Hundert Mitgliedern?[2] War es der Wunsch, die Welt zu verändern, war es der Nervenkitzel, mit falschen Identitäten das Land zu durchstreifen, oder war es schlicht der Wille zur Macht? Für das Verständnis der möglichen Motive ist es entscheidend, sich vor Augen zu führen, dass die kommunistische Bewegung in den 1920er Jahren noch weitgehend unverbraucht war. Noch konnte sie – je nach Perspektive – für eine strahlende Zukunft, für eine wahrhafte Moderne stehen.

Je weniger das serbisch dominierte Königreich es verstand, einen Ausgleich der widerstrebenden Nationalinteressen der in ihm vereinigten Völker zu finden, umso repressiver setzte es sich seinen Widersachern zur Wehr. In den Strudel der Repression geriet auch Josip Broz: 1928 wurde er wegen kommunistischer Agitation zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Diese brachte ihn im berüchtigten Gefängnis Lepoglava in die unmittelbare Nähe zu kommunistischen Ideologen und dem Führungszirkel der KPJ. Man kann diese Zeit als eine sehen, in der er entscheidende Kontakte knüpfte und zu einem tieferen Verständnis der kommunistischen Ideologie gelangte. Anders ließe es sich auch kaum erklären, dass er kurz nach seiner Entlassung in das Zentralkomitee der KPJ aufstieg.

Nach Schulungen in Moskau und mehreren Aufenthalten im legendären Hotel Lux, wo Netzwerke geknüpft und künftige Führungseliten für die nach dem Zweiten Weltkrieg entstehenden "Volksdemokratien" ausgebildet wurden, wurde Broz nach einer von Stalin initiierten Säuberung des Zentralkomitees der KPJ 1934 zum Generalsekretär der Partei ernannt. Zwar war er im Land selbst kaum bekannt und auch die Mitgliederzahl der Kaderpartei hatte sich in der Illegalität nicht nennenswert vergrößert, aber dennoch hatte er nun eine Position erlangt, die ihm in den kommenden Jahren zur Macht verhelfen sollte.


Fußnoten

1.
Vgl. die einschlägigen Biografien von Stevan K. Pavlowitch, Tito, Ohio 1992; Jasper Ridley, Tito, London 1994; Richard West, Tito and the Rise and Fall of Yugoslavia, New York 1994; Pero Simić, Tito, Zagreb 2009; Jože Prijevec, Tito, München 2016.
2.
Vgl. Srećko M Džaja, Die politische Realität des Jugoslawismus, München 2002.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Marc Halder für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.