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Holocausterinnerung und Terror im globalen Zeitalter


26.5.2002
Existiert die Möglichkeit der kollektiven Erinnerung im globalen Zeitalter? Oder ist die Globalisierung eher zeit- und erinnerungslos?

Einleitung



Steht Amerika stellvertretend für die "Menschheit ohne Erinnerung", wie einst Adorno annahm? Lässt sich das Gleiche auch noch nach dem 11. September sagen? Hat es je gestimmt?

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  • Weiter: Kann Erinnerung überhaupt mit Globalisierung in Zusammenhang gebracht werden? Ist nicht gerade die "kollektive Erinnerung" bestimmend für das "Lokale", das sich der Globalisierung Widersetzende?

    Es gibt eine kennzeichnende Form kollektiver Erinnerung im Zeitalter der Globalisierung. Ein Phänomen ist der amerikanische Fall und die besondere Bedeutung der Erinnerung an den Holocaust - beziehungsweise an das, was häufig die "Amerikanisierung des Holocaust" genannt wird. Dies in Hinsicht auf Identität im globalen Zeitalter zu untersuchen ist das Anliegen des Beitrages. [1]

    Was den weitreichenderen Zusammenhang dieser Debatte betrifft, so hat im Verlauf der letzten zehn Jahre der Begriff der "Globalisierung", und gleichzeitig natürlich der "Amerikanisierung", den öffentlichen Diskurs geprägt - und zwar vor allem hinsichtlich der Aspekte Konsum und Popkultur. Die heutigen Ängste bezüglich des "Globalen" entsprechen vergleichbaren Ängsten vor 100 Jahren und auch heutzutage bezüglich der "Amerikanisierung". Damals wie heute ist das Thema einer "globalen Kultur" zum Ziel politischer, ideologischer und wissenschaftlicher Kontroversen geworden. Viele dieser Debatten sind in dichotomischen Begriffen angelegt, die nationale und postnationale Modelle einander gegenüberstellen: So nimmt das nationale Modell die Globalisierung nur als einen oberflächlichen Ersatz für nationale Werte wahr. Diese so genannten "nationalen Werte" werden in Zeiten des Post-Nationalismus häufig als "authentisch" bezeichnet. "Alle Kultur ist lokal" heißt der Slogan dieser Bewegung. In diesem Zusammenhang spielt die Entstehung des Massenkonsums - und die Identifikation über Konsum - eine entscheidende Rolle. Dabei wird die Existenz transnationaler Identifikationsformen oft mit einem bevorstehenden Ende der Nation gleichgesetzt. Es wird vermutet, dass das Konsumverhalten quer durch die Nationen zu einer weltweiten Homogenisierung führt. Deshalb steht bei Gegnern der Moderne Amerika für alles Böse: für Seelenlosigkeit, Entfremdung, Einsamkeit, einen wahnsinnigen Egoismus. Amerika sei eine Nation ohne historisches Bewusstsein mit Menschen ohne Erinnerung - so Theodor W. Adorno Ende der fünfziger Jahre. Folglich geht es hier nicht nur um den Konsum von Lebensmitteln, Kleidung und anderen Gütern. Es geht auch um den Konsum von Erinnerungen.

    I. Kosmopolitische Erinnerung



    Derzeit ist die Entstehung eines bestimmten Typus von kollektiver Erinnerung zu beobachten, der über die Grenzen des Nationalstaats hinausgeht, ohne dabei zwangsläufig nationale Erinnerungen zu ersetzen. Diese Art von Erinnerung lässt sich als "global" oder sogar "kosmopolitisch" bezeichnen. Es handelt sich dabei um Erinnerungen, die von einer bestimmten Gruppe von Leuten geteilt und verbreitet werden, deren Forderungen nach kollektiven Identitäten sich nicht mehr in spezifischen nationalen, sondern in universalistischen Begriffen ausdrücken. Auch hier spielt Amerika eine entscheidende Rolle.

    "Globale" oder "kosmopolitische" Erinnerung ist unter anderem das Produkt eines Zusammenstoßes zwischen verschiedenen räumlichen Identifikationsformen und sich in der Zeit verändernden Ängsten. Die geteilten Erinnerungen an den Holocaust - der Begriff, der verwendet wird, um ein prägendes Ereignis des 20. Jahrhunderts, die Vernichtung des europäischen Judentums durch Nazi-Deutschland in den Jahren 1941 bis 1945, zu beschreiben - schaffen die Grundlagen für eine neue kosmopolitische Erinnerung: eine Erinnerung, die über ethnische und nationale Grenzen hinausgeht. Aber ist es möglich, sich an ein Ereignis, das von Vielen als der Wendepunkt in der europäischen Geschichte bezeichnet wird, außerhalb der ethnischen und nationalen Grenzen der jüdischen Opfer und der deutschen Täter zu erinnern? Kann dieses Ereignisses durch Menschen gedacht werden, die keine direkte Verbindung dazu haben? Und welche Rolle spielt Amerika in dieser neuen Erinnerungsbildung?

    Die Wahl des Holocausts erfolgt nicht willkürlich. Der Holocaust - oder eher die Darstellungen, die gemeinsame Erinnerungen produzieren - ist ein beispielhafter Fall für das Verhältnis von Erinnerung und Moderne. Die Moderne, die noch bis vor kurzem eines der wesentlichen analytischen und normativen Grundgerüste für das intellektuelle Selbstverständnis war, wird nun durch die Erinnerungen an den Holocaust selbst in Frage gestellt. Aus dieser Sicht wird der Massenmord an den europäischen Juden durch die Nazis nicht als eine deutsch-jüdische Tragödie verstanden, sondern als eine Tragödie der Vernunft oder der Moderne selbst. Jedoch sind diese Erinnerungen, jenseits der Kritik an der Moderne, in einem Zeitalter der ideologischen Ungewissheit zu einem Maß für humanistische und universalistische Identifikationen geworden.

    Man könnte sogar behaupten, dass es eine Verwandtschaft zwischen den Erinnerungen an den Holocaust und seine Folgen sowie den Ereignissen und Debatten nach dem 11. September dieses Jahres gibt. Die Erinnerungen an den Holocaust ermöglichen zu Beginn des dritten Jahrtausends die Entstehung von transnationalen Erinnerungskulturen, die wiederum das Potenzial besitzen, die kulturelle Grundlage für eine globale Menschenrechtspolitik zu werden. Menschenrechte bedeuten, dass der Völkermord einen weiteren Grad an Universalität erhält. Denn die Idee des Völkermords enthält die Ermahnung, dass eine moralische Welt nicht untätig zusehen kann. Die Anklage wegen "Völkermords" beinhaltet inzwischen eine Reihe von Handlungen, die mit dem Holocaust vergleichbar sind. Die Menschenrechte, die ihre modernen rechtlichen Ursprünge in den gleichen Resolutionen der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948 haben, hängen in der Praxis mit der sogar noch stärkeren Behauptung zusammen, dass der Holocaust ein rutschiger Abhang sei - so dass jeder Akt ethnischer Unterdrückung die Lawine zum nächsten Holocaust ins Rollen bringen könnte, falls er nicht kontrolliert werde. Wenn zudem die Menschenrechts- und Völkermordkonventionen der Vereinten Nationen ernst genommen werden - was getan werden muss, wenn sie als Berechtigung zum militärischen Eingreifen dienen -, führt die Entwicklung dieser Doktrin unausweichlich zur Generalisierung von Völkermord, über Massenmord hinaus.

    II. Diskurs der Krise



    Schaut man auf die jüngsten Terrorangriffe, lassen sich ähnliche Erklärungsmuster finden. Das Verhältnis, welches der Holocaust zum Völkermord einnimmt, wird auch im Verhältnis des Anschlages am 11. September zu anderen Terroranschlägen festgestellt. Dieses kulturelle Trauma wird von einigen Leuten ebenfalls im Rahmen von "Verbrechen der Moderne", der Barbarei der Vereinigten Staaten und der Hybris der Ersten gegen die Dritte Welt gedeutet. Innerhalb dieses Diskurses spielt der Holocaust im Vergleich zum Übel des Kolonialismus eine untergeordnete Rolle. Der "Diskurs der Krise" ist mit vielen Mythen über die Globalisierung sowie die Amerikanisierung verknüpft. Einer der hartnäckigsten ist der Mythos vom Markt als allumfassend und als einer zerstörerischen Einheit, die außer Kontrolle gerät. Aber ist dies wirklich wahr? Denken wir wieder an die Menschenrechte. Sie entwickelten sich von der Vorstellung der "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" in Nürnberg hin zur Entstehung des Internationalen Gerichtshofs und dem Kampf - wenn auch nicht auf vollkommene Art und Weise - gegen den Völkermord. Dieses Verständnis wurde nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg zum Ausdruck gebracht und war stark von diesen Ereignissen geprägt. Können wir daher von der Erinnerung an den Holocaust und seinen direkten Nachwirkungen lernen? Sagt uns Nürnberg irgend etwas darüber, wie die Welt auf das neue Übel oder sogar Böse reagieren kann, das sie trifft - das Übel des Terrorismus?

    Die Nürnberger Prozesse definierten ein neues Verbrechen: "Verbrechen gegen die Menschlichkeit." Ein utopisches Konzept, doch bei genauerem Nachdenken nicht utopischer als das Böse, das es zu übertrumpfen versuchte - den Völkermord. In erster Linie war damit ein Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung gemeint und dass es jenseits von Staatstreue eine persönliche Verantwortung für begangene Verbrechen gibt. Nürnberg machte deutlich, dass auch Einzelpersonen, die innerhalb des Rechtsrahmens ihres eigenen Staates handelten, als Kriminelle vor Gericht gestellt werden konnten - dass es eine persönliche Verantwortung gibt. Dies war neu im Jahr 1945, und das Trauma dessen, was die Nazis den Juden und der Welt antaten, sorgte für den Rückhalt. Nachdem dieser kurze kosmopolitische Augenblick schon bald vom Kalten Krieg abgelöst und von nationalen Mustern verdrängt wurde, kam es nach dem Kalten Krieg zu seiner Wiederbelebung. Sie stellt das kulturelle Fundament der massiven - und kosmopolitischen - Reaktion dar, mit der die Geschehnisse um das World Trade Center verarbeitet werden. Auch die Art der supranationalen Rhetorik, deren Zeugen wir heute sind - wie zum Beispiel: "Angriff auf die Zivilisation" und nicht gegen die Amerikaner und ihre Macht allein, sondern Amerikaner gleichsetzend mit Menschheit usw. -, entsteht tatsächlich langsam durch die Erinnerung an den Holocaust.

    Für viele war der Anblick der einstürzenden Türme ein Eingriff in die eigene Welt. Diese hat sich seit dem Fall der Mauer verändert. Diese Veränderungen haben sich ebenso auf die Innenpolitik wie auf die zwischenstaatlichen Beziehungen ausgewirkt. Das Modell des Nationalstaats, gleich ob auf normative Modelle der ethnischen Zugehörigkeit gegründet oder auf Staatsbürgerschaft, wird durch die täglichen Bräuche und Gewohnheiten von Einzelpersonen in Frage gestellt. Das soll nicht heißen, dass es keine ethnischen Konflikte mehr gibt - jeder weiß, dass dies sicherlich noch der Fall ist -, sondern vielmehr, dass es für eine zunehmende Zahl von "Weltbürgern" unmöglich ist, ihren Sinn zu verstehen. Immer mehr wird davon ausgegangen und es scheint sich zunehmend zu bestätigen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem innenpolitischen Demokratisierungsprozess, den Prozessen der Globalisierung sowie der Befriedung der Beziehungen zwischen Staaten und ethnischen Gruppen gibt. Eine neue Grundlage für Frieden ist entstanden. Und genau dies wird in diesen Tagen durch den Terror herausgefordert.

    III. Staatsbürger und Weltbürger



    Wenn die Denker der Aufklärung im 18. Jahrhundert von kosmopolitischen Bürgern sprachen, bezogen sie sich auf Weltbürger, deren Geburtsort ein reiner Zufall war und deren bestimmende Gruppenzugehörigkeit aus einer universellen Gemeinschaft im Geiste bestand. Es gäbe viel über dieses universelle Zugehörigkeitsgefühl zu sagen. Es fordert für alles Verantwortung, ungeachtet von Herkunft und Ort. In seinen Auswirkungen zu Ende gedacht, führt es zur Schaffung internationaler Gesetze und Institutionen, um diese Prinzipien zu garantieren. Doch in unseren globalen Zeiten brauchen wir eine Vorstellung von Staatsbürgertum, das auf einem Ethos von individueller Selbstverwirklichung und Leistung gegründet ist. Dazu müssen wir die Schranken zwischen den banalen individualistischen Erklärungen des täglichen Lebens und der hohen Theorie von Staatsbürgerschaft beseitigen.

    Deshalb spielt die Erinnerung an den Holocaust als eine generalisierte Katastrophe in einer globalen und individualisierten Gesellschaft so eine wichtige Rolle. Es ist auch kein Zufall, dass der Holocaust bei der Neugestaltung der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges eine Hauptrolle spielt. Grund dafür ist sein Status als ein unbestrittener moralischer Wert, in dem scheinbar alle Leute übereinstimmen können.

    Dennoch sollte Universalisierung nicht als ein einheitliches Konzept wahrgenommen werden. Es gibt mindestens vier Wege, um den Holocaust zu generalisieren:

    - hinsichtlich der Opfer, d. h., waren es die Juden oder war es eine Vielzahl von Menschen?

    - hinsichtlich der Täter, d. h., waren die Nazis einzigartig grausam, oder waren sie nur effizienter als andere Massenmörder?

    - hinsichtlich der Zukunft, d. h., besteht die Lehre daraus, dass Ähnliches niemals mehr den Juden angetan werden darf oder überhaupt niemandem mehr?

    - hinsichtlich des Gegenstands der Erinnerung, d. h., kann Amerika der entscheidende Zeuge sein, obwohl es keine Lager errichtet und nur sehr wenige Opfer unter der Bevölkerung hatte?

    Genau aus diesem letzten Grund muss offensichtlich die universelle Bedeutung des Holocaust in Amerika vorherrschen - eine genauere Betrachtung würde eine Vorrangstellung verweigern. Doch die besonderen Umstände, durch die der Holocaust in Amerika eine Bedeutung erlangte, führten zu der eigenartig wirksamen Verknüpfung, dass angenommen wird, der Holocaust sei einzigartig in der Vergangenheit und universell in der Zukunft. Das bedeutet konkret: Der vergangene Holocaust betraf überwiegend die Juden, während der künftige Holocaust jeden treffen könnte.

    IV. Antiamerikanismus und Antisemitismus



    Natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Art der Erinnerung an den Holocaust und den jüngsten Ereignissen. Für seine Feinde ist Amerika vor dem Hintergrund des derzeitigen Stadiums der Globalisierung ein Repräsentant des "Kosmopolitischen", das einst mit den Juden assoziiert wurde. Es genügt ein Blick auf die Ähnlichkeiten zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus, die häufig beide vereint im Diskurs der Globalisierungsgegnerschaft anzutreffen sind. Für die Terroristen symbolisiert "Amerika" eine Art seelenlosen, materialistischen und entwurzelten Lebensstil, den sie verabscheuen. Amerika ist das Sinnbild für die Verhinderung sozialer Veränderungen - dafür steht es seit seiner Entstehung. Die Vereinigten Staaten sind die "Nicht-Nation" - eine formlose Masse, ohne tiefere Verpflichtung hinsichtlich ihrer Vergangenheit und nur individualistisch und egoistisch mit ihrer Zukunft beschäftigt, kurz gesagt: ohne jede Erinnerung. Das klingt so, als wäre Amerika ein Staat, dessen bloße Existenz beklagt werden sollte, weil er uns von edleren Zielen abhält. Somit ist der Angriff auf Amerika zugleich ein Angriff auf die globale Kultur, und er kann ebenfalls als Angriff auf die Juden verstanden werden. Darüber hinaus handelt es sich um einen Angriff auf das, wofür Amerika, die globalisierte Welt und die Juden nach Meinung ihrer Feinde stehen: Geld. Betrachtet man diese Teilbeziehung zwischen Amerika und den Juden, wäre es, als würde man persönliche Verbindungen durch unpersönliche ersetzen. Genau das erscheint ihren Feinden als Herabsetzung, als eine Entpersönlichung. Und wenn die Gegenwart unpersönlich und schlecht ist, verführt uns das dazu zu glauben, die persönlichere Welt der Vergangenheit sei besser gewesen.

    Vor diesem Hintergrund lässt sich die Verunglimpfung des Geldes verstehen. Wird Gesellschaft als etwas gesehen, das einst durch persönliche Beziehungen zusammengehalten wurde, dann bekommt Geld die Rolle eines Vertreters der Entpersönlichung, ja der Entfremdung. Doch ist es paradoxerweise nie schwer gefallen, diesen Entpersönlichungsvertreter zu personalisieren. Wir alle wissen um die Identifizierung der Juden mit Geld und wissen, wie diese Identifizierung auf Amerika und die Amerikaner projiziert wurde.

    Unser Denken muss sich in diesen Dingen jetzt der Realität anpassen. Denn die beschriebenen Einstellungen herrschen noch immer in der Haltung gegenüber Kosmopolitismus, Globalisierung und Konsum vor, ohne dass ihre Wurzeln reflektiert werden. Die Klagen, die über die Globalisierung auftauchten - dass sie homogenisiere, dass sie alle nationalen Besonderheiten beseitige und dass sie wertvolle Traditionen und unersetzbare soziale Bindungen auflöse -, sind denen ähnlich, die einst hinsichtlich der ursprünglichen und lokalen Kultur gegen Geld erhoben wurden. Und ebenso wie Geld mit der Korrumpierung der aristokratischen Hochkultur durch die Bourgeoisie und die Juden verbunden wurde, wird Globalisierung oft als Synonym für die Verbreitung der "Massenkultur" außerhalb Amerikas verstanden. Es besteht also mehr als nur eine kleine Überschneidung zwischen diesen beiden Sichtweisen. Angriffe auf die angloamerikanische Kultur - und besonders auf London, New York und Hollywood - waren in der Vergangenheit häufig eine vornehmer klingende Art, antisemitische Gefühle auszudrücken. Ersetzt man Amerikaner durch Juden, sind diese Parallelen bemerkenswert nah. Die Antisemiten verbanden auf die gleiche Weise Juden mit Handel wie die Leute die Amerikaner als Menschen ansehen, die "alles auf Geld reduzieren". Und die Antisemiten sahen die Juden als Überbringer der Moderne, die den Zusammenbruch der traditionellen Gesellschaft repräsentierte. Die Antisemiten betrachteten das modernistische Projekt als etwas Fremdes und brandmarkten es als jüdisch, rationalistisch, individualistisch und säkular. Sie strebten danach, wieder tiefere, geistige, organische Werte zu erreichen - und über allem den Nationalstaat.

    Intellektuelle sollten nicht in diese Falle tappen. Heute gibt es eine andere, weitaus positivere Seite der Dynamik der globalisierten Welt, um sich mit neuen Realitäten zu arrangieren. Die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts ist auf der Suche nach einem neuen Selbstbild. Sie versucht, über ihre Identifizierung als Alte Welt, als Geburtsort des Nationalismus und als nachfolgende Grabstätte von Hunderten Millionen Menschen hinauszugehen. Sie versucht, sich selbst neu zu erschaffen, um über das 20. und 19. Jahrhundert zurück ins 18. Jahrhundert wieder das Zeitalter der Aufklärung zu erreichen. Dieses war ein kurzer und glorreicher und sehr europäischer Moment des intellektuellen Kosmopolitismus. Allerdings war er völlig unwirksam bei der Verringerung von Kriegen und dürfte den entscheidenden Grundstock für die Schrecken der folgenden beiden Jahrhunderte gelegt haben. Der kurze Traum von der Weltgesellschaft, der während der Aufklärung erblühte, wurde nahezu völlig durch den Nationalismus zerstört, den er gleichzeitig geboren hatte.

    V. Neue Identitäten



    Heute beklagen Antimodernisten oft, dass ethnisches Selbstverständnis nicht mehr "authentisch", sondern statt dessen oberflächlich sei - gebildet aus Musik- und Kleidungsstilen sowie übertriebenen Gesten, die nicht von Generation zu Generation überliefert, sondern vielmehr durch den Einfluss der Massenmedien geprägt würden. Aber genau diese Veränderung ermöglicht es den Menschen, aus unterschiedlichen kulturellen Traditionen zu wählen und daraus eine neue Identität zu bilden. Der gleiche Prozess erleichtert es den Menschen auch, von ihren "Original"-Identitäten abzuweichen - und sich somit in die größere, kosmopolitischere Gesellschaft einzufügen. Unveränderte ethnische Identitäten sind für Außenstehende geschlossen und erhöhen die Kosten für das Überwinden ihrer Mauern: Entweder jemand gehört dazu oder nicht. Dies ist eine enorme Entscheidung. Doch je mehr akzeptiert wird, dass Identität ausreichend durch symbolische Gesten ausgedrückt werden kann, umso eher können Menschen große Teile der Tradition ablegen, ohne die Gruppenzugehörigkeit zu verlieren. Je mehr ethnische Identitäten angepasst werden, umso mehr Menschen haben die Möglichkeit zu experimentieren, ohne gleich zu riskieren, ihrer Wurzeln beraubt zu werden. Je niedriger die Kosten der Individualisierung sind, umso mehr Menschen werden sich ihr zuwenden, und je niedriger die Einsätze, umso weniger Menschen werden sich deswegen bekämpfen. Diese neuen Identitäten sind nicht zwangsläufig schwächer als die alten. Und wir sollten uns nicht für sie schämen. Nirgendwo geht dies besser als in der Metropole, der Weltstadt, Orten wie New York beispielsweise. Die Analyse der Großstadt sagt viel aus. Zum einen kann "Metropole" als ein Ort der Freiheit verstanden werden, die durch die kommerzialisierten und unpersönlichen zwischenmenschlichen Beziehungen gefördert wird, wie zum Beispiel bei Georg Simmel. Aber gleichzeitig wurde "Metropole" von deutschen Denkern wie Sombart, Tönnies und Spengler vor einem Jahrhundert als die Stätte entfremdeter und kalter Beziehungen beurteilt, als ein Ort, wo die Juden regieren. So führte Sombart aus: "Die moderne Stadt ist nun nichts anderes als eine große Wüste, so weit von der warmen Erde entfernt, wie es die Wüste ist, und wie die Wüste zwingt sie ihre Einwohner, zu Nomaden zu werden." [2] Selbstverständlich glaubte Sombart auch, dass die Juden natürliche Bewohner der Wüste und, weiter gedacht, der Städte seien. Der Angriff auf "die Stadt" ist daher auch ein Angriff auf den Kosmopolitismus, d. h. ein Angriff auf die Juden.

    Wie hängt dies mit der Erinnerung an den Holocaust zusammen? War der Holocaust nicht der radikalste und extremste Versuch, diese Kultur der Diaspora, die versuchte, den Raum zu überwinden, auszulöschen? Die Kosmopolitisierung in ihrer amerikanisierten Form kann auch bedeuten, dass im Schrecken die Möglichkeit der Rettung und der Pfad zu einer besseren Zukunft liegt. Man denke nur an Schindler und an die Art, wie Steven Spielberg ihn erschaffen hat. Oder an den Iman Pasha, der beim Gedenken im Jankee Stadion in New York am 23. September 2001 für Toleranz warb und erklärte: "Wir sind Moslems, aber wir sind Amerikaner."

    Was lässt sich daraus lernen? Diese zukunftsorientierte Dimension von Erinnerung, die sich aus den USA nach draußen verbreitet, ist ein bestimmendes Merkmal der kosmopolitischen Erinnerung. Dies ist keine Erinnerung, die einzig in die Vergangenheit blickt, um neue prägende Mythen zu schaffen. Die Diskussionen über postnationale Kollektive konzentrieren sich überwiegend auf die Zukunft. Die postnationale Solidarität sollte größtenteils auf dem Erkennen und dem Wunsch nach der Verhinderung oder Begrenzung künftiger Katastrophen fußen. Durch den Terror ist eine neue Bedrohung aufgetaucht: Jeder kann zum Opfer werden. Die kosmopolitische Erinnerung beinhaltet folglich ebenfalls, dass die Zukunft nicht mehr durch die Vergangenheit kontrolliert werden kann. Wie die Gegenwart kann auch sie nicht länger geplant werden. Der Holocaust und die anhaltende Kosmopolitisierung von Erinnerungen werden zu einem Symbol für eine Welt voller Ungewissheiten. Ebenso wie zu einer Welt zunehmender Individualisierung. Mit anderen Worten: Es ist eher möglich, zum Holocaust eine individuelle und psychologische Beziehung herzustellen - die enorme Erinnerungsliteratur über den Holocaust zeigt, dass dies mehr und mehr Menschen tun - als eine kollektive oder politische. Natürlich wird jemand, der die Entpolitisierung grundsätzlich für etwas Schlechtes hält, auch dies falsch finden. Dies erklärt zum Teil die Verärgerung, die das Holocaust-Museum oder Steven Spielberg hervorrufen. Dabei ist die Entpolitisierung des Holocaust einfach ein Spiegelbild der Entpolitisierung Amerikas - oder, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, der Individualisierung und Entkollektivierung seiner Kultur. Der Holocaust ist in Amerika deshalb in erster Linie eine Identitätsfrage, weil dann alles eine Identitätsfrage ist, wenn die Kollektivität durch die Individualität als grundlegender Bezugsrahmen ersetzt wird.

    Dies bedeutet ganz einfach, dass die neue kollektive Identität in globalen Zeiten individualistisch ist. Viele Intellektuelle stören sich am individualisierten Vokabular des Opfertums - zum Beispiel bezüglich Überlebender, die Alkoholismus, Kindesmissbrauch, Waise zu sein oder das Leben in einem Armenviertel überstehen, das heißt an den typischen Themen der "Ophra-Winfrey-Show". Was sie stört, ist natürlich die Demokratisierung von Psychologie - einer Psychologie, die jeder anwenden kann. Das ist eine Psychologie, die keine Therapeuten braucht - eine Religion, die keine Priester nötig hat. Kritiker, welche die Opferlehre des Holocaust schlecht machen, machen Menschen schlecht, die historische Ereignisse eher als eine persönliche als eine kollektive Erfahrung ansehen, was einfach der täglichen Wahl in einer entkollektivierten Gesellschaft entspricht. Außerdem machen sie die Art der Menschen schlecht, die ihre persönlichen Erfahrungen in "ungebildeten" Klischees ausdrücken. Und sie nennen dies "trivial" oder "amerikanisiert".

    Doch genau hieraus ergeben sich die Chancen: Die kollektive Erinnerung hat das Potenzial, sich von eingebürgerten Kategorien wie der Nation zu befreien und in Symbolen wie dem Holocaust ausgedrückt zu werden, die für einen bedeutungsvollen Rahmen sorgen, um sich einer unsicheren Zukunft zu stellen. Der Holocaust steht für den Bruch der Zivilisation in der Moderne und die trennende Linie zur Barbarei. So entspricht er den Ungewissheiten über unsere eigene Welt und vor allem den Diskontinuitäten, die den Übergang zur globalen Moderne veranschaulichen. Genau das abstrakte Wesen von "Gut und Böse" symbolisiert den Holocaust, der zu einer außerterritorialen Qualität der kosmopolitischen Erinnerung beiträgt. Und genau dies teilt er mit den Terrorangriffen in der letzten Zeit.

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    Fußnoten

    1.
    Übersetzung aus dem Englischen: Dagmar Schittly, Bonn. Einige der Gedanken dieses Aufsatzes sind in aller Ausführlichkeit dargelegt in: Natan Sznaider/Daniel Levy, Erinnerungen im Globalen Zeitalter: Der Holocaust, Frankfurt/M. 2001: www.suhrkamp.de/buecher/sv22001/levy.htm
    2.
    Werner Sombart, Juden und Kapitalismus, 1911, S. 423.