Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt
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13.10.2017 | Von:
Volker Weiß

Faschisten von heute? "Neue Rechte" und ideologische Traditionen

Gibt es eine weltanschauliche Verbindung der "Neuen Rechten" zum historischen Komplex "Faschismus"? Angesichts eines jahrelang inflationären Gebrauchs letzterer Kategorie sollte diese Frage mit Bedacht beantwortet werden. Zudem galt Faschismus lange als ein Phänomen, das auf "seine Epoche" (Ernst Nolte) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie auf wenige Länder begrenzt war und schließlich mit dem Kalten Krieg verschwand.

Neuere Forschungen haben diese zeitliche Eingrenzung des Faschismus infrage gestellt. Laut dem Politikwissenschaftler Zeev Sternhell war der Faschismus ein "integrierender Bestandteil" des 20. Jahrhunderts und nicht nur eine Eruption der Zwischenkriegszeit.[1] Es ist daher zu befürchten, dass sich in ihm ein eigenständiges politisches Phänomen zeigte, das bis in die Gegenwart lebensfähig ist. Auch der Historiker Robert Paxton konstatiert ein mögliches Fortleben. Er definiert Faschismus als "eine Form des politischen Verhaltens", das durch eine "obsessive Beschäftigung mit Niedergang, Demütigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch kompensatorische Kulte der Einheit, Stärke und Reinheit" bestimmt sei. Dabei gebe eine "massenbasierte Partei von entschlossenen nationalistischen Aktivisten in unbequemer aber effektiver Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten demokratische Freiheiten auf" und verfolge "mittels einer als erlösend verklärten Gewalt und ohne ethische oder gesetzliche Beschränkungen Ziele der inneren Säuberung und äußeren Expansion".[2] Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit diese Bestimmungen auf das heutige Phänomen der Neuen Rechten zutreffend sind.

Neue Rechte

Mitunter wird das Konzept "Neue Rechte" undifferenziert auf alle Phänomene des rechten politischen Randes verwandt, die irgendwie "neu" scheinen. Das Gefühl der Konfrontation mit etwas Neuem ist dabei meist dem Umstand geschuldet, dass der Begriff "Rechts" das Klischee vom dumpfen Neonazi aufruft, das mit den tatsächlichen Erscheinungsformen des rechten politischen Feldes wenig zu tun hat. Der Politologe Samuel Salzborn hat daher kritisiert, dass der Begriff "Neue Rechte" "sehr unterschiedlich und nicht selten diffus" Verwendung finde. Er bestimmt dagegen die Neue Rechte historisch als eine in den späten 1960er Jahren entstandene Strömung, die sich die "Formierung einer intellektuellen Metapolitik und die Erringung einer (rechten) kulturellen Hegemonie" als strategische Ziele gab.[3] Damit unterschied sie sich deutlich von aktivistisch orientierten und biografisch noch durch den Nationalsozialismus geprägten extremen Rechten der Nachkriegszeit. Prägend waren zudem Einflüsse aus Frankreich, wo sich ebenfalls eine "Nouvelle Droite" gegründet hatte, um altbekannte Pfade zu verlassen. Hinsichtlich der großen Linien orientierten sich ihre Protagonisten an Autoren der Zwischenkriegszeit, die unter dem Paradoxon einer "Konservativen Revolution" versammelt werden.

Auf diese drei Säulen – Modernisierung, Internationalisierung und Bezugnahme auf die sogenannte Konservative Revolution – verweist auch die einschlägige Forschungsliteratur. Eine jüngste Zusammenfassung merkt jedoch an, es könne "über die Neue Rechte (…) im Grunde nur im Plural gesprochen werden", um den vielfältigen Entwicklungen der vergangenen vier Jahrzehnte gerecht zu werden.[4]

Seitens ihrer heutigen Akteure wird gegen diese Herleitungen wenig Einspruch erhoben. Eine Begriffsklärung des Instituts für Staatspolitik (IfS), das der Neuen Rechten seit der Jahrtausendwende als organisatorisches Zentrum dient, verweist ebenfalls auf die historischen Vorläufer der Zwischenkriegszeit. Beklagt wird dagegen die Delegitimierung der eigenen Position aufgrund einer "neu, das heißt ‚antifaschistisch‘ – definierten Mitte". Die Selbstdarstellung als eine Strömung, die "deutlich von neonationalsozialistischen oder völkischen einerseits, von deutschnational, traditionalistisch-konservativen Positionen andererseits zu unterscheiden" sei und "sich auf die Schaffung alternativer Weltanschauungen" konzentriere, muss allerdings hinterfragt werden.[5]

Hinsichtlich der historischen Vorbilder ist diese Abgrenzung kaum aufrechtzuerhalten. Armin Mohler, Spiritus Rector der Neuen Rechten und Bibliograf jener Konservativen Revolution, räumte im Alter ein, dass die strikte Trennung der Konservativen Revolution vom Nationalsozialismus konstruiert gewesen war: "Es war schon sehr schwer zu unterscheiden; in der historischen Wirklichkeit überschneidet es sich schon sehr."[6] Aus der Aufrechterhaltung dieser Trennung ziehen Neue Rechte jedoch ihr historisches Selbstverständnis.

Konservative Vordenker

In der Publizistik der Neuen Rechten nehmen die Klassiker der Konservativen Revolution der 1920er und 1930er Jahre einen ungebrochen hohen Stellenwert ein. Davon zeugt neben zahlreichen anderen Artikeln zu diesem Thema auch ihre Präsenz im "Staatspolitischen Handbuch", das der heutige Leiter des IfS, Erik Lehnert, zusammen mit dem Publizisten Karlheinz Weißmann herausgegeben hat. Nach wie vor findet sich in aktuellen Standortbestimmungen neurechter Autoren die Formel des "konservativen Revolutionärs" Edgar J. Jung zitiert, wonach die Demokratie die "Herrschaft der Minderwertigen" sei.[7] Jungs Definition von "Minderwertigkeit" umfasst soziale und ethnische Kategorien. Er war 1924 in einen Fememord verwickelt und wollte die Republik von einem autoritären Ständestaat abgelöst sehen.

Bleibt angesichts solcher Positionen die Grenze zum Faschismus diffus, ist der Abstand zum traditionellen Konservatismus deutlicher. Wie schon die Konservative Revolution ist auch die Neue Rechte ihrem Anspruch nach dynamisch und revolutionär. Mohler formulierte scharfe Angriffe gegen einen lediglich "gärtnerisch" bewahrenden Konservatismus. Wie sein Lehrmeister Ernst Jünger, als dessen Sekretär Mohler in jungen Jahren gearbeitet hatte, setzte er auf die revolutionäre Überwindung des Bourgeois durch eine offensive Rechte. Jünger hatte bereits 1929 keinen Zweifel am radikalen Anspruch dieses neuen Nationalismus gelassen: "Wir überlassen die Ansicht, daß es eine Art Revolution gibt, die zugleich die Ordnung unterstützt, allen Biedermännern." Jünger verkündete weiter: "Wir werden nirgends stehen, wo nicht die Stichflamme uns Bahn geschlagen, wo nicht der Flammenwerfer die große Säuberung durch das Nichts vollzogen hat", um schließlich in dem Satz zu münden, mit dem heute die Identitäre Bewegung um Anhänger wirbt: "Weil wir die echten, wahren und unerbittlichen Feinde des Bürgers sind, macht uns seine Verwesung Spaß."[8] Für Jünger war die Zeit des klassischen Konservatismus abgelaufen. Seinen heutigen Verehrern imponiert die Kompromisslosigkeit, die sich gegen Liberale und Linke richtete.

Ein zentraler Denker dieses radikalen Schnitts ist Georges Sorel. Als Autor, der sich der verhassten Dekadenz des Bürgertums entgegenstellte und Gewalt als reinigendes Mittel predigte, hat er Eingang in den Kanon der Neuen Rechten gefunden. Sternhell weist auf seine große Bedeutung für die Genese der faschistischen Ideologie hin: "Bedeutete der Faschismus philosophisch gesehen eine Absage an die rationalistischen und individualistischen Inhalte, welche die Grundlagen des Marxismus wie Liberalismus bildeten, so stellte er auf ideologischer und politischer Ebene die Synthese eines organischen Nationalismus mit der Marxrevision Georges Sorels und seiner Anhänger in Frankreich und Italien zu Beginn des Jahrhunderts dar."[9]

Auch in der Theoriebildung der Neuen Rechten spielte Sorel eine zentrale Rolle. Karlheinz Weißmann beschrieb in der "Jungen Freiheit" die Einflüsse Sorels auf Armin Mohler. Dieser habe "vor allem prinzipielle Gründe" gehabt, "Sorel neu zu entdecken. Sorels Antiliberalismus und Dezisionismus hatten Mohler beeindruckt und vielleicht stärker noch die ‚Unklarheit‘ seines Denkens."[10] Mohler hatte sich bereits 1973 in der Zeitschrift "Criticón" mit Sorel beschäftigt und 1975 in seiner Eigenschaft als Leiter der Siemens-Stiftung eine Publikation zu Sorel kommentiert. Im Jahr 2000 erschien im Verlag Antaios, der dem IfS nahesteht, das Bändchen "Georges Sorel. Erzvater der Konservativen Revolution", versehen mit einem Nachwort Karlheinz Weißmanns.[11] Zum geistigen Erbe Sorels in der Neuen Rechten zählt vor allem der Hass auf die "Dekadenz" des westlichen Liberalismus.

Mit diesem revolutionären Erbe steht die Neue Rechte in der Tradition jener rechten Kräfte, die sich gegen die Ordnung wandten, als diese nicht mehr ihren Vorstellungen entsprach. Sternhell kennzeichnete eine solche Haltung als "revolutionären Revisionismus", der dynamische Elemente der Moderne aufnehmen konnte.[12] Aus ihm sei der Faschismus als totale Ablehnung der politischen Kultur und "Idealtypus einer Umbruchsideologie" entsprungen.[13] Diese Merkmale kennzeichneten bereits einen radikalisierten Konservatismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts, der sich zur "nationalen Opposition" erklärte, als er die Republik nicht aufhalten konnte. Der frühe Ernst Nolte beschrieb am Beispiel Frankreich, wie in der Vorgeschichte des Faschismus zum Ende des 19. Jahrhunderts die Verteidiger einer verlorenen Ordnung den Konservatismus mit allen Konsequenzen radikalisierten.[14] Die Folgen schlugen sich nicht nur inhaltlich nieder, sondern auch in der Modernisierung der Form. Auf die Distanz der eigenen Denkschule zum historischen Konservatismus weist auch Lehnert hin: Für ihn drückt das Phänomen "Neue Rechte" aus, "daß wir wissen, daß Thron und Altar nicht mehr funktionieren".[15]

Latenz der faschistischen Form

Der unmittelbare Vergleich der Neuen Rechten mit der faschistischen Form von Politik trägt jedoch nur bedingt, da sich die gegenwärtigen Rahmenbedingungen von jenen der 1920er Jahre deutlich unterscheiden. Das betrifft vor allem die militärisch geprägten Organisationsformen der Zwischenkriegszeit, denn heute fehlt ein vergleichbarer Militarisierungsgrad der westlichen Gesellschaften. Doch der deutlich verrohte Stil in den Leserforen und sozialen Medien zeugte von einem immensen Aggressionspotenzial. Hier brachte eine zunächst spontane Protestbewegung eine Dynamik ins Spiel, die von der Neuen Rechten gezielt genutzt werden sollte.

Schon früh offenbarte sich in AfD und Pegida der "Nukleus einer Bürgerkriegspartei", wie der Journalist Volker Zastrow urteilte: "Ihre Gier nach Gewalt ist mit Händen zu greifen, und sie wird nicht haltmachen, sich nicht begnügen."[16] Tatjana Festerling, Gründungsmitglied der Hamburger AfD und Pegida-Aktivistin, sprach auf einer Demonstration im Januar 2016 in Leipzig davon, die "Eliten mit Mistgabeln aus den Parlamenten, den Gerichten, den Kirchen und den Pressehäusern zu prügeln".[17] Das tatsächliche Umschlagen der latenten Gewaltsehnsucht in ihre manifeste Ausübung blieb in Deutschland inoffiziellen Akteuren überlassen. Es zeigte sich schließlich an körperlichen Angriffen auf Pressevertreter und vor allem der steigenden Zahl von Brandanschlägen auf Asylunterkünfte. Unter anderen Rahmenbedingungen fällt der Neuen Rechten die Annäherungen an klassisch-faschistische Formen wesentlich leichter. Pegida-Frontfrau Festerling ließ sich in Bulgarien dabei fotografieren, wie sie mit einer uniformierten "Bürgermiliz" Jagd auf illegale Einwanderer machte.

Politische Verbindungen gibt es auch zur US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung. Sie gilt als Pendant zur europäischen Neuen Rechten und hat im Zuge der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten an Bedeutung gewonnen. In ihren Reihen kann das faschistische Element aufgrund einer anderen Rechtslage ungeniert ausgelebt werden. Richard Spencer, einer der Köpfe dieser Strömung, begrüßte die Wahl Donald Trumps mit "Sieg-Heil"-Rufen und hielt eine Rede zu Verfall und Wiedergeburt der amerikanischen Nation. Die von der Alt-Right-Bewegung verfolgte "Idee eines strikt isolationistischen ‚weißen Ethnostaats‘" findet auch in neurechten Kreisen Anklang.[18] Die Waffengesetze in den USA erlauben auch ein paramilitärisches Auftreten, wie es im August 2017 bei den Unruhen in Charlottesville zu beobachten war. Gepaart mit einer Rhetorik des ewigen Ausnahmezustands und der Erhebung von Gewalt zum Stilprinzip im Geiste eines soldatischen Heroismus bekommt man einen Eindruck davon, welche Kräfte in der hiesigen Neuen Rechten unter der Oberfläche gehalten werden.

Weitgehend ausgeprägt ist die faschistische Form bei den sogenannten Identitären. Sie wurden aus dem Umfeld der Zeitschrift "Sezession" nach dem Vorbild des französischen Bloc identitaire aufgebaut und stehen inzwischen besonders unter dem Einfluss von österreichischen Kadern wie Martin Sellner. Dieser ist zugleich Autor der "Sezession" und hat eine einschlägige Vergangenheit: Er sammelte seine ersten politischen Erfahrungen im Kreis um den österreichischen Neonazi Gottfried Küssel. Entgegen ihrer regionalistischen Fassade haben die Identitären im deutschsprachigen Raum einen "alldeutschen" Zug. Sie sehen sich als "Bewegung" und sind aktionistisch ausgerichtet. Das von ihnen verteilte Propagandamaterial ist voller historischer Anleihen und bedient eine heroisch-männliche Ästhetik.[19] Beliebt ist vor allem die Bezugnahme auf die Comicverfilmung "300", die vom Kampf der Spartaner gegen eine "Vielvölkerinvasion" handelt. Neben einem verbindlichen Corporate Design, in dessen Zentrum der griechische Buchstabe Lambda steht, achten sie auf ein einheitliches Erscheinungsbild und verwenden bei ihren Aufmärschen Fahnen und Fackeln. Von allen Akteuren der Neuen Rechten bedienen sich die Identitären am deutlichsten einer faschistischen Ästhetik des Erhabenen.

In diesem Kontext sind auch neurechte Kontakte nach Italien zu sehen. Um das in Rom betriebene Zentrum CasaPound Italia entfaltete sich im Kreis der "Sezession" ein regelrechter Fankult. Die italienischen Aktivisten zählen zu den Identitären und bezeichnen sich selbst als "Faschisten des 21. Jahrhunderts". Sie spielen mit den Formen des Mussolini-Regimes, pflegen einen martialischen Stil und beteiligen sich an gewalttätigen Auseinandersetzungen. Im Frühjahr 2015 sprach der Mitbegründer des IfS, Götz Kubitschek, auf einer Demonstration in Rom zu italienischen Neofaschisten. Kubitscheks Ehefrau Ellen Kositza schwärmte von der spektakulären Inszenierung, deren Symbolik eindeutig war: "Pathetische Bombast-Musik, dann der wuchtige Einzug der Casa-Pound-Hundertschaften von der höhergelegenen Viale Gabriele d’Annunzio auf den bereits dicht gefüllten Platz. Tosender Beifall, undenkbar dies alles in Deutschland!"[20] Auf der Kundgebung befanden sich neben Vertretern der italienischen äußersten Rechten auch Gäste der neofaschistischen Goldenen Morgenröte aus Griechenland, im Publikum sah man Mussolini-Porträts und zum Faschistengruß gereckte Arme.

Bereits 2013 war Kubitschek mit dem italienischen Neofaschisten Gabriele Adinolfi aufgetreten, der als ein Stichwortgeber der CasaPound gilt. Philipp Stein, Kubitscheks Mitstreiter von der neurechten Fundraising-Initiative Ein Prozent, war dort im April 2017 Gast auf einer Konferenz des neofaschistischen Blocco studentesco. Stein gründete 2016 den Jungeuropa-Verlag, der sich vor allem dem Erbe des spanischen und französischen Faschismus widmet. Im Programm findet sich auch eine Schrift des ehemaligen französischen Rechtsterroristen Dominique Venner, der sich 2013 aus Protest gegen die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare auf dem Altar von Notre Dame erschoss. Auch er hatte Kontakte zu Kubitschek gepflegt. Das Interesse an den radikalen Traditionen und Gruppen aus Frankreich, Österreich, Italien und Spanien deutet auf ein deutliches Faible des "identitären" Flügels der Neuen Rechten für den klassischen, katholisch geprägten Faschismus.

Die Verbindung zum stark romanisch-katholisch beeinflussten Faschismus ist bereits bei den historischen Vorbildern der Neuen Rechten auffällig. Der deutsche Populärphilosoph Oswald Spengler, der mit seinem Bestseller "Der Untergang des Abendlandes" zu einem der zentralen Denker der Konservativen Revolution avancierte, war ein glühender Bewunderer Benito Mussolinis, der sich im Gegenzug für die Verbreitung Spenglers in Italien einsetzte.[21] Anlässlich des 75. Todestages Spenglers besuchte 2011 eine Delegation des IfS sein Grab in München. Carl Schmitt, der wohl wichtigste Stichwortgeber der Neuen Rechten, pflegte in den 1930er Jahren regen Austausch mit Juristen des faschistischen Italien. Ohnehin beobachtete die Weimarer Rechte die Vorgänge in Italien mitunter zwar ambivalent, aber doch sehr genau. Das Vorgehen der Faschisten wurde als Vorbild diskutiert, wie unter anderem eine Artikelserie der nationalistischen Zeitschrift "Arminius" von 1927 zeigt, zu deren Herausgeberkreis auch Ernst Jünger zählte.[22]

Zwischen 1931 und 1933 fungierte die "Gesellschaft zum Studium des Faschismus" als Sammelbecken, in dem sich nationalkonservative und nationalsozialistische Kreise darüber austauschten, wie die Republik zu zerstören sei. Sie war gegründet worden, um eine Art "faschistische Internationale" zu schaffen, und mündete schließlich in der Verbindung rechter Revolutionäre mit alten Eliten.[23] Die Vertreter der Konservativen Revolution, die in diese Debatten involviert waren, zeigten sich dabei weniger als Parteigänger Hitlers, sondern neigten eher zum italienischen Modell. Insgesamt waren auch sie strikt völkische und republikfeindliche Nationalisten. Samuel Salzborn beschreibt die politische Zielsetzung von Edgar J. Jung, dem Berater Franz von Papens, als "völkische Destruktion demokratischer Ordnung".[24] Die in den frühen 1930er Jahren diskutierten Konzepte weisen der Neuen Rechten bis heute den Weg. Der Journalist Justus Bender resümierte daher: Schon der Blick auf die parlamentsunabhängige "Präsidialrepublik" nach den Vorstellungen von Carl Schmitt und Edgar J. Jung gebe einen "Vorgeschmack auf das ‚andere Land‘, von dem Kubitschek spricht".[25]

Auch der parteiförmige Rechtspopulismus – in der Bundesrepublik konkret die AfD – weist Überschneidungen mit den historischen Vorbildern der Neuen Rechten auf. Er ist ebenso besessen vom Gedanken des Niedergangs der Nation, die er als eine Schicksals- und Opfergemeinschaft imaginiert, wovon bereits der Begriff "Schuldkult" zeugt. Das macht die AfD jedoch nicht zu einer faschistischen Partei.

AfD

Der AfD fehlen vor allem wesentliche faschistische Elemente wie die Ausrichtung auf einen Führer, die paramilitärischen Elemente und ein offener Kult der Gewalt. Besonders in der Zeit nach ihrer Gründung 2013 war die AfD auch keineswegs eindeutig der Neuen Rechten zuzurechnen. Als rechtspopulistische Sammlungsbewegung mehrerer Strömungen reichte das Spektrum ihrer Mitglieder von eurokritischen Ökonomen, Ordo- und Nationalliberalen über Nationalkonservative bis hin zu christlichen Fundamentalisten. Doch standen neurechte Akteure der jungen Partei von Anfang an mit Wohlwollen gegenüber und gewannen immer mehr Einfluss. Die Wochenzeitung "Junge Freiheit" begleitete den Gründungsprozess der Partei. Auch in der radikaler orientierten "Sezession" wurde das Projekt begrüßt, wenn auch eine gewisse Skepsis vorherrschte. Als Partei stand die AfD im Verdacht, "systemstabilisierend" zu sein und lediglich dazu zu dienen, "etwas Dampf vom Kessel zu lassen".[26] Dennoch engagierten sich Personen aus dem Umfeld der "Sezession" in der Partei, darunter mit Björn Höcke ein persönlicher Freund Kubitscheks.

Anfangs gab es in der Partei noch Widerstände gegen neurechte Einflussnahme. Eine Aufnahme Kubitscheks und seiner Ehefrau Kositza in den Landesverband Sachsen-Anhalt wurde vom Bundesvorstand widerrufen. Doch solche Abwehrmechanismen versagten zunehmend. Im Rahmen der Fraktionsbildung innerhalb der AfD sammelte sich eine völkisch-national orientierte äußerste Rechte unter dem Namen "der Flügel" um Björn Höcke und André Poggenburg. Schließlich, mit der Abwahl Bernd Luckes auf dem Essener Parteitag im Juli 2015, sollte sich die Partei der Neuen Rechten ganz öffnen. Dieser Wechsel wurde von neurechten Akteuren aktiv forciert.

Die Journalistin Melanie Amann beschreibt, wie Kubitschek im Hintergrund die "Erfurter Erklärung" vorbereitete, die den Sturz Luckes einleiten sollte: "Kubitschek erklärt seinem Freund Höcke, dass sich die versprengten Rechten in der AfD jetzt sammeln müssten. Ein Manifest muss her, das jeder unterschreiben kann." Laut Amann schrieb der Verleger den ersten Entwurf selbst, trat aber nie als "Ideengeber" in Erscheinung. An der endgültigen Profilierung der Partei nach rechtsaußen hatte er aber großes Interesse – nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen. Eine AfD ohne Lucke versprach, die Resonanz des IfS, des Antaios Verlags und der "Sezession" ungemein zu verstärken: "Wenn Höcke scheitert, dann ist auch Kubitschek wieder nur ein kleiner Verleger irgendwo in einem Funkloch in Sachsen-Anhalt."[27] Nach der Veröffentlichung kommentierte er das Manifest mit gespielter Überraschung auf seinem Blog und begrüßte bald den gelungenen Sturz Luckes durch den völkisch-nationalen Parteiflügel.

Ob tatsächliche "Übernahme" oder nicht – die Partei war in die unmittelbare Einflusssphäre des IfS gerückt. Ermöglicht wurde dies nicht zuletzt durch die weltanschauliche Verbindung der AfD zu den historischen Vorbildern der Neuen Rechten. Der Politikwissenschaftlerin Karin Priester zufolge kann der Rechtspopulismus als "eine neue, massenkompatible Form der Konservativen Revolution [gelten], die von Intellektuellen in die Hand von Anti-Intellektuellen übergegangen ist".[28]

Antirationalismus

Tatsächlich zielen Rechtspopulismus und Neue Rechte auf Affekte statt Reflexion. "Was zählt, ist die Emotion" resümiert eine Auswertung der Social-Media-Präsenz der AfD.[29] Die Ausbeutung von "Wut" folgt dabei dem durch den AfD-Strategen Marc Jongen ausgegebenen Ziel der Steigerung der "thymotischen Spannung" in der Politik. Dieses Vorgehen gehört nicht nur zu den Wesensmerkmalen des Populismus generell, der sich mit seiner "charakteristischen Intellektuellen- und Theoriefeindlichkeit" dem "reflexiven Umgang mit der Moderne" verweigert.[30] Esweist zudem auf den im Faschismus verbreiteten Glauben, "man müsse die Tiefen des Irrationalen und des Instinktes von der künstlichen Domäne der Vernunft scheiden". Konkretes Ergebnis war der historische "Kult der irrationalen, mysteriösen Kräfte", der sich über die Evokation von Wille und Vorsehung artikulierte, wie Sternhell ausführt: "Für die revolutionäre Rechte von 1890 wie von 1930 beruhte der einzigartige Vorteil der Volksmeinung auf ihrer unbesonnenen, im Irrationalen wurzelnden Spontaneität: dies waren, sowohl zu Beginn des Jahrhunderts als auch am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, die neuen Kriterien für politisches Verhalten."[31] Im Gegensatz zur Rationalität gelten Spontanität und Instinkt als naturhaftes Verhalten. In einer Vorstellungswelt, die auf die letztendscheidende Kraft des Ausnahmezustands gefluchtet ist, werden sie als Lebensversicherung gesehen.

Ein solcher Antirationalismus mündet zwangsläufig in der Glorifizierung von Gewalt. In der Geschichtsauffassung der Neuen Rechten regrediert die Gesellschaft zum permanenten Kampf stammesartiger Gruppen miteinander. Davon zeugt die Publikation des Buchs "Der Weg der Männer" des US-amerikanischen Alt-Right-Autors Jack Donovan bei Antaios. Der ewige Kriegszustand wird dabei als die Daseinsform gelobt, die dem Wesen des Mannes am meisten entspreche. Gewalt gilt als der unmittelbarste Weg zum Ziel, ihre Zügelung nur als hinderlich: "Der Weg der Männer, das Ethos der Gruppe, die amoralischen kämpferischen Tugenden: Sie drehen sich letztlich allesamt um das Gewinnen."[32] Im Kult des Verlags Antaios und der Identitären um das Buch Donovans zeigt sich einmal mehr die latente Gewaltform der Neuen Rechten.

Schluss

Vor dem Hintergrund der weltanschaulichen Disposition der Neuen Rechten, ihren Kontakten und historischen Vorbildern ist festzustellen, dass sie das Erbe des Faschismus zumindest in großen Teilen angetreten hat. Das faschistische Element kommt dabei meist habituell und ästhetisch zum Vorschein, manifestiert sich aber, sobald der einhegende gesetzliche Rahmen wegfällt. Eine wichtige Quelle sind die vielfältigen historischen Bezüge auf die Konservative Revolution, die sich für die italienische Variante des Faschismus begeisterte. In diesem Sinne kann vor allem der harte Kern um das IfS durchaus in der Tradition des Faschismus gesehen werden.
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Fußnoten

1.
Zeev Sternhell et al., Die Entstehung der faschistischen Ideologie, Hamburg 1999, S. 13.
2.
Robert O. Paxton, Anatomie des Faschismus, München 2006, S. 319.
3.
Samuel Salzborn, Angriff der Antidemokraten, Weinheim 2017, S. 34f.
4.
Martin Langebach/Jan Raabe, Die ‚Neue Rechte‘ in der Bundesrepublik Deutschland, in: Fabian Virchow et al. (Hrsg.), Handbuch Rechtsextremismus, Wiesbaden 2016, S. 561–592, hier S. 581.
5.
Institut für Staatspolitik, Die "Neue Rechte". Sinn und Grenze eines Begriffs, Albersroda 2008, S. 5f.
6.
Armin Mohler, Das Gespräch. Über Linke, Rechte und Langweiler, Dresden 2001, S. 41.
7.
Siehe u.a. Ellen Kositza/Götz Kubitschek (Hrsg.), Tristesse Droite, Schnellroda 2015, S. 22.
8.
Ernst Jünger, "Nationalismus" und Nationalismus (1929), in: Sven Olaf Berggötz (Hrsg.), Ernst Jünger. Politische Publizistik 1919 bis 1933, Stuttgart 2001, S. 501–509, hier S. 507.
9.
Sternhell et al. (Anm. 1), S. 23.
10.
Karlheinz Weißmann, Die Bedeutung George Sorels für das Denken Armin Mohlers, in: Junge Freiheit, 7.4.2000, S. 13.
11.
Armin Mohler, Georges Sorel, Bad Vilbel 2000.
12.
Sternhell et al. (Anm. 1), S. 14.
13.
Ebd., S. 17.
14.
Vgl. Ernst Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche, München 1984, S. 83ff.
15.
Kositza/Kubitschek (Anm. 7), S. 113.
16.
Volker Zastrow, Die neue völkische Bewegung, 30.11.2015, http://www.faz.net/-13937439.html«.
17.
Zit. nach Stefan Locke/Justus Bender, Radikaler geht’s nicht, 19.1.2016, http://www.faz.net/-14021313.html«.
18.
Nils Wegner, Rechte Dissidenz in den USA, in: Sezession 69/2015, S. 42f., hier S. 43.
19.
Vgl. Volker Weiß, Von der "Deutschenauswanderung" zum "großen Austausch", oder "identitäre" Propaganda und ihre völkischen Vorläufer, in: NS-Dokumentationszentrum München et al. (Hrsg.), Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute, Berlin 2017, S. 125–135.
20.
Ellen Kositza, Manifestazione in Rom, Pegida in Dresden, 3.3.2015, https://sezession.de/48729«.
21.
Vgl. Michael Thöndl, Oswald Spengler in Italien, Leipzig 2010.
22.
Vgl. Mauricio Bach/Stefan Breuer, Faschismus als Bewegung und Regime, Wiesbaden 2010, S. 157ff.
23.
Vgl. Wolfgang Schieder, Faschismus im politischen Transfer, in: Sven Reichardt/Armin Nolzen (Hrsg.), Faschismus in Italien und Deutschland, Göttingen 2005, S. 28–58, hier S. 29.
24.
Salzborn (Anm. 3), S. 26.
25.
Justus Bender, Was will die AfD?, München 2017, S. 98.
26.
Kositza/Kubitschek (Anm. 7), S. 15.
27.
Melanie Amann, Die Wahrheit über die AfD, München 2017, S. 148, S. 149.
28.
Karin Priester, Rechter und linker Populismus, Frankfurt/M. 2012, S. 186.
29.
Frida Westrick, Ein Monat mit der AfD, in: Der Rechte Rand 167/2017, S. 6.
30.
Priester (Anm. 28), S. 11.
31.
Sternhell et al. (Anm. 1), S. 25.
32.
Jack Donovan, Der Weg der Männer, Schnellroda 2016, S. 65.
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Autor: Volker Weiß für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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