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26.5.2002 | Von:
Yann Moulier-Boutang

Marx in Kalifornien: Der dritte Kapitalismus und die alte politische Ökonomie

II. Charakterisierung des dritten Kapitalismus

1. Charakteristika der Ökonomie der Wertschöpfung im kognitiven Kapitalismus



Wir fassen im Folgenden die Elemente zusammen, die für die Herausbildung eines so genannten dritten Kapitalismus sprechen. Sie sind jeweils ausführlich erforscht, jedoch viel seltener zueinander in Beziehung gesetzt worden. Es handelt sich dabei u. a. um

- die "Virtualisierung" der Ökonomie, das heißt die Rolle des Immateriellen und der Dienstleistungen, die mit der Produktion dieses Immateriellen zusammenhängen;

- die fundamentale Rolle der Informationserfassung, ihrer Verarbeitung, ihrer Speicherung in numerischer Form in der Wissensproduktion und in der gesamten Produktion;

- die für das Wachstum des Innovationserfassungsprozesses entscheidende Rolle der kognitiven interaktiven Prozesse sozialer Kooperation und stillschweigend genutzten Kenntnisse sowohl im Unternehmen als auch im Markt und in der öffentlichen Macht;

- den technischen Fortschritt in Gestalt eines soziotechnischen Systems, das durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (NIKT) gekennzeichnet wird;

- die Außerkraftsetzung des Modells der Arbeitsteilung von Adam Smith und des Taylorismus in den drei Hauptfaktoren;

- die Erschütterung der Produktionsabfolgen, somit auch der Arbeitsteilung und ihrer Komponenten;

- die Pluralität der Inputs und die Auflösung der traditionellen Trennungslinien zwischen Kapital, homogener oder qualifizierter Arbeit und nicht qualifizierter Arbeit;

- den Aufstieg eines vierten Bestandteils in den Modellen sozialer und produktiver Kooperation: der Netware oder Netze (die Netzgesellschaft wird durch die Informatik ermöglicht - durch Digitalisierung, Programmierung, Verbreitung des PC und die Schaffung des Internets);

- den Aufstieg der "Kooperation der Gehirne" [3] und die damit einhergehende Auflösung klassischer Muster der Warenproduktion;

- die dominante Rolle der Ökonomien des Lernens in den Phänomenen der Marktdifferenzierung und der interkapitalistischen Konkurrenz;

- den zentralen Charakter der "lebendigen", nicht konsumierten, nicht auf "tote Arbeit" im Maschinismus reduzierten Arbeit [4] und die Bedeutung impliziten Wissens, das nicht auf Maschinismus oder standardisiertes kodifiziertes Humankapital reduzierbar ist;

- den Bedeutungsverlust der Begriffe individueller Unternehmensleistung, faktorieller Leistung (Problem des Produktivitätsindikators) und die Globalisierung;

- das Spezifische des Gutes Information im Hinblick auf Gebrauch, Amortisation, Bereicherung, exklusive Aneignung, notwendige Horizontalisierung (lernende Firma);

- Transferpreise, die inkommensurabel mit den Marktpreisen, und Transaktionskosten, die unendlich sind;

- eine Entwicklung der Produktivkraft der menschlichen Gehirne.

2. Charakterisierung des kognitiven Kapitalismus



Mit kognitivem Kapitalismus bezeichnen wir ein Akkumulationssystem [5] , das hauptsächlich auf Wissen beruht. Wissen ist die Hauptressource des Wertes und wird die wichtigste Ressource im Prozess der Wertschöpfung.

1. In diesem System haben die Forschung, der technische Fortschritt, Bildung (das so genannte Humankapital der Gesellschaft), der Informationsfluss, die Kommunikationssysteme, Innovationen, das organisierte Lernen und das strategische Management der Organisationen einen hohen Stellenwert. Es werden Techniken nachgefragt, welche geistige Fähigkeiten voraussetzen: audiovisuelle Medien, Computer, Internet, Spielkonsolen usw.

2. Eine Gesellschaft, die sich im Übergangsstadium zum kognitiven Kapitalismus befindet, neigt dazu, die Kontrolle über die Orte oder die Akteure zu verstärken oder direkt auszuüben, die Wissen oder ein Potenzial an technischer Kreativität besitzen (sei es im Bereich der Produktion, des Handels oder der Organisation). Es geht nicht mehr - wie in der industriellen Gesellschaft - darum, den Einfluss auf die Produktionsstätten zu steigern, die Organisation der Produktion zu entwickeln, zu verbessern und zu beherrschen, um von der Ökonomie der Massenproduktion oder vom Erfahrungswissen zu profitieren. Es geht hauptsächlich darum, technisches Wissen zu verwalten, die Entwicklung von Lernprozessen sicherzustellen, neues Wissen zu schaffen und sich den Zugang zu allen verfügbaren Kenntnissen zu sichern. Es geht ferner darum, umfassende Kommunikationssysteme zu errichten.

3. Eine Gesellschaft diesen Typs zielt darauf ab, ursprünglich außenstehende Ressourcen - so genannte Externalitäten [6] - ins Zentrum der Produktionssphäre zu rücken und sie vollständig in die ökonomische - kommerzielle wie nicht kommerzielle - Sphäre zu integrieren. Oft sind es Ressourcen, deren Integration das Aufstellen neuer Regeln institutionellen Charakters erforderlich macht. Die Entwicklung des kognitiven Kapitalismus lässt sich in der Tat nicht ohne eine gewisse Anzahl institutioneller Einrichtungen realisieren, die Aktivitäten, Beziehungen und Eigentumsrechte regeln, deren bisheriger institutioneller Rahmen sich als unzureichend erweist. Die beiden Leitlinien für die Errichtung eines stabilen Systems des kognitiven Kapitalismus bestehen darin

a) die Globalisierung mit positiven Externalitäten zu verbinden und

b) dieser positiven Externalitäten habhaft zu werden und sie in Wert - Profit - zu verwandeln.

4. Unter diesen Bedingungen wird das Kapital abstrakter; die Firma wird zur "hollow box" bzw. zur "leeren Kiste" (Peter Drücker), es kommt zur Monetarisierung der Wirtschaft.

5. Die Monetarisierung der materiellen Produktion reflektiert zwei Dinge:

a) die zu große Langsamkeit des sich vollziehenden Übergangs und

b) den Tatbestand, dass die Kontrolle der "Kooperation der Gehirne" nicht auf gleiche Weise wie unter den Bedingungen des Fordismus und Taylorismus erfolgen kann.

Die wesentliche Unsicherheit, die auf dem kognitiven Kapitalismus lastet, betrifft die wachsende Schwierigkeit, die neuen Eigentumsverhältnisse zu bestimmen und die Institutionen einzusetzen, die das "Gesetz des Marktes" garantieren sollen. Der kognitive Kapitalismus kann nicht mehr auf die alten Rezepte für die Lohnabhängigen zurückgreifen - er ist blockiert.

Fußnoten

3.
Vgl. zu diesem Thema die Analysen von Maurizi Lazzarato über die ökonomischen Vorstellungen Gabriel Tardes, in: Multitudes, (Dezember 2001) 2 und 7.
4.
Anmerkung der Redaktion: Diese Begriffe gehen auf die Arbeitswerttheorie von Karl Marx zurück. Die Arbeitswertlehre ist das Kernstück der marxistischen Kapitalismuskritik. In ihrer einfachsten Form gibt sie Antwort auf die Frage, wodurch in einer auf Warenaustausch beruhenden Wirtschaft der Wert der Waren und ihre Preise bestimmt werden. In der politischen Ökonomie des Marxismus ist die Arbeit die Quelle aller Wertschöpfung. Die Unterscheidung von "lebendiger" und "toter" oder "vergegenständlichter" Arbeit geht von der These aus, alle Produktion beruhe auf Arbeit, also auch die der Produktionsmittel (Maschinen usw.), die als "vergegenständlichte" Arbeit aufgefasst werden. Vgl. Friedrich Haffner, Grundbegriffe der marxistischen Politischen Ökonomie des Kapitalismus, Berlin 1974.
5.
Anmerkung der Redaktion: Mit dem Begriff der Akkumulation wird die Verwendung eines Teils des Sozialprodukts für Zwecke der Erweiterung der Produktion bezeichnet. Vgl. ebd.
6.
Anmerkung der Redaktion: Mit dem Begriff der Externalitäten wird etwas bezeichnet, das außerhalb des jeweiligen Objektes steht, sich außerhalb dieses Objektes entwickelt und darauf direkt oder indirekt, positiv oder negativ zurückwirkt. Es handelt sich dabei also um externe Effekte.