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Bei einer populären Wrestling-Show im April 2007 rasierte Donald Trump nach einer gewonnenen Wette dem WWE-Chef Vince McMahon den Kopf

27.10.2017 | Von:
Paula Diehl

Antipolitik und postmoderne Ringkampf-Unterhaltung - Essay

Seit dem Beginn seiner Präsidentschaft hat Donald Trump viele Grenzen des Machbaren und Sagbaren in der US-amerikanischen Politik überschritten. Seine Attacken auf die Medien, seine Lügen und seine aggressive Rhetorik sowie seine Inszenierung als jemand, der sich nicht um die Politik schert, sind bekannt. Sie sind antipolitisch, und sie sind unterhaltsam.

Doch eine seiner Darbietungen ist besonders bemerkenswert: Im Juni 2017 twitterte Trump zunächst von seinem persönlichen Account, dann vom offiziellen Twitter-Account des US-Präsidenten, ein Video. Dabei handelte es sich um einen kurzen Wrestling-Clip, in dem Trump selbst gewalttätig wird, indem er einen Mann, der in Anzug und Krawatte neben einem Boxring steht, überwältigt und auf ihn einprügelt. Wer dieser Mann ist, erfährt man im Tweet nicht, sein Gesicht wird vom CNN-Logo überdeckt. Kommentiert wird der Tweet mit dem Hashtag "FraudNewsCNN". "Fraud" heißt übersetzt Betrug.

Drei Aspekte sind hervorzuheben: Erstens ist das Video vor allem wegen seiner physischen Gewalt für eine Botschaft eines Präsidenten außergewöhnlich; zweitens wird ein antipolitisches Narrativ verwendet, in dem die Medien und das Establishment die Betrüger sind; und drittens wird im Video eine Zwischenwelt inszeniert, bei der unsicher ist, ob sie Realität, Parodie oder Fiktion ist. In einer solchen Kombination ist der Tweet antipolitisch und zugleich politisches Statement gegen "die Medien". Inzwischen wurde der Tweet aus beiden Accounts entfernt – die Zäsur aber bleibt: Die Grenzen zwischen Politik und Unterhaltung, Realität und Fiktion, Privatem und Öffentlichem wurden verschoben. Was verrät ein solches Phänomen über die politische Kultur und was bedeutet es für die Demokratie?

Ringkampf und Realityshow

Solche Grenzverschiebungen sind nicht neu. Wir kennen sie von Silvio Berlusconi, Nicolas Sarkozy und Gerhard Schröder.[1] Alle drei vermischten Unterhaltung mit Politik, inszenierten sich als Privatmenschen in der Öffentlichkeit und spielten mit dem Übergang von Realität zur Fiktion.

Der Auftritt Gerhard Schröders, der in der Fernsehserie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" während des Bundestagswahlkampfs 1998 sich selbst spielte, ist legendär. Schröder machte es damit schwierig, zu unterscheiden, ob er als reale Person oder als fiktive Figur wahrgenommen werden sollte. Eine solche Verwischung von Realität und Fiktion ist auch das Markenzeichen von Donald Trump als massenmediale Celebrity. Doch das Neue an Trumps Tweet ist, dass der Unterhaltungswert aus einer spezifischen Mischung aus Gewalt, Aggressivität und Macht gezogen wird und dabei Antipolitik als eine entscheidende Komponente beigemischt wird. Gemeinsam bilden Unterhaltung und Antipolitik eine Welt, die sich nicht unbedingt als real darstellt, aber dafür in schrillen Farben erscheint. Politisch relevant ist, dass diese Welt die Politik insgesamt zu diskreditieren versucht.

Trumps Kommunikationsstil ist von Übertreibung, Verrohung der Sprache und vom Hang zum Irrealen geprägt. Ein solches Verhalten scheint nicht aus dem Weißen Haus, sondern aus einer postmodernen Gladiatorenarena zu kommen. Die Figuren, die in solchen Arenen antreten, sind wie die eines Comics: Sie sind überzeichnet, fiktional, ironisch, und sie passen in das Schema Gut und Böse, Oben und Unten. Entweder ist man der Sieger oder eben – wie es Trump zu sagen pflegt – der "Loser". Der Unterhaltungswert dieser Art Inszenierungen liegt in einer Kombination aus Erniedrigung, Aggressivität und Übertreibung.

Bei Trumps CNN-Tweet verhält es sich ähnlich. Das ursprüngliche Video stammt von einem Wrestling-Event von 2007, das in den USA stattfand. Wrestling-Shows etablierten sich als Fernsehunterhaltung in den 1990er Jahren. Wrestling ist eine Mischung aus Sport, Karneval und Realityshow. Dabei treten meist zwei Kämpfer gegeneinander an, vorwiegend in Kostümen, die an Superhelden erinnern. Es gibt kaum Regeln für den Kampf: Erlaubt ist alles, was dem anderen schadet. Die Kämpfe finden vorwiegend in einem Boxring statt und werden live im Fernsehen übertragen.

Die Anthropologin Annette Hill interviewte für eine Studie Zuschauer und Produzenten solcher Ringkämpfe. Die Anziehungskraft des Formats wird von einem Manager der Produktionsfirma zusammengefasst: "Die Welt hat für ein paar Stunden keine Bedeutung mehr. Du kannst sie vergessen. Das ist alles, was im Moment zählt: Gut gegen Böse. Konflikte werden mit Gewalt gelöst, es gibt ein einfaches Drama." Hill spricht von einem "überwältigenden, chaotischen Ereignis", in dem Gefühle unkontrolliert erlebt werden können.[2]

Im angesprochenen Wrestling-Event von 2007 tritt Donald Trump als Celebrity und "Milliardär" auf. Zur selben Zeit war er Gastgeber von "The Apprentice", einer Realityshow, in der Trump Manager für sein eigenes Unternehmen suchte. Höhepunkte dieser Sendung waren die Sätze "you are a loser" und "you are fired". Erniedrigung, Scham und Siegerposen gehörten zu den wichtigsten dramaturgischen Elementen. Die Sequenzen, die im Tweet von 2017 zu sehen waren, sind nur eine Kostprobe seines aggressiven Auftritts 2007. Der Videomitschnitt der Veranstaltung zeigt etwa, wie Trump den Chairman des Medienunternehmens World Wrestling Entertainment, Vincent McMahon, außerhalb des Ringes angreift und zu Boden zwingt. "Loser" und "Winner" werden klar markiert: Der Sieger, Donald Trump, steht auf und macht Drohgebärden in die Kamera, der Verlierer, McMahon, bleibt auf dem Boden liegen. Höhepunkt der Sendung war nicht wie erwartet der Sieg eines der beiden Wrestler, sondern die Erniedrigung McMahons durch Donald Trump. Zusammen mit zwei anderen Wrestlern rasiert Trump den Kopf seines Kontrahenten, der wiederum winselt und schreit.

Erniedrigungspraktiken sind fester Bestandteil solcher Shows. Bei den Gewaltausbrüchen, Beschimpfungen und Schreien der Wrestler bekommt das Fernsehpublikum das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein, und das Video erscheint als ungefiltertes Material. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erleben ein Wechselbad der Gefühle, das für Reality-TV und vor allem für Wrestling-Events typisch ist. Hill spricht hier vom "kontrollierten Chaos", in dem die Zuschauer rasch zwischen Hass und Liebe hin und her springen.[3]

Es steht außer Frage, dass solche Unterhaltungsformate zur Verrohung sowohl des Verhaltens als auch der Wahrnehmung des Publikums beitragen. Das Publikum gewöhnt sich an die physische Gewalt, selbst wenn diese nur gespielt ist, es genießt Erniedrigungsrituale und konsumiert die Verachtung der Schwachen als Quelle der Unterhaltung. In der Arena wird diese Verrohung sogar mit der aktiven Teilnahme der Zuschauer intensiviert. Hier kann das Publikum seine Aggressivität entladen, ohne schwerwiegende Konsequenzen zu befürchten. Zuschauer beschimpfen die Gegner, machen Drohgebärden und können sogar ins Kampfgeschehen eingreifen. Die Rolle der Mediatoren und Wrestler beschränkt sich nicht mehr darauf, die Kämpfer anzupreisen und den Kampf zu inszenieren, sie sollen ebenso die Zuschauer anfeuern.

Fußnoten

1.
Vgl. Paula Diehl, Zwischen dem Privaten und dem Politischen. Die neue Körperinszenierung der Politiker, in: Sandra Seubert/Peter Niesen (Hrsg.), Die Grenzen des Privaten, Baden-Baden 2010, S. 251–265.
2.
Annette Hill, Spectacle of Excess. The Passion Work of Professional Wrestlers, Fans and Anti-Fans, in: European Journal of Cultural Studies 2/2015, S. 174–189, hier S. 180f.
3.
Ebd. S. 182.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Paula Diehl für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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