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26.5.2002 | Von:
Walter Friedrich

Ist der Rechtsextremismus im Osten ein Produkt der autoritären DDR?

Kann man die im Osten verbreiteten rechtsextremistischen Orientierungen, besonders die Ausländerfeindlichkeit, vorwiegend als Spätfolgen der Sozialisation in der DDR betrachten? Eine kritische Analyse.

I. Einleitung

Diese bis heute häufig und durchaus strittig diskutierte Frage soll hier vor allem unter Berücksichtigung empirischer Forschungsergebnisse betrachtet werden. Sie geriet in die Debatte, als es nach dem Zusammenbruch des DDR-Systems darum ging, für die sich unerwartet schnell ausbreitenden Erscheinungen des Rechtsextremismus, der Fremdenfeindlichkeit und Gewalt eine Erklärung zu finden. Aufgrund der restriktiven Informationspolitik der DDR sind solche Vorkommnisse vorher öffentlich kaum bekannt geworden - und wenn doch, dann wurden sie offiziell als "Rowdytum" oder vom Westen übernommene bzw. organisierte Aktionen einzelner labiler junger Menschen hingestellt. Auch die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen wurden strikt unter Verschluss gehalten, gerade weil sie auf eine Zunahme politisch motivierter Verhaltensweisen verwiesen.

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  • Aufgrund dieser Verschleierungspraxis und Desinformationen war die Ratlosigkeit groß, als sich in der Wendezeit solche Vorfälle häuften und wenig später die fremdenfeindlichen Gewaltaktionen in Hoyerswerda und Rostock die Öffentlichkeit schockierten. Eine überzeugende Erklärung dafür konnte kaum jemand geben. Stattdessen wurden vielfach von Politikern, Journalisten, auch von einigen Wissenschaftlern vorschnelle theoretische Erklärungen abgegeben, die die Ursachen nur in den Strukturen des autoritären-diktatorischen DDR-Systems sehen wollten. "Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus sind die direkten Folgen der 40-jährigen SED-Diktatur", hieß es dann. Andere brachten sie vor allem mit den massiven Veränderungen der Lebenswelt durch den radikalen Systemwechsel in Zusammenhang.

    Diese zwei Deutungsrichtungen standen sich anfangs gegenüber, polarisierten und erhitzten die Diskussionen. Auch wenn heute die große Mehrheit der Sozialwissenschaftler schon lange nicht mehr so einseitig urteilt, bedarf dieses Problem noch immer der weiteren Klärung. Ein Blick in die einschlägige Literatur zeigt, wie weit die theoretischen Positionen mancher Autoren noch auseinander liegen. Nicht wenige, darunter auch bekannte Autoren, verweisen nach wie vor bei der Erklärung gegenwärtiger rechtsextremistischer Erscheinungen hauptsächlich auf Ursachen, die in der mehr als zehn Jahre zurückliegenden DDR-Sozialisation liegen. [1]

    Mit diesem Typ von Erklärungsversuchen wollen wir uns im Folgenden kritisch auseinander setzen. Selbstverständlich ist es unumgänglich, die Sozialisation der Menschen, in unserem Falle unter den spezifischen Existenzbedingungen des autoritären DDR-Systems, wissenschaftlich zu untersuchen. Doch entsteht der Eindruck, dass einige Autoren sich dieser komplexen Problematik in einer recht undifferenzierten Herangehensweise nähern - etwa nach folgendem Muster:

    - Die DDR-Gesellschaft wird - der Totalitarismustheorie folgend - in einigen ihrer autoritär-diktatorischen Strukturen politologisch charakterisiert.

    - In Anlehnung an die Konzeption der "autoritären Persönlichkeit" (Adorno u. a.) werden typische Charakterzüge bzw. Verhaltensweisen theoretisch deduziert und als kennzeichnend für die DDR-Bevölkerung oder für einzelne Schichten, z. B. für die ostdeutsche Jugend heute, angesehen. Dabei werden in der Regel von diesen Autoren die wesentlichen Strukturen der beiden Gesellschaftssysteme - des NS-Systems vor 1945 und des sozialistischen in der DDR etwa in den siebziger/achtziger Jahren - ohne Diskussion als funktionsgleich vorausgesetzt.

    - Es wird unterstellt, dass sie als kausale Faktoren auf das Alltagsbewusstsein der Menschen direkt einwirken, sie auch z. B. im späteren Alter zu Ausländerfeindlichkeit und Aggressivität, zu rechtsextremistischen Einstellungen und Handlungen disponieren.

    Dass autoritäre Gesellschaftsstrukturen im Leben des Einzelnen wie der verschiedenen Gruppen und Alterskohorten nur im Kontext mit einer Vielzahl anderer Lebensbedingungen (also einer komplexen Lebenslage) eine spezifische Wirkung erzeugen, wird kaum in Betracht gezogen.

    Doch darf keineswegs übersehen werden, dass sich der Kontext und der Wirkungsgrad der Strukturen des DDR-Systems im Laufe der Jahrzehnte bedeutend verändert haben, zum Beispiel in den achtziger Jahren nachweisbar nicht an realem Einfluss auf Mentalität und Alltagsverhalten der Menschen gewonnen, sondern verloren haben! Erinnert werden soll an die zunehmende Rezeption der Westmedien in den siebziger und achtziger Jahren, was zu einer immer positiveren Bewertung der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Standards des Westens und zur Abwertung der DDR-Lebenslage geführt hat.

    Auch der seit den siebziger Jahren intensiv verlaufende Wertewandel bei breiten Teilen der DDR-Bevölkerung, besonders bei der Jugend, muss als eine bedeutende Variable für die Wirkung "objektiver" sozialer Bedingungen auf die Mentalität der Menschen bewertet werden. Er führte zu wachsenden Ansprüchen nach selbstständiger Lebensgestaltung und mehr Unabhängigkeit, zu wachsender Kritik, später auch zu Distanz und Ablehnung des politischen Systems. Der Identifikationsgrad der Menschen mit dem sozialistischen System hatte sich infolgedessen gravierend abgeschwächt, was 1989/90 in den Massenprotesten der Bevölkerung seinen Ausdruck fand.

    Angesichts dieser Lage möchte ich den Versuch unternehmen, die von diesen Autoren (Anm. 1) behauptete "Hauptursache" für die Ausbreitung des Rechtsextremismus, nämlich die Sozialisation unter den Bedingungen des DDR-Systems, auf ihre empirische Gültigkeit zu prüfen. Dabei werde ich mich vor allem auf den Jugendbereich konzentrieren, weil Jugendliche aus nahe liegenden Gründen häufiger als andere Gruppen untersucht worden sind - und weil ich selbst auf diesem Gebiet lange Zeit als Forscher tätig gewesen bin.

    Im Zentrum der Betrachtung wird das Thema Fremdenfeindlichkeit stehen, nicht nur weil es von hoher politischer Aktualität ist, sondern auch weil es aus inhaltlicher wie auch aus methodischer Sicht besser als andere Gebiete erforscht ist.

    Ich gehe hier von folgender Beschreibung der Problemsituation aus:

    - Wenn autoritäre Gesellschaftsbedingungen eine wesentliche Determinante für behauptete Einstellungen oder Verhaltensweisen sind, dann wird sich das natürlich in ihren Verteilungen und Ausprägungsgraden niederschlagen - sie werden häufiger oder weniger häufig in Erscheinung treten. Dies festzustellen erfordert aber eine "Kontrollgruppe", also eine Vergleichspopulation, die unter nichtautoritären Bedingungen sozialisiert wurde. Deshalb werden wir Vergleichsstudien von West- und Ostpopulationen große Aufmerksamkeit schenken.

    - Wenn möglich, sollten Verbreitung und Ausprägung der behaupteten Einstellungen, Eigenschaften oder Verhaltensweisen bei Populationen aus DDR-Zeiten ermittelt werden. Das wird allerdings bei der dürftigen Forschungslage nur sehr eingeschränkt zu realisieren sein.

    - In die Analyse sollten wichtige sozial-personale Faktoren einbezogen werden, die theoretisch als intervenierende Variablen einen bedeutenden Einfluss im Sozialisationsprozess haben könnten, wie z. B. die Sozialisationsdauer (die verbrachte Lebenszeit) sowie die Identifikation bzw. die Zufriedenheit mit dem Leben in der DDR.

    - Nach der Vereinigung ist ein deutlicher Rückgang der Nachwirkungen der DDR-Sozialisation, besonders bei den jüngeren Altersgruppen, zu erwarten.

    Dementsprechend sollen folgende Arbeitshypothesen formuliert werden:

    1. Ein hohes rechtsextremistisches Potenzial, vor allem Ausländerfeindlichkeit und Gewalt, waren schon zu DDR-Zeiten weit verbreitet.

    2. Je länger Personen oder Gruppen der DDR-Sozialisation ausgesetzt gewesen sind, desto stärker werden (im Durchschnitt) rechtsextreme Orientierungen, Ausländerfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft ausgeprägt sein.

    3. Je stärker Personen oder Gruppen sich mit der DDR, den sozialistischen Werten identifiziert haben, desto mehr werden diese sich an die Systemziele und -zwänge angepasst haben, desto konformer werden sie sich auch später noch in Bezug auf Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt verhalten.

    4. Nach der Vereinigung werden diese Erscheinungen im Bewusstsein und Verhalten der Menschen kontinuierlich zurücktreten. Die Wirkung der DDR-Prägungsfaktoren wird von Jahr zu Jahr schwinden, die Lebensbedingungen der gegenwärtigen Gesellschaft dagegen immer mehr an Einfluss gewinnen.

    Diese Hypothesen werden im Folgenden empirisch geprüft.

    Fußnoten

    1.
    Vgl. Patrice G. Poutrus/Jan C. Behrends/Dennis Kuck, Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 39/2000, S. 15-21; Armin Pfahl-Traughber, Die Entwicklung des Rechtsextremismus in Ost- und Westdeutschland, in: ebd., S. 3-14; Christian Pfeiffer, Anleitung zum Hass, in: Der "Spiegel, 12/1999.