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Phänomen Bitcoin. Geld, Technologie und gesellschaftliches Ereignis


10.11.2017
Am 3. Januar 2009 drückte Satoshi Nakamoto eine Taste und startete damit ein Projekt, das die Welt verändern sollte: Bitcoin, das erste rein digitale Geld, das nicht durch Staaten und Banken verwaltet und organisiert wird, sondern durch Mathematik, Kryptografie und Algorithmen. Ziel des Projekts war ein freies, offenes und dezentrales Geldsystem als Alternative zu einem zentralisierten, undurchsichtigen und krisenanfälligen Finanzsystem, das sich zu diesem Zeitpunkt von seiner hässlichsten Seite zeigte und die Regierungen der Welt zwang, Banken mit dem Geld der Steuerzahler zu retten. Mitten in der Krise begann also ein einzelner Computer zu arbeiten – öffentlich, aber von der Öffentlichkeit unbeachtet. Kurze Zeit später gab es das erste Ergebnis: Als Gegenleistung für das Lösen einer komplexen Rechenaufgabe hatte das Programm seinem Schöpfer 50 Bitcoins gutgeschrieben und dieses Guthaben in einer eigens dafür geschaffenen Datenbank vermerkt: der Blockchain. Einige Zeit später folgte der nächste Eintrag, dann der dritte und immer so weiter.

Alle zehn Minuten wird ein neuer Datenblock erstellt und mit ihm neue Bitcoins erzeugt. So läuft es seit nunmehr bald neun Jahren ununterbrochen. Datenblock für Datenblock wächst die Blockchain und mit ihr die Anzahl verfügbarer Bitcoins. Mehr als 16 Millionen von ihnen kursieren bereits im Netz. Und sie sind längst nicht mehr nur irgendwelche Daten, sondern wertvolle Daten. Mittlerweile wird jeder einzelne Bitcoin für einen Preis von 6000 Euro und mehr gehandelt. Längst schon läuft die Bitcoin-Software nicht mehr nur auf einem einzigen Computer, sondern auf Tausenden, global verteilten und über das Internet miteinander verbundenen Rechnern. Millionen Menschen besitzen mittlerweile Bitcoins (oder zumindest Bruchteile davon) und nutzen diese, um physische Waren, Dienstleistungen und digitale Güter zu kaufen. [1] Oder sie spekulieren mit ihnen auf weiter steigende Kurse als moderne Form der Geldanlage.

Bitcoin hat sich binnen weniger Jahre von einem Nischenprojekt zu einem bemerkenswerten Phänomen entwickelt. Das Phänomen spielt längst nicht mehr nur in Nerd-, Hacker- und Darknetkreisen eine Rolle, sondern gewinnt zunehmend gesamtgesellschaftliche Relevanz, und es wirft viele Fragen auf. Denn eigentlich dürfte es Bitcoin nicht geben – zumindest nicht, wenn man auf die Expertise von erfahrenen Ökonomen, Bankenvertretern und der Medienöffentlichkeit vertraut. Diese haben das digitale Geld in den vergangenen Jahren immer wieder für gescheitert erklärt und erläutert, warum ein Zahlungsmittel, das nicht durch den Staat und Banken abgesichert wird, eigentlich nicht funktionieren kann.[2] Eigentlich, denn die Realität zeigt: Bitcoin ist nicht nur immer noch da, sondern wächst und entwickelt sich weiter. Mit einer Marktkapitalisierung von über 100 Milliarden US-Dollar ist das Open-Source-Projekt längst mehr als doppelt so viel wert wie das größte deutsche Geldinstitut, die Deutsche Bank. Scheitern, so sollte man meinen, sieht eigentlich anders aus.

Wie kommt es zu diesem Widerspruch? Auf der einen Seite die mitunter gut begründete Expertise, die argumentiert, dass eine staaten- und bankenlose Kryptowährung wie Bitcoin nicht funktionieren kann. Auf der anderen Seite die Realität, die zeigt, dass Bitcoin offensichtlich doch funktioniert. Um diese Diskrepanz aufzulösen, muss man sich den Fragen stellen, die das Projekt aufwirft. Allen voran der Frage: Was ist Bitcoin?

Bitcoin-Grundlagen



Schon auf die naheliegendste Frage eine befriedigende Antwort zu finden, ist überraschenderweise schwierig. Denn Bitcoin ist ein vielschichtiges und facettenreiches Phänomen, und die Antwort auf die Frage "Was ist Bitcoin?" variiert je nach Standpunkt und Perspektive des Fragenden: Für die einen ist Bitcoin eine zeitgemäße Form des Bezahlens. Ein rein digitales Geldmedium, das die monetären Bedürfnisse der Bürger in einer hochgradig vernetzten Gesellschaft besser erfüllt als alle bisherigen Optionen. Andere sehen in der Technologie hinter Bitcoin, der Blockchain, die nächste große technische Evolutionsstufe des Internets und aus ihr resultierend eine Vielzahl wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Chancen. Wieder andere erhoffen sich mit Bitcoin einen Beitrag zur Demokratisierung und sehen ihn als Werkzeug, um den modernen Menschen aus der Abhängigkeit von Staaten, Banken und Konzernen zu führen und ihm mehr Freiheit, Autonomie und Hoheit über sein eigenes Leben zu ermöglichen. Es ist diese Vermengung von gesellschaftspolitischen Idealen, neuer Technologie und dem Machtkatalysator Geld, die das Phänomen Bitcoin vorantreibt, und wer es verstehen will, muss sich mit diesen drei Dimensionen beschäftigen: Bitcoin dem Geld, Bitcoin der Technologie und Bitcoin dem gesellschaftlichen Ereignis. Und man muss sich fragen, wo es eigentlich herkommt.

Die Idee eines digitalen Internetgeldes ist keineswegs neu, sondern so alt wie das Internet selbst. Immer wieder haben in den vergangenen Jahrzehnten Wissenschaftler, Internetpioniere und Idealisten versucht, eine nutzbare Form von E-Cash zu entwickeln. Verschiedene Verfahren sind dabei erprobt worden, die jedoch aus unterschiedlichen Gründen alle scheiterten: mangelnde Akzeptanz, Probleme mit der Software, fehlende technische Infrastruktur oder juristischer Druck durch politische Interessen- und Lobbygruppen, die eine privat initiierte Geld-Alternative gar nicht erst aufkommen lassen wollten. Die lange Geschichte des E-Cash zeigt damit vor allem eines: Es ist alles andere als einfach, mal eben alternatives Geld zu erfinden, das auch tatsächlich als solches genutzt wird.

Allein die dauerhafte Existenz von Bitcoin macht das Phänomen zu etwas Bemerkenswertem. Denn je größer und prominenter solch ein Projekt wird, desto stärker wird auch der Gegenwind – insbesondere wenn dieses den Machtanspruch von Regierungen und die ertragreichen Geschäftsmodelle der Finanzwirtschaft bedroht. Der Idee eines freien und unabhängigen Internetgeldes haben diese widrigen Umstände dennoch keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Sie wurde als logische und notwendige, wenngleich politisch noch nicht durchsetzbare Vision unbeirrt weiterverfolgt. In einem Interview erklärte beispielsweise der Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman 1999 seine Vorstellung eines für ihn unausweichlich kommenden internetbasierten Bargeldes.[3] Seine damalige Beschreibung trifft nahezu perfekt auf Bitcoin zu: ein elektronisches Geld, das so einfach und anonym wie Bargeld über das Netz ausgetauscht werden könne und das die Rolle des Staates reduzieren werde – mit all den sich daraus ergebenen positiven und negativen Konsequenzen. Friedman selbst hat die Umsetzung dessen nicht mehr erlebt. Es sollte noch zehn Jahre dauern, bis Satoshi Nakamoto Bitcoin präsentierte und schaffte, woran viele vor ihm geglaubt und gearbeitet hatten, in der Umsetzung aber letztlich alle gescheitert waren: das erste digitale, staaten- und bankenlose Geldsystem. Wie ist Satoshi Nakamoto gelungen, woran vor ihm alle scheiterten? Wie hat er es geschafft, dass Bitcoin überhaupt entstehen, wachsen und sich binnen acht Jahren als digitale Leitwährung mit Milliardenwert etablieren konnte?


Fußnoten

1.
Vgl. Garrick Hileman/Michel Rauchs, Global Cryptocurrency Benchmarking Study, Cambridge Centre for Alternative Finance, 6.4.2017, http://www.jbs.cam.ac.uk/fileadmin/user_upload/research/centres/alternative-finance/downloads/2017-global-cryptocurrency-benchmarking-study.pdf«.
2.
Siehe 99 Bitcoins, Bitcoin Obituaries, https://99bitcoins.com/bitcoinobituaries«.
3.
Milton Friedman Predicts the Rise of Bitcoin in 1999!, http://www.youtube.com/watch?v=6MnQJFEVY7s«.