Bei einer populären Wrestling-Show im April 2007 rasierte Donald Trump nach einer gewonnenen Wette dem WWE-Chef Vince McMahon den Kopf

27.10.2017 | Von:
Gary S. Schaal
Dannica Fleuß
Sebastian Dumm

Die Wahrheit über Postfaktizität

Selten scheint ein Begriff den Zeitgeist und die kollektive Befindlichkeit einer Gesellschaft so auf den Punkt zu bringen wie "postfaktisch", den die Gesellschaft für deutsche Sprache 2016 zum Wort des Jahres wählte.[1] Innerhalb weniger Monate erlangte eine Wirklichkeitsdeutung in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft – der Politik, den Feuilletons, der Wissenschaft, aber auch der allgemeinen Öffentlichkeit – so breite Akzeptanz, dass von einer neuen "großen Erzählung" gesprochen werden kann.[2] Erzählt wird eine Verfallsgeschichte, in der die großen Errungenschaften der Aufklärung und Moderne – unter anderem Rationalität, Objektivität, Wissenschaftlichkeit, Faktenbezug, Demokratie – verdrängt werden von Emotionalität, Irrationalität und neuen autoritären politischen Strukturen.[3]

In der Sphäre des Politischen werden nicht nur postfaktische Politiker und postfaktische Politik identifiziert, sondern wird bereits eine postfaktische Demokratie gesichtet.[4] Wer von dieser Zeitdiagnose profitiert, ist für manche eindeutig: "Gewinnerin ist die neue Rechte, die über Wahrheit lacht, Emotionen schürt und mit dem Ausruf eines neuen Zeitalters ihre Lügen nun gar noch legitimiert bekommt."[5] Vielleicht ist die neue Rechte die einzige politische Gewinnerin dieser Entwicklung, diskursiv getragen wird die Diagnose jedoch quer durch alle politischen Lager. Der skizzierte Facettenreichtum und vor allem die thematische Breite des "Postfaktischen" führten dazu, dass auch jenseits der neuen Rechten von "postfaktischen Zeiten"[6] gesprochen und der Beginn eines "postfaktischen Zeitalter(s)" ausgerufen wurde. [7]

Unabhängig davon, ob "postfaktisch" kritisch oder eher neutral-diagnostisch genutzt wird oder ob das Postfaktische wie beim Rekurs auf "alternative Fakten"[8] gar affirmativ aufgerufen wird: Immer wird ein reales Phänomen zugrunde gelegt. Das Problem, ob diese Phänomene empirisch zutreffen, möchten wir in diesem Beitrag beiseitelassen und uns stattdessen zwei Fragen widmen, die auf der Ebene der öffentlichen Diskurse über "Postfaktizität" angesiedelt sind.

Die Debatten über Postfaktizität werden zumeist als ein einziger Diskurs wahrgenommen. Das ist ein entscheidender Faktor für die Attraktivität des Begriffes, denn nur hierdurch konnte eine "große Erzählung" konstruiert werden. Empirisch kann jedoch gezeigt werden, dass mehrere klar voneinander abgrenzbare Themen parallel im diskursiven Feld "Postfaktizität" existieren. Vor diesem Hintergrund lautet die erste Frage: Warum werden Debatten über Postfaktizität als ein Diskurs interpretiert?

Begriffe bringen einerseits komplexe empirische Phänomene auf den Punkt und ermöglichen damit die diskursive gesellschaftlich-politische Auseinandersetzung. Andererseits konstruieren sie jene Realität, die sie (vermeintlich) nur benennen. Die Dialektik von Konkretisierung und Konstruktion ist der Ausgangspunkt unserer zweiten Frage: Warum war "postfaktisch" diskursiv so erfolgreich? Hat sich die gesellschaftliche Realität in Deutschland binnen kürzester Zeit so radikal verändert, dass seine Karriere zwingend war? Oder resultiert diese eher aus einer neuen Etikettierung bekannter Phänomene, die thematisch sehr heterogen sind?

Diese beiden Fragen möchten wir im Folgenden beantworten: einerseits empirisch anhand einer Inhaltsanalyse von Zeitungsartikeln, andererseits deutungskulturell, indem wir das Phänomen der Postfaktizität in seinen größeren gesellschaftspolitischen Kontext einbetten.

Empirische Annäherung

Um sich unseren Ausgangsfragen empirisch zu nähern, haben wir eine Inhaltsanalyse aller zwischen Juli 2016 – als die deutschsprachige Diskussion über "Postfaktizität" einsetzte – und August 2017 publizierten deutschsprachigen Zeitungsartikel durchgeführt, in denen "postfaktisch" oder ein verwandter Begriff wie "Postfaktizität" genutzt wurde und die über den Datenbankanbieter LexisNexis abrufbar waren. Nach Ausschluss von Doubletten, Leserbriefen, Inhaltsverzeichnissen und Veranstaltungsankündigungen ergab das ein bereinigtes Textkorpus von 1515 redaktionellen Zeitungsartikeln, die wir mithilfe der Methode des Text-Mining vollständig in die Analyse einbeziehen konnten, ohne eine Zufallsauswahl treffen zu müssen.[9]

Mittels Frequenzanalysen haben wir zunächst die Häufigkeit zentraler Begriffsfelder des "Postfaktisch"-Diskurses im Zeitverlauf und differenziert nach Rubrik nachvollzogen.[10] Da reine Frequenzanalysen nur begrenzt aussagekräftig sind, weil sie die Sinndimension von Texten nicht entschlüsseln können, haben wir anschließend Topic Modeling genutzt,[11] das auf Basis quantitativer Analysen die Interpretation der Sinndimension von großen Textkorpora ermöglicht. Der dem Topic Modeling zugrunde liegende Algorithmus identifiziert Wörter, die im Korpus überzufällig häufig gleichzeitig über alle Dokumente verteilt erscheinen, als Topic (Thema). Sofern sie sprachlich distinkt sind, kann er auch mehrere solcher Themen in einem Korpus identifizieren. Topic Modelle sind wertvoll bei der Exploration von großen Textkorpora, weil sie die Identifikation langfristiger Entwicklungslinien ermöglichen.

Aus der Frequenzanalyse geht hervor, dass die Nutzung des Wortfeldes "postfaktisch" im Untersuchungszeitraum starken Schwankungen unterliegt. Sie findet ihren Höhepunkt im Dezember 2016 mit rund 650 Nennungen im gesamten Monat, um anschließend innerhalb von drei Monaten auf etwa 100 Nennungen zu fallen und danach weiter abzusinken (Abbildung 1). Mit Blick auf weitere zentrale Begriffsfelder des Diskurses kann unsere Häufigkeitsanalyse die gängige These bestätigen, dass Postfaktizität und Emotionen eine thematische Einheit bilden: Die relative Summe der Nennungen dieses Begriffsfeldes liegt zwar konstant rund 50 Prozent niedriger als die von "postfaktisch", die Entwicklung über die Zeit ist jedoch nahezu identisch. Aufschlussreich ist, dass das Namensfeld "Trump" nicht nur früher als das Wort "postfaktisch" intensiv genutzt wird, sondern auch die Nutzungsverläufe der beiden Begriffe sich deutlich voneinander unterscheiden.[12] Die Nutzung des Wortfeldes "Fake" startet ebenfalls später als die von "Trump" und besitzt auch einen eigenständigen Verlauf.

Für die Kontextualisierung dieser Häufigkeitsentwicklungen ist aufschlussreich, dass das Begriffsfeld "post-factual" in den Vereinigten Staaten in einem politischen Sinne bereits seit 2011 genutzt wurde, wie etwa eine Analyse der an Google gerichteten Suchanfragen bei Google-Trends zeigt. Vor allem während des US-Präsidentschaftswahlkampfes 2016 stiegen die entsprechenden Suchanfragen rapide an. Viral wirkte in diesem Zusammenhang ein Interview des US-Nachrichtensenders CNN mit dem Berater Donald Trumps, Newt Gingrich, am 22. Juli 2016, in dem er Gefühle mit Fakten gleichsetzte.[13] Das assoziierte Begriffsfeld "Fake" bezieht sich maßgeblich auf "Fake-News", Trumps Bezeichnung für den kritischen Journalismus des "liberalen Establishments", und wird von ihm kontinuierlich genutzt. Seine Verwendung nimmt in der deutschsprachigen Presse im Zuge der Berichterstattung über die Bezeichnung "alternative Fakten" zu, die Trumps Beraterin Kellyanne Conway popularisierte. Anschließend wird der Begriff auch im Zusammenhang mit innenpolitischen Themen genutzt. Beim "Postfaktischen" handelt es sich also um einen Diskurs, der kulturell in der US-Politik verankert ist und zunächst durch die Berichterstattung über den US-Vorwahlkampf und insbesondere den Präsidentschaftskandidaten Donald Trump in den deutschen Diskurs importiert wurde.

Zentrale Begriffe des "Postfaktisch"-Diskurses im ZeitverlaufZentrale Begriffe des "Postfaktisch"-Diskurses im Zeitverlauf (© Eigene Berechnungen)


Der Höhepunkt der Nutzung des Wortes "postfaktisch" in deutschsprachigen Zeitungen im Dezember 2016 resultiert aus der Berichterstattung über die am 9. Dezember bekannt gegebene Wahl von "postfaktisch" zum Wort des Jahres durch die Gesellschaft für deutsche Sprache. Wenige Monate vorher, am 19. September 2016, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach der Berliner Senatswahl zum schlechten Abschneiden der CDU gesagt: "Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen."[14]

Die Nutzung von "postfaktisch" in der journalistischen Berichterstattung hat ihren Zenit im Herbst 2017 deutlich überschritten. Dies impliziert nicht, dass das Konzept obsolet geworden ist. Ruft man sich die kurzen Aufmerksamkeitsspannen öffentlicher Diskurse und die Neuigkeitslogik der Massenmedien in Erinnerung, ist es vielmehr sehr bemerkenswert, wie lange und intensiv "postfaktisch" genutzt wurde.

Zusammensetzung des Textkorpus nach RessortsZusammensetzung des Textkorpus nach Ressorts
Um die zeitliche Ausdehnung dieser intensiven Nutzung angemessen deuten zu können, ist es hilfreich, die Verteilung der Zeitungsartikel im Korpus nach Ressorts heranzuziehen (Tabelle).[15] Zeitungen fungieren sowohl als Spiegel als auch als Konstrukteure von Wirklichkeit. Die Berichterstattung im Politikteil (n=317) spiegelt maßgeblich die Handlungen und Äußerungen politischer Akteure und damit die Relevanz von "postfaktisch" innerhalb des politischen Diskurses selbst wider. Anders verhält es sich im Feuilleton (n=426), denn die Kulturseiten sind genau wie Meinung und Kommentar (n=256) jener Raum in einer Zeitung, in dem nicht dem Takt politischer Ereignisse sowie von Pressemitteilungen und Interviews gefolgt werden muss, sondern die Redaktion aktiv in gesellschaftspolitische Debatten eingreifen und eine metareflexive Position einnehmen kann. Vergleicht man allein die Zahlen der veröffentlichten Artikel nach Ressorts, so überwiegen die Reflexionsartikel deutlich.

Fußnoten

1.
Vgl. Gesellschaft für deutsche Sprache, GfdS wählt "postfaktisch" zum Wort des Jahres, Pressemitteilung vom 9.12.2016, http://gfds.de/wort-des-jahres-2016«.
2.
Vgl. Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen, Wien 2015.
3.
Vgl. Vincent F. Hendricks/Mads Vestergaard, Verlorene Wirklichkeit? An der Schwelle zur postfaktischen Demokratie, in: APuZ 13/2017, S. 4–10.
4.
Vgl. ebd.
5.
Servan Grüninger/Michaela Egli, Postfaktisch sind immer die anderen, 13.12.2016, http://www.nzz.ch/meinung/ld.134220«.
6.
"Wenn wir nicht gerade aus Stein sind". Angela Merkel im Wortlaut, 21.9.2016, http://www.tagesspiegel.de/14576252.html«.
7.
Peter Weingart, "Wahres Wissen" und demokratisch verfasste Gesellschaft, in: APuZ 13/2017, S. 11–16.
8.
Kellyanne Conway bei NBC News, Meet the Press, Sendung vom 22.1.2017, http://www.nbcnews.com/meet-the-press/video/conway-press-secretary-gave-alternative-facts-860142147643«.
9.
Bei Text-Mining handelt es sich um Analyseverfahren, bei denen mithilfe algorithmischer Techniken Bedeutungszusammenhänge in Texten ermittelt werden können. Vgl. Gerhard Heyer et al., Text Mining: Wissensrohstoff Text: Konzepte, Algorithmen, Ergebnisse, Herdecke u.a. 2006.
10.
Als Begriffsfeld bezeichnen wir alle Wörter, die thematisch zusammengehörig sind. Begriffsfelder wurden durch Grundformreduktion (stemming) und Inklusion von Komposita definiert. Zur Berechnung der Frequenzen wurde das in der Statistiksoftware R enthaltene Paket "tm" eingesetzt. Vgl. dazu Ingo Feinerer et al., Text Mining Infrastructure in R, in: Journal of Statistical Software 25/2008, S. 1–54.
11.
Für eine kurze Einführung in die Methodik vgl. Megan R. Brett, Topic Modeling: A Basic Introduction, in: Journal of Digital Humanities 1/2012, http://journalofdigitalhumanities.org/2-1/topic-modeling-a-basic-introduction-by-megan-r-brett«; Sebastian Dumm, Topic Modelle, Leipzig–Hamburg 2014, http://www.epol-projekt.de/wp-content/uploads/2014/10/eTMV_3.pdf«. Für Nutzungsszenarien vgl. David M. Blei, Probabilistic Topic Models. Surveying a Suite of Algorithms That Offer a Solution to Managing Large Document Archives, in: Communications of the ACM 4/2012, S. 77–84.
12.
An dieser Stelle möchten wir daran erinnern, dass hier nur die Nennung von "Trump" in Zeitungsartikeln abgetragen ist, in denen auch ein Begriff des Wortfelds "postfaktisch" genutzt wird.
13.
Vgl. CNN, New Day, Sendung vom 22.7.2016, http://transcripts.cnn.com/TRANSCRIPTS/1607/22/nday.06.html«.
14.
Merkel (Anm. 6).
15.
Die Zeitungsressorts wurden für die verwendeten Zeitungen zu den oben aufgeführten Metaressorts vereinheitlicht.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Gary S. Schaal, Dannica Fleuß, Sebastian Dumm für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.