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26.5.2002 | Von:
Claus Leggewie

Nach dem Fall: Globalisierung und ihre Kritik

I. Globalisierungskritik in der Kritik

Konstruktive Kritik muss bei der leidigen Frage der Straßenmilitanz ansetzen. Dass es bei früheren Gipfeltreffen zu "Überreaktionen" der Polizeikräfte und ungesetzlichen Übergriffen der Staatsmacht kam, ist nachgewiesen und dürfte nach dem 11. September eher zunehmen; die weitreichenden "Anti-Terror-Maßnahmen" beschneiden erheblich die Bewegungsfreiheit der Globalisierungskritiker. Doch bedroht ist die Meinungs- und Versammlungsfreiheit ebenso vom "schwarzen Block" und seinen Mitläufern, die den in Genua getöteten Carlo Giuliani zum Märtyrer stilisierten. Wer Globalisierungskritik mit Hilfe hochgerüsteter "Putzgruppen" voranbringen will, begeht einen verhängnisvollen Fehler. Sicher ziehen gewalttätige Proteste Kameras an und mobilisieren in einer "Ökonomie der Aufmerksamkeit" Gewaltszenen zur besten Fernsehzeit Anhänger; aber wer sich in den schwarzen Block begibt, kommt darin um, und halbherzige Distanzierungen fallen auf die Globalisierungskritiker zurück.

Darüber hinaus ist es höchst inkonsequent, einen Staatsapparat frontal zu attackieren, dessen Stärkung man sich in der Auseinandersetzung mit globalen Unternehmungen doch erhofft. Aller antikapitalistischen Rhetorik zum Trotz reizen Scharmützel mit der Staatsgewalt manche Protestgruppen mehr als der mühsame Versuch, die parapolitische, jedoch durch nichts legitimierte Aktionsweise kapitalistischer Unternehmen mit globaler Reichweite unter Kontrolle zu bringen. In dieser schrägen Optik wirken transnationale Regime, allen voran die Weltbank, der Internationale Währungsfonds IWF und die Welthandelsorganisation WTO, kritikwürdiger als transnationale Konzerne, doch sind sie meist nur die zweite und oft eine ganz falsche Adresse. Zu Recht hat sich die Evangelische Kirche Deutschlands, in deren Reihen viele Globalisierungskritiker untergekommen sind, dagegen ausgesprochen, transnationale Organisationen pauschal unter Verdacht zu stellen oder gar zur Weltregierung zu dämonisieren. [3] Eher kommen sie als Bündnispartner bei der Reform der Weltwirtschaft in Betracht - wer sonst sollte die überaus spärlichen Ansätze "globalen Regierens" (global governance) voranbringen? Eine anarchistisch oder "autonomistisch" getönte Staatsverachtung deckt sich auf fatale Weise mit der libertären, antipolitischen Marktideologie, die das weltgesellschaftliche Geschehen möglichst staatsfrei halten möchte. Aus Furcht vor einer vermeintlichen "Weltregierung" stärkt man damit nur das ungebremste "Spiel der Kräfte" auf dem Weltmarkt.

Fußnoten

3.
Vgl. die Grundinformation der EKD-Synode mit Schwerpunktthema "Globale Wirtschaft verantwortlich gestalten" im November 2001 in Amberg.