Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt

13.10.2017 | Von:
Sven Reichardt

Globalgeschichte des Faschismus. Neue Forschungen und Perspektiven

Verwobene Politiken des Faschismus

Die Faschisten veränderten die geopolitischen Konstellationen – mithin die gesamte Weltordnung – in den 1930er und 1940er Jahren sowohl durch Ideentransfers zwischen faschistischen Sozialexperten als auch mit ihrer untereinander verwobenen politischen Praxis. Dieser Austausch fand durch vielfache Verschränkung der rassistischen Raum-, Infrastruktur- und Bevölkerungspolitik statt. Zu diesen transnationalen Verflechtungen technologischen Expertenwissens liegen bislang noch zu wenige Studien vor.[17]

Anstatt nur auf propagandistische Diskursströme zu schauen, rückt mit diesem Ansatz die politische Praxis in den Fokus. Dabei ist zu bedenken, dass wir es bei der Kooperation zwischen faschistischen Politikern oft mit asymmetrischen Beziehungen und vermachteten Verhandlungen zu tun haben, in denen die jeweils schwächeren Verhandlungspartner nach Gelegenheitsfenstern suchen mussten, da sie angesichts von Befehlsverhältnissen und Repressionsdrohungen nur über sehr begrenzte Handlungsspielräume verfügten. Das galt insbesondere für faschistische Kräfte, die in den vom NS-Staat besetzten Ländern lebten.

So wurden beispielsweise mit Stepan Bandera und Horia Sima die faschistischen Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der rumänischen Eisernen Garde als Ehrenhäftlinge im KZ Sachsenhausen gehalten, bevor die Nationalsozialisten sie in politische Positionen ihrer Heimatländer zurückführten, als es ihnen günstig erschien.[18] Hitler behandelte viele der kleineren Faschismen weniger mit planender politischer Sorgfalt als mit opportunistischer und brutaler Machtpolitik. Der Umgang mit ihnen fand im Modus von Befehlen, Anordnungen und Zwangsmaßnahmen statt, wobei Hitler – wie etwa in Rumänien und Ungarn – lange Zeit rechtsautoritäre Politiker wie General Ion Antonescu oder den ungarischen Reichsverweser Miklós Horthy gegenüber den faschistischen Kräften bevorzugte.[19]

Die Handlungsspielräume waren für Kooperationspartner außerhalb der faschistischen Besatzungsgebiete nicht notwendigerweise größer. Dennoch gab es gerade dort auch Kräfte, die die faschistischen Großmächte für ihre eigene Agenda zu nutzen verstanden. Der irakische Faschist Raschid Ali al-Gailani etwa, der durch einen Staatsstreich im April 1941 Premierminister seines Landes wurde, bat die italienischen Faschisten und die Nationalsozialisten erfolgreich um militärische Unterstützung und bestärkte letztlich auch die antisemitischen Pogrome in Bagdad.[20] Doch selbst ein Faschist wie al-Gailani verstand die italienischen und deutschen Faschisten vor allem als Verbündete gegen den britischen Imperialismus beziehungsweise als Unterstützung für den eigenen nationalen Befreiungsversuch. Ähnlich verhielt es sich mit Amin al-Husseini, dem propagandistisch eifrigen und extrem antisemitischen Großmufti von Jerusalem.

Viele dieser Kooperationen im Nahen und Mittleren Osten entstanden vor und während des Zweiten Weltkriegs weniger aus ideologischer Überzeugung denn aus pragmatischen Gründen. Neben "freiwilligen" Kooperationen standen Zwangsrekrutierungen und Formen des Mitmachens, die das eigene Überleben sichern sollten. Das NS-Regime umwarb vor allem 1941 und 1942 mithilfe von Propagandisten wie al-Husseini aus strategischen und machtpolitischen Gründen die Muslime, denn von ihnen lebten 150 Millionen unter französischer und britischer Herrschaft, dazu kamen noch einmal 20 Millionen in der Sowjetunion. Militärische Erfolge der Deutschen brachten Muslime auf deren Gebiet und in den Fokus von Mobilisierungsversuchen. Mit antibolschewistischer, antijüdischer und vor allem gegen die Briten gerichteter antiimperialistischer Propaganda versuchten die Nationalsozialisten, diese Muslime zu agitieren und für die Waffen-SS zu gewinnen – auch wenn man diese als "rassisch minderwertig" betrachtete.

Diese pragmatische Politik war insgesamt wenig erfolgreich. Dies lag vor allem daran, dass die Nationalsozialisten den Islam als homogene Einheit ansahen, obwohl die Muslime entlang tribaler, nationaler, familiärer oder ethnischer Grenzen vielfach gespalten waren.[21] Grundsätzlich blieben Resonanz und Sympathie für die rassistische Politik der Nationalsozialisten und der italienischen Faschisten sehr begrenzt, antifaschistische Einstellungen waren in Ägypten, Syrien, Libanon, Iran, Irak und Marokko deutlich stärker ausgeprägt als die Unterstützung oder die Kooperation mit den Faschisten.[22]

Verwobene faschistische Politiken anderer Art lassen sich exemplarisch anhand der transnational vernetzten Siedlungspolitik des Faschismus nachweisen, die der Historiker Patrick Bernhard für Italien und Deutschland untersucht hat.[23] Für die Nationalsozialisten eröffnete sich im Kriegsverlauf mit der Eroberung des "Lebensraumes im Osten" die Möglichkeit, die Vorstellungen von Rassereinheit und Siedlungspolitik in die Praxis umzusetzen. Dabei interessierten sie sich sowohl für die italienischen Siedlungsexperimente in Nordafrika als auch für den japanischen Siedlungskolonialismus in Mandschukuo. Zwar machten Hitler und einige führende Nationalsozialisten für ihre Ostplanung auch rhetorische Anleihen bei den britischen Herrschaftstechniken in Indien oder bei der deutschen Kolonialgeschichte,[24] aber konkreter und praxisbezogener wurde es, wenn sie die moderne Infra- und Wirtschaftsstruktur in Mandschukuo oder die neuen kolonialen Städte in Africa Orientale Italiana studierten.

In den italienischen Kolonien fanden die faschistischen Utopien von Volksbeglückung und Massenvernichtung zusammen. Durch die Raumordnung sollte zum einen die alte räumliche Struktur der äthiopischen und libyschen Gesellschaft zerstört, zum anderen eine moderne infrastrukturelle Erschließung der Territorien und ihre Durchdringung ermöglicht werden. So hoffte man, Italiens "rassische Kohäsion" zu stärken und eine fruchtbare, vitale und kriegerische Siedlungsbevölkerung auf wirtschaftlich möglichst autarkem Gebiet zur errichten. Die Eroberung und Entwicklung verschlang zwischen 1935 und 1940 jährlich rund 20 Prozent des Staatshaushaltes – es war das ebenso gigantische wie größenwahnsinnige Laboratorium einer erträumten rassistischen Zukunftsgesellschaft.[25]

Diese Politik wurde von führenden Nationalsozialisten für die eigenen Planungen in Osteuropa intensiv beobachtet: Hermann Görings Vierjahresplanbehörde, die Deutsche Arbeitsfront unter Robert Ley, das Reichsarbeitsministerium sowie die Planungsbehörde des Reichskommissariats für die Festigung des deutschen Volkstums unter Heinrich Himmler traten in direkten Kontakt mit den italienischen Behörden. Diese verflochtenen faschistischen Planungen für den modernen Siedlungsbau in den als "Lebensraum" (spazio vitale) ausgewiesenen Gebieten lassen sich auch für die Orientierung am Siedlungsexperiment der Japaner in Mandschukuo beobachten. Umfang, Radikalität, Modernität und Schnelligkeit dieses Siedlungsprojektes beeindruckten die Nationalsozialisten.[26]

Fazit

Die wechselseitige Verflochtenheit der faschistischen Bewegungen und Regime sowie ihre Transferbeziehungen sind immer noch nicht hinreichend erforscht – zumal, wenn man den bisherigen Erkenntnissen die Breite und Vielzahl an Studien aus dem Bereich der vergleichenden Faschismusforschung gegenüberstellt.

Diese Vermittlungsprozesse sind allerdings keineswegs einfach zu rekonstruieren, sie waren von Machtasymmetrien, dem Aufbau von fragilen, fluiden und oft informellen Vermittlungsinstanzen sowie trickreichen Agenten und Brokern jenseits klassischer diplomatischer Kanäle geprägt. Kooperation und Konkurrenz konnten in diesem Vermittlungsprozess nie austariert werden, wechselseitige Überbietungswettbewerbe und Radikalisierungstendenzen gehörten ebenso zum Geflecht des transnationalen Faschismus wie Anverwandlungen und schlichte Übernahmen. Auch sollte man diese Verwobenheit angesichts vielfältiger Friktionen, Feindschaften und Misstrauensverhältnisse untereinander nicht überbetonen. Viele Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zwischen den Faschismen ergeben sich erst nachträglich aus den systematischen Vergleichen von Historikern und eben nicht aus zeitgenössischen Verbindungen.

Während erste transnationale Studien zum faschistischen social engineering von der Raum- und Siedlungsplanung bis hin zur Sozialpolitik und dem Repressionssystem vorliegen, bleiben noch viele Fragen zu den Transferbeziehungen im Bereich der geopolitischen Weltordnungspolitik, des Rechtssystems und der technokratischen Formen der Wirtschaftspolitik zu klären. Der Faschismus als untereinander verflochtener und radikalisierter Großraumimperialismus, der Vernichtungskrieg mit völkischem Neuaufbau und ökonomische Plünderung mit modernisierender Raum- und Wirtschaftsplanung verband, ist jedoch aus der Agenda zur Faschismusforschung nicht mehr wegzudenken.

Fußnoten

17.
Vgl. dazu weiterführend die Schwerpunktausgabe Journal of Contemporary History 1/2016 (The Dark Side of Transnationalism – Social Engineering and Nazism, 1930s–40s).
18.
Vgl. Grzegorz Rossoliński-Liebe, Inter-Fascist Conflicts in East Central Europe: The Nazis, the "Austrofascists", the Iron Guard, and the Organization of Ukrainian Nationalists, in: Arnd Bauerkämper/Grzegorz Rossoliński-Liebe (Hrsg.), Fascism without Borders. Transnational Connections and Cooperation between Movements and Regimes in Europe from 1918 to 1945, Oxford 2017, S. 168–189, hier S. 183f. Siehe dazu auch den Beitrag von Grzegorz Rossoliński-Liebe in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
19.
Vgl. Thomas Sakmyster, Miklos Horthy. Ungarn 1918–1944, Wien 2006; Armin Heinen/Oliver Jens Schmitt (Hrsg.), Inszenierte Gegenmacht von rechts. Die "Legion Erzengel Michael" in Rumänien 1918–1938, München 2013.
20.
Vgl. Peter Wien, Iraqi Arab Nationalism. Authoritarian, Totalitarian, and Pro-Fascist Inclinations, 1932–1941, London–New York 2006, S. 47, S. 109–112.
21.
Vgl. David Motadel, Islam and Nazi Germany’s War, Cambridge–London 2014.
22.
Vgl. dazu unter zahlreichen Studien das Themenheft Geschichte und Gesellschaft 3/2011 (Arab Encounters with Fascist Propaganda 1933–1945).
23.
Vgl. Patrick Bernhard, Hitler’s Africa in the East: Italian Colonialism as a Model for German Planning in Eastern Europe, in: Journal of Contemporary History 1/2016, S. 61–90; ders., Colonial Crossovers: Nazi Germany and Its Entanglements with Other Empires, in: Journal of Global History 2/2017, S. 206–227.
24.
Vgl. Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Ausschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Münster 2011.
25.
Vgl. Aram Mattioli, Unterwegs zu einer imperialen Raumordnung in Italienisch-Ostafrika, in: ders./Gerald Steinacher (Hrsg.), Für den Faschismus bauen. Architektur und Städtebau im Italien Mussolinis, Zürich 2009, S. 327–352, hier S. 335, S. 337.
26.
Vgl. Louise Young, When Fascism Met Empire in Japanese-Occupied Manchuria, in: Journal of Global History 2/2017, S. 274–296, hier S. 293.
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Autor: Sven Reichardt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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