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27.10.2017 | Von:
Thorsten Faas
Jürgen Maier
Michaela Maier
Simon Richter

Populismus in Echtzeit. Analyse des TV-Duells und des TV-Fünfkampfs im Vorfeld der Bundestagswahl 2017

Populistische Parteien sind auf dem Vormarsch. Der Erfolg der Alternative für Deutschland (AfD), die bei der Bundestagswahl 2013 mit 4,7 Prozent der Stimmen noch knapp den Einzug in den Deutschen Bundestag verpasste, zeugt davon: 12,6 Prozent der Zweitstimmen machten die AfD bei der Bundestagswahl 2017 zur drittstärksten Kraft im Parlament, in dem sie zukünftig mit über 90 Abgeordneten vertreten sein wird.

Im Wahlkampf 2017 wurde aber nicht nur mit Blick auf die AfD häufig der Vorwurf erhoben, die Partei sei oder agiere populistisch. Auch an die Adresse anderer Parteien und Politiker wurden mitunter Vorwürfe laut, eine bestimmte Behauptung oder Forderung sei "populistisch". Der genaue Inhalt des Vorwurfs bleibt dabei häufig unklar, was unmittelbar zwei Fragen aufwirft, die wir im Rahmen dieses Beitrags näher betrachten wollen. Wie kann man "Populismus" im Wahlkampf messen? Und wie weit verbreitet waren populistische Aussagen im Wahlkampf 2017 tatsächlich? Damit verbunden ergibt sich dann häufig eine dritte Frage: Wie gut kommen populistische Aussagen eigentlich in der Bevölkerung an?

Um diesen formulierten Fragestellungen auf den Grund gehen zu können, wollen wir einen sehr bestimmten Ausschnitt aus dem Bundestagswahlkampf 2017 herausgreifen: das TV-Duell zwischen Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) vom 3. September sowie den TV-Fünfkampf vom 4. September, an dem Vertreterinnen und Vertreter der anderen Parteien teilnahmen, nämlich Katrin Göring-Eckart für Bündnis 90/Die Grünen, Sahra Wagenknecht für Die Linke, Christian Lindner für die FDP, Alice Weidel für die AfD und Joachim Herrmann für die CSU.

Ereignisse wie dieses Duell und dieser Fünfkampf eignen sich besonders für eine detaillierte Betrachtung von Wahlkämpfen, da sie sich – im Gegensatz zum sonstigen, in der Regel sehr unübersichtlichen Geschehen im Wahlkampf – sehr gut abgrenzen und damit analysieren lassen. Zudem lassen sich an ihrem Beispiel sowohl die Angebotsseite, also das Auftreten der Kandidierenden, als auch die Nachfrageseite, also die Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer, in den Blick nehmen. Genau das wollen wir im Rahmen dieses Beitrags tun, wobei wir auf eine einzigartige Kombination von Daten zurückgreifen können, die wir zunächst kurz vorstellen möchten.

Datengrundlage

Um der Frage nachzugehen, welchen Stellenwert populistische Aussagen im TV-Duell und im Fünfkampf hatten und welche Wirkung diese auf die Rezipienten ausübten, verknüpfen wir Daten aus drei verschiedenen Quellen: eine Inhaltsanalyse der Debatten, Umfragedaten rund um die Debatten und sogenannte Real-time-response-Daten, die wir während der Debatten erhoben haben. All diese Daten wurden im Rahmen des Moduls "TV-Duell" der German Longitudinal Election Study erhoben.

Angebotsseite

Für die Analyse der Angebotsseite ist vor allem die Inhaltsanalyse von zentraler Bedeutung. Sie erlaubt uns zu prüfen, inwieweit die Kandidierenden in Duell und Fünfkampf in ihren Auftritten auf "Populismus" setzten. Konkreter formuliert: Wie verbreitet waren populistische Aussagen im TV-Duell und im Fünfkampf?

Dazu haben wir im Zuge der Inhaltsanalyse den verbalen Inhalt des TV-Duells und des Fünfkampfs transkribiert und in einzelne Aussagen, sogenannte "Codiereinheiten", zerlegt, die die Analyseeinheit für die nachfolgenden Auswertungen der Angebotsseite bilden. Dabei gilt: Eine neue Codiereinheit beginnt immer dann, wenn der Sprecher wechselt, der Inhalt sich ändert, ein neues Bezugsobjekt in den Fokus genommen wird oder ein Sprecher seine Strategie ändert. In der Folge können Codiereinheiten unterschiedlich lang sein, etwa nur wenige Worte oder aber mehrere Sätze umfassen.

Empirisch haben wir für das TV-Duell 647 Codiereinheiten identifiziert; für den Fünfkampf waren es 466 Codiereinheiten. Für jede Codiereinheit wurde der Sprecher festgelegt und entschieden, inwieweit sie als populistisch zu werten ist oder nicht. Dies setzt ein Messinstrument für Populismus voraus. Wir haben uns dabei an der Definition und Operationalisierung der Politikwissenschaftler Jan Jagers und Stefaan Walgrave orientiert,[1] für die eine populistische Rhetorik durch drei Elemente gekennzeichnet ist, nämlich erstens den Bezug zum Volk oder den "einfachen" Leuten, zweitens die Kritik am Establishment und drittens die Exklusion anderer, fremder Gruppen.

Darauf aufbauend wurde für jede der 647 Codiereinheiten im TV-Duell und jede der 466 Codiereinheiten im Fünfkampf festgehalten, ob sie a) explizit auf das deutsche Volk oder die "einfachen Leute" bezogen ist, b) Eliten kritisiert werden, wie "das System", politische, ökonomische oder kulturelle Eliten und ihre Handlungen und Entscheidungen oder c) explizit andere gesellschaftliche Gruppen oder Nationen ausgegrenzt werden.[2] Auf Basis dieser drei Dimensionen lassen sich dann wiederum verschiedene Typen des Populismus definieren:
  • ein "dünner" Populismus, der sich auf die Bezugnahme auf das Volk oder die einfachen Bürger beschränkt;
  • ein antielitistischer Populismus, der neben der Bezugnahme auf das Volk oder die "einfachen" Bürger auch die Kritik an Eliten umfasst;
  • ein exklusionistischer Populismus, der sich über die Bezugnahme auf das Volk oder die einfachen Bürger hinaus auch durch die Ausgrenzung anderer Gruppen oder Nationen auszeichnet;
  • ein "dicker" Populismus, der alle drei Dimensionen umfasst.
Nachfrageseite

Um im zweiten Schritt die Nachfrage nach Populismus und, damit verbunden, Zuschauerreaktionen auf populistische Aussagen messbar zu machen, die von der politischen Angebotsseite kommen, genügt die Inhaltsanalyse alleine nicht. An dieser Stelle kommen die Befragungs- und Real-time-response-Daten ins Spiel. Beide Datentypen stammen aus einer Studie, die wir am Abend des Duells an den Standorten Landau und Mainz durchgeführt haben. Insgesamt haben 195 Personen das TV-Duell am 3. September live in Räumlichkeiten an den beiden Universitäten verfolgt; 68 von ihnen haben – dann nur noch an der Universität Mainz – auch den Fünfkampf am darauffolgenden Tag gesehen.

Die Rekrutierung der Untersuchungsteilnehmer erfolgte im Vorfeld der beiden Ereignisse auf Basis vorab definierter Quoten, die die Merkmale Alter, Bildung, Geschlecht und Parteiidentifikation umfassten. Mit Flyern, Postern, redaktionellen Beiträgen in Print- und Rundfunkmedien sowie teils gesponserten Einträgen in sozialen Medien (vor allem auf Facebook) wurde für die Untersuchung geworben.[3]

In einem Fragebogen, den wir den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Studie direkt vor dem TV-Duell vorgelegt haben,[4] haben wir auch "populistische Einstellungen" erhoben. Diese können entlang von drei Dimensionen gemessen werden und spiegeln damit die drei Dimensionen der Inhaltsanalyse wider, die wir bereits skizziert haben, nämlich erstens die Forderung nach Souveränität des Volkes, zweitens negative Einstellungen gegenüber dem Establishment beziehungsweise Eliten sowie drittens der Glaube an die Homogenität und den guten Charakter des (eigenen) Volkes.[5] Wir haben diese Dimensionen mithilfe von jeweils drei Items erfasst. Aus den individuellen Mittelwerten auf den drei Dimensionen wurde für jeden Probanden ein Gesamtmittelwert gebildet, der den Grad seiner populistischen Einstellungen vor dem TV-Duell messen soll.

Für die Real-time-response-Messung, mit deren Hilfe unsere Testzuschauer während der Debatten ihre Eindrücke sekundengenau und in Echtzeit dokumentieren sollten, wurden die Teilnehmer der Untersuchung gebeten, die Kandidaten während der Sendung zu bewerten. Dazu nutzte ein Teil der Probanden ein Sendegerät mit einem Drehregler. Die Probanden in Landau wurden dabei instruiert, den Regler immer dann von der Mittelposition (identifiziert mit dem numerischen Wert 4) nach links zu drehen, wenn sie gerade einen guten Eindruck von Martin Schulz oder einen schlechten Eindruck von Angela Merkel hatten; umgekehrt sollten sie den Regler nach rechts (bis auf maximal 7 drehen), wenn sie einen guten Eindruck von Merkel beziehungsweise einen schlechten Eindruck von Schulz hatten. Probanden, die in Mainz mit Drehreglern ihre Eindrücke dokumentierten, sollten den Regler nach links drehen, wenn ihnen – unabhängig von der Person – das momentan Wahrgenommene nicht gefiel, und nach rechts, wenn ihnen gut gefiel, was sie gerade wahrnahmen. Insgesamt umfasst die Skala den Wertebereich von 1 für einen sehr schlechten Eindruck bis 7 für einen sehr guten Eindruck. Diese abweichenden Instruktionen zwischen Mainz und Landau waren notwendig, da ein Teil der Mainzer Probanden einen Tag nach dem TV-Duell auch den Fünfkampf mit dem Drehregler-System bewerten sollte und hier eine 1:1-Verknüpfung der Drehrichtungen mit fünf Kandidaten nicht möglich war.

Ein weiterer Teil der Probanden konnte durch ein Druckknopf-System ihre Echtzeitreaktionen protokollieren. Dabei standen den Probanden je ein Knopf – markiert auf herkömmlichen Computertastaturen – für positive sowie für negative Eindrücke zur Verfügung. Alle Probanden wurden vor dem Schauen des TV-Duells instruiert, alle positiven oder negativen Eindrücke zu protokollieren. Was einen positiven oder negativen Eindruck ausmacht, wurde den Probanden bewusst nicht vorgegeben, da die subjektiven Eindrücke der Probanden im Vordergrund standen.

Die aufgezeichneten Daten ergeben ein sekundengenaues Bild der Reaktionen der Probanden auf die TV-Debatten. Diese Form der Messung von Echtzeitreaktionen wurde bereits im Rahmen mehrerer TV-Duell-Studien erfolgreich eingesetzt,[6] sie produziert – trotz der skizzierten Unterschiede im Detail – auch über verschiedene Instruktionen und Messverfahren hinweg valide und reliable Ergebnisse zu Zuschauerreaktionen auf Medieninhalte.[7]

Im Folgenden werden wir diese drei Datenquellen bündeln und so Angebots- und Nachfrageseite des Populismus miteinander in Verbindung bringen und gemeinsam analysieren: Die Messergebnisse wurden sekundengenau erfasst, sodass die Reaktionen der Untersuchungsteilnehmer in Kombination mit der Inhaltsanalyse Aufschluss darüber geben, welche Aussagen der Kandidaten welche Wirkung hatten. Aus den Befragungsdaten wissen wir zudem, welche Zuschauer selbst eher zu Populismus neigen als andere. Auf Basis dieser Daten können wir uns nun der Analyse, zunächst der Angebotsseite, zuwenden.

Populistische Rhetorik im TV-DuellPopulistische Rhetorik im TV-Duell (© German Longitudinal Election Study, Modul "TV-Duell". )


Fußnoten

1.
Vgl. Jan Jagers/Stefaan Walgrave, Populism as Political Communication Style. An Empirical Study of Political Parties’ Discourse in Belgium, in: European Journal of Political Research 3/2007, S. 319–345. Siehe auch Franzisca Schmidt, Drivers of Populism – A Four Country Comparison of Party Communication in the Run-up to the 2014 European Parliament Elections, in: Political Studies 2017 (i.E.).
2.
Zur Überprüfung der Intercoder-Reliabilität wurden 30 Prozent aller vollständigen Aussagen zufällig ausgewählt und erneut codiert. Die Reliabilität für die Populismus-Variablen liegt zwischen 0,91 und 0,98 (Holsti-Formel) beziehungsweise 0,82 und 0,91 (Krippendorf).
3.
Die Ergebnisse sind damit nicht repräsentativ für die Bevölkerung insgesamt oder auch die Bevölkerung in Mainz oder Landau. Repräsentativität steht allerdings nicht im Fokus unserer Studie. Uns geht es vielmehr darum zu verstehen, welche Mechanismen die Wahrnehmung, Verarbeitung und Wirkung von Medieninhalten prägen, etwa unter dem hier angelegten Blickwinkel des Populismus und seiner Folgen. Darüber hinaus gilt: Da wir keine Hinweise haben, dass Personen, die die TV-Debatten nicht unter diesen kontrollierten Bedingungen verfolgt haben, anders mit den Inhalten der Sendungen umgehen, als solche, die dies tun, sind unsere Befunde durchaus aussagekräftig für die Grundgesamtheit der Debattenrezipienten. Vgl. hierzu auch Marcus Maurer/Carsten Reinemann, Schröder gegen Stoiber: Nutzung, Wahrnehmung und Wirkung der TV-Duelle, Wiesbaden 2003, S. 61.
4.
Weiterhin wurden die Teilnehmer der Untersuchung direkt nach dem Duell, wenige Tage nach dem Duell und direkt nach der Wahl nochmals befragt. Diese Erhebungswellen spielen in den nachfolgenden Analysen aber keine Rolle.
5.
Vgl. Anne Schulz et al., Measuring Populist Attitudes on Three Dimensions, in: International Journal of Public Opinion Research 2017 (nur online).
6.
Vgl. Thorsten Faas/Jürgen Maier/Michaela Maier (Hrsg.), Merkel gegen Steinbrück. Analysen zum TV-Duell vor der Bundestagswahl 2013, Wiesbaden 2017.
7.
Vgl. Jürgen Maier et al., Reliability and Validity of Real-Time Response Measurement: A Comparison of Two Studies of a Televised Debate in Germany, in: International Journal of Public Opinion Research 18/2007, S. 53–73.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Thorsten Faas, Jürgen Maier, Michaela Maier, Simon Richter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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