Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Faschisten von heute? "Neue Rechte" und ideologische Traditionen


13.10.2017
Gibt es eine weltanschauliche Verbindung der "Neuen Rechten" zum historischen Komplex "Faschismus"? Angesichts eines jahrelang inflationären Gebrauchs letzterer Kategorie sollte diese Frage mit Bedacht beantwortet werden. Zudem galt Faschismus lange als ein Phänomen, das auf "seine Epoche" (Ernst Nolte) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie auf wenige Länder begrenzt war und schließlich mit dem Kalten Krieg verschwand.

Neuere Forschungen haben diese zeitliche Eingrenzung des Faschismus infrage gestellt. Laut dem Politikwissenschaftler Zeev Sternhell war der Faschismus ein "integrierender Bestandteil" des 20. Jahrhunderts und nicht nur eine Eruption der Zwischenkriegszeit.[1] Es ist daher zu befürchten, dass sich in ihm ein eigenständiges politisches Phänomen zeigte, das bis in die Gegenwart lebensfähig ist. Auch der Historiker Robert Paxton konstatiert ein mögliches Fortleben. Er definiert Faschismus als "eine Form des politischen Verhaltens", das durch eine "obsessive Beschäftigung mit Niedergang, Demütigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch kompensatorische Kulte der Einheit, Stärke und Reinheit" bestimmt sei. Dabei gebe eine "massenbasierte Partei von entschlossenen nationalistischen Aktivisten in unbequemer aber effektiver Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten demokratische Freiheiten auf" und verfolge "mittels einer als erlösend verklärten Gewalt und ohne ethische oder gesetzliche Beschränkungen Ziele der inneren Säuberung und äußeren Expansion".[2] Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit diese Bestimmungen auf das heutige Phänomen der Neuen Rechten zutreffend sind.

Neue Rechte



Mitunter wird das Konzept "Neue Rechte" undifferenziert auf alle Phänomene des rechten politischen Randes verwandt, die irgendwie "neu" scheinen. Das Gefühl der Konfrontation mit etwas Neuem ist dabei meist dem Umstand geschuldet, dass der Begriff "Rechts" das Klischee vom dumpfen Neonazi aufruft, das mit den tatsächlichen Erscheinungsformen des rechten politischen Feldes wenig zu tun hat. Der Politologe Samuel Salzborn hat daher kritisiert, dass der Begriff "Neue Rechte" "sehr unterschiedlich und nicht selten diffus" Verwendung finde. Er bestimmt dagegen die Neue Rechte historisch als eine in den späten 1960er Jahren entstandene Strömung, die sich die "Formierung einer intellektuellen Metapolitik und die Erringung einer (rechten) kulturellen Hegemonie" als strategische Ziele gab.[3] Damit unterschied sie sich deutlich von aktivistisch orientierten und biografisch noch durch den Nationalsozialismus geprägten extremen Rechten der Nachkriegszeit. Prägend waren zudem Einflüsse aus Frankreich, wo sich ebenfalls eine "Nouvelle Droite" gegründet hatte, um altbekannte Pfade zu verlassen. Hinsichtlich der großen Linien orientierten sich ihre Protagonisten an Autoren der Zwischenkriegszeit, die unter dem Paradoxon einer "Konservativen Revolution" versammelt werden.

Auf diese drei Säulen – Modernisierung, Internationalisierung und Bezugnahme auf die sogenannte Konservative Revolution – verweist auch die einschlägige Forschungsliteratur. Eine jüngste Zusammenfassung merkt jedoch an, es könne "über die Neue Rechte (…) im Grunde nur im Plural gesprochen werden", um den vielfältigen Entwicklungen der vergangenen vier Jahrzehnte gerecht zu werden.[4]

Seitens ihrer heutigen Akteure wird gegen diese Herleitungen wenig Einspruch erhoben. Eine Begriffsklärung des Instituts für Staatspolitik (IfS), das der Neuen Rechten seit der Jahrtausendwende als organisatorisches Zentrum dient, verweist ebenfalls auf die historischen Vorläufer der Zwischenkriegszeit. Beklagt wird dagegen die Delegitimierung der eigenen Position aufgrund einer "neu, das heißt ‚antifaschistisch‘ – definierten Mitte". Die Selbstdarstellung als eine Strömung, die "deutlich von neonationalsozialistischen oder völkischen einerseits, von deutschnational, traditionalistisch-konservativen Positionen andererseits zu unterscheiden" sei und "sich auf die Schaffung alternativer Weltanschauungen" konzentriere, muss allerdings hinterfragt werden.[5]

Hinsichtlich der historischen Vorbilder ist diese Abgrenzung kaum aufrechtzuerhalten. Armin Mohler, Spiritus Rector der Neuen Rechten und Bibliograf jener Konservativen Revolution, räumte im Alter ein, dass die strikte Trennung der Konservativen Revolution vom Nationalsozialismus konstruiert gewesen war: "Es war schon sehr schwer zu unterscheiden; in der historischen Wirklichkeit überschneidet es sich schon sehr."[6] Aus der Aufrechterhaltung dieser Trennung ziehen Neue Rechte jedoch ihr historisches Selbstverständnis.

Konservative Vordenker



In der Publizistik der Neuen Rechten nehmen die Klassiker der Konservativen Revolution der 1920er und 1930er Jahre einen ungebrochen hohen Stellenwert ein. Davon zeugt neben zahlreichen anderen Artikeln zu diesem Thema auch ihre Präsenz im "Staatspolitischen Handbuch", das der heutige Leiter des IfS, Erik Lehnert, zusammen mit dem Publizisten Karlheinz Weißmann herausgegeben hat. Nach wie vor findet sich in aktuellen Standortbestimmungen neurechter Autoren die Formel des "konservativen Revolutionärs" Edgar J. Jung zitiert, wonach die Demokratie die "Herrschaft der Minderwertigen" sei.[7] Jungs Definition von "Minderwertigkeit" umfasst soziale und ethnische Kategorien. Er war 1924 in einen Fememord verwickelt und wollte die Republik von einem autoritären Ständestaat abgelöst sehen.

Bleibt angesichts solcher Positionen die Grenze zum Faschismus diffus, ist der Abstand zum traditionellen Konservatismus deutlicher. Wie schon die Konservative Revolution ist auch die Neue Rechte ihrem Anspruch nach dynamisch und revolutionär. Mohler formulierte scharfe Angriffe gegen einen lediglich "gärtnerisch" bewahrenden Konservatismus. Wie sein Lehrmeister Ernst Jünger, als dessen Sekretär Mohler in jungen Jahren gearbeitet hatte, setzte er auf die revolutionäre Überwindung des Bourgeois durch eine offensive Rechte. Jünger hatte bereits 1929 keinen Zweifel am radikalen Anspruch dieses neuen Nationalismus gelassen: "Wir überlassen die Ansicht, daß es eine Art Revolution gibt, die zugleich die Ordnung unterstützt, allen Biedermännern." Jünger verkündete weiter: "Wir werden nirgends stehen, wo nicht die Stichflamme uns Bahn geschlagen, wo nicht der Flammenwerfer die große Säuberung durch das Nichts vollzogen hat", um schließlich in dem Satz zu münden, mit dem heute die Identitäre Bewegung um Anhänger wirbt: "Weil wir die echten, wahren und unerbittlichen Feinde des Bürgers sind, macht uns seine Verwesung Spaß."[8] Für Jünger war die Zeit des klassischen Konservatismus abgelaufen. Seinen heutigen Verehrern imponiert die Kompromisslosigkeit, die sich gegen Liberale und Linke richtete.

Ein zentraler Denker dieses radikalen Schnitts ist Georges Sorel. Als Autor, der sich der verhassten Dekadenz des Bürgertums entgegenstellte und Gewalt als reinigendes Mittel predigte, hat er Eingang in den Kanon der Neuen Rechten gefunden. Sternhell weist auf seine große Bedeutung für die Genese der faschistischen Ideologie hin: "Bedeutete der Faschismus philosophisch gesehen eine Absage an die rationalistischen und individualistischen Inhalte, welche die Grundlagen des Marxismus wie Liberalismus bildeten, so stellte er auf ideologischer und politischer Ebene die Synthese eines organischen Nationalismus mit der Marxrevision Georges Sorels und seiner Anhänger in Frankreich und Italien zu Beginn des Jahrhunderts dar."[9]

Auch in der Theoriebildung der Neuen Rechten spielte Sorel eine zentrale Rolle. Karlheinz Weißmann beschrieb in der "Jungen Freiheit" die Einflüsse Sorels auf Armin Mohler. Dieser habe "vor allem prinzipielle Gründe" gehabt, "Sorel neu zu entdecken. Sorels Antiliberalismus und Dezisionismus hatten Mohler beeindruckt und vielleicht stärker noch die ‚Unklarheit‘ seines Denkens."[10] Mohler hatte sich bereits 1973 in der Zeitschrift "Criticón" mit Sorel beschäftigt und 1975 in seiner Eigenschaft als Leiter der Siemens-Stiftung eine Publikation zu Sorel kommentiert. Im Jahr 2000 erschien im Verlag Antaios, der dem IfS nahesteht, das Bändchen "Georges Sorel. Erzvater der Konservativen Revolution", versehen mit einem Nachwort Karlheinz Weißmanns.[11] Zum geistigen Erbe Sorels in der Neuen Rechten zählt vor allem der Hass auf die "Dekadenz" des westlichen Liberalismus.

Mit diesem revolutionären Erbe steht die Neue Rechte in der Tradition jener rechten Kräfte, die sich gegen die Ordnung wandten, als diese nicht mehr ihren Vorstellungen entsprach. Sternhell kennzeichnete eine solche Haltung als "revolutionären Revisionismus", der dynamische Elemente der Moderne aufnehmen konnte.[12] Aus ihm sei der Faschismus als totale Ablehnung der politischen Kultur und "Idealtypus einer Umbruchsideologie" entsprungen.[13] Diese Merkmale kennzeichneten bereits einen radikalisierten Konservatismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts, der sich zur "nationalen Opposition" erklärte, als er die Republik nicht aufhalten konnte. Der frühe Ernst Nolte beschrieb am Beispiel Frankreich, wie in der Vorgeschichte des Faschismus zum Ende des 19. Jahrhunderts die Verteidiger einer verlorenen Ordnung den Konservatismus mit allen Konsequenzen radikalisierten.[14] Die Folgen schlugen sich nicht nur inhaltlich nieder, sondern auch in der Modernisierung der Form. Auf die Distanz der eigenen Denkschule zum historischen Konservatismus weist auch Lehnert hin: Für ihn drückt das Phänomen "Neue Rechte" aus, "daß wir wissen, daß Thron und Altar nicht mehr funktionieren".[15]


Fußnoten

1.
Zeev Sternhell et al., Die Entstehung der faschistischen Ideologie, Hamburg 1999, S. 13.
2.
Robert O. Paxton, Anatomie des Faschismus, München 2006, S. 319.
3.
Samuel Salzborn, Angriff der Antidemokraten, Weinheim 2017, S. 34f.
4.
Martin Langebach/Jan Raabe, Die ‚Neue Rechte‘ in der Bundesrepublik Deutschland, in: Fabian Virchow et al. (Hrsg.), Handbuch Rechtsextremismus, Wiesbaden 2016, S. 561–592, hier S. 581.
5.
Institut für Staatspolitik, Die "Neue Rechte". Sinn und Grenze eines Begriffs, Albersroda 2008, S. 5f.
6.
Armin Mohler, Das Gespräch. Über Linke, Rechte und Langweiler, Dresden 2001, S. 41.
7.
Siehe u.a. Ellen Kositza/Götz Kubitschek (Hrsg.), Tristesse Droite, Schnellroda 2015, S. 22.
8.
Ernst Jünger, "Nationalismus" und Nationalismus (1929), in: Sven Olaf Berggötz (Hrsg.), Ernst Jünger. Politische Publizistik 1919 bis 1933, Stuttgart 2001, S. 501–509, hier S. 507.
9.
Sternhell et al. (Anm. 1), S. 23.
10.
Karlheinz Weißmann, Die Bedeutung George Sorels für das Denken Armin Mohlers, in: Junge Freiheit, 7.4.2000, S. 13.
11.
Armin Mohler, Georges Sorel, Bad Vilbel 2000.
12.
Sternhell et al. (Anm. 1), S. 14.
13.
Ebd., S. 17.
14.
Vgl. Ernst Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche, München 1984, S. 83ff.
15.
Kositza/Kubitschek (Anm. 7), S. 113.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Volker Weiß für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.