Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt

13.10.2017 | Von:
Federico Finchelstein

Populismus als Postfaschismus - Essay

Die Verquickung von Faschismus und Populismus ist zur gängigen Praxis geworden – die historischen Unterschiede zwischen beiden sind dabei verloren gegangen. Insbesondere mit dem Einzug des "Trumpismus" ins Weiße Haus hat diese Entwicklung an Fahrt aufgenommen. Das traditionelle System aus checks and balances wurde durch Angriffe der Trump-Administration auf die Unabhängigkeit der Justiz und anderer Institutionen erschüttert, seine Gegner überzieht der US-Präsident mit impulsiver Dämonisierung. Unter den Attackierten sind Richter, mexikanische Einwanderer und die unabhängige Presse, die er als "Volksfeinde" bezeichnet. Viele US-Amerikaner, darunter Wissenschaftler und Medienvertreter, fragen sich, wie die politische und demokratische Kultur ihres Landes so tief sinken konnte. Einige werfen sogar die Frage auf, ob die Vereinigten Staaten – eine Wiege des Liberalismus – sich in Richtung Faschismus oder einer anderen Form diktatorischer Herrschaft entwickeln. Trumps politische Logik ist aber eher populistisch als faschistisch. Der Populismus ist gewiss eine autoritäre Version der Demokratie, die diese einengt und beschränkt; doch er zerstört die Demokratie nicht. Historisch verbunden sind Faschismus und Populismus aber durchaus.

Wie der Historiker Pablo Piccato und ich jüngst dargelegt haben, können diese geschichtlichen Verbindungslinien zwischen Faschismus und Populismus auch unser Verständnis der Gegenwart erhellen.[1] Der Vergleich zwischen dem Trumpismus und dem Faschismus wird ebenso alltäglich gezogen, wie er trügerisch ist. Er kann den Blick aber auch schärfen: Deutlich werden so die unweigerlich entstehenden Spannungen zwischen dem Anspruch faschistischer und populistischer Führer, ihre Nation als Ganzes zu repräsentieren, und den verfahrenstechnischen Hindernissen, die demokratische Institutionen für ihr Projekt bedeuten. Donald Trump ist eines der gelungensten Beispiele dafür, wie der Populismus die alten autoritären Prämissen des Faschismus in demokratischer Tonart neu formuliert.

Neu ist der Populismus in Amerika keineswegs. Einige der ersten populistischen Bewegungen kamen vor mehr als einem Jahrhundert in den USA – freilich auch in Russland und Frankreich – sowie in Lateinamerika auf. Tatsächlich neu ist, dass der Populismus erstmals die Macht in den Vereinigten Staaten erlangt hat – und damit entscheidenden Einfluss auf die Weltgeschichte. Wenngleich der Trumpismus gewiss ein neues Phänomen in der Politik ist, gilt dies für die Geschichte hinter Trump also keineswegs: Zum einen gab es schon zuvor rechtsgerichtete Oppositionspolitik in den USA, etwa die reaktionären, häufig rassistischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater, George Wallace und Pat Buchanan sowie in jüngerer Zeit die offen fremdenfeindliche Tea-Party. Zum anderen gilt es – auf globaler Ebene – jene Prozesse zu berücksichtigen, die eintreten, wenn der Populismus in einem Staat zur Herrschaftsform wird. Mit anderen Worten: Was geschieht, wenn Nationalisten, gar Fremdenfeinde, demokratische Politik machen? Das Resultat ist ein autoritärer Umgang mit der Demokratie, den man als populistischen Postfaschismus bezeichnen kann.

Fußnoten

1.
Vgl. zum Folgenden Pablo Piccato/Federico Finchelstein, Trump’s Latin American Model, 10.4.2017, http://bostonreview.net/politics/pablo-piccato-federico-finchelstein-trumps-latin-american-model«.
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Autor: Federico Finchelstein für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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