Darknet: onion
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Drogenhandel im Darknet. Gesellschaftliche Auswirkungen von Kryptomärkten


10.11.2017
Die ersten Medienberichte über Drogenmärkte im Darknet gehen auf das Jahr 2011 zurück. Auf dem digitalen Schwarzmarkt "Silk Road" könne jede nur erdenkliche Droge gekauft werden – ähnlich einfach und vermeintlich sicher wie Elektronikprodukte auf Amazon, hieß es etwa in einem Beitrag des US-amerikanischen Blogs "Gawker".[1] Um anonyme Bestellungen von Drogen per Mausklick zu ermöglichen, werde allerdings spezielle Software benötigt, die IP-Adressen oder Domainnamen verberge und dadurch herkömmliche Ermittlungsansätze erschwere, erläutert die "Süddeutsche Zeitung".[2]

Während der Begriff "Darknet" zum damaligen Zeitpunkt nicht Teil der öffentlichen Debatte war, erlangte dieser im Sommer 2016 traurige Berühmtheit, weil der Amokläufer von München den Kauf der Tatwaffe über das Darknet anbahnte.[3] Bezahlt und übergeben wurde die Waffe jedoch nicht anonym über eine Onlinebestellung, sondern durch ein persönliches Treffen im Mai 2016. Im Zusammenhang mit dem Amoklauf von München, der zehn Menschenleben forderte, entbrannte eine Sicherheitsdebatte. Forderungen nach strengeren Waffengesetzen und einem Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen wurden laut, aber auch nach einer besseren personellen und finanziellen Ausstattung der Sicherheitsbehörden sowie nach mehr Ermittlungsbefugnissen.[4] Gleichsam verfestigte sich in der Öffentlichkeit das Bild vom Darknet als die dunkle Seite des Internets – als Ort, der vorrangig dem Vertrieb von Drogen, Waffen und Kinderpornografie diene.

Im Folgenden wird zunächst erläutert, was unter Kryptomärkten für Drogen verstanden werden kann und wie verbreitet sie im Vergleich zu anderen Darknet-Inhalten sind. Anschließend werden die von ihnen ausgehenden Risiken und Gefahren analysiert sowie die Chancen und Potenziale erörtert, die mit der Verlagerung des Drogenkaufs ins Darknet einhergehen. "Chance" wird im Sinne des Schadensminimierungsansatzes verstanden, der darauf abzielt, gesundheitliche und soziale Folgeschäden des Drogenkonsums zu minimieren.

Was sind Kryptomärkte?



Obwohl der Onlinehandel mit Drogen so alt ist wie das Internet selbst, hat eine Reihe von technologischen Entwicklungen zu einem systematischen Vertrieb von legalen wie illegalen Drogen und weiteren Produkten im Web beigetragen. Dazu zählen etwa verschreibungspflichtige Medikamente, Falschgeld, gestohlene Kreditkartendaten, gehackte Bankkontodaten, Schusswaffen, aber auch Anleitungen zur Herstellung psychoaktiver Substanzen. Durch die Kombination aus Anonymisierungssoftware, wie dem Tor-Browser, und virtuellen Währungen, wie Bitcoin, sind digitale Plattformen entstanden, die sich nicht grundlegend von anderen Online-Marktplätzen unterscheiden.

Kryptomarktplatz "AlphaBay"Kryptomarktplatz "AlphaBay" (© Screenshot aus eigenem Bestand)
Der Begriff "Kryptomarkt" hat sich in der Forschungsgemeinschaft zur Bezeichnung dieser technologischen Neuerung durchgesetzt.[5] Zum Kryptomarkt gehören zwei wesentliche Merkmale: Drogenbestellungen werden erstens nicht mit Kreditkarten bezahlt, sondern mit Kryptowährungen wie Bitcoin, die Nutzern und Nutzerinnen dezentrale Transaktionen ermöglichen.[6] Zweitens erlaubt die Verschlüsselungssoftware Tor das Aufrufen der hidden services und damit den Zugang zum Darknet.[7] Die Tor-Technologie wurde Mitte der 1990er Jahre in einer der US-Marine zugehörigen Forschungsabteilung entwickelt und 2002 mit der Veröffentlichung der Alpha-Version der Tor-Software öffentlich zugänglich gemacht. Tor basiert auf einem weltweiten Netzwerk von etwa 7.000 unentgeltlich betriebenen Servern, die Verbindungen verschlüsseln. Die Verschlüsselung verhindert, dass der Datenverkehr der zwei Millionen Nutzer auf sie zurückgeführt werden kann. Das Darknet kann als ein Bereich des Internets verstanden werden, der mittels technologischer Lösungen die Identität und den Standort der Benutzer und Benutzerinnen verschleiert. Zwar ist das Tor-Netzwerk nicht das einzige Darknet, es ist aber das weitverbreitetste und bietet die größte Auswahl an Kryptomärkten.

Es gibt zwei empirische Studien, die Aufschluss über den Umfang und die Zusammensetzung des Netzwerks geben: Die von der britischen Sicherheitsfirma Intelliagg an rund 13.000 Websites im Tor-Netzwerk vorgenommene Untersuchung zeigt, dass etwa die Hälfte von ihnen nach britischem oder US-Recht einen legalen Inhalt haben.[8] Die Wissenschaftler kategorisierten die Websites zudem: 29 Prozent fielen unter die Kategorie "Filesharing-Dienste", 28 Prozent unter "geleakte Daten" – worunter man nicht autorisierte Veröffentlichungen von Informationen versteht – und 12 Prozent unter "Finanzbetrug". Auf 4 Prozent der untersuchten Websites wird mit Drogen gehandelt und 0,3 Prozent haben Bezug zu Waffen. Die Ergebnisse decken sich größtenteils mit einer Studie des Londoner King’s College: Von den 2.723 untersuchten Websites im Tor-Netzwerk, sind 57 Prozent strafrechtlich relevant: 15 Prozent stehen im Zusammenhang mit Drogen, 12 Prozent mit Finanzgeschäften, 7 Prozent mit anderen illegalen Inhalten und 1,5 Prozent mit Waffen.[9]

"Silk Road" war der erste Kryptomarkt und ab Februar 2011 online. Er wurde im Oktober 2013 vom FBI geschlossen. Heute sind etwa zwei Dutzend Kryptomärkte online.[10] Allen Plattformen ist der Vertrieb von psychoaktiven Substanzen aller Art gemein, doch sie unterscheiden sich in puncto Marktgröße, Sprache, Bezahlsystem, Lebensdauer und der Frage, ob mit Waffen gehandelt wird oder nicht. Auf den meisten Plattformen hat sich die Norm etabliert, dass kein kinderpornografisches Material weitergegeben werden darf.[11] In einer Erhebung von 2012 wurde der monatliche Umsatz des damaligen Monopolisten "Silk Road" auf 1,22 Millionen US-Dollar geschätzt.[12] Die Schätzung umfasst alle angebotenen Güter und Dienstleistungen. Dieses Volumen ist laut einer weiteren Studie 2013 auf 100 Millionen US-Dollar gestiegen.[13] Nachdem "Silk Road" vom FBI geschlossen wurde, stieg die im Dezember 2013 gegründete Plattform "AlphaBay" zum Marktführer auf. Laut einer jüngeren Studie konnte sie den Umsatz halten: Allein aus dem Drogenhandel betrug er zwischen September 2015 und August 2016 94 Millionen US-Dollar.[14] Zusammenfassend kann festgehalten werden: Nach einem deutlichen Zuwachs während der Anfangsphase des Phänomens erreichten die Umsätze von Kryptomärkten ab 2013 ein relativ stabiles Niveau. Im Vergleich zum materiellen Drogenmarkt ist das Handelsvolumen jedoch sehr klein. Laut Schätzungen der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht und Europol werden in der EU jährlich insgesamt 28 Milliarden US-Dollar mit dem Verkauf von Drogen erzielt – Kryptomärkte machen hiervon nur einen Bruchteil aus.[15]


Fußnoten

1.
Vgl. Adrian Chen, The Underground Website Where You Can Buy Any Drug Imaginable, 1.6.2011, http://gawker.com/the-underground-website-where-you-can-buy-any-drug-imag-30818160«.
2.
Vgl. Moritz Koch, Internet-Portal Silk Road – Drogen per Mausklick, 6.7.2011, http://www.sueddeutsche.de/digital/-1.1116625«.
3.
Vgl. Tom Sundermann, Amoklauf von München: Der rechte Waffendealer, 27.8.2017, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-08/amoklauf-muenchen-prozess-pistole-haendler«.
4.
Vgl. Stephan Haselberger et al., Nach dem Amoklauf in München: Politische Forderungen und soziale Hintergründe, 24.7.2016, http://www.tagesspiegel.de/13920780.html«.
5.
Vgl. James Martin, Drugs on the Dark Net. How Cryptomarkets Are Transforming the Global Trade in Illicit Drugs, New York 2014, S. 3.
6.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Friedemann Brenneis in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Stefan Mey in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
8.
Vgl. Intelliagg, Deeplight: Shining a Light on the Dark Web, Report 2016, http://deeplight.intelliagg.com/deeplight.pdf«.
9.
Vgl. Daniel Moore/Thomas Rid, Cryptopolitik and the Darknet, in: Survival 1/2016, S. 7–38.
10.
Siehe DarkNet Stats, https://dnstats.net«.
11.
Vgl. Martin (Anm. 5), S. 6.
12.
Vgl. Nicholas Christin, Traveling the Silk Road: A measurement Analysis of a Large Anonymous Online Marketplace, Proceedings of the 22nd International Conference on World Wide Web, International World Wide Web Conferences Steering Committee 2013.
13.
Vgl. Kyle Soska/Nicholas Christin, Measuring the Longitudinal Evolution of the Online Anonymous Marketplace Ecosystem, in: The USENIX Association (Hrsg.), Proceedings of the 24th USENIX Security Symposium, Washington D.C. 2015, S. 33–48.
14.
Vgl. Meropi Tzanetakis/Heino Stöver (Hrsg.), Drogen, Darknet und Organisierte Kriminalität, Baden-Baden 2017.
15.
Vgl. European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction/Europol, EU Drug Markets Report. In-depth Analysis 2016, Luxemburg 2016, S. 27.
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Autor: Meropi Tzanetakis für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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