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26.5.2002 | Von:
Yann Moulier-Boutang

Marx in Kalifornien: Der dritte Kapitalismus und die alte politische Ökonomie

IV. Plädoyer für eine Rekonstruktion der Kategorien der kritischen politischen Ökonomie

Es versteht sich von selbst, dass sich bei inhaltlicher Veränderung der politischen Ökonomie im kognitiven Kapitalismus auch die begrifflichen Werkzeuge der Kritik der politischen Ökonomie ändern müssen, zumindest im Hinblick auf ihren Sinn, ihre Rolle, wenn nicht sogar ihren Inhalt. Wir haben vor, im Folgenden die Konturen der Veränderung für einige der wichtigsten Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie zu skizzieren: der Ware, der Arbeitsteilung, des Lohns und der Produktion. Um dieses tun zu können, werden wir zunächst das erklären, was wir im ersten Teil erwähnt haben, nämlich die vierfache Natur der Wirtschaftsgüter im kognitiven Kapitalismus.

Wir können in der Tat jedes Gut, das in einer Wissensökonomie hergestellt wurde, auf vier nicht mehr reduzierbare Bestandteile zurückführen: die Hardware, die Software, die "Wetware", das heißt die eigentliche Geistesarbeit, und schließlich die Netware, das heißt das Netz, ohne das die Kopfarbeit sich nicht kombinieren lässt.

Schließlich unterscheiden sich auch die Individuen im kognitiven Kapitalismus von jenen in der Industriegesellschaft, und zwar hinsichtlich ihrer Arbeitskraft. Der Teil der menschlichen Arbeitskraft, der in der Wissens- und Informationsproduktion mobilisiert wird - die geistigen Fähigkeiten -, weist - in der Terminologie von Karl Marx - die Charakteristika der "lebendigen Arbeit" des Proletariers auf. Wie dieser, so hat auch der geistige Arbeiter keine andere Möglichkeit, als seine Arbeitskraft einer Organisation "zu vermieten" - einem öffentlichen oder privaten Unternehmer -, die über die juristischen Rechte des Zugangs zu den Maschinen, Programmen und Netzen verfügt. Nun werden im kognitiven Kapitalismus die geistigen Fähigkeiten nicht einzeln mobilisiert, sondern als kollektive Kraft. Diese Kraft wird selbst eine von der Güterproduktion untrennbare Komponente: die Netware.

Die Netware ist nicht das technische System, das die Realisierung eines Netzes und die Übertragung der Informationen ermöglicht, sondern sie ist genau die Form "geschmeidiger" Aufgabenteilung, die durch die kollektive Mobilisierung der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und der Effekte entsteht, die das außerordentliche diverse Wesen der Beziehungen und Interreaktionen charakterisieren. Das Internet ist der Prototyp dieses Typs multipler Netze, der sich der Smith'schen Analyse der Arbeitsteilung vollständig widersetzt.

Was uns hier interessiert, ist die Untrennbarkeit der Inputs der Produktion der Ware Wissen - wobei die Ware Information nur eine "verstümmelte" Stufe der Ware Wissen ist. Wer Untrennbarkeit sagt, sagt auch Unteilbarkeit und hierzu gehören auch die Externalitäten. In dieser Hinsicht stellen sich zwei theoretische Hauptprobleme, die hier aus Platzgründen nur kurz angerissen werden können:

1. Das erste theoretische Problem ist das gleiche, das sich schon im industriellen Kapitalismus stellte: die Reduzierung der komplexen Arbeit auf "einfache" und "komplizierte" [11] bzw. unqualifizierte und qualifizierte Arbeit und die Messbarkeit des Wertes der Arbeit in der Ware, das heißt in Arbeitsstunden (David Ricardo) oder in Gestalt des Lohns, welcher für die "lebendige Arbeit" gezahlt wird (Karl Marx).

2. Das zweite Problem - die interessantere theoretische Frage - ist das der grundlegenden Zweiteilung der Ware, des so genannten "Doppelcharakters der Ware" bei Karl Marx. [12] Nach Marx liegt hier die Quelle des Mehrwerts. Da im kognitiven Kapitalismus jede produzierte Ware auf Basis der o. g. vierfachen Zusammensetzung entsteht und bewertet werden muss, stellt sich die Frage nach der Ermittlung des Tauschwertes - des Preises - der Ware.

Wir schlagen vor, die "lebendige Arbeit" in zwei Teile zu zerlegen und anzunehmen, dass neben der "lebendigen Arbeit" als Energieaufwand, der teilweise in neue Maschinen und Anlagen einfließt, "lebendige Arbeit" quasi als Produktionsmittel für die Dauer des gesamten Zyklus besteht. Diese setzt sich aus Kompetenz zusammen, aus Wissen, das der Reduktion auf pures objektivierbares menschliches Kapital widersteht. Demnach können wir die Produktion im kognitiven Kapitalismus als "Produktion lebendiger Arbeit mittels lebendiger Arbeit" [13] definieren oder als "Wissen mittels Wissen". [14] Aber dieser Begriff muss auf andere große Organisationen erweitert werden.

Man kann zusammenfassend je nach Typ des produzierten Outputs (die Natur des Gutes) die Natur der Inputs bestimmen, die zu seiner Produktion beigetragen haben, und gleichzeitig eine Entsprechung zum Typ der positiven Externalitäten herstellen, die das Geheimnis des Mehrwerts erklären, sowie auch zwischen den verschiedenen Inputs und dem Gesetz abnehmender Erträge. Unserer Meinung nach ist nur das physische Kapital (das in dieser Betrachtung sowohl die Maschinen als auch den Teil der "lebendigen Arbeit" einschließt, der sich verbraucht und teilweise erneuert) dem "Fluch der abnehmenden Erträge" unterworfen.

Im kognitiven oder dritten Kapitalismus wird die bekannte Trennung zwischen der Arbeitskraft und der Person des Arbeiters sehr schwierig. Die Unterscheidung zwischen Arbeitskraft und juristisch freier (und nicht implizierter) Person wird immer unhaltbarer. Sie ist vor allem unproduktiv und wird zu einem Hemmfaktor für Innovationen. Kaum zu trennen ist auch zwischen Arbeitszeit und freier Zeit. Der berufliche Stress steht sicherlich in Zusammenhang mit der Vielzahl der Aktivitäten in allen (anderen) Bereichen des Lebens.

Ein zweiter wesentlicher Aspekt - die Trennung zwischen Arbeiter und Arbeitsbedingungen - verändert die Bemessensgrundlage der Lohnabhängigen, selbst wenn der Name und die Form der Entlohnung der Arbeit nach Zeit beibehalten werden. Im kognitiven Kapitalismus muss die "lebendige Arbeit", um Güter produzieren zu können, Zugang zu den Maschinen (Hardware) haben, zu den Programmen (Software), zum Netz (Netware) und es müssen die Bedingungen zur Entfaltung der neuronalen Aktivitäten der "neuen Arbeiter" gegeben sein. Dieser freie Zugang setzt andere Eigentumsverhältnisse voraus. Es geht darum, zur selben Zeit und gemeinsam an Informationen, an Kenntnisse zu gelangen, um andere Kenntnisse zu produzieren. Die "lebendige Arbeit" wird Nutznießer des Kapitals, und wie der mittelalterliche Leibeigene, der Sklave der Plantagen, zieht sie zur Eroberung des Kapitaleigentums aus. Die verschiedenen Formen der Beteiligung der Arbeitnehmer an Aktienoptionen, an Partizipationsformen, sind nur Symptome dieser Bewegung. Daraus ergibt sich eine permanente Delegitimierung des Privateigentums, das als Macht verstanden wird, die den Zugang zur Nutzung verwehrt und die der lärmende Triumph des "Marktes" nicht auszugleichen vermag.

Fußnoten

11.
Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich hierbei wiederum um marxistische Kategorien. Die Unterscheidung zwischen einfacher und komplizierter Arbeit wurde vorgenommen mit dem Ziel, die Arbeit messen zu können. Einfache Arbeit wurde zur Umrechnungseinheit für komplizierte Arbeit. Vgl. F. Haffner (Anm. 4 ). 12ƒAnmerkung der Redaktion: Arbeit hat nach Karl Marx insofern "doppelten Charakter", als sie einerseits Ge-
12.
brauchswerte produziert, andererseits Wert neu bildet: Mehrwert. Dieser so genannte "Doppelcharakter der Arbeit" kommt auch in der Ware zum Ausdruck, die einerseits Gebrauchswert, andererseits monetären Wert darstellt. Letzterer bestimmt den Tauschwert. Der Kapitalist ist nur am Tauschwert seiner Produkte, der Konsument nur am Gebrauchswert interessiert. Der Tauschwert (Preis der Ware) stellt für den Kapitalisten die Kosten dar, in die auch die Löhne für die Arbeitskraft einfließen.
13.
Vgl. Y. Moulier Boutang (Anm. 1).
14.
Vgl. Antonella Corsani (Anm. 1).