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Zivilcourage - eine demokratische Tugend

Welche Kompetenzen sind nötig, um Zivilcourage als demokratische Tugend zu fördern?


26.5.2002
Zivilcourage ist eine demokratische Tugend, die heute notwendiger denn je erscheint. Denn: Ihre Ziele sind am Gemeinwohl orientiert.

I. Vorbemerkungen



In den Medien und in öffentlichen Aufrufen wird Zivilcourage häufig als Tugend genannt, um Gewalt abzuwenden und potenzielle Opfer zu schützen. In den Kommentaren, Berichten und Leitartikeln wird couragiertes soziales Verhalten eingefordert. Es bleibt jedoch vielfach bei einem moralischen Appell, ohne konkrete Handlungsanleitung. Damit wird nur eine Seite von Zivilcourage benannt und nicht aufgezeigt, dass es heißt, den Mut zu haben, sich nicht wie die anderen zu verhalten und alleine gegen den Strom zu schwimmen. Es wird in den Medien kaum deutlich, welchen Einsatz Zivilcourage fordert und dass damit auch Nachteile und Risiken verbunden sein können.

Zivilcourage steht als demokratische Tugend im Widerstreit zu anderen Werten. Eigensinn und das individuelle Streben nach Glück zum Beispiel können eine demokratische Tugend, die am Gemeinwohl orientiert ist, vergessen lassen. Aus der Schwierigkeit, sich anders zu verhalten als gewohnt, sich dem Gemeinwohl zu verpflichten statt dem Eigennutz, ergibt sich ein Dilemma. Das Bedürfnis, die eigene Haut zu retten, also besser nicht einzugreifen, sich einem Streit nicht zu stellen, nicht hinzusehen und sich keine Zeit zu nehmen, lässt die egoistischen Ziele obsiegen - in einer Welt, die stark auf individuelles Glück ausgerichtet ist. Ergebnis des - ellenbogenbewehrten - egoistischen Verhaltens sind Verliererinnen und Verlierer sowie zunehmende Gewalt. Der Blick für kooperative Lösungen geht verloren. Ohnmacht und die Unfähigkeit, Handlungsprozesse selbst zu gestalten, können die Folge sein.

Dieses Dilemma auszuhalten, zwei Seiten einer Medaille zu sehen, gemeinsame Ziele auszuhandeln, aufeinander abzustimmen und in Handlungsschritte umzusetzen bedarf der Ausbildung verschiedener Kompetenzen. Notwendig sind

- ein hohes Maß an Phantasie und Kreativität, die befähigen, sich in andere hineinzuversetzen;

- der Mut zum Widerspruch - auch gegen herrschende Tendenzen - um der Menschlichkeit willen;

- die Fähigkeit zur aktiven, gleichberechtigten Beziehung zu anderen Menschen;

- die Bereitschaft zur Kooperation;

- die Fähigkeit, Außenseiterpositionen einzunehmen, um zu einer anderen Sichtweise und damit zu einer besseren und ausgeprägten Urteilsfähigkeit zu gelangen;

- die Fähigkeit, eine Sache auf den Punkt zu bringen und ungewohnte Sichtweisen anzusprechen;

- die Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen;

- die Fähigkeit, Vertrauen in die Leistungen der anderen zu entwickeln;

- die Fähigkeit, Fehler als Chance für Verbesserung und Lernen zu begreifen, statt diese wertend einer Person anzulasten und

- die Fähigkeit zur Kommunikation.

Diese Kompetenzen bilden einen Rahmen, um Konflikte anders auszutragen, statt sie zu vermeiden oder zu unterdrücken. Damit besteht die Möglichkeit, dass die Beteiligten ihren Streit in die Hand nehmen, statt aus Angst Eskalationen zu begünstigen.