Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt

13.10.2017 | Von:
Nigel Copsey

Von Rom nach Charlottesville. Eine sehr kurze Geschichte des globalen Antifaschismus

"Überall werden wir Zeuge, wie unter dem Banner des Faschismus sämtliche Freiheiten, die im Laufe von Jahrhunderten unter Aufbringung von Opfern und gewaltigen Anstrengungen errungen wurden, vernichtet oder bedroht werden – Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und sogar die des Gewissens selbst. In Anbetracht dieser Bankrotterklärung des gesellschaftlichen Fortschrittes dürfen wir nicht länger stumm bleiben."[1]
Diese Worte aus dem "Appell an die freien Geister" stammen aus der Feder des französischen Kommunisten Henri Barbusse. Geschrieben wurden sie nicht etwa als Reaktion auf die Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933, den Spanischen Bürgerkrieg 1936, den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939, die Niederlage Frankreichs 1940 oder den deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 – sondern bereits 1927.

Barbusse, eine herausragende Persönlichkeit im internationalen Widerstand gegen den Faschismus, hatte diesen Appell mit einem Begleitbrief an zahlreiche Intellektuelle verschickt. Darin bat er sie um Unterstützung beim Aufbau eines internationalen antifaschistischen Komitees, "um gegen die barbarische Flut des Faschismus anzukämpfen". Einer dieser Intellektuellen war der im heutigen Indien geborene bengalische Dichter Rabindranath Tagore. Er hatte auf Einladung Mussolinis 1926 Italien besucht und diesen wohl zweimal getroffen. Durch die Begegnung mit dem französischen Schriftsteller Romain Rolland, einem Gefährten von Henri Barbusse, wurde Tagore auch prominenten, im Exil lebenden italienischen Antifaschisten vorgestellt. Unter dem Eindruck ihrer Berichte über faschistische Gräueltaten unterzeichnete Tagore Barbusses Appell. Veröffentlicht wurden seine Äußerungen im Juli 1927 im Magazin "Visva Bharati Quarterly". Dort schrieb Tagore: "Es versteht sich von selbst, dass ich für Ihren Appell Sympathie hege. Ich bin auch davon überzeugt, dass er die Meinung zahlreicher anderer vertritt, die entsetzt sind über die plötzlichen, aus der Tiefe der Zivilisation rührenden Gewaltausbrüche."

Dieses kaum bekannte Beispiel soll hier auf zwei wichtige Aspekte aufmerksam machen.
Der erste betrifft die Periodisierung: Üblicherweise wird transnationaler Antifaschismus fast automatisch mit den 1930er Jahren, insbesondere dem antifaschistischen Kampf in Spanien verbunden. Tatsächlich dienten in den Internationalen Brigaden mehr als 30000 Freiwillige aus über fünfzig Ländern. Daher wird häufig übersehen, dass es länderübergreifende Reaktionen auf den Faschismus schon lange vor dem Spanischen Bürgerkrieg gab. Der zweite Aspekt betrifft die internationale Dimension des Antifaschismus: Wie das obige Beispiel zeigt, erstreckte sich dieser – schon deutlich vor den 1930er Jahren – über die Grenzen des europäischen Kontinents hinaus, sogar bis zum indischen Subkontinent.

Das Feld der historischen Antifaschismus-Forschung befindet sich im Aufbau, eine breit angelegte Geschichte des weltweiten Antifaschismus muss erst noch geschrieben werden. Mein Ziel ist hier weit bescheidener gefasst: ein sehr kurzer historischer Digest, ein Abriss in Auszügen.

Entstehung

Beginnen wir dort, wo erstmals transnationaler Antifaschismus in Erscheinung trat. Dabei muss, mit dem finnischen Historiker Kasper Braskén, die entscheidende Rolle der Kommunistischen Internationale (Komintern) bei der Transnationalisierung des Antifaschismus anerkannt werden.[2] Bereits nach Mussolinis Marsch auf Rom im Oktober 1922 erklärte der Vierte Weltkongress der Komintern den Faschismus zu einer reaktionären internationalen Bewegung, zur "schärfsten Form" des politischen Angriffs der Bourgeoisie auf das Proletariat.

"In vielen Ländern droht eine faschistische Gefahr", stellte die Komintern fest, "in der Tschechoslowakei, Ungarn, fast allen Balkanländern, Polen, Deutschland, Österreich, Amerika und sogar in Ländern wie Norwegen. Nicht einmal in Ländern wie Frankreich und Großbritannien kann das Aufkommen des Faschismus ausgeschlossen werden."[3] 1923 gründete die Komintern ein antifaschistisches "Aktionskomitee", geleitet von Barbusse in Paris und der altgedienten deutschen Kommunistin Clara Zetkin in Berlin. Aufgabe dieses internationalen Komitees war die Produktion von Propagandamaterial für den Kampf gegen den Faschismus in Italien, aber auch andernorts. Es sollte zudem (in Vorwegnahme späterer Versuche in den 1930er Jahren) als Basis für eine internationale antifaschistische "Einheitsfront" dienen. Obwohl als Organisation gescheitert, ist schon allein seine Gründung von Bedeutung, zeigt sie doch, mit Braskéns Worten, "wie die Demonstration transnationaler Zusammenarbeit von Anfang an einen elementaren Bestandteil der antifaschistischen Bewegung bildete".[4]

Doch diese transnationale Initiative war nur eine von mehreren. Jenseits des Atlantiks, in Nordamerika, lösten faschistische Aktivitäten in den 1920er Jahren ebenfalls lokal bezogene transnationale Reaktionen aus – unabhängig von der Komintern. Ein Beispiel ist die Reaktion der radikalen italo-amerikanischen Diaspora auf die Auftritte ihrer Landsleute in Schwarzhemden in den Straßen von New York City. Kurz nach seinem Marsch auf Rom hatte Mussolini sämtliche in den USA lebenden Italiener dazu aufgerufen, sich in fasci zu organisieren. Als daher Anfang 1923 in New York ein Zentralkomitee zur Leitung dieser faschistischen Kampfverbände in den USA gegründet wurde, entstand im Gegenzug die Antifaschistische Allianz von Nordamerika. Bezeichnenderweise war die Dynamik dieser italo-amerikanischen antifaschistischen Mobilisierung transnational: Die Solidarität zwischen antifaschistischen Italo-Amerikanern speiste sich aus deren prägenden politischen Erfahrungen in Italien vor der Emigration, auch eine militante Praxis war von dort importiert worden. Darüber hinaus überschritten die Aktivitäten zum Teil die Grenze zu Kanada. Es kam zu Überfällen, gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Faschisten und Antifaschisten waren an der Tagesordnung, und eine Reihe von Menschen wurde sogar ermordet.[5]

Fußnoten

1.
Der Aufruf und Tagores Antwort sind vollständig in einer Anthologie abgedruckt. Vgl. Indo-GDR Friendship Society (Hrsg.), Anti-Fascist Traditions of Bengal: An Anthology in Celebration of the 20th Anniversary of the Foundation of the German Democratic Republic, Calcutta 1969, S. 4–9, Zitate S. 5, S. 6.
2.
Vgl. Kasper Braskén, Making Anti-Fascism Transnational, in: Contemporary European History 25/2016, S. 573–596.
3.
IV. Weltkongress der Kommunistischen Internationale, Thesen über die Taktik der Komintern, 5.12.1922. Volltext siehe https://www.marxists.org/history/international/comintern/4th-congress/tactics.htm«.
4.
Braskén (Anm. 2), S. 586.
5.
Vgl. Philip V. Cannistraro, Blackshirts in Little Italy: Italian Americans and Fascism, 1921–1929, West Lafayette 1999.
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Autor: Nigel Copsey für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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