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13.10.2017 | Von:
Nigel Copsey

Von Rom nach Charlottesville. Eine sehr kurze Geschichte des globalen Antifaschismus

Brücke in die Gegenwart

Historisch beruhten globale antifaschistische Netzwerke auf offiziellen Organisationen transnationaler Solidarität der Linken. Auch heute drückt sich länderübergreifender Antifaschismus mitunter noch in dieser Form aus. So gründete 1992 das Komitee für eine Arbeiterinternationale (KAI), ein Netzwerk trotzkistischer Parteien, die Initiative "Jugend gegen Rassismus in Europa". Bedingt durch den Niedergang beziehungsweise die Auflösung linker Internationalen – weder SAI noch Komintern überdauerten den Krieg –, lösten sich die traditionellen Strukturen des historischen Antifaschismus größtenteils auf. Die Schlüsselfiguren waren verstorben (Barbusse im August 1935), hatten zum Teil noch zuvor ihre Organisation verlassen (Münzenberg trat ein gutes Jahr vor seinem Tod im Juni 1940 aus der KPD aus). Zwar verschwanden transnationale Verbindungen in der Nachkriegszeit nicht vollständig, sie aufrecht zu erhalten blieb jedoch häufig antifaschistischen Zeitschriften und Gruppierungen überlassen, etwa "Searchlight" (Vereinigtes Königreich, gegründet 1975), "Antifaschistisches Infoblatt" (Deutschland, gegründet 1987) oder "Expo" (Schweden, gegründet 1995).

Mit Beginn des digitalen Zeitalters wurde der grenzüberschreitende Austausch gewiss leichter. Ein zentraler Unterschied zwischen den heutigen transnationalen Aktivistinnen und Aktivisten einerseits und dem historischen Antifaschismus andererseits wird daher an jenen linksradikalen und militanten autonomen Gruppen deutlich, die das organisatorische Vakuum gefüllt haben: der "Antifa".[17] Deren Organisation und Unterstützernetzwerke sind nicht formal, sondern sehr lose, und bei ihr werden transnationale Verbindungen vorrangig online geknüpft.

Als Reaktion auf ein von ihnen wahrgenommenes Wiederaufleben von "Neofaschismus" (der stete Aufstieg des Front National in Frankreich, der sprunghafte Anstieg rechtsextremer Aktivitäten in Deutschland nach der Wiedervereinigung, lokal begrenzte Wahlerfolge der extremen Rechten in Großbritannien) verbreiteten sich in den 1990er Jahren militante antifaschistische Gruppierungen in Europa. Zu den bekanntesten gehörten die Anti-Fascist Action (UK) in Großbritannien, die Autonome Antifa [M] in Deutschland sowie SCALP-Reflex in Frankreich. 1997 fand in London eine internationale Konferenz militanter Antifaschisten statt, an der Delegierte aus nicht weniger als 22 Organisationen teilnahmen, darunter Gruppierungen aus Deutschland, Norwegen, Schweden, Dänemark, Holland, Frankreich, Spanien und sogar Nordamerika. Ein Jahr darauf wurde ein sehr kurzlebiges transnationales Netzwerk gegründet – das Internationale Militante Antifaschistische Netzwerk. Doch insbesondere zwischen britischen und deutschen Antifaschisten kam es zu ideologischen und kulturellen Differenzen in Bezug auf das Primat der Klassenpolitik. Als die Anti-Fascist Action (UK) dem Netzwerk ihre Klassenpolitik aufzwingen wollte, entwickelte sich die transnationale Zusammenarbeit asymmetrisch, und in der Folge zog sich die Mehrheit der Gruppierungen zurück.[18]

In den 2000er Jahren wurden diese und ähnliche Gruppierungen gemeinhin als Antifa bezeichnet. Auf den ersten Blick tritt die Antifa in einer ausgesprochen "modernen" Ästhetik auf – schwarze Kleidung, Kapuzenpullover, Schals, Sonnenbrillen und dergleichen. Doch handelt es sich ganz und gar nicht um eine "neue" Ästhetik. Tatsächlich ist sie historisch und hat ihre Wurzeln in der europäischen Autonomen Bewegung der 1970er Jahre. Historische Anleihen spielen offenkundig eine wichtige Rolle, es findet auch eine Bezugnahme auf die Symbole und Ikonografie der Zeit zwischen den Weltkriegen statt. "Antifa" ist nicht nur eine Kurzform für "antifaschistisch", sondern auch für "Antifaschistische Aktion". Eine solche war Mitte 1932 von der KPD gegründet worden. Ihr Ziel war es, ein parteiübergreifendes Bündnis aus Kommunisten und Sozialdemokraten zu schmieden – eine Einheitsfront. Zwar konnte die Antifaschistische Aktion Erfolge bei der Organisierung des physischen Widerstands der Arbeiterklasse gegen die Nationalsozialisten verbuchen. Doch in der Realität "war es kaum mehr als ein Logo, das einer Reihe von Aktionen der Kampagne für die ‚Einheitsfront von unten‘ [Strategie der KPD, die sich nur an die Basis und gegen die Führung der SPD richtete, Anm. d. Red.] angeheftet wurde", wie der Historiker Conan Fischer feststellt.[19]

Es war dieses Logo – zwei rote Fahnen in einem Kreis –, das kommunistische Gruppen in der Bundesrepublik der 1970er Jahre für sich wiederentdeckten. Später eignete es sich die Autonome Bewegung an und modifizierte es als Symbol des militanten Antifaschismus (eine schwarze und eine rote Fahne), für den es heute global steht. Militante Antifaschisten weltweit verewigen durch Weiterverwendung Parolen vergangener Zeiten: Ein Beispiel ist "¡No Pasaran!" ("Sie werden nicht durchkommen!"), aus dem Schlachtruf "¡Los fascistas no pasarán! ¡NO PASARÁN!", der einem Aufruf zur Verteidigung der spanischen Hauptstadt von Dolores Ibárruri vom Juli 1936 im Sender Radio Madrid zugeschrieben wird. Auch wird die Erinnerung an berühmte antifaschistische Siege zelebriert, etwa die "Schlacht in der Cable Street" im Londoner East End von 1936.[20] Bezugspunkte jüngeren Datums, beispielsweise die "Schlacht von Lewisham" in South East London von 1977, gelten heute ebenfalls als heldenhafte Momente, in welchen Antifaschisten die Stellung hielten und den Ambitionen der Faschisten in Großbritannien einen entscheidenden Schlag versetzten.[21]

Doch derlei Triumphe auf der Straße können sich auch als Pyrrhussiege erweisen, da sie eine Taktikveränderung seitens der Faschisten bewirken und ihre Wirkung somit schmälern können. Sie zu zelebrieren, ermutigt Kritiker dazu, Antifaschismus auf "Straßenkampf" zu reduzieren. Zum einen ist deutlich geworden, dass dies historisch falsch ist – Antifaschismus kann viele Formen annehmen. Zum anderen stellt es jenen einen Freibrief aus, die wie US-Präsident Donald Trump im Nachgang der Ereignisse von Charlottesville – wo eine Gegendemonstrantin von einem Rechtsextremen getötet wurde – bestrebt sind, die moralische Autorität des Antifaschismus infrage zu stellen.

Übersetzung aus dem Englischen: Peter Beyer, Bonn.

Fußnoten

17.
Siehe hierzu und zum Folgenden auch den Beitrag von Nils Schuhmacher in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
18.
Vgl. Nigel Copsey, Crossing Borders: Anti-Fascist Action (UK) and Transnational Anti-Fascist Militancy in the 1990s, in: Contemporary European History 25/2016, S. 707–727.
19.
Conan Fischer, German Communists and the Rise of Nazism, Basingstoke 1991, S. 160.
20.
Vgl. Nigel Copsey, Who Owns the Battle of Cable Street?, 28.9.2016, http://www.historymatters.group.shef.ac.uk/owns-battle-cable-street«.
21.
Vgl. Mark Townsend, How The Battle of Lewisham Helped to Halt the Rise of Britain’s Far Right, 13.8.2017, http://www.theguardian.com/uk-news/2017/aug/13/battle-of-lewisham-national-front-1977-far-right-london-police«.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Nigel Copsey für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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