Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt

13.10.2017 | Von:
Nils Schuhmacher

"Küsst die Faschisten". Autonomer Antifaschismus als Begriff und Programm

Kurt Tucholskys satirisches Gedicht "Rosen auf den Weg gestreut" aus dem Jahr 1931 bezieht sich auf die Frage, wie auf die so rasch an Stärke gewinnende nationalsozialistische Bewegung politisch zu reagieren sei. Die Kernzeile "Küsst die Faschisten" spielt mit der von der KPD ursprünglich 1924 ausgegebenen und 1929 reaktivierten Parole "Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft". Diese entsprach zwar schon ein Jahr später nicht mehr der offiziellen Parteilinie, wurde aber von ihr nahestehenden paramilitärischen "Schutztruppen" in der Tradition des 1929 verbotenen Roten Frontkämpferbundes und "Massenorganisationen" wie der 1932 gegründeten Antifaschistischen Aktion weiterverwendet.[1]

Im Kern allerdings geht es in dem Gedicht nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Losung, ihrer im Original über die Nationalsozialisten hinaus weisenden Adressierung und ihrer zweifellos körperlichen Konnotation. Es richtet sich vielmehr in grundsätzlicher Absicht gegen Strategien des Appeasements gegenüber der NS-Bewegung, gegen dialogische "Umarmungen" und gegen eine hier bildlich überspitzte Opferstarre.

Aufgegriffen wurden Tucholskys Zeilen und die Referenzparole in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von autonomen antifaschistischen Gruppen – jenem Spektrum also, das auch unter dem Akronym "Antifa" zusammengefasst wird. Erstaunlich ist dies nicht, denn Gedicht wie Parole enthalten in unterschiedlicher Weise den zentralen Leitgedanken des Antifa-Engagements: die Notwendigkeit selbstbestimmten offensiven Gegenhandelns.

In Abhängigkeit von Position und Blickwinkel haben Engagement, Standpunkte und Handlungsformen der Antifa seit ihrer Entstehung vor rund 35 Jahren Kritik und Ablehnung, in unterschiedlichen Dosen aber auch Toleranz, Akzeptanz und Zustimmung erfahren. Vereindeutigenden Zuschreibungen auf den Linien von "Gewalttätigkeit" und "Extremismus" stehen differenzierende Betrachtungen gegenüber. Diese fallen durchaus kritisch aus, fassen aber weder das eine noch das andere als Gesamtmerkmal auf, grenzen sich zum Teil auch explizit von einem bekämpfungswissenschaftlichen Verständnis des Extremismus-Begriffs ab. Diese Betrachtungen beruhen auf der Ansicht, dass "Antifa" letztlich ein unscharfer Sammelbegriff für verschiedene politische Strömungen, Ansätze und Gruppen ist. In der Tat gibt es "die" Antifa aus einer ganzen Reihe von Gründen nicht: Die politischen Vorstellungen der Akteure gehen weit auseinander; sie greifen auf ein breites Repertoire an Handlungsorientierungen zurück; es gibt keine formellen Mitgliedschaften oder Statuten; das Feld gliedert sich in diverse Strömungen und "Nebenabteilungen", die auch nicht übergreifend netzwerkartig verbunden sind; das Engagement ist letztlich in ein von Ort zu Ort anders ausgestaltetes Mit- und Nebeneinander von Politik und (jugendlicher) Alltagskultur eingewoben.

Entsprechende Hinweise auf Heterogenität finden sich in wissenschaftlichen Studien,[2] in Beiträgen an der Schnittstelle von Forschung und Aktivismus[3] und in den historisierenden Selbstbeschreibungen der Akteure, die in den vergangenen Jahren gehäuft erschienen sind.[4] Es lassen sich aber nicht nur Unterschiede erkennen, sondern auch Aspekte identifizieren, an denen eine gewisse Familienähnlichkeit unabhängiger Antifa-Gruppen deutlich wird. Entlang dieser können sie von anderen Formen zivilgesellschaftlichen Engagements "gegen Rechtsextremismus" in Verbänden, Parteien und (semi)professionellen Kontexten genauso abgegrenzt werden wie von Cliquen und nur temporär bestehenden "Fast-Gruppen".

Ihr Engagement verbindet sich inhaltlich mit einer gesellschaftskritischen Haltung, verortet sich links oder linksradikal und ist durch eine spezifische Konnotation oder Assoziation der Begriffe Faschismus und Antifaschismus gekennzeichnet; ist praktisch durch ein auf Ermächtigung zielendes und weniger appellierendes Verständnis von politischem Handeln charakterisiert, das um "Nazis", "Rechtsextremismus", Rassismus und Nationalismus kreist; profitiert von der Fähigkeit der Beteiligten zur zeichenhaften und habitualisierten Selbstdarstellung; setzt strukturell auf Selbstorganisation jenseits formeller Mitgliedschaften und ist alltagskulturell verankert.

Entwicklungslinien des unabhängigen Antifaschismus

Für ein vertieftes Verständnis des organisationsunabhängigen Antifaschismus ist ein kurzer Rückgriff auf dessen Entwicklung unerlässlich. Hierbei werden zwei große Linien berührt. Zum einen ist das Handlungs- und Diskursfeld untrennbar verbunden mit der Erfahrung des Nationalsozialismus, seiner konflikthaften Bearbeitung sowie dem gesellschaftlichen Umgang mit Neonazismus. Zum anderen ist für das Akteursfeld das Wechselspiel zwischen politischen und "jugendkulturellen" Strömungen und Logiken von hoher Bedeutung. In der Genese des Feldes lassen sich nun vier größere Entwicklungsabschnitte unterscheiden.

Fundierung

Während "aufarbeitende", "antinationalsozialistische Proteste"[5] bereits mit Kriegsende einsetzten, ist die Entstehung eines "neuen kämpferischen Antifaschismus"[6] radikal linker Prägung ein jüngeres Phänomen. Sie lässt sich zwischen dem Aufstieg der NPD von 1967 bis 1969, dagegen gerichteter Mobilisierung und schließlich organisatorischer Konsolidierungen von zumeist kommunistisch geprägten Antifa-Zusammenschlüssen ab Mitte der 1970er Jahre verorten.[7] Zudem war diese antifaschistische Traditionslinie ein Produkt der einsetzenden Zerfalls- und Neuzusammensetzungsprozesse der Neuen Linken, die ab den frühen 1980er Jahren Strömungen wie die Autonomen und die Antiimperialisten mit ihren voluntaristischen Politik- und Organisierungsmodellen hervorbrachten. Zeitgleich führten Politisierung und konflikthafte Entmischung dissidenter Jugendkulturen wie Punks, Skinheads und zum Teil Rocker ebenfalls zu einem gewissen Zulauf.

Aggregierung

Antifa lässt sich damit für eine erste, bis in das Ende der 1980er Jahre reichende Phase als Teilbereich innerhalb eines undogmatischen linksradikalen Bewegungsmilieus beschreiben. Die 1990er Jahre waren dagegen einerseits von einem sozialen und politischen Bedeutungsverlust dieses Milieus geprägt, andererseits von einer die Grenzen dieses Milieus sprengenden Verbreiterung des Antifa-Spektrums.

Charakteristisch für diesen Antifaschismus, der seine Hochzeit zwischen 1989/90 und der Mitte der 1990er Jahre hatte, sind mehrere Aspekte: Als eine von Erschrecken geleitete Politik war er stark geprägt von moralischer Skandalisierung, die sich festmachte an – aus heutiger Sicht bescheidenen – Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien ab 1988, einer zunehmenden Präsenz rechter Jugendkulturen auf der Straße sowie ab 1989/90 an einer in Ausmaß und tödlicher Massivität bis dato unbekannten Welle rechter und rassistischer Gewalt.

Das rasch wachsende Antifa-Spektrum zeichnete sich durch ein hohes Maß an Öffnung, Jugendlichkeit, Mobilisierungsfähigkeit und Öffentlichkeitsorientierung sowie durch das Nebeneinander tradierter revolutionärer Terminologie und defensiver Abwehrhaltung aus. In diese Zeit fielen auch Ansätze überregionaler Organisierung, am prominentesten in der "Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation" (AA/BO). Gleichzeitig bildeten sich die zwischen Ost und West stark voneinander abweichenden gesellschaftlichen Traditionen und lokalen Realitäten ab: In den neuen Bundesländern waren Protestkultur und alternative Milieus weniger fest verankert, zudem war die extreme Rechte dort weniger stigmatisiert und dominierte mancherorts den (jugendkulturellen) öffentlichen Raum. Bezüglich dieses Verhältnisses ist von einer stabilen Differenzlinie innerhalb des unabhängigen Antifaschismus zu sprechen, die im Rahmen von Aktionen zwar temporär überwunden wurde, mit Blick auf Vernetzung jedoch erhalten blieb.[8]

Diffusion

Das Antifa-Spektrum der 1990er Jahre bezog seinen Zusammenhalt aus einer nicht nur für Linke bestehenden Bedrohungslage und gleichzeitig aus dem Umstand, dass handlungsbezogene Alternativen zu einer Politik fehlten, die sich als linksradikal etikettierte. Zergliederung und Zerfall standen im engen Zusammenhang mit der verstärkten, auch staatlich geförderten gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus ab 2000 ("Aufstand der Anständigen"), die neue Akteure hervorbrachte, und einer zunächst abnehmenden Mobilisierungskraft des rechtsextremen Spektrums. In der Folge kam es auch zu einer teilweisen Professionalisierung und Institutionalisierung des Engagements, die den Wesenskern eines gesellschaftskritischen, unabhängigen Antifaschismus berührte. Dies wirkte jedoch eher als Katalysator: Bereits in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre hatten einzelne Gruppen begonnen, unter dem "Markenzeichen" Antifa politische Themen jenseits von "Rechtsextremismus" und Rassismus in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen. Dieser Trend wurde vor allem durch die ab 1999 aufkommende globalisierungskritische Bewegung verstärkt. Parallel dazu verschärften sich Selbstverständigungsdebatten: Besonders Positionierungen zu "antideutscher" Kritik führten ab dem Jahr 2000 zu Kommunikationsabbrüchen bis hin zu sozialen Zerwürfnissen.[9]

Neuzusammensetzungen

Für die Zeit seit etwa 2005 lassen sich verschiedene parallel ablaufende Trends ausmachen. Zum einen schreiten Konsolidierungen voran, die immer deutlicher vom Begriff und Programm "Antifa" wegweisen. Bedeutsam sind hier vor allem die "Interventionistische Linke" sowie das Bündnis "… ums Ganze", denen sich jeweils Teile des Antifa-Spektrums angeschlossen haben. Parallel dazu besteht ein nur noch lokal oder regional vernetztes Spektrum an Antifa-Gruppen fort.

Zum anderen lässt sich an verschiedenen Großereignissen und Einschnitten weiter ein hohes Maß antifaschistischer Aktivitäten feststellen, in die letztlich alle genannten Akteure eingebunden sind. Zentral waren oder sind hier die Mobilisierungen gegen den sogenannten Trauermarsch in Dresden zum Jahrestag der Bombardierung der Stadt durch die Alliierten 1945, insbesondere zwischen 2009 und 2012;[10] die unter maßgeblicher Beteiligung von Antifa-Initiativen nach 2011 im Zusammenhang mit dem NSU-Komplex entfalteten Aktivitäten wie "NSU-Watch"; seit 2014 die verstärkte Auseinandersetzung mit der AfD, den "-gida"-Phänomenen sowie den Protesten gegen Flüchtlingsunterkünfte.

Fußnoten

1.
Vgl. Eve Rosenhaft, Beating the Fascists? The German Communists and Political Violence, 1929–1933, Cambridge 1983, S. 108f.
2.
Vgl. Christoph Schulze, Zwischen Recherche, Aktion und alternativer Jugendkultur – der Politikansatz von Antifa-Gruppen im Land Brandenburg, in: Julius H. Schoeps et al. (Hrsg.), Rechtsextremismus in Brandenburg. Handbuch für Analyse, Prävention und Intervention, Berlin 2007, S. 287–295; Peter-Georg Albrecht et al., Wir und die anderen. Gruppenauseinandersetzungen Jugendlicher in Ost und West, Wiesbaden 2007, insb. S. 196–212; Ronald Hitzler/Arne Niederbacher, Leben in Szenen. Formen juveniler Vergemeinschaftung heute, Wiesbaden 2010³, S. 34–39; Ingo Matuschek et al., Links sein. Politische Praxen und Orientierungen in linksaffinen Alltagsmilieus, Wiesbaden 2011, S. 42–46; umfassend und mit weiteren Verweisen Nils Schuhmacher, "Nicht nichts machen"? Selbstdarstellungen politischen Handelns in der Autonomen Antifa, Duisburg 2014.
3.
Vgl. Christin Jänicke/Benjamin Paul-Siewert (Hrsg.), 30 Jahre Antifa in Ostdeutschland. Perspektiven auf eine eigenständige Bewegung, Münster 2017.
4.
Vgl. Mirja Keller et al., Antifa. Geschichte und Organisierung, Stuttgart 2011; Herausgeber_innenkollektiv Fantifa (Hrsg.), Feministische Perspektiven antifaschistischer Politik, Münster 2013; Bernd Langer, Antifaschistische Aktion. Geschichte einer linksradikalen Bewegung, Münster 2014; Horst Schöppner, Antifa heißt Angriff. Militanter Antifaschismus in den 80er Jahren, Hamburg–Münster 2015.
5.
Anja Corinne Baukloh, "Nie wieder Faschismus!" Antinationalsozialistische Proteste in der Bundesrepublik der 50er Jahre im Spiegel ausgewählter Tageszeitungen, in: Dieter Rucht (Hrsg.), Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt/M.–New York 2001, S. 71–101.
6.
Peter Brandt, Antifaschismus in Deutschland – Eine historisch-politische Bestandsaufnahme, in: ders./Ulrich Schulze-Marmeling (Hrsg.), Antifaschismus. Ein Lesebuch. Deutsche Stimmen gegen Nationalsozialismus und Rechtsextremismus von 1922 bis zur Gegenwart, Berlin 1985, S. 8–86, hier S. 40.
7.
Vgl. Thomas Doerry, Antifaschismus in der Bundesrepublik. Vom antifaschistischen Konsens 1945 bis zur Gegenwart, Frankfurt/M. 1980.
8.
Vgl. zur Besonderheit des unabhängigen Antifaschismus in Ostdeutschland Peter-Ulrich Weiß, Außenseiter der Opposition. Alternative Antifa-Szene und ostdeutsche Demokratiebewegung, in: Frank Bösch/Martin Sabrow (Hrsg.), ZeitRäume. Potsdamer Almanach des Zentrums für Zeithistorische Forschung 2015, Potsdam 2016, S. 111–126; exemplarisch zum Verhältnis zwischen West- und Ost-Antifa Yves Müller, "VertreterInnen aus der DDR trotz Einladung nicht anwesend" – Über das ambivalente Verhältnis west- und ostdeutscher Antifa-Gruppen am Beispiel der AA/BO 1992 bis 1994, in: Jänicke/Paul-Siewert (Anm. 3), S. 61–77.
9.
Für den Widerhall der zweiten Welle antideutscher Kritik im Antifa-Spektrum sorgten zum einen die Kernereignisse "Intifada" und "9/11", die erneut die Haltung zu Israel auf die Agenda der deutschen Linken setzten; für die Entwicklung in Ostdeutschland dürften noch einmal spezifische Gründe gegolten haben, die mit der besonderen Marginalität eigener und der Stärke rechtsextremer Positionen zusammenhingen. Vgl. dazu aus Akteursperspektive Marek Winter, Antideutsch in Ostdeutschland, in: Jänicke/Paul-Siewert (Anm. 3), S. 177–191.
10.
Vgl. Rainer Erb, Die linke Szene in Berlin als Herausforderung für die politische Bildung, in: Ulrich Dovermann (Hrsg.), Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2011, S. 201–230, hier insb. S. 218–223; Maike Zimmermann, Antifaschistische Blockaden verhindern Europas größten Neonaziaufmarsch, in: Friedrich Burschel et al. (Hrsg.), Ungehorsam! Disobedience!, Münster 2014, S. 73–84.
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