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26.5.2002 | Von:
Jürgen Krönig

Jihad versus McWorld

Die Terroranschläge in New York und Washington haben die politische Gegnerschaft gegen die USA zum Motiv. Gleichfalls sind sie offensichtlich dramatische Anzeichen eines neuen, tiefreichenden weltanschaulich-fundamentalistischen Konflikts.

I. Abschnitt

Eine Überlebende des Terroranschlages auf das World Trade Center wurde gefragt, was sich für sie verändert habe. Sie empfinde, dass die Welt gefährlicher denn je geworden sei, lautete ihre Antwort; fortan werde sie ständig über ihre Schulter schauen. Diese Aussage einer unmittelbar Betroffenen, die noch ganz unter dem Eindruck des furchtbaren Schocks stand, deckt sich mit dem kühlen Urteil der politischen Klasse. Nach dem Angriff auf Amerika werde die Welt nie wieder die gleiche sein, stellte Ehud Barak fest, der frühere israelische Ministerpräsident. Damit formulierte er das Leitmotiv der neuen, bizarren Zeit, die nun angebrochen ist. In der Welt des 21. Jahrhunderts werden Terroristen zu Regisseuren eines Fernsehspektakels, das dem gesamten Globus Schrecken, Zerstörung und tausendfachen Tod live ins Haus liefert; in dieser Welt verabschieden sich Menschen, den Tod vor Augen, von ihren Angehörigen per Handy, dem Symbol der überhitzten Informationsrevolution der vergangenen Jahre. Es ist eine Welt, in der Feinde keine Armeen zu mobilisieren brauchen, um ihr Ziel zu verfolgen. [1]

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  • Eine optimistische Vision der Zukunft muss nun wohl aufgegeben werden: Das "Ende der Geschichte", das einst der amerikanische Politologe Fukuyama voraussagte, werden wir nicht erleben. Gemeint war mit jenem griffigen Schlagwort der finale Triumph des Westens, dessen ökonomisches und politisches System - Marktwirtschaft und Demokratie - sich im Zuge der Globalisierung unaufhaltsam über die Welt ausbreiten würde.

    Wohin die Krakenarme der Globalisierung reichten, hat sich nur eines rund um den Globus ausgebreitet: die glitzernd-verführerische Populär- und Konsumkultur des Westens. Die US-amerikanische bzw. angelsächsische Dominanz über die globale Film- und Fernsehindustrie ist unanfechtbar. Was den Medientycoon Rupert Murdoch dazu veranlasste, Globalisierung als "Amerikanisierung" der Welt zu bezeichnen - gut für die Menschheit wie für sein Medienimperium. Die Essenz westlicher Zivilisation aber ist die Magna Charta, nicht der Big Mac. Globale gemeinsame Werte oder gar die ethische Basis für eine universale Zivilisation sind nicht entstanden. Nur flüchtige Moden und Konsumtrends wurden weltweit verbreitet. Irgendwo im arabischen Raum mögen junge Männer Jeans und Reeboks tragen, Coca Cola trinken und Rapmusik hören - während sie, zwischen Gebeten gen Mekka gewandt, an Sprengsätzen basteln, um ein amerikanisches Flugzeug oder ein Gebäude in die Luft zu jagen.

    Die Fernsehbilder des Schreckens, die Zuschauern in Amerika und Europa Tränen in die Augen trieben, lösten anderswo - in Palästina, Irak und Pakistan, in den Bergen von Afghanistan, aber auch in den Slums von Kairo - Jubel und Gefühle des Triumphes aus. Das wird nicht dadurch aufgewogen, dass fast alle Regierungen islamischer Staaten den Terrorakt gegen Amerika aufs schärfste verdammten.

    Fußnoten

    1.
    Der Text basiert auf einem Funk-Essay des WDR 3, "Themen zur Zeit", vom 16. September 2001.