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26.5.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Wer reist, überwindet Grenzen: Orts- und Landesgrenzen, auch eigene Grenzen. So scheint es uns. Im Jahr 2000 haben die Deutschen 62 Millionen Urlaubsreisen unternommen, im Jahr 2010 sollen es 80 Millionen sein.

Einleitung

Wer reist, überwindet Grenzen: Ortsgrenzen, Landesgrenzen, auch eigene Grenzen. So scheint es uns. Im Jahr 2000 haben die Deutschen 62 Millionen Urlaubsreisen unternommen, im Jahr 2010 sollen es 80 Millionen sein. Knapp 50 Millionen Bundesbürger dürften 2001 eine Reise antreten bzw. angetreten haben. Weltweit sind es 700 Millionen Menschen, die jedes Jahr die Landesgrenzen überschreiten, um Urlaub zu machen; 2,3 Milliarden Touristen sind im eigenen Land unterwegs. Dieser Zuwachs an Mobilität hat neben unbestreitbaren positiven auch eine ganze Reihe von negativen Seiten.

Die Ereignisse des 11. Septembers haben den Tourismus in einen Brennpunkt der Aufmerksamkeit, Befürchtungen und präventiven Maßnahmen gerückt, schreibt Hans-Günter Vester in seinem Essay. Doch ungeachtet der hässlichen Fratze des Terrors solle man genauer hinschauen, müsse man gewissenhafter fragen: Was hat sich wie geändert? Was bleibt unverändert?

Ein Kulturaustausch auf Reisen findet Thomas Herdin und Kurt Luger zufolge zumindest auf dem Wege des Massentourismus nicht statt. Wer sich heute in die Fremde begebe, sei von der Heimat nicht mehr abgeschnitten. Das Fremde erscheine als bekannt, die Notwendigkeit, sich darauf einzulassen, gering. Umgekehrt verringere die aus Marketinggründen vorgenommene "Exotisierung" der Reiseziele und eine dementsprechende Inszenierung vor Ort die Chance, Menschen anderer Länder in ihrem Alltag zu erleben. Der internationale Tourismus - als Teil der globalen Unterhaltungsindustrie - definiere im Grunde die gesamte Welt als "pleasure periphery" der Industriegebiete.

Am Beispiel der Alpen geht Reinhard Bachleitner der Frage nach, welchen Anteil der Tourismus an der Transformation dieser Region hat. Der Autor skizziert ein Bild konträrer Bewertungen des Alpentourismus und tritt der weit verbreiteten Auffassung entgegen, wonach der Tourismus wesentliche Ursache für einen kulturellen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Wandel der Region sei. Tatsächlich vollzögen sich die durch den Tourismus induzierten Wandlungsprozesse langsam und nicht nur - wie oft suggeriert werde - in negativem Sinne.

Eine ähnliche Position vertritt Marion Thiem. In der Debatte um den Tourismus und seine kulturellen Wirkungen würden vor allem die negativen Aspekte diskutiert. Das gehe zum Teil so weit, dass mögliche positive Aspekte gar nicht einbezogen würden. Die Autorin zeigt die kulturellen Wirkungszusammenhänge des Tourismus auf: das positive und negative Potenzial des Tourismus für die Zielländer ebenso wie das positive und negative Potenzial für die so genannten Entsendeländer.

Norbert Suchanek beschreibt einige für die Umwelt sowie die soziale und die ökonomische Situation in Entwicklungsländern gefährliche Tourismustrends: Fernreisen, so genannte All-Inclusive-Reisen, den Kreuzfahrt- sowie den Golf- und Sextourismus. Im Natur- und Ökotourismus sieht er keine Alternative zum umweltschädlichen und sozial bedenklichen Tourismus, sondern ein Zusatzgeschäft der Tourismusbranche. Statt den internationalen Ökotourismus vorbehaltlos zu fördern, gelte es, seine negativen Folgen und Risiken zu untersuchen.

Der Tourismus kann nur so umweltfreundlich und nachhaltig sein, wie die Gesellschaft bzw. die Wirtschaft - so lautet das Fazit des Beitrages von Karlheinz Wöhler. Für den Autor liegt es auf der Hand, dass das als "Naturschutz" definiert wird, was sich ökonomisch effizient bewerkstelligen lässt. Dennoch sei dies ein Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung. Es gebe keinen Königsweg in Sachen Umwelt- bzw. Ökosphärenschutz. Im Ergebnis seiner Analyse nennt Wöhler Maßnahmen, die den Tourismus in die Rolle versetzen, einen Beitrag für eine allgemeine nachhaltige Entwicklung zu leisten.